Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2025 - Film

Deutsche Synchronsprecherinnen und -sprecher protestieren vehement gegen den Einsatz von KI, der ihre Arbeit nahezu überflüssig zu machen drohe - und reihen sich damit in einen Protest ein, der sich gerade in ganz Europa organisiert. Erste Dammrisse sind bereits zu beobachten, schreiben Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ. Die 2024 gegründete deutsche Firma Audio Innovation Lab (AIL) etwa "bietet laut Web-Auftritt 'kosteneffizient und rechtssicher' auch KI-Synchro an". Einer der drei Gründer des AIL, der Jurist Stefan Sporn, "prognostiziert, 'dass KI-Synchronisationen bereits in ein, zwei Jahren akzeptiert und etabliert sein werden'. ... Einen Spielfilm mit KI zu synchronisieren, könne zwischen 20 und 50 Prozent günstiger sein als der klassische Weg." Und "auch wenn die Technik noch verbessert werden müsse, habe die KI einen unschlagbaren Vorteil: Man könne für die Synchronisation die Stimme des Originalschauspielers verwenden, der sich selbst, dank KI, in 'jeder Sprache dieser Welt' sprechen könne. ... Dass Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Stimmen für diese Option vertraglich zur Verfügung stellen, passiere teils schon jetzt."

Die Wechselwirkung der Schönheit: "Parthenope" von Paolo Sorrentino

Auf Paolo Sorrentinos neuen Film "Parthenope" - eine Liebeserklärung an die Geschichte Neapels, aber auch an die Schönheit schöner Frauen - kamen wir bereits an dieser Stelle zu sprechen. Heute liefern die Feuilletons nach. "Ein eigenartiges Biest von einem Film" sah tazlerin Barbara Schweizerhof. Die Bilder kommen "stets mit dem Gestus daher, dem Publikum einen Schatz zu präsentieren", doch "alles ist immer ein bisschen zu üppig." Und spätestens wenn Celeste Dalla Porta als Titelfigur aus dem Meer in den Film tritt, kennt die hungrige Kamera kaum ein Halten mehr. Der Regisseur "interessiert sich weniger für das Innenleben seiner Hauptfigur als für Wechselwirkung, die ihre Schönheit auf ihre Umgebung hat. ... Fast scheint es so, als würde sich sein eigener Blick angesichts der Schönheit seiner Hauptdarstellerin verkrümmen und verzerren. Aber letztlich bezwingt er den Fluch, indem er die Blicke der anderen auf Parthenope bloßstellt. Dabei entstehen Vignetten, die manchmal wie Werbefotografie daherkommen, aber dank ihrer sorgfältigen Ausstattung mit Epochen-Details in Kleidern, Frisuren und Körperhaltungen eine große atmosphärische Dichte annehmen."

Er "würde sich von diesem Film so gern einwickeln lassen", gesteht Andreas Kilb in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. Doch "diesmal hat es Paolo Sorrentino mit dem filmischen Belcanto übertrieben. Das Fest der Dekadenz, das in 'La grande bellezza' stets geschickt zwischen Entlarvung und Überhöhung oszillierte, geht mit 'Parthenope' in seine ranzige Phase: Die Jugend, die der Film an der Grenze zum Werbe-Kitsch beschwört, ist eine Fantasie alter Männer." Im Standard bekräftigt Bert Rebhandl seine bereits in der FAS geäußerte, skeptische Position.

Weitere Artikel: Marie-Luise Goldmann (Welt) und David Steinitz (SZ) resümieren das Ende der dritten Staffel der HBO-Serie "White Lotus". Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt der Schauspielerin Jasmin Tabatabai online nachgereicht.

Besprochen werden Tzeli Hadjidimitrious Dokumentarfilm "Lesvia" über lesbischen Tourismus auf Lesbos (Tsp), Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (FAZ),  Sebastian Fritzschs "Der Wald in mir" (Zeit Online), die ARD-Mini-Serie "Das zweite Attentat" (Tsp, FR), die Apple-Serie "The Studio", in der sich Seth Rogen über Hollywood amüsiert (Jungle World), der von 3sat online gestellte Film "Anne Frank. Tagebuch einer Jugendlichen" (FAZ), die vierte Staffel der Netflix-Serie "How to Seel Drugs Online (Fast)" (FAZ) und Jia Zhangkes "Caught By the Tides", der in Deutschland erst Mitte Mai startet (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2025 - Film

Die Agenturen melden, dass Iran die Filmemacher Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, die 2024 auf der Berlinale ihren von Kritik und Publikum gefeierten Film "Ein kleines Stück vom Kuchen" (unsere Kritik) zeigten, für eben diesen Film zu Haftstrafen verurteilt hat, die allerdings erst in fünf Jahren angetreten werden müssen. Silvia Hallensleben berichtet in der taz vom Internationalen Frauen Film Festival in Dortmund, wo der Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Thema "Dekolonisation" lag. Quirin Hacker spricht für die FR mit dem Regisseur Noaz Deshe über dessen Film "Xoftex", der von der Lage in griechischen Asylbewerberlagern handelt. David Steinitz spricht für die SZ mit der Schauspielerin Julia Jentsch, die ab 17. April in dem Film "Was Marielle weiß" im Kino zu sehen ist. Mariam Schaghaghi spricht online nachgereicht für die FAS mit den Schauspielern Maximilian Mundt und Danilo Kamperidis über die vierte Staffel von "How to sell drugs online (fast)".

Besprochen werden die große Ausstellung "Entfesselte Bilder" im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FD), Fleur Fortunés "The Assessment" (Standard, mehr dazu bereits hier) und Paolo Sorrentinos "Parthenope" (FAZ, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.04.2025 - Film

Die ästhetische Strenge skandinavischer Einrichtungsideale: "The Assessment" sucht das Kafkaeske im Funktionalen

In Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" geht es um eine dystopische Zukunft, in der als Folge einer Klimakatastrophe Geburten reguliert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Gutachterin Virginia (Alicia Vikander), die Menschen, die Kinder haben wollen, eine Woche lang auf Herz und Nieren prüft. "Die Atmosphäre", schreibt Arabelle Wintermayr in der taz, "bleibt über alledem erstaunlich nüchtern, die Stimmung seltsam abgeklärt. Selbst dann, als der ohnehin kafkaeske Prozess immer skurrilere Züge annimmt." Es ist ein Film der "ästhetischen Strenge. ... Das reduzierte Setdesign von Jan Houllevigue und die distanzierte Kamera von Magnus Nordenhof Jønck verleihen dem Film eine sterile Kälte. Das unfreiwillige Dreiergespann sitzt mehrmals vor einem Fenster, das an die puristischen Kompositionen des niederländischen De-Stijl-Malers Piet Mondrian erinnert, bewegt sich durch karge Räume, die sich ganz und gar skandinavischen Einrichtungsidealen verschrieben haben." Doch "der reine Fokus auf Funktionalität ist hier kein Designfetisch mehr, sondern Ausdruck eines absoluten Rationalisierungszwangs, von vollendeter Effizienzergebenheit".

Weiteres: Ann-Kristin Tlusty und Ronja Wirts porträtieren für Zeit Online den Schauspieler Patrick Schwarzenegger, der in der aktuellen Staffel von "The White Lotus" zu sehen ist. Besprochen werden Corina Gammas in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Der Eismann" über den 2020 in der Arktis verschollenen, Zürcher Polarforscher Konrad Steffen (NZZ) und die Wes-Anderson-Ausstellung in der Cinémathèque française sowie zwei neue Bücher über den verschrobenen Auteur (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2025 - Film

Schaumgeboren wie Aphrodite: Celeste Dalla Porta in "Parthenope" von Paolo Sorrentino

Im Gespräch mit Jan Küveler für die WamS gibt sich der italienische Regisseur Paolo Sorrentino, dessen neuer Film "Parthenope" kommenden Dienstag bei uns in den Kinos anläuft, als Herold der sinnlichen Schönheit. Dass er heute als Auteur in den Zusammenhang des klassischen italienischen Autorenfilms gestellt wird, nimmt er nur mit Einschränkungen an: "Das Kino der Vergangenheit konnte sich frei ausdrücken. Es war frei, zu sagen, was es wollte. Möglicherweise gab es Formen der Zensur, aber die spielte letztlich keine Rolle - die Zensur durch die Kirche etwa. Da schwang höchstens etwas Bigotterie mit. Das heutige Kino hat diese Freiheit eingebüßt. Es unterliegt Einschränkungen, diktiert durch den herrschenden Zeitgeist und seine Ideologien. ... Wir leben in einer Epoche, ... in der das, was gesagt wird, oft als beleidigend empfunden wird. Und auch als potenziell gefährlich, vor allem von den Finanziers. Daraus entsteht ein Mangel an Freiheit. Eine unfreie Kunst kann weniger provozieren und ist in ihren Möglichkeiten überhaupt beschränkt."

Sorrentino ist ein "Anachronismus" im italienischen Gegenwartskino, schreibt Bert Rebhandl in der FAS. Sein Film erzählt das ganze Leben einer gleichnamigen und umwerfend schönen Frau in Neapel, der alle Männer verfallen. "Den größten Teil ihrer Jugend verbringt sie im Licht der neapolitanischen Sonne. Sorrentino hat Kleider für die Schauspielerin Celeste Dalla Porta schneidern lassen, die hyperkokett mit der Anmutung spielen, sie jederzeit einfach fallen zu lassen. Doch entblößt werden eher die Männer." Dennoch bleibt Parthenope "eine Frau ohne weitere Eigenschaften als ihre einzigartige Schönheit. In seinen besten Momenten findet Sorrentino mit seinen Filmen eine Melancholie hinter den Oberflächen, eine Stunde der wahren Empfindung wie in jener Bootsfahrt auf dem Tiber in 'La grande bellezza', die wie eine Sammlung nach enormer Zerstreuung wirkte. In 'Parthenope' grenzt das Wunder ein wenig an einen Bluff."

Andreas Busche lehnt im Tagesspiegel-Kommentar die Vehemenz ab, mit der Rüdiger Suchsland darauf reagierte (unser Resümee), dass das Indiefilm-Festival Achtung Berlin mit einem Gesprächsangebot die anonym im Netz geäußerte Kritik an Laura Laabs' preisgekröntem Film "Rote Sterne überm Feld" abfedern will. Dem Film wird ein sehr kurzer Auftritt von Rammstein-Sänger Till Lindemann vorgeworfen. Für Busche "zeugt es schon von einem besonderen Verständnis von Meinungsfreiheit, ein offenes Gespräch als Zensur zu bezeichnen." Auch die Regisseurin begrüßt die Aussprache. Sie habe den Film zwar "bewusst mit Lindemann besetzt", weil dieser "eine Form von viriler, toxischer Männlichkeit zur Schau stelle, die bis in die deutsche Romantik zurückreicht. 'Wir haben nach langen Überlegungen beschlossen, die Szenen im Film zu lassen, weil die Vorwürfe, die später gegen Lindemann erhoben wurden, eine wichtige Auseinandersetzung mit diesem Aspekt der deutschen Geschichte anstoßen.'" Und das füge sich laut Busche in diesen "klugen Film über die historischen Ablagerungen in unserer kollektiven nationalen Erinnerung, im Film symbolisiert durch eine Moorlandschaft in Mecklenburg."

Weitere Artikel: Esther Buss resümiert in der Jungle World den Schwerpunkt der Diagonale zum österreichischen Satirefilm der Siebziger und Achtziger. Barbara Schweizerhof blickt im Freitag auf die kulturkämpferischen Auseinandersetzungen um Disneys Realverfilmung "Schneewittchen". Kathleen Hildebrand porträtiert in der SZ die Schauspielerin Sydney Sweeney, die aktuell in Ron Howards "Eden" im Kino zu sehen ist. Elmar Krekeler erzählt in der WamS von dem Tag, den er mit der Schauspielerin Jasmin Tabatabai verbracht hat. Thomas Klein schreibt im Filmdienst zum Tod von Val Kilmer (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Jungle World, online nachgereicht von der Welt), Constanze Klaues "Mit der Faust in die Welt schlagen" (Welt, mehr zum Film hier), Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" (Zeit Online), Pia Hierzeggers "Altweibersommer" (Presse) und das bislang nur in den USA zu sehende Revival der aus den Neunzigern bekannten Anwaltsserie "Matlock", in der nun Kathy Bathes die Hauptrolle übernimmt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2025 - Film

Gestus der Unmittelbarkeit: "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Constanze Klaue

Constanze Klaues Debütfilm "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel ist mitunter "brillant", schreibt Matthias Dell im Tagesspiegel. Der Film handelt vom desolaten Aufwachsen im Osten des Landes nach der Wende-Euphorie und einem Alltag, der von Neonazis bestimmt wird. Der Film "hält viel aus in seinem Gestus der Unmittelbarkeit (Kamera: Florian Brückner) und mutet dem Publikum damit einiges zu." Es ist "ein präzises Gesellschaftsportrait, gerade weil nicht alles erklärt werden soll; fast auch das bessere Andreas-Dresen-Kino, weil nichts versöhnt werden muss." So "gelingt eine differenzierte Beschreibung des Lebens im 'Osten', das häufig hinter medialen Klischees verschwindet. Und die nur deshalb ein wenig an Wirkung verliert, weil es sich um eine Vorgeschichte zu heute handelt. Zu sehen, wo die Neonazis herkamen, hilft einem auch nicht weiter angesichts der gesellschaftlichen Rechtsdrift."

Regisseurin wie Romanautor "leiten nichts her", stellt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAZ fest, sondern "sie setzen aus kleinen Beobachtungen etwas zusammen, was bei fiktiven Figuren so etwas wie Identität ergibt. Wie weit diese Identität auf Abgrenzungen und wie weit sie auf Annäherungen beruht, das ergibt ein Spannungsmoment, das dem subtil erzählten Film möglichst große Aufmerksamkeit bringen sollte." Weitere Besprechungen auf Artechock und critic.de.

Weitere Artikel: Mariam Schaghagi spricht für die Welt mit der Schauspielerin Alicia Vikander, die aktuell im Science-Fiction-Film "The Assessment" zu sehen ist, der von einer dystopischen Gesellschaft handelt, in der Geburten drastisch reguliert sind. Andreas Scheiner fragt sich in der NZZ, ob sich unter den vier Darstellern, die in Sam Mendes' angekündigten vier Beatles-Filmen die Fab Four spielen werden, wohl auch der nächste Bond-Darsteller finden lässt.

Besprochen werden Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Zeit), Angela Christliebs Dokumentarfilm "Pandoras Vermächtnis" über den Regisseur GW Pabst (SZ, FD), Ron Howards "Eden" über eine deutsche Aussteiger-Kolonie auf den Galapagos-Inseln (Welt, SZ), Johan Grimonprez' Essayfilm "Soundtrack to a Coup d'Etat", der jetzt auch in Österreich startet (Standard, unser Resümee zum deutschen Kinostart), Jared Hess' Verfilmung des Videospielerfolgs "Minecraft" (Tsp, Welt),die Arte-Serie "Nur 37 Sekunden" (FAZ) und die Apple-Serie "The Studio" mit Seth Rogen (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2025 - Film

"Schämt Euch, 'achtung berlin'", ruft Rüdiger Suchsland auf Artechock dem Berliner Indie-Filmfestival entgegen. Hintergrund: Nachdem es aus der Anonymität heraus den Versuch eines Shitstorms gab, weil das Festival Laura Laabs' Film "Rote Stern überm Feld" mit einem Kurzauftritt von Till Lindemann im Wettbewerb zeigen will, will das Festival die Vorführung des Films, der beim Max-Ophüls-Preis-Festival noch mit dem Preis der Filmkritik ausgezeichnet worden war, durch ein Rahmenprogramm einhegen - dabei wurde besagte Szene noch vor dem MeToo-Skandal um den Rammstein-Sänger gedreht. Suchsland versteht die Welt nicht mehr: "Das Festival entschuldigt sicht für irgendetwas Diffuses, und der Film wird nur noch wie ein Vorbehaltsfilm aus der Nazizeit gezeigt. Dies ist vor allem der Offenbarungseid eines Filmfestivals: Ästhetik-Moral-Umkehr. Man schätzt beim Festival 'achtung berlin' zwar angeblich 'künstlerische Handschrift' und 'künstlerisches Werk', aber ein Kurzauftritt, der ein paar Trottel 'verletzen könnte', soll plötzlich wichtiger sein als alle Kunst. ... Mit keinem Wort geht das Festival darauf ein, dass auch die Filmemacher und alle Beteiligten und die Kunst als solche gegen derartige Anwürfe und Kampagnen zu schützen sind."



Die Feuilletons trauern um Val Kilmer, der im Alter von nur 65 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben ist - auch eine Folge seiner Kehlkopfkrebserkrankung vor einigen Jahren. Er war "Iceman" in "Top Gun", Jim Morrison in Oliver Stones "Doors"-Film, Elvis in "True Romance", später auch Batman - und damit ein prägendes Gesicht im Kino der späten Achtziger und insbesondere frühen bis mittleren Neunziger. Oder kurz: "der Mann, den man anrief, wenn ein Filmstar mit Ecken und Kanten gefragt war", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ. "Kilmer war intensiv, besessen und hochbegabt - nur kein Teamplayer. ... Frühe Traumata hatten diesen schwierigen Mann geprägt, dessen Geschichte oft als tragisches Scheitern erzählt wurde. ... Tom Cruise gab Kilmer Gelegenheit für eine Abschiedsvorstellung vom Hollywoodkino. Im 'Top Gun'-Sequel 'Maverick' verschaffte er Kilmer einen kurzen Auftritt als Admiral Tom 'Iceman' Kazanski, der wie Kilmer an Kehlkopfkrebs leidet. Die Szene, in der Cruise und Kilmer noch einmal ihr großartiges schauspielerisches Können bewiesen, gerät zum emotionalen Herzstück des Films."



Kilmer zählte neben seinen Altersgenossen Tom Cruise, Brad Pitt und Johnny Depp "zu Hollywoods leuchtenden Boomern, auch wenn ihn in dieser Reihe der Größten nur der Rang eines Großen blieb, der zudem als Paradiesvogel und etwas schwierig galt", schreibt Wieland Freund in der Welt. "Für einige wilde Jahre in den Achtzigern und Neunzigern war Val Kilmer ein Enfant terrible Hollywoods gewesen, geliebt und gefürchtet zugleich", schreibt David Steinitz in der SZ. "Sehr viele Regisseure wollten mit Kilmer drehen - und nicht ganz wenige, so wie John Frankenheimer, taten das aus Selbstschutz im Anschluss nicht freiwillig noch einmal."

Weitere Artikel: Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Architekturfilmtage im Filmmuseum München. Silvia Hallensleben resümiert in der taz die Diagonale in Graz.

Besprochen werden Thomas Strucks kurz vor dem 11. September entstandener, essayistisch-experimenteller New-York-Film "Walk Don't Walk"(in den sich Perlentaucher Lukas Foerster schockverliebt: "New York rhythm. Nie im Leben könnte ein Film wie dieser im trampeligen Berlin, im schluffigen Köln entstehen."), Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (FR, FD, Artechock), Angela Christliebs Dokumentarfilm "Pandoras Vermächtnis" über den Regisseur G.W. Pabst (critic.de, FR, FD, Artechock), Franziska Klaues Debütfilm "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel (taz), Ron Howards "Eden" (Perlentaucher, Artechock), Tiina Lymis "Stormskärs Maja" (Artechock), die DVD-Ausgabe von Nicolas Philiberts Dokumentarfilm "Die Schreibmaschine und andere Scherereien" (taz) und der Abschluss der Amazon-Krimiserie "Bosch: Legacy" (FAZ). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2025 - Film

Florian Lukas als und in "Rosenthal" (ZDF)

Heute vor hundert Jahren wurde Hans Rosenthal geboren. Der Ermordung durch die Nazis entging er, indem er sich zwei Jahre lang in einer Berliner Gartenlaube versteckte, später wurde er der Quizmaster der Nation, der biedere Heiterkeit in die deutschen Wohnstuben brachte. Von seinen "zwei Leben" (so der Titel seiner Autobiografie) wussten die meisten Nachkriegsdeutschen viele Jahre nichts. Das ZDF würdigt den Moderator nun mit einem TV-Film, der vor allem auf die Umstände der 75. "Dalli Dalli"-Jubiläumssendung am 9. November 1978 (ebenfalls hier in der Mediathek) fokussiert: Mit seinen Bitten, den Live-Termin zu verschieben, weil er bei der ersten Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 unter Teilnahme deutscher Politiker anwesend sein möchte, stieß Rosenthal bei der damaligen ZDF-Führungsetage auf eine Wand aus Unverständnis und Ignoranz. Oliver Haffners "'Rosenthal' ist, was Biopics im besten Fall sind, nicht nur die Geschichte eines Menschen allein", schreibt Elmar Krekeler in der Welt. Der Film "ist ein Gesellschaftsporträt, Ausschnittvergrößerung, Momentaufnahme eines Landes im Umbruch" und zudem "nicht nur der Tapeten, der Möbel, der furchterregenden Krawatten wegen eine Zeitkapsel. Ein gar nicht ferner Spiegel des Gesellschaftsdiskurses und der Geschlechterverhältnisse, eine Warnung an alle, die meinen, die damals gängige, machistische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hätte Menschen früher glücklich gemacht."

Dem Schauspieler "Florian Lukas gelingt es, die öffentliche Figur des Moderators, der sein bekanntes Lächeln jederzeit einschalten kann, ebenso gut zu erfassen wie den privaten Menschen, der sich immer wieder an seine Leidenszeit und an den ermordeten Bruder erinnert und dadurch für einen Moment wie gelähmt wirkt", lobt Dietrich Leder im Filmdienst. Für ihn ist "Rosenthal" neben dem Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe" von 2018 "ein weiterer verdienstvoller Versuch, Fernsehgeschichte als politische, soziale und ästhetische Geschichte im Fernsehen selbst zu schreiben".

Allerdings ist der Film zunächst lediglich im Netz zu sehen. Einlass ins lineare Programm erhält er erst in fünf Tagen. Zu Rosenthals heutigem Geburtstag strahlt das ZDF zur besten Sendezeit dann doch lieber Fußball aus.

Andreas Kilb berichtet in der FAZ von einer Berliner Veranstaltung mit Mohammad Rasoulof, der seit seiner Flucht aus dem Iran im deutschen Exil lebt und an dem Abend Einblick in seine Arbeit gab. Als er 2010 zum ersten Mal vom Teheraner Regime verurteilt wurde, erzählte der Regisseur, "sei ihm klar geworden, dass er mit den poetisch verschlüsselten Filmen, durch die er bekannt geworden war, nicht weitermachen konnte. Stattdessen wollte er die iranische Wirklichkeit so zeigen, wie sie war" - was Rasoulof auch mit immer drastischeren Filmausschnitten belegte. "Zwar sei politische Kunst in Iran schlecht angesehen, aber Schönheit, die aus der Verleugnung der Realität entstünde, sei eine Lüge." Ähnlich wie das Regime selbst eine Lüge ist: Die Idee zu seinem jüngsten, oscarnominierten Film (unsere Kritik) kam ihm im Evin-Gefängnis, als sich Beamte ihm in ihrer Zerrissenheit offenbarten. "Das Regime, sagt Rasoulof, funktioniert im Alltag längst nicht mehr, nur haben es viele noch nicht gemerkt. Deshalb wird er weiter Filme über Iran machen. Selbst wenn er sie in Deutschland drehen muss."

Weitere Artikel: Andreas Busche wirft im Tagesspiegel Schlaglichter aufs Programm des Festivals Achtung Berlin, das heute beginnt. David Steinitz staunt in der SZ über den Wagemut von Sam Mendes, der demnächst mit den Dreharbeiten zu seinen sage und schreibe vier Beatles-Filmen - für jeden Beatle je einen - beginnt, die 2028 gleichzeitig in die Kinos kommen sollen und für die er sich Zugriff auf den kompletten Rechtekatalog der Band gesichert hat. Ronald Pohl erinnert im Standard an Harald Juhnke, der vor 20 Jahren gestorben ist. Die Agenturen melden, dass der Schauspieler Val Kilmer im Alter von nur 65 Jahren einer Lungenentzündung erlegen ist.

Besprochen werden Ron Howards "Eden" (taz, FAZ), die auf Sky gezeigte Mockumentary "St. Denis Medical" über ein fiktives Krankenhaus in den USA (taz), Muschas einmalig in Berlin wieder gezeigter 80s-Punk-Kultfilm "Decoder" (taz), Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (SZ) und Fleur Fortunes "The Assessment" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2025 - Film

Im großen NZZ-Gespräch mit Andreas Scheiner erzählt der Filmproduzent Martin Moszkowicz nicht nur die Geschichte, wie sein Vater in Auschwitz überlebt hat, und warum er sowohl den Ehrenbären der Berlinale für die BDS-Unterstützerin Tilda Swinton als auch Jonathan Glazers Film "Zone of Interest" für fragwürdig hält, sondern er kommt auch auf die Lage des Kinos zu sprechen. Die sei in Deutschland nämlich nicht so schlecht wie viele behaupten. "Global haben wir einen Rückgang von 35 Prozent bis 40 Prozent in den Produktionsvolumina für Fernsehen und Streaming, aber nur etwa 5 bis 10 Prozent im Kinobereich. Ich kann allen Marktteilnehmern nur raten, sich nicht nur auf die Forderung nach mehr Unterstützung zu konzentrieren, sondern auch selbst entsprechend zu investieren. Die Märkte der Zukunft werden heute - in der Krise - verteilt." Denn "gerade mit Kino" werde Geld verdient, "weil man dort eine entsprechende 'Upside' hat. Das große Problem bei den Streamern, aber auch beim klassischen Fernsehen und Pay-TV ist, dass man die erfolgreichste Produktion der Welt realisieren kann, aber als Hersteller verdient man deswegen kaum mehr daran."

Aktuelle Erfolgsserien wie "Silo" oder "Severance" schließen an den Erzählmodus der "Mystery Box" an, wie er durch Serien wie "Twin Peaks", "Akte X" oder "Lost" etabliert wurde, schreibt Kristoffer Cornils auf Zeit Online. In diesen Serien geht es um dunkle Mächte, politische Latenzen und andere Krisen der Realitätsauffassung, Cornils sieht daher darin den Ausdruck einer Zeit, die für Verschwörungstheorien anfällig ist. "Mystery-Box-Shows reflektieren nicht nur Tendenzen des verschwörungstheoretischen Denkens, sie nutzen sie auch für sich. Denn das Publikum wird Teil der paranoiden Dynamik: In Online-Foren wie Reddit spekulieren Hunderttausende Fans, die die von ihnen aufgeworfenen Rätsel kollektiv lösen wollen, und die hartnäckiger noch als in anderen Fandoms wirklich jedes Detail auseinanderpflücken, jede Storyline weiterdenken. ... Im Kontext der 2020er-Jahre deuten 'Silo' und 'Severance' zuvorderst an, wie wir in der Breite unseren Bezug zur Realität zu verlieren drohen."  

Weitere Artikel: Die Schweizer Autorin Katja Meier hat zwar ein preisgekröntes Drehbuch für eine Serie geschrieben, produziert wird diese aber dennoch nicht, weil mögliche Produzenten Wert darauf legen, dass die weibliche Hauptfigur statt 59, 35 Jahre alt sein sollte, berichtet Pascal Blum im Tagesanzeiger. Thomas Klein erinnert im Filmdienst mit einem Essay an Sam Peckinpahs Westernklassiker "The Wild Bunch". David Kothenschulte schreibt in der FR einen Nachruf auf Richard Chamberlain. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von Yves Boisset.

Besprochen werden Oliver Haffners vom ZDF online gestelltes Biopic über Hans Rosenthal, der morgen vor 100 Jahren geboren wurde (taz), Kurdwin Ayubs "Mond" (Jungle World, unsere Kritik), Nathalie Borgers' auf der Diagonale gezeigte Dokumentation "Narben eines Putsches" über den Militärputsch in der Türkei 1980 (Standard), Jaume Collet-Serras Horrorfilm "The Woman in the Yard" (BLZ, unsere Kritik), die Apple-Serie "The Studio", in der Seth Rogen Hollywood satirisch aufs Korn nimmt (Welt), und die ZDF-Comedyserie "Späti" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2025 - Film

Valerie Dirk resümiert im Standard die Diagnole in Graz. Cosima Lutz (Welt) und Nadine Lange (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des Schauspielers Richard Chamberlain.

Besprochen werden Joshua Oppenheimers postapokalyptisches Musical "The End" mit Tilda Swinton (Standard, unser Resümee), die ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex" (NZZ) und Ekrem Engizeks unabhängig produzierter, deutscher Knastfilm "Haps" ("ein Indiefilm, aber in hart", schreibt Philipp Bovermann in der SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 - Film

Owen Cooper als Jamie Miller und Erin Doherty als Briony Ariston in "Adolescence". Foto: Netflix


In Großbritannien bestimmt die Netflix-Miniserie "Adolescence" über einen mordenden Jungen das Gespräch auf der Straße, in den Medien und in der Politik, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Die Serie handelt auch von dem Einfluss, den Figuren wie Andrew Tate und ihre maskulinistische Ideologie via Social Media insbesondere auf sexuell frustrierte Männer ausüben, die sogenannten "Incels". "Propagiert wird eine krude Form von Gesellschaftshierarchie, in der ganz oben die gut Aussehenden stehen, darunter der Durchschnitt und ganz unten eben die, die kein Mädchen will. Die Männer sind dabei sowieso den Frauen überlegen, deren primärer Lebenszweck darin liegt, hübsch zu sein und für Sex bereitzustehen. Wobei Frauen potenziell auch gefährlich sein können - und dann müssen sich die Incels wehren. Zur Not mit Gewalt. ... Wie sehr die Andrew Tates der Welt ihre Gemeinde im Griff haben, das übrigens haben auch die 'Adolescence'-Macher selbst erlebt. Jack Thorne, der Drehbuchautor, ein glatzköpfiger, sanft sprechender Mann mit Brille, erzählte vor ein paar Tagen in der BBC, dass er online mit Hass-Postings überzogen wurde. Fotos von ihm wurden geteilt, dazu die Frage, ob er zu viel Östrogen in sich habe, Tenor: Der da, das ist doch gar kein Mann."

Weitere Artikel: Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit Joshua Oppenheimer über dessen postapokalyptisches, aktuell auch im Tagesspiegel besprochenes Musical "The End" (mehr zum Film bereits hier). Valerie Dirk spricht für den Standard mit den Dokumentarfilmemacherinnen Ivette Löcker und Athina Rachel Tsangari, deren Filme auf der Diagonale in Graz gezeigt werden (Infos dazu hier und dort). Außerdem blickt Marian Wilhelm für den Standard in die Diagonale-Retrospektive, die sich Querschlägern im österreichischen Kino der Siebziger und Achtziger widmet. Thomas Combrink stöbert für "Bilder und Zeiten" staunend in der rund 25.000 Objekte umfassenden Sammlung des 2017 verstorbenen Experimentalfilmers Werner Nekes zur Vor- und Frühgeschichte des Films, die nach dessen Tod auf drei Institutionen verteilt wurde. In der FAS erinnert die Dokumentarfilmemacherin Regina Schilling an Hans Rosenthal, der kommenden Mittwoch vor hundert Jahren geboren wurde.  Felicitas Kleiner stellt im Filmdienst die Neuzugänge im kommenden Monat beim Arthaus-Streamer Mubi vor. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Schauspieler Brendan Gleeson zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Kurdwin Ayubs "Mond" (SZ, unsere Kritik), Simon Helblings in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Game Over - Der Fall der Credit Suisse" (NZZ) und die DVD-Ausgabe von Budd Boettichers "Blutige Hände" aus dem Jahr 1956 (SZ).