Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2025 - Film

Chiara Mastroianni als sie selbst als Marcello Mastrioanni, ihr Vater, in Christophe Honorés "Marcello Mio"

Christophe Honorés "Marcello Mio" läuft vorerst nur Österreich an, aber Bert Rebhandls Kritik im Standard lässt darauf hoffen, dass der Film auch in Deutschland bald zu sehen ist. Chiara Mastroianni, die Tochter von Marcello Mastroianni und Catherine Deneuve, spielt hier sich selbst als Tochter, die im Film wiederum ihren Vater spielt, dem sie ohnehin schon sehr ähnlich sieht. Auch die Deneuve spielt mit und sich selbst. Wäre Chiara Mastroianni Mastroiannis Sohn, "wäre alles klassisch einfacher, eine Staffelübergabe unter Männern. Viel wurde geschrieben über das Männerbild, das Mastroianni verkörperte: der elegante Frauenheld, der Liebhaber, der immer ein melancholischer Einzelgänger bleibt, die obligate Zigarette immer in der Hand. Dass Chiara sich alle diese Facetten zu eigen macht, hat etwas Subversives, denn für sie ist das ja eine Hosenrolle, sie wirkt plötzlich queer... In bester französischer, intellektueller Tradition ist Marcello Mio nicht nur eine Liebeserklärung an das klassische europäische, natürlich vor allem italienische Nachkriegskino."

Findet neue Möglichkeiten: "Alien Earth" (Disney+)

Für Matthias Kalle (Zeit Online) bildet Noah Hawleys auf Disney+ gezeigte Serie "Alien: Earth" einen "vorläufigen Höhepunkt dieses Serien-Sommers". Die Serie spielt zwei Jahre vor den Ereignissen aus Ridley Scotts SF-Klassiker "Alien" und ist auf der Erde angesiedelt, wo finstere Konzerne finstere Machenschaften planen. Es "herrscht die Ära des Spätkapitalismus und die Hybris der Tech-Eliten, die Transhumanismus als Geschäftsmodell für das Versprechen ewigen Lebens für Superreiche entdeckt haben. Die Serie erschafft eine Zukunft, die nicht unplausibel erscheint, weil sie von der Gegenwart nach vorne denkt. ... Hawley will mit 'Alien: Earth' beunruhigen, und für die besonders düsteren Momente klaut er hin und wieder bei Ridley Scott und auch bei Stanley Kubrick, nicht plump, sondern mit Sinn und Verstand. Und er weiß, wie weit er gehen kann. Er geht sehr weit, denn er interessiert sich nicht für Kanonpflege", sondern "für die Erzählung selbst - für ihre Form, für ihre Metaphern und für die Möglichkeiten, die in einem Stoff stecken, den die meisten für auserzählt hielten."

Außerdem: André Malberg schreibt auf critic.de ausführlich über die Dokumentarfilme des Eifel-Chronisten Dietrich Schubert. In der NZZ verneigt sich Jean-Martin Büttner vor Steve Martin, der morgen seinen 80. Geburtstag feiert. Besprochen werden Oliver Laxes in Cannes ausgezeichnert Film "Sirat" (Tsp, Welt, taz, unsere Kritik), die ZDF-Serie "We Are Lady Parts" (FAZ) und Cédric Klapischs "Die Farben der Zeit" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2025 - Film

Jede Sekunde passiert etwas Neues: "Dracula" von Radu Jude

Beim Filmfestival Locarno wurde der neue Film des rumänischen Auteurs Radu Jude aufgeführt: In "Dracula" dreht er die Geschichte des angeblich rumänischen Blutsaugers, den in Rumänien aber tatsächlich jahrzehntelang niemand kannte, gehörig durch den KI-Fleischwolf. Jakob Thaller vom Standard verließ den Saal mit schwirrendem Kopf: Die Episoden des Films "reichen von radikal politisch bis radikal dumm. Man sieht Bäume, an denen Penisse wachsen, sowieso sehr viele Darstellungen männlicher und weiblicher Sexualität, Zombies, Zahnschmerzen und einen Zahnarzt namens Dr. Caligari, wahre Liebe, Kapitalismuskritik und eine rumänische Longevity-Klinik, die ihre Kunden aussaugt." Der Film "fühlt sich an, als hätte man zu viele Tabs im Browser auf einmal offen, als würde man unter dem Einfluss narrischer Schwammerln durch Tiktok scrollen. Jede Sekunde passiert etwas Neues, Fenster in digitale Welten öffnen sich und schließen sich wieder, flimmernde KI-Bilder verschmelzen mit verzerrten Sounds zu einem Strudel aus Popkultur, reichlich Fellatio und rumänischer Identität. Der Strom aus Assoziationen ... reißt einen manchmal mit - erschöpft jedoch viel öfter." Im Filmdienst resümiert Irene Genhart die ersten Tage des Festivals.

In Sachen James Bond stehen im Grunde alle wichtigen Posten bereits in den Startlöchern, nur die allerwichtigste Position ist noch vakant. Ja, wer soll denn nun die legendäre Doppel-Null spielen, fragt sich David Steinitz in der SZ. Das klassische Profil - weiß, männlich, heterosexuell, mindestens 30 plus - wäre allen Unkenrufen zum Trotz für ihn weiterhin die naheliegendste Lösung, schließlich "war Bond nämlich immer dann am spannendsten, wenn er als das gezeigt wird, was er nicht erst seit dem Jahr 2025 ist: ein Anachronismus, eine aussterbende Art, ein alter Mann in einer neuen Welt." Dies macht die Figur "nicht obsolet, sondern überhaupt erst interessant. ... Denn je weiter die Welt sich drehte, je mehr die politischen Konstellationen und gesellschaftlichen Normen sich verschoben, unter denen Ian Fleming die Figur einst erfunden hatte, desto besser wurden die Filme. Bond stand mit seiner Brutalität und seinem Machotum plötzlich eher als Psychopath denn als Gentleman da."

Außerdem: Marisa Buovolo gratuliert in der NZZ Wim Wenders zum 80. Geburtstag, den dieser am 14. August feiert. Ihr Kollege Jörg Restorff hat die dem Regisseur gewidmete Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (hier unser Resümee) besucht. Anja Reich schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf die Regisseurin Uljana Havemann. Besprochen wird die zweite Staffel von Tim Burtons Netflix-Serie "Wednesday" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2025 - Film

Dennis Hopper in "Der amerikanische Freund" von Wim Wenders (© 1977 Road Movies / Wim Wenders Stiftung / Bundeskunsthalle Bonn)

Am 14. August wird Wim Wenders 80 Jahre alt, die Bundeskunsthalle Bonn feiert den Regisseur mit einer (in enger Zusammenarbeit mit ihm erstellten) Ausstellung, die Boris Pofalla für die Welt besucht hat. Aufgewachsen ist Wenders in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, "hier kommt er her, der Durst nach fremder Luft". Er "ist der Regisseur der Reise, der Roadtrips, der Wanderungen und des Verlorengehens. ... Und ja, da ist ein Hang zum Erhabenen und Nostalgischen auszumachen, ganz besonders in dieser Schau, die sich tief vor dem nun bald Achtzigjährigen verbeugt und wenig andere Weggefährten in eigener Stimme zu Wort kommen lässt. Das weiche Licht, die leeren Straßen, die sinnenden Männer, die handgemachte Musik, es scheint schon manchmal aus der Zeit gefallen. Aber was ist auch dagegen zu sagen? Ry Cooder, Nick Cave, Pina Bausch, Lou Reed, Francis Ford Coppola - dass so viele gute Künstler mit ihm zusammenarbeiten wollten, muss etwas bedeuten." Zuvor besprachen bereits Alexandra Wach (Filmdienst) und Andreas Kilb (FAZ) die Bonner Ausstellung.

Weiteres: Das Filmfestival Locarno ehrt Hongkong-Filmlegende Jackie Chan, freut sich Urs Bühler in der NZZ. In der taz spricht Katharina Böhm mit Graf Haufen, der seit 40 Jahren mit seiner Berliner Filmarchiv-Videothek Videodrom "Razzien, Streaming und Pandemien" trotzt. 

Besprochen werden die neuen Folgen von Tim Burtons Netflix-Serie "Wednesday" (taz), Zach Creggers vorab ziemlich gehypter Horrorfilm "Weapons" (taz), die 3sat-Doku "Comic-Journalismus: Wirklichkeit als Kunstform" (FAZ) und die Arte-Doku "Apollo 1 - Die wahre Geschichte" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2025 - Film

"Soldaten des Lichts". Julian Vogel und Johannes Büttner

Sehenswertes politisches Kino annonciert Jens Balkenborg in der taz mit dem Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" von Julian Vogel und Johannes Büttner, die nüchterne, aber doch erschreckende Einblicke in die Schwurbler- und Verschwörungstheoretiker-Szene gewähren. Unter anderem begleiten sie den der Reichsbürgerszene nahestehenden "roh-veganen" Influencer David, der sich einbildet mit "kruden" Methoden Krebs oder psychische Krankheiten heilen zu können: "Es macht schwindelig, wie sich in diesen Kreisen ... die verrücktesten Ideen ganz selbstverständlich aufeinanderstapeln. Da sagt ein gefeierter Geistheiler im Interview mit David so etwas wie 'In der Endzeit ist alles möglich', er hält die Putzfrau für einen 'Repto' - Verschwörungsdeutsch für Reptiloid, ein menschenähnliches Wesen mit reptilienartigen oder außerirdischen Eigenschaften - und erzählt dem Influencer in der Interviewpause, dass er mit seinen Pseudotherapien soviel Geld gemacht habe, dass er nicht wisse, wohin damit."

Außerdem: Hannah Segers berichtet im Standard, dass der auf Arthaus, Independent- und Autorenfilme spezialisierte Streamer und Produzent Mubi erheblichen Gegenwind von Künstlern und Publikum bekommt, weil er Investmentmittel der Risikokapitalgesellschaft Sequoia Capital angenommen hat, die auch Rüstungs-Startups fördert. Besprochen werden die große Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (FD), Óliver Laxes "Sirāt" (WamS, unsere Kritik), Álvaro Longorias Dokumentarfilm "Ecce Homo" über die Entdeckung eines echten Caravaggio in einem Hausflur in Madrid (FAZ) und Carine Tardieus "Was uns verbindet" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2025 - Film

Was im Verschwinden begriffen ist: "Milch ins Feuer" von Justine Bauer

Perlentaucher Kamil Moll erfreut sich sich an der sommerlichen Melancholie von Justine Bauers an der Kunsthochschule für Medien in Köln entstandenem Debütfilm "Milch ins Feuer" über junge Frauen und Mädchen in der landwirtschaftlich geprägten Provinz. Gedreht wurde der Film auf Hohenlohisch, einer fränkischen Mundart aus dem Norden Baden-Würtemmbergs. "In der Sprache hält sich etwas fest, was schon im Auflösen und Verschwinden begriffen ist. Der Film ist durchsetzt von einer Melancholie fürs Vergehen der Zeit, die zum einen intim und individuell-biografisch ist, zum anderen ohne jegliche Themenkino-Aufdringlichkeit gesellschaftlich und symptomatisch. ... Ohne süßliche Zuspitzung, nah an der Grenze zum Dokumentarischen, erzählt Justine Bauer in einer gekonnt durchgearbeiteten, konzentrierten Filmsprache vom Ende einer Jugend, die auch das mähliche Ausklingen einer Lebenswelt abbildet." Für Artechock bespricht Axel Timo Purr den Film.

Die Deutschen lachen angeblich nicht gern. Trotzdem bestimmen seit vielen Jahren Komödien die Spitzenplätze in den hiesigen Produktionen. Gerade dieser nationale Erfolg ist aber der Grund dafür, dass das deutsche Kino international kaum je einmal den großen Zeh in die Türe bekommt, stellt Susanne Gietl im Filmdienst nach Forschungsergebnissen des Datenanalysten Stephen Follows fest. In dessen Studien "deutet alles darauf hin, dass die Exportchance deutscher Filme umgekehrt proportional zu den nationalen Besuchervorlieben liegt. Die deutsche Filmbranche steckt in der Klemme! Wenn es mit der Stärkung der kulturellen Filmförderung heimische Produktionen, die künstlerische Eigenwilligkeit wagen, zukünftig leichter haben werden, könnte das eine Chance sein, um dieses Dilemma aufzulösen. Ob Mascha Schilinskis sphärisch-düsteres Drama 'In die Sonne schauen' ein ermutigendes Beispiel geben kann? Die Auszeichnung mit dem Preis der Jury in Cannes hat ein starkes Zeichen für die breitenwirksame Wahrnehmung eines deutschen Films im Ausland gesetzt." Mehr zu Schilinskis Cannes-Erfolg bereits hier und dort.

Weitere Artikel: "Immer mal wieder denke ich, Schauspieler sollten am besten gar nichts sagen zu politischen Dingen und politischen Verhältnissen", verzagt Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne angesichts des Aufrufs einiger Film- und TV-Schaffender an die Bundespolitik, Israel unter Druck zu setzen. Außerdem liefert Suchsland für Artechock Notizen vom Filmfestival Locarno. Ebendort plaudert Urs Bühler für die NZZ mit Willem Dafoe. Dunja Bialas resümiert auf Artechock die zweite der aktuellen Filmkunstwochen in München. Axel Timo Purr spricht für Artechock mit der Drehbuchautorin und Regisseurin Carine Tardieu über deren neuen Film "Was uns verbindet".

Besprochen werden Alexis Langlois' queeres Musical "Drama Queens" (Artechock, unsere Kritik), Helge Schneiders "The Klimperclown" (Welt, mehr dazu hier), die Installation "Breathing Matter(s)" im Berliner Silent Green mit den essayistischen Dokumentarfilmen von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel (Artechock, mehr dazu bereits hier), Nisha Ganatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (NZZ), die Apple-Serie "Chiefs of Hawaii" mit Jason Mamoa (Freitag), die DVD-Ausgabe von Alex Garlands "Warfare" (die taz-Besprechung ist uns gestern durchgerutscht) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Platonic" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2025 - Film

Lässt es krachen, bis die Fetzen fliegen: "Sirāt" von Óliver Laxe

Zum Ende hin geht Óliver Laxes bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführtem (hier unser Resümee) und mit großen Autorenfilmergesten in Szene gesetztem Wüstenroadtrip "Sirāt" dann doch die Luft aus, findet Tilman Schumacher im Perlentaucher. Der Film schildert die Suche eines Vaters nach seinem verlorenen Sohn in der Wüste, wobei er sich einer Techno-Karawane anschließt, während das Radio über einen Krieg informiert. Mit voranschreitender Laufzeit "blickt Laxes Film zunehmend abgeklärt, ja kalt auf seine Figuren. Entsprechend werden sie geopfert wie Bauern auf dem Schachbrett. Das mag dramaturgisch kühn, hie und da auch mit der Verve eines unkonventionellen Autorenfilms inszeniert sein. Womöglich ist der Abgang einer Figur, die fatal auf eine Landmine tritt und dabei ausgerechnet 'Lasst es krachen!' in Richtung ihrer Musikfreunde ruft, aber auch zynisch? Mich konnte jedenfalls dieses 'Gottspielen' des Scripts an diesem Punkt nicht mehr erreichen. Das mag anderen anders gehen. Ein bildgewaltiges, allerlei ungewohnte Pfade abschreitendes Wüsten-Roadmovie ist 'Sirāt' allemal."

Weiteres: Katja Nicodemus hätte sich am liebsten gar nicht mehr von der Seite Anke Engelkes gelöst, die sie zwei Jahre lang für ein episches Porträt in der Zeit begleitet hat: "Es war so begeisternd und beflügelnd, ihr fast zwei Jahre lang immer wieder zu begegnen." Marlene Knobloch ist in der Zeit sehr ratlos, ob der Humor von Bully Herbigs Komödienkassenschlager "Der Schuh des Manitu" (dem nun nach 24 Jahren eine Fortsetzung gegönnt wird) nicht völlig aus der Zeit gefallen oder doch noch irgendwie ganz nett ist. Yasmin Müller schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die mit gerade einmal 33 an Krebs verstorbene Schauspielerin Kelley Mack.

Besprochen werden Alexis Langlois' queeres Popmusical "Drama Queens" (Perlentaucher), Justine Bauers "Milch ins Feuer" (FR), Helge Schneiders Selbstporträt "The Klimperclown" (FR, mehr dazu bereits hier), Nisha Ganatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (Standard) und Ina Weisses nun auch in der Schweiz startender Film "Zikaden" mit Nina Hoss (NZZ).
Stichwörter: Laxe, Oliver

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2025 - Film

"The Klimperclown": Reflexionen aus dem geglückten Leben

Kamil Moll hat im Filmdienst viel Freude an "The Klimperclown", Helge Schneiders Porträt in eigener Sache: "In einem lockeren Arrangement aus dokumentarischem Material, Spielszenen und begleitetem Schaffensprozess ist dies ein in mäandernden Geschichten wunderbar verläppernder Dokumentarfilm und zugleich dessen leichthändige Parodie. Die Schwerpunkte ... sind dabei klar von Leerstellen durchsetzt: Seinem filmischen Schaffen als Regisseur und Schauspieler bei Filmemachern wie Christoph Schlingensief und Werner Nekes schenkt er kaum Beachtung, präsentiert stattdessen lieber als Weltpremiere im Film seine ersten Drehversuche aus der Jugendzeit. Wie zuletzt bei Arne Körners Porträtfilm über den modernen Renaissancemenschen Dietrich Kuhlbrodt, 'Nonkonform' (für den Schneider als Geistesverwandter nicht von ungefähr die Filmmusik einspielte), sieht man hier vor allem einem der faszinierendsten Künstler der letzten Jahrzehnte beim gegenwärtigen Ausüben eines freien, geglückten Lebens zu."

Weiteres: Die Filmgalerie 451 hat zahlreiche Arbeiten des experimentellen Filmemachers Klaus Wyborny gratis online gestellt, meldet Fabian Tietke in der taz. Urs Bühler stimmt in der NZZ auf das heute Abend beginnende Filmfestival Locarno ein. Tilman Schumacher führt in critic.de durch das unmittelbare Nachkriegskino von Harald Reinl, der später als Edgar-Wallace- und Karl-May-Routinier bekannt wurde. Tobias Obermeier erinnert in der Jungle World an den "Weißen Hai" von Steven Spielberg, der vor 50 Jahren das Blockbuster-Zeitalter einläutete.

Besprochen werden Justine Bauers Landlebenfilm "Milch ins Feuer" (taz, FD), Nisha Ganatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (Tsp, Welt), Alexis Langlois' queeres Popmusical "Drama Queens" (Tsp), die neue Staffel der auf Amazon Prime gezeigten Serie "Der Sommer, als ich schön wurde" (taz) sowie Arnaud und Jean-Marie Larrieus vorerst nur in Österreich startender Film "Die Geschichte von Jim" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2025 - Film

Jenny Schily in "Das Haus meiner Eltern" (ZDF)

Heike Hupertz findet es in der FAZ (online nachgereicht) nur schwer verständlich, dass das ZDF "Im Haus meiner Eltern", Tim Ellrichs Debütfilm, "absurderweise zu nachtschlafender Zeit ins lineare Programm gesetzt hat". Zum Glück gibt es heutzutage ja Mediatheken, die zeitsouveränen Zugriff gestatten. Den braucht es auch, denn dieser "aufregende" und "in distanzierendem, oft statuesk wirkendem Schwarz-Weiß" gedrehte Film über eine Familie, in die sich ein Fall von Schizophrenie schleicht, "verlangt wache Konzentration. Den reduzierten Zimmerschauplätzen, Kamerablicken, die nur starre Teilsichten erlauben, entspricht der Stillstand in der hier gezeigten Familie." Der Regisseur, "der auf eigene Familienerfahrungen zurückgreift und den Film, so heißt es, im eigenen Elternhaus gedreht hat, erzählt mit ungewöhnlichem Blick von der zwangsläufig großen Belastung und der meistens festgefahrenen Familiendynamik, wenn ein psychotisch erkranktes Familienmitglied Hilfe verweigert und sein Selbsterhaltungstrieb abgestorben scheint." Dieser Film "nimmt auf TV-'Sehgewohnheiten' keine Rücksicht und zeigt Schizophrenie wünschenswert neu".

Weiteres: Irene Genhart stimmt im Filmdienst auf das Filmfestival Locarno ein, das morgen beginnt. Besprochen werden der auf Netflix gezeigte, südafrikanische Heist-Sechsteiler "Marked" (in der taz verspricht Florian Schmid einen "streckenweise sehr unterhaltsamen Krimi") sowie Delphine und Muriel Coulins vorerst nur in Österreich startendes Drama "Mit dem Feuer spielen" über einen Vater, dessen Sohn sich radikalisiert (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2025 - Film

"Da rüstet jemand kräftig mit Wortgebimmel auf", kommentiert Tim Caspar Boehme in der taz die mit militärischen Begriffen unterfütterte Sektlaune, mit der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seine Aufstockung der Filmförderung um nahezu hundert Prozent in der Öffentlichkeit kommuniziert. Aber "die Devise 'mehr Blockbuster und Serienhits made in Germany' kommt zwar griffig rüber, doch ob die gewünschten Produkte zu den Stärken der Filmproduktion hierzulande passen, ist eine andere Frage. ...  Listet man die Kinohits aus Deutschland der 2010er auf, liegen die 'Fack Ju Göhte'-Trilogie und Til Schweigers 'Honig im Kopf' vorn. Der Stoff für 'international konkurrenzfähige' Kinobeiträge sieht anders aus." Und "bei all den hollywood-inspirierten Großproduktionsfantasien scheint eine entscheidende Partei in der Angelegenheit kaum in den Blick geraten zu sein: die Kinos. Für sie gibt es im Haushaltsentwurf keine zusätzlichen Mittel. In der Branche stehen laut dem Vorsitzenden des Ausschusses Kultur und Medien Sven Lehmann, Grüne, jedoch hohe Investitionen an. Wenn die Bundesregierung nicht handle, drohe in kommenden Jahren ein 'Kinosterben'. Von seinem Durchbruch ist Weimer also noch weit entfernt."

Hanns-Georg Rodek hat für die Welt das Jerusalem Film Festival besucht, wo auch "Yes", der neue Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid gezeigt wurde, der 2019 für seinen Film "Synonyme" (unsere Festivalkritik) den Goldenen Bär der Berlinale gewonnen hatte. Sein neuer  Film - "eine wilde Satire auf das Israel nach dem 7. Oktober, auf eine Elite, die jeglichen moralischen Kompass verloren hat, auf hemmungslosen Nationalismus und kriecherisches Anpassertum" - hätte in Cannes problemlos mit Palmenaussichten im Wettbewerb laufen können, findet Rodek, wurde an der Croisette aber in einer Nebenreihe versteckt. Er "ist völlig zügellos, rücksichtslos und jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks. Aber was bleibt, wenn die Lage in dieser Weltgegend komplett zügellos, rücksichtslos und hoffnungslos ist?" Das juckt auch die Netanyahu-Regierung, die mehrfach erfolglos versucht hatte, den Film aus dem Programm zu kegeln, auch ein Störer wurde aus der Vorführung abgeführt. Sie alle haben offensichtlich "den Film nicht gesehen, denn es gibt darin auch einen achtminütigen, zutiefst berührenden Monolog, in dem eine Frau von den Schrecken erzählt, die sie am 7. Oktober 2023 erlebt hat. In einem Brief wurde verlangt, die Vorführung zu streichen, 'was wir', sagt Festival-Chef Roni Mahadav-Levin, 'selbstverständlich nicht getan haben, denn wir bewerten Filme nicht nach ihrem politischen Standpunkt'." Kurz: "Der Kulturkampf ist in vollem Gang."

Außerdem: Im Filmdienst freut sich Karsten Essen, dass Arte eben mit allen sieben Staffeln der Serie "Mad Men" ein wichtiges Stück Fernsehgeschichte der späten Nuller- und frühen Zehnerjahre online gestellt hat (wir wünschten uns aber auch mal den "Singing Detective", aber dafür sind die Arte-Redakteure  wahrscheinlich zu jung). In der FAS macht sich Bert Rebhandl (online nachgereicht) Gedanken über den mythischen Aspekt von Superman und anderen Superhelden. Christian Aust plauscht online nachgereicht in der FAS mit der Schauspielerin Catherine Zeta-Jones. Tim Caspar Boehme erinnert in der taz an Steven Spielbergs "Der weiße Hai", der vor fünfzig Jahren in die Kinos gekommen ist und das Blockbuster-Zeitalter begründet hat. Maria Wiesner gratuliert in der FAZ dem Schauspieler Billy Bob Thornton zum siebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden die Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn (online nachgereicht von der FAZ), die Arte-Serie "Das Attentat - Geheimoperation Belgrad" über die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic (Welt), neue Golfsport-Komödien mit Adam Sandler und Owen Wilson (Zeit Online) und Maren-Kea Freeses Ost-West-Culture-Clash-Komödie "Wilma will mehr" mit Fritzi Haberlandt (SZ, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2025 - Film

"Gegrüßet seist du, Pedro, voll der Gnade, der Herr ist mit dir", dichtet Kathleen Hildebrand in der SZ den katholischen Rosenkranz um und bringt damit die kultische Verehrung auf den Punkt, die dem Schauspieler Pedro Pascal in diesem Sommer entgegengebracht wird. Erst der Riesenerfolg in der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian", gefolgt von Aufritten in weiteren Serien und in Cannes, aktuell drei Filme im Kino - und das Internet steht völlig Kopf. "Das Rührende" daran: Diese Liebe hat ihren Quell nicht nur in seinem guten Aussehen. Sondern, vor allem, in seiner Nettigkeit. ... Und weich ist er auch noch: Pascal steht offen zu seiner sozialen Angststörung. Dass er bei Filmpremieren so viel kuschelt, liegt wohl daran, dass Körperkontakt ihn beruhigt."

Aus Pedro Pascals Instagram eingebettet: seine tolle Fotostrecke für Vanity Fair

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Weitere Artikel: Im Buch Zwei der SZ porträtiert Sonja Zekri den Berliner Schauspieler Kida Ramadan, der wahrscheinlich am 5. August nach einem Jahr Gefängnis aus der Haft entlassen wird. Fritz Göttler führt in der SZ durch die wechselhafte Karriere von Liam Neeson. In der FAZ gratuliert Edo Reents Volker Brandt, der als Synchronsprecher die Standardstimme von Michael Douglas ist, zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (FAS) Gabrielle Bradys auf Arte gezeigter Dokumentarfilm "Die Wölfe kommen immer nachts" über das Leben in der mongolischen Steppe (FAZ), Peter Kerekes' Doku "Unter einem guten Stern" über eine Astrologin (Standard) und Amy Odells Biografie über die Schauspielerin Gwyneth Paltrow (WamS).
Stichwörter: Pascal, Pedro, Wenders, Wim