Hili Perlson hat für die taz im Israel-Museum in Jerusalem eine Ausstellung der Fotografien von ChrisMarker besucht, die der Filmemacher einst für seinen Essayfilm "Description of a Struggle" (1960) geschossen hat. Seine "Kamera zeigte, was in den offiziellen staatlichen Darstellungen oft ausgelassen wurde. Der Filmemacher war fasziniert von den ethischen Dilemmata und ideologischen Widersprüchen Israels. In seinem Film beobachtet er gewöhnliche Menschen im Alltag und persönliche Momente. In oft stillen Szenen fing er die Komplexität, Paradoxien und frühen psychologischen Spannungen einer Gesellschaft ein, die noch in der Entwicklung war. Der Film gewann 1961 den Goldenen Bären bei der Berlinale, etwa vier Jahre, bevor die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland überhaupt aufgenommen wurden." Diese Ausstellung "richtet einen prophetischen Blick auf ein Land im Entstehen - ein Land, das Marker als 'Wunder' bezeichnete. Und sie gibt Eindruck von einer vergangenen Zeit - Israel vor dem Sechstagekrieg von 1967." Markers Film steht - allerdings ohne Untertitel - auf Youtube.
Die Kino-Neuauflage der "Nackten Kanone" (unser Resümee) unterstreicht gerade noch einmal als Ausnahme von der Regel, welchen prekären Status Komödien im Kino mittlerweile haben, schreibt Jan Jekal auf Zeit Online: In den Nuller- und frühen Zehnerjahren waren smarte bis harte Nonsense-Komödien im Kino noch dauerpräsent, heute müsste man sie eigentlich unter Artenschutz stellen. Gelacht wird heute lieber im Privatissimum von Netflix und Social Media. "Eine Komödie im Kino zu sehen, sich mit wildfremden Menschen darüber zu amüsieren, bei fliegendem Popcorn und Eiskonfekt die Kontrolle über sich selbst zu verlieren: Das gehört zu den schönsten Gemeinschaftserfahrungen, die filmaffine Menschen machen können (...) Mit dem Laptop auf dem Sofa oder dem Handy auf der Toilette krümmt sich eben niemand vor Lachen. Vielleicht wird man sich an die Wiederauflage der nackten Kanone also gar nicht als Neuanfang erinnern, sondern als einen Moment der letzten Warnung. Der Film weist darauf hin, was dem Kino gerade verloren geht."
Außerdem: Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem kambodschanischen Regisseur RithyPanh beim Locarno Film Festival. Colette M. Schmidt berichtet im Standard vom Sarajevo Film Festival. Maria Wiesner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an WolfGremmsaktuell bei Arte online stehenden Film "Kamikaze 1989" mit RainerWernerFassbinder, kurz vor seinem Tod, in der Hauptrolle.
Feinstofflichkeit und Todesahnung in dreidimensionalem Klang: "In die Sonne schauen" Dass die Kommission "German Films" MaschaSchilinskis am kommenden Donnerstag in den deutschen Kinos startenden Cannes-Erfolg "In die Sonne schauen" bei den Oscars einreichen will, ist angesichts des hohen Anspruchs, den der Film an sein Publikum stellt, durchaus "mutig", findet Hanns-Georg Rodek in der Welt. In ihrer taz-Kritik ist Barbara Schweizerhof derweil sehr umgehauen von diesem Film, der in einem assoziativen Erzählfluss das Schicksal von Frauen aus vier ganz unterschiedlichen Zeiten schildert, die alle auf einem Gutshof in Sachsen-Anhalt leben: "Das sinnliche Erinnern steht bei alldem ganz im Vordergrund. Es gewinnt durch eine herausragend fein gearbeitete Tonspur - man glaubt den Wind in den Gräsern zu hören - an Dreidimensionalität. Anders als bei Reflexionen zum Spätsommer führt es jedoch nicht ins Sentimentale. Im Gegenteil, in diesem Erinnern, das von Todesahnungen durchdrungen ist oder auch gleichsam aus dem Jenseits heraus erfolgt, wird auf ganz eigene Weise die Vielfalt der patriarchalen Gewalt spürbar, die alle Zeitebenen durchzieht."
Der Gutshof im Film ist tatsächlich jener Hof, in dem die Regisseurin mit der Drehbuchautorin LouisePeters Corona überwintert hat - und hier ist ihnen auch die Idee zu diesem Film gekommen, verrät Schilinski Bert Rebhandl im FAS-Gespräch. "Wir sind auf eine Fotografie gestoßen, ungefähr aus dem Jahr 1920. Sie wirkte wie ein Schnappschuss, was ungewöhnlich war für die Zeit. Drei Frauen standen zwischen Hühnern auf diesem Hof und schauten direkt in die Kamera. Wer waren diese Frauen? Was haben sie gesehen? Wir standen an der Stelle, wo die Person gestanden haben musste, die das Foto gemacht hat. Die Gleichzeitigkeit von Zeit, das jemand an der einen Stelle von diesem Hof steht und etwas ganz Profanes tut, von mir aus auf dem Handy zu daddeln, während jemand anderes an derselben Stelle eine existenzielle Erfahrung gemacht hat oder machen wird, hat mich filmisch sofort interessiert. Das gegeneinander zu montieren. Mit dem Hof hatten wir ein Gefäß gefunden für ganz feinstoffliche Fragen, denen wir gerne nachlauschen wollten", etwa "was sich durch die Zeiten in unsere Körper schreibt".
Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdienst die Retrospektive des Locarno Film Festivals, das in diesem Jahr aufs britischeNachkriegskino geblickt hat. Matthias Penzel und Ambros Waibel haben für die taz die Schauspielerin YSaLo besucht, die einst für Fassbinder vor der Kamers stand. Hanns-Georg Rodek schreibt im Filmdienst zum Tod von TerenceStamp (weitere Nachrufe bereits hier). In der Langen Nacht von Dlf Kulturerinnert Jörg Magenau an Manfred Krug. Hannes Stein informiert sich für die Welt im Kino der Neunzigerjahre und insbesondere in Filmen, in denen MichaelDouglas die Hauptrolle spielte, über die Ursprünge der Männlichkeitshysterie heutiger fragiler Männer. Jan Küveler denkt in der WamS über die Geschichte des Rachefilms nach und wie dieser Gewalt "pornografisch" codiere. Max Florian Kühlem porträtiert für die SZ das filmschaffende Schwesternpaar Yasemin und Nesrin Şamdereli. Martin Scholz plaudert für die WamS mit den Schauspielern OliviaColman und BenedictCumberbatch (letzteren müssen wir übrigens korrigieren: Bei der Musik der britischen Musikgruppe NapalmDeath handelt es sich nicht um Death Metal, sondern um Grindcore).
Besprochen werden FrançoisOzons "Wenn der Herbst naht" (WamS), MartínRejtmansauf Arte gezeigter argentinischer Yogalehrer-Film "La Practica" (FAZ), die auf MagentaTV gezeigte Serie "The German" (Jungle World) und die ZDF-Serie "Chabos" (Zeit Online).
Sperriger Film, aber vielleicht bald mit Oscar-Chancen: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski MaschaSchilinskis Mehr-Generationen-Porträt "In die Sonne schauen" hat bereits in Cannes für sehr viel Aufsehen gesorgt (unser Resümee), jetzt soll der Film, der in einer Woche regulär in den hiesigen Kinos startet, als deutscher Beitrag ins Oscarrennen gehen. Durchaus "mutig" findet David Steinitz in der SZ die Wahl: Zwar hat der Film an der Croisette "eine umjubelte Premiere gefeiert, ist vermutlich aber die sperrigste Option unter den diesjährigen Kandidaten gewesen. Die Konkurrenten sind allesamt deutlich konventioneller und klassischer erzählt und inszeniert." Und "die Oscar-Academy hat in den vergangenen Jahrzehnten oft genug demonstriert, dass sie es nicht allzu experimentell mag."
In den Kinocharts stapeln sich derweil Remakes, Prequels, Sequels und Reboots und also die geballte Fülle des längst Bekannten. "Das gegenwärtige Wiederholungskino ist wohl weniger Symptom einer Kreativitätskrise als ein Gradmesser für die abnehmende Lust auf Neues und auf Herausforderungen beim Konsumieren von Filmen und Geschichten", vermutet Nadine A. Brügger in der NZZ, nachdem sie bei Filmwissenschaftlern und Psychologen um Expertisen gebeten hat. "Die Zukunftslust ist einer Vergangenheitssehnsucht gewichen. Man will nun lieber erinnert als inspiriert werden. Das hat Hollywood erkannt."
Besprochen werden CelineSongs "Materialists" (Standard, unsere Kritik), ElmarImanovs "Der Kuss des Grashüpfers" (taz), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (NZZ).
Glotzt nicht so romantisch! "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal Mit ihrem Beziehungs/Freundschaftsdrama "Past Lives" sorgte CelineSong vor zwei Jahren insbesondere rund um die Oscars für viel Aufmerksamkeit (unsere Kritik), jetzt kommt sie mit der RomCom "Materialists" zurück in die Kinos. Der Film handelt von einer Datingagentur in New York, bei der Dates als Investment in die eigene Zukunft gesehen werden und es straff um den Marktwert aller Beteiligten geht. Die Regisseurin "seziert zunächst mit grausamer Präzision das mal von freudlos rationalen, mal von weltfremd idealisierten Erwartungen geprägte Datingverhalten moderner Großstädter", schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. Doch "Song gelangt selten über die Beobachtung hinaus, dass Menschen hoffnungslos überdeteminiert sind. In ihrer Selbstwahrnehmung wie auch in ihrem Begehren sind die Figuren derart von weltfremdem Idealismus und Selbstzweifeln getrieben, dass sie kaum noch Luft zum Atmen, geschweige denn Kraft zum Lieben haben. ... Stattdessen kommen die Figuren in der Gegenwart kaum noch aus dem Problemgewälze heraus. Selbst wenn es doch einmal romantisch wird, fühlt man sich wie in einem Verhandlungsgespräch oder beim Psychologen, wo unaufhaltsam persönliche Komplexe und ökonomische Zwänge durchdiskutiert werden." Weitere Besprechungen in der FR und auf Artechock.
Auf Artechockmacht sich Rüdiger Suchsland Gedanken zu den Menschen, die sich auf Festivals vor allem Retrospektiven ansehen oder gar (wie auch ein großer Teil des Perlentaucher-Filmkritikteams) zu ausschließlich retrospektiven Filmfestivals wie in Bologna reisen. Alles bloß Nostalgiker, die aus dem Gestern nicht ins Heute finden? Nicht zwingend. "Früher war nicht alles besser. Aber früher gab es ein Kino, das es heute nicht mehr gibt, und ein Verhältnis zum Kino, das es heute nicht mehr gibt, und darum geht es. Es geht um die Sehnsucht nach den heute unausgeschöpften Möglichkeiten des Kinos und des Filmemachens" oder "vielleicht auch mit einer Sehnsucht, bestimmten Gefahren zu begegnen und Erfahrungen zu machen, die man heute nicht mehr so leicht machen kann. ... Die Filme der Locarno-Retrospektive sind nicht zu trennen von dem, was mal Kino war: eine alltägliche Praxis. Nichts Besonderes, kein Event, kein bedeutungsvoller Akt, in dem es darum ging, Probleme zu illustrieren." Gewidmet war die Retrospektive dem britischen Nachkriegskino - auf critic.deresümiert Till Kadritzke.
Außerdem: Sofia Glasl verneigt sich im Filmdienst vor dem Komiker SteveMartin, der vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden ist. Für die Zeit porträtiert Katja Nicodemus die Regisseurin MaschaSchilinski und die Cutterin EvelynRack, deren Film "In die Sonne schauen" in Cannes erheblich für Aufsehen gesorgt hat und in einer Woche in die deutschen Kinos kommt.
Besprochen werden SimonJaquemets SF-Film "Electric Child" (Perlentaucher, critic.de), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (Standard), TimoTjahjantos Actionfilm "Nobody 2" (Artechock, Welt), die DVD-Ausgabe von MarceloCaetanos "Baby" (taz), die Netflix-Serie "Death Inc" (FAZ), die Joyn-Serie "Messiah Superstar" (FAZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigtes, deutsches Erotikdrama "Fall For Me" ("aus dem Akt wird jegliche Erotik eliminiert", stöhnt David Steinitz in der SZ).Tagesspiegel und Filmdienst blicken außerdem auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Besprochen werden CelineSongs RomCom "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (taz, Welt, FAZ) und die ARD-Doku "The Bibi Files - Die Akte Netanjahu" (FAZ).
Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers TerenceStamp. Ende der Sechziger prägte Stamp mit seinem Gesicht den europäischen Film zwischen Autorenkino und Pop-Art-Entertainment: 1968 spielte er den Namenlosen, der in Pasolinis "Teorema" eine ganze bürgerliche Familie verführt. "Gerade hatte er mit Federico Fellini einen Kurzfilm nach Edgar Allan Poe ('Toby Damnit') gedreht, und im Jahr zuvor hatte er mit Julie Christie in der opulenten Thomas-Hardy-Verfilmung 'Die Herrin von Thornhill' und in Ken Loachs erstem Spielfilm 'Poor Cow' vor der Kamera gestanden. Stamp, 1938 geboren, gehörte wie Christie, David Hemmings und Malcolm McDowell zu jener Schauspielergeneration, die für den Neuanfang des britischen Kinos in den Sechzigerjahren stand. Sie alle hatten erlebt - genauso wie viele der Regisseure, mit denen sie drehten -, wie ihre Väter als psychischeWracks aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen. Sie suchten nach einem neuen Ausdruck für ein neues Lebensgefühl, und das Kino bot ihnen dafür die ideale Bühne."
"Die 'Swinging Sixties' haben viele Gesichter", schreibt Jenni Zylka in der taz, doch "in seins schaute man besonders gern". Er war "einer der energetischsten britischen Schauspielrebellen jener Zeit. Der im Londoner East End aufgewachsene 'Cockney' Stamp, ein 'Blitz'-Überlebender mit verträumten Katzenaugen, zeigte früh sein enormes Schauspieltalent. Mit 24 wurde er für Peter Ustinovs 'Billy Budd' für einen Oscar nominiert, 1965 spielte er im vielleicht ersten echten Incel-Film 'The Collector' von William Wyler derartig verstörend einen pedantischen, isolierten Mann, der eine Frau entführt und sie schließlich sterben lässt, dass es einen schaudern lässt."
An der Seite der großen Monica Vitti sang er im Pop-Art-Eurospy-Fluff "Modesty Blaise" beim Verzehr einer riesigen Menge Eiscreme:
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das FilmfestivalLocarno (mehr dazu bereits hier). Der Filmemacher Samir Jamal Aldinkritisiert in der NZZ die SchweizerFilmförderung. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Filmplakatgestalters JoeCaroff, der unter anderem das ikonische 007-Logo geschaffen hatte. Besprochen werden CelineSongs RomCom "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (Tsp), die Arte-Doku "WimWenders: Der ewig Suchende" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (Welt).
Wortkarge Philosophie: "Two Seasons, two Strangers" gewinnt in Locarno Das FilmfestivalLocarno ist am Wochenende mit einem Goldenen Leoparden für ShoMiyakes "Two Seasons, Two Strangers" zu Ende gegangen. Dieser Film "hätte auch den Wettbewerben von Cannes oder Venedig zu Ehren gereicht", schreibt ein sichtlich beeindruckter Daniel Kothenschulte in der FR. "Zwei Geschichten sind darin durch die Tatsache verbunden, dass die Autorin der ersten zur Protagonistin der zweiten wird. Auch wenn ihre Feder gleich zu Beginn das Setting der Begegnung einer Jungen Reisenden mit einem melancholischen jungen Mannes an einer Küstenstatt entwirft, ist man doch von der Zäsur nach dem ersten Drittel mehr als überrascht: Da erweist sich die hypnotische Erzählung, der man gerne weiter gefolgt wäre, als Film im Film". So "beginnt eine Reflexion über das Schreiben selbst und den Einfluss der Sprache auf die Konstruktion von Wirklichkeit. In seiner wortkargenPhilosophie erinnert der Film an die Werke des derzeit vielleicht einflussreichsten japanischen Filmkünstlers, Teruhisa Yamamoto."
Ein Theater der Klassen: "Sehnsucht in Sangerhausen" Diesem Lob für den Gewinnerfilm kann sich Patrick Wellinski im Tagesspiegel unumwunden anschließen. Allein schade findet er es, dass die Jury JulianRadlmaiers "Sehnsucht in Sangerhausen" beim Preisregen nicht bedacht hat, zumal sich dieser "intelligente Reigen" als "heimlicher Publikumsfavorit des Festivals" entpuppte. Der Regisseur "erzählt mehrere Geschichten aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, beginnt bei einem Hausmädchen des Dichters Novalis im 18. Jahrhundert und wandert dann in die Gegenwart, um sich zwei Frauen zu widmen, die nach Heimat und Halt suchen. In episodischen, leichtfüßigen Szenen entfaltet sich dort ein kleines Theater der Klassen und Zugehörigkeiten. (...) Radlmaiers Blick auf Ostdeutschland, seine Identitätskrise und utopische Hoffnung ist dabei zärtlich und ehrlich zugleich, durchdrungen von einer Bodenständigkeit, die nichts beschönigt. Das Ergebnis: ein Film wie ein Novalis-Gedicht in volkstümlicher Variation - keine blaue Blume für die Aristokratie, sondern ein schlichter blauer Stein für die, diewenighaben." Michael Ranze resümiert derweil in der FAZ, dass die großen klingenden Namen aus der Welt des Autorenkinos mit ihrem Filmen in diesem Jahrgang eher enttäuschten.
Frauen in Iran: "The Witness" von Nader Saeivar Themenwechsel zum aktuellen Kinogeschehen in Deutschland: Kommenden Donnerstag startet NaderSaeivars iranisches Drama "The Witness" bei uns. Am Drehbuch hat JafarPanahi mitgeschrieben. Der Film handelt von einer Frau, die beobachten muss, wie eine Freundin von ihrem Mann, einem hochrangigen Regierungsbeamten, umgebracht wird. "Doch wie beweist man einen Femizid, wenn die Regierung den Täter schützt und der öffentliche Vorwurf Tarlans eigenes Leben in Gefahr bringt", schreibt Monika Rathmann in der SZ. Der Regisseur "führt einen langsam durch diese schwer ertragbaren Gewissheiten." Der Film "verdeutlicht die patriarchalen Machtverhältnisse vor allem durch das im Film so genannte Gesetz zum 'Mord im Ehebett'. Es erlaube dem Ehemann, seine Frau und deren Liebhaber zu töten, wenn er die Ehebrecher in flagranti erwischt. Der Mann darf also nicht nur bestimmen, ob seine Frau arbeitet und wie sie sich kleidet. Er entscheidet auch, ob sie leben darf."
Außerdem: Raweel Nasir verneigt sich in der taz vor der von Sarah Jessica Parker gespielten Serienheldin CarrieBradshaw, deren Geschichte mit der letzten Folge des "Sex and the City"-Ablegers "And Just Like That" nun zu Ende erzählt ist. Sandra Kegel erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an RobertAldrichs Psychothriller "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" mit BetteDavis und JoanCrawford. Requisiten des "DowntownAbbey"-Franchise werden versteigert, meldet Anne Reimers in der FAZ. Und die Agenturen melden, dass der Schauspieler TerenceStamp gestorben ist.
Besprochen werden JulianVogels und JohannesBüttners Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" über einen Vegan-Influencer, der sich wie einst Attila Hildmann in die antisemitischeWirrnis des "Reichsbürger"-Unwesens verirrt hat (Jungle World), CédricKlapischs "Die Farben der Zeit" (online nachgereicht von der FAZ) ÓliverLaxes Wüstenfilm "Sirat" (Jungle World, SZ, unsere Kritik) und CelineSongs "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (SZ).
"One Piece" von Eiichiro Oda Manuel Stark durchleuchtet in der NZZ äußerst eingehend den Manga- undAnime-Hype der letzten Jahre. Ausgangspunkt für ihn ist der sagenhafte Erfolg der Manga-Serie "One Piece", deren Erfolg ihren AutorEiichiroOda zum zweiterfolgreichsten noch lebenden Schriftsteller der Welt gemacht hat. Auch die Zeichentrickadaption, die seit bald 30 Jahren ununterbrochen läuft, schlägt alle Rekorde. Und es stimmt schon, "'One Piece', aber auch Animes im Allgemeinen sind in ihren Aussagen selten subtil, sie sind oft übertrieben sentimental. Vielleicht erklärt sich damit aber gerade ihr Erfolg. In einer immer komplexeren Welt, in der die Nachrichten von Kriegen und Krisen dominiert werden, tun einfache Botschaften gut: Verhalte dich richtig, dann geschieht dir Gutes. Gerade durch die beinahe lächerliche Schlichtheit in vielen ihrer Botschaften gelingt Anime-Serien etwas, nach dem sich Menschen sehnen: Sie geben das Gefühl von Orientierung, man glaubt, die Regeln der Welt endlich wieder zu verstehen - auch wenn diese Regeln nur für den fiktiven Kosmos einer Geschichte gelten."
Weitere Artikel: Die Times of Israelmeldet, dass das Toronto International Film Festival in einem Statement bekanntgegeben hat, BarryAvrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" über die Hamas-Massaker vom 7. Oktober nach Protesten nun doch zu zeigen (unsere Resümees zum kurzfristigen Rauswurf des Films hier und dort). Jörg Taszman spricht im Filmdienst mit CédricKlapisch über dessen aktuellen Kinofilm "Die Farben der Zeit". Das FilmfestivalLocarno war in diesen Jahr "gelungen", hält Urs Bühler in der NZZ fest, allerdings waren die Programmhöhepunkte Übernahmen aus Cannes. Jakob Thaller blickt für den Standard auf die österreichischen Produktionen im Festival. Im "Buch Zwei" der SZ porträtiert David Steinitz Michael "Bully" Herbig, der gerade seinen neuen (im Freitag und in der FAS besprochenen) Film "Das Kanu des Manitu" in die Kinos gebracht hat (unsere Kritik).
Besprochen werden DominikGrafs Buch "Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei" (FD), MaxAhrens' und MaikLüdemanns Dokumentarfilm "Kein Land für Niemand" über die Entwicklung der MigrationspolitikinEuropa (taz), ÓliverLaxes "Sirāt" (FAZ, unsere Kritik), BenjaminCarons Netflix-Thriller "Night Always Comes" (Tsp), NatalieHallas vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Die letzte Botschafterin" über die regierungslose Diplomatin ManizhaBakhtari (Standard), JosephineFrydetzkis auf Artegezeigter Film "Tage mit Naadirah" (FAZ) und die zweite Staffel der ARD-Dokuserie "Unparteiisch - Deutschlands Elite-Schiedsrichter" (FAZ).
Die Jüdische Allgemeinemeldet (unter einer etwas zugespitzten Überschrift), dass das Toronto International Film FestivalBarryAvrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" nach internationalen Protesten nun doch zumindest "möglicherweise" zeigen will. Der Film beinhaltet auch Videoaufnahmen von Hamas-Terroristen ihres Massakers vom 7. Oktober und wurde vom Festival vorgeblich wegen ungeklärter Bildrechte an diesem Material kurzfristig wieder aus dem Programm genommen. Hat Festivalleiter CameronBailey nun doch ein Einsehen, dass es gelinde gesagt kurios erscheint, mit Massenmördern um urheberrechtliche Lizenzen verhandeln zu wollen? Nicht ganz, im Grunde beharrt das Festival auf seinem Standpunkt und windet sich in schönster Pressemitteilungsprosa aus der Sache: "Bailey wies Zensurvorwürfe entschieden zurück und bezeichnete sie als 'eindeutig falsch'. Er betonte, dass das Festival weiterhin mit den Filmemachern zusammenarbeite, um die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Vorführung zu klären. 'Ich habe unsere Rechtsabteilung gebeten, gemeinsam mit den Filmemachern alle verfügbaren Optionen zu prüfen', erklärte Bailey. Gleichzeitig bat er um 'Geduld und Verständnis, während wir uns in diesem komplexen Umfeld bewegen'."
Gleich wird es besonders lustig: "Das Kanu des Manitu" Mit seinem ursprünglich als Komödie gemeinten Film "Das Kanu des Manitu" versucht Michael "Bully" Herbig an seinen Riesenerfolg von "Der Schuh des Manitu" von 2001 anzuschließen, zeigt dabei aber das deutsche Kino mal wieder von seiner tristen Seite: Eine freudlose, zu erduldende Sache, die einem mit voranschreitender Spielzeit das Gesicht versteinern zu lassen droht. Es ist wirklich "kaum zu fassen", stöhnt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher: "Das Drehbuch ... insistiert geradezu trotzig darauf, dass keine Zeit vergangen sei. Alles in diesem Film ist genau wie damals, als Kontinuität zwischen beiden Filmen dient nicht nur der erzählerische Ausgangspunkt - eine Parodie auf schon 2001 olle deutsche Karl-May-Verfilmungen -, sondern vor allem das, was einen hier fast anderthalb Stunden in den Sessel drückt: die radikale Abwesenheit von Wortwitz, Timing und Ideen bei der gleichzeitigen Ansage, dass es jetzt aber gleich mal besonders lustig werden wird."
Sehr melancholisch wird Rüdiger Suchsland auf Artechock, wenn er beim Filmfestival Locarno die aktuelle und im einzelnen auch gut gemachte und gut gemeinte Konfektionsware der Arthaus-Produktion neben einem Kracher wie JackieChans Hongkongklassiker "Police Story" aus den Achtzigern sieht, der dort an der Piazza ebenfalls in einer Hommage gezeigt wurde: "Joachim Trier nimmt sich selbst und seinen Stoff ernst und vermeidet ängstlich jeden Anhauch von 'schlechtem Geschmack', während Jackie Chan mit dem schlechten Geschmack unaufhörlich spielt. Überhaupt ist das Spielerische Joachim Triers Sache nicht - sein Film hat Exzess nur da, wo er in irgendeiner Weise notwendig ist und einen höheren Sinn erfüllt, also so könnte man sagen, da, wo er nicht exzessiv ist, sondern effizient." Es "ist eigentlich ein viel weniger normierter Film, er ist weniger verengt als die meisten Filme, die heute ins Kino kommen."
Weitere Artikel: Zu WimWenders' 80. Geburtstag (mehr dazu hier in unserem Resümee und dort bei Artechock) sprechen Jochen Wegner und Christoph Amend im Zeit-Interviewpodcast sieben Stunden lang mit dem Regisseur über die Zukunft des Kinos. Dunja Bialas ärgert sich auf Artechock, dass in den Räumlichkeiten des früheren Münchner Traditionskinos am SendlingerTor nun die Zeiten der Zwischennutzung angebrochen sind und ein Popup-Café dort halt gemacht hat. In der FAZ (online nachgereicht) gratuliert Dietmar Dath SteveMartin zum 80. Geburtstag. Und Cancel Culture in Frankreich: Jugendliche haben nach homophoben und frauenfeindlichen Gewaltandrohungen dafür gesorgt, dass eine Vorführung von Greta Gerwigs "Barbie" in Noisy-le-Sec bei Paris abgesagt werden musste, melden die Agenturen - Genaueres in einem Kommentar von Laurent Joffrin in lejournal.info.
Besprochen werden JulianVogels und JohannesBüttners "Reichsbürger"-Doku "Soldaten des Lichts" (FR), OliverLaxes "Sirāt" (Standard, Artechock, unsere Kritik) und CédricKlapischs Komödie "Die Farben der Zeit" (Welt, Artechock). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
WimWenders wird heute 80 Jahre alt. Ja, seine Filme zieht es in die Ferne, sie durchmessen und greifen Raum, "vom erzählerischen Gestus her aber ist er alles andere als ein expansionswütiger Herrscher", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Filmen heißt für Wenders bis heute, die Einbildungskraft offenzuhalten - nicht, sich Stoffe gewaltsam zu unterwerfen. Von Beginn an schöpfte er aus einem 'sense of place', der Landschaften und städtische Szenerien zum Ausgangspunkt seiner Geschichten machte. ... Amerika war nicht zufällig das mythische Land, auf das er seine Unendlichkeitssehnsucht projizierte. Die statuarische Macht von John Fords Western, allen voran den 'Searchers', hatten sich in sein romantisches Gemüt eingesenkt." Doch "das Amerikabild in den Filmen von Wim Wenders hat Risse und Brüche, sie werden bald Dokumente sein eines amerikanischen Jahrhunderts, das entschwunden scheint und sich im Blick des Europäers vielleicht wahrhaftiger spiegelt als in der Wahrnehmung Hollywoods", hält Susan Vahabzadeh in der SZ fest.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wenders, der Reisende, dieses Bild "stimmt nur zum Teil", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Denn zum Reisen gehört der Aufbruch von zu Hause und die Bewegung auf ein Ziel hin. Aber Wenders' Reisende haben kein Ziel und ihr Zuhause längst hinter sich." Erst seitdem Wenders mit "Der Himmel über Berlin" den Blick sehnsüchtig auf Deutschland gelegt hat, "hatten die Reisen auf einmal ein Ziel. Der einsame Wanderer Wenders wollte zum epischenErzähler werden, die Männergeschichten mit weiblichem Randpersonal sollten sich zu Gesellschafts- und Weltpanoramen dehnen. Dass das in 'Bis ans Ende der Welt' nicht funktionierte, hat Wenders bis heute nicht verwunden, wie man in einem gerade im Verlag der Autoren unter dem Titel 'Wesentliches' erschienenen Essayband nachlesen kann."
Mehr Wenders: Reinhold Zwick widmet sich im Filmdienst der Spiritualität in Wenders' Filmen. Arte und etwas weniger umfangreich auch die ARD würdigen Wenders in ihren Mediatheken. In den Radioanstalten der ARD hingegen fühlte sich für Wenders offenbar niemand zuständig. Anthony D'Allesandro meldet auf Deadline, dass das Toronto International Film Festival Barry Avrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" kurzfristig wieder aus dem Programm genommen hat. Der Film zeigt Videomaterial, mit dem Hamas-Terroristen ihr genozidales Massaker vom 7. Oktober dokumentiert haben. Das Festival gibt an, den Film aufgrund angeblich ungeklärter Rechte am betreffenden Material nicht zeigen zu können. "Quellen berichten uns, dass das TIFF wegen des potenziellen Risikos gewalttätiger Proteste Abstand von dem Film genommen hat". Außerdem informierten Quellen, dass das Festival den Produzenten Auflagen gemacht habe, sollten die Filme im Programm gezeigt werden. Ihnen wurde mitgeteilt, "dass sie redaktionelle Änderungen vornehmen müssten". Das Festival bestreitet dies.
Weitere Artikel: Esthy Baumann-Rüdiger schreibt in der NZZ über die junge Schauspielerin SydneySweeney, der in Hollywood gerade insbesondere vom rechten politischen Spektrum die Herzen zufliegen. Beim FilmfestivalLocarno mag die Schweizer Serie "The Deal" gerade sehr ankommen, doch aufatmen kann die schwächelndeSchweizerFilmbranche noch lange nicht, schreibt Urs Bühler in der NZZ. Dietmar Dath gratuliert in der FAZSteveMartin zum 80. Geburtstag. Vor 50 Jahren lief die "Rocky Horror Picture Show" in den Kinos an und entwickelte sich schließlich zum Kultphänomen, erinnern Sara Piazza (taz) und Christian Schachinger (Standard).
Besprochen werden IbrahimNash'ats im ersten Jahr nach deren Machtübernahme entstandener Dokumentarfilm "Hollywoodgate" über die Taliban in Afghanistan (FD, Jungle World), OliverLaxes "Sirat" (FD, FR, unsere Kritik), CédricKlapischs "Die Farben der Zeit" (taz, Freitag), Danny und MichaelPhilippous Arthouse-Horrorfilm "Bring Her Back" (taz), die Disney-Serie "Alien:Earth" (Welt, FAZ, mehr dazu bereits hier), eine BluRay-Neuausgabe von Anthony Manns Westernklassiker "Nackte Gewalt" (FD) und Michael "Bully" Herbigs neuer Blödel-Western "Das Kanu des Manitu" (unsere Kritik, FD, FAZ, Standard, FR, NZZ, Welt).
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