Ebenfalls in der FRbespricht Sylvia Staude den Tanzabend "Chronicles" am Staatstheater Wiesbaden. Gut gefällt ihr, wie Claude Debussys "L'Apres-midi d'un faune" in Ballett übersetzt wird. Choreografin "Liliana Barros zeigt freilich keinen sexy und selbstbewussten Faun, sondern einen ein bisschen verstörten, vogelartig staksenden und suchenden. So zart verschachtelt wie kurios sind seine Handbewegungen. Der für diese Rolle perfekte, extrem langgliedrige Ramon John trägt zwar einen Glitzerbody, dazu aber halblange Turnhosen und klobige Turnschuhe (Kostüm: Barros). Drei später dazukommende Kollegen heben, stützen und schieben ihn auch mal. Ein hübsch rätselhafter, immer wieder auch tierchenhafter Faun; selbst wenn es eine Nymphe gäbe in dieser Choreografie, würde er ihr wohl nicht nachstellen."
Außerdem: Michael Wurmitzer beschäftigt sich in seiner Standard-Glosse mit dem teils ziemlich angestaubten Repertoireprogramm der WienerStaatsoper. Esther Slevogt empfiehlt auf nachtkritik, wieder einmal die Theatertheorie Peter Szondis zu lesen. Ulrich Seidler interviewt für die Berliner Zeitung den angehenden neuen Volksbühnen-Chef Matthias Lilienthal.
Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Martin Crimps "Angriffe auf Anne" an der Berliner Schaubühne (taz, "Spiel mit hoher Geschwindigkeit"), die beiden am Wiener Burgtheater aufgeführten Marius-von-Mayenburg-Stücke "Egal" und "Ellen Babić" in einer Doppelbesprechung (SZ, "rasanter Edelboulevard"), "Fürst*in Ninetta" im Wiener Dianabad, die Disco-Version einer Johann-Strauß-Operette (Standard, "eine Inszenierung, die zugleich berauscht und verstört"), Gustav Holsts "Savitri" und Arnold Schönbergs "Erwartung" am Staatstheater Saarbrücken in einer Doppelbesprechung (nmz, "Die Kombination hat durch die Werkwahl mehr Kontrastschärfe als durch die Inszenierung"), Ethel Smyths Oper "Standrecht" am Staatstheater Schwerin (nmz, "vielseitig, lebhaft und klangschön") und Ewald Palmetshofers "König Arthur" (Standard, "viel hilft hier eher weniger als viel").
Szene aus "Norma". Bild: Monika Rittershaus Gleich über zwei Inszenierungen von Bellinis Oper "Norma" darf sich Wien aktuell freuen, den Anfang macht das Theater an der Wien unter der Regie von Vasily Barkhatov, der "den notorischen Mistel- und Mondkitsch von Norma" vermeidet, indem er die Handlung an den Beginn des 20. Jahrhunderts bugsiert", freut sich Standard-Kritiker Christoph Irrgeher: "Statt römischer Legionäre treten hier kommunistische (?) Soldaten als Eroberer auf, statt einer heidnischen ist eine christliche Gemeinde das Opfer." Der eigentliche Höhepunkt ist aber der litauische Opernstar Asmik Grigorian in der Titelrolle, so Egbert Tholl in der SZ: "Es ist gar nicht einmal die weltberühmte 'Casta Diva'-Arie, mit der Asmik Grigorian an diesem Abend am stärksten betört", sondern "Grigorians abermals stupende Fähigkeit, eine Opernfigur, und sei sie in einem noch so eskapistischen Kontext erfunden, einem ganz nah kommen zu lassen. Man folgt ihrer Norma in jede kleinste Verästelung des weitwuchernden emotionalen Geflechts, das Grigorian hier ausbreitet."
Bitterböse rechnet Tilman Krause derweil in der Welt mit der hiesigen Theaterlandschaft ab, der er am liebsten alle Subventionen streichen möchte. Denn Krause hat die Nase voll von "der Rumhampelei, dem Video-Firlefanz, den Brüllorgien und einem alles niederwalzenden Hang zum Vulgären": "Vordergründige Aktualisierungen, Überschreibungen im Licht modischer Diskurse, aber auch die lange Zeit so beliebten Dekonstruktionen haben sich totgelaufen. Wirklich innovativ wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein inszenatorischer Zugang zum dramatischen Erbe, das sich auf dessen Fremdheit einlässt, um dann vielleicht gerade aus der Andersartigkeit dieser Texte eine Botschaft für heute herauszupräparieren. Dafür muss man die Bedürfnisse der Menschen nach unvoreingenommener Nachdenklichkeit im Umgang mit dem kulturellen Erbe wieder ernst nehmen."
Besprochen werden Philipp Krenns Musiktheater-Adaption von Jon Fosses Erzählung "Schlaflos" am Staatstheater Braunschweig (taz), Fabian Sicherts Inszenierung von Gustav Holsts Kammeroper "Savitri" am Staatstheater Saarbrücken (FAZ) und Lilja Rupprechts Inszenierung von Martin Crimps "Angriffe auf Anne" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).
Szene aus "Festen" an der Royal Opera. Foto: Marc Brenner. Ein "dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück" bekommt FAZ-Kritikerin Gina Thomas im Königlichen Opernhaus in London serviert. Die Kritikerin staunt nicht schlecht: Mark-Anthony Turnage hat aus Thomas Vinterbergs Kult-Film "Das Fest" eine Oper konzipiert. Das widerspricht zwar nicht nur einem der "Dogma-95"-Prinzipien, nach denen Vinterbergs Film gedreht ist (zum Beispiel "keine untermalende Musik"). Dafür gelingt es dem Regisseur laut Thomas hervorragend, die düstere Geschichte über eine Familienfeier, auf der der jahrelange Missbrauch der Kinder durch den Vater aufgedeckt wird, auf die Bühne zu bringen: "Trotz der hochkarätigen Besetzung nimmt niemand eine Starrolle ein. Alle glänzen auch in den kleinsten Partien, wie der des von John Tomlinson verkörperten Großvaters, der die Pointe seiner schmuddeligen Anekdote nicht mehr zusammenkriegt, oder Susan Bickley als dessen Frau, die mit einem verträumten Volkslied vom Horror ablenken will. Turnage hat ein dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück komponiert, dem er in einem hundert Minuten dauernden Fluss jazziger Rhythmen, mokanter Kontrapunkte und ominös anschwellender Passagen für ganzes Orchester dramatische Intensität verleiht."
Im Guardian ist Andrew Clements ebenfalls restlos begeistert und attestiert "makelloses dramatisches und musikalisches Tempo": Drehbuchautor Lee Hall hat einen straffen, schnörkellosen Text zur Verfügung gestellt, in dem kein Wort verschwendet wird, so dass die schreckliche Geschichte, die sich beim Abendessen zum sechzigsten Geburtstag des Hotelbesitzers Helge abspielt, von einer Familie, die durch Kindesmissbrauch zutiefst gezeichnet ist und von einem Selbstmord heimgesucht wird, in einer einzigen 95-minütigen Spanne präsentiert wird, die vom ersten bis zum letzten Moment packt, bewegt und entsetzt."
Weitere Artikel: nachtkritiker Janis El-Bira fragt sich, warum die Theater so gern Georg Büchners "Woyzeck" spielen. Verena Harzer besucht für die taz das Berliner Kostümkollektiv, das Theaterkostüme neu aufbereitet.
Besprochen werden Sapier Hellers Inszenierung von Hanoch Levins Komödie "Dingens" am Schauspiel Frankfurt (FR), K.D. Schmidts Inszenierung von Philip Glass' Oper "The Fall of the House of Usher" am Staatstheater Mainz (FR), Lorenz Noltings Inszenierung von "Oklahoma" inspiriert von Franz Kafka am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Mizgin Bilmens Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Thomas Jonigks Doppelinszenierung von Marius von Mayenburgs Stücken "Egal" und "Ellen Babić" am Akademietheater Wien (nachtkritik) und Kurdwin Ayubs Inszenierung ihres Stücks "Weiße Witwe" an der Berliner Volksbühne (taz).
In der FRzeigt sich Sylvia Staude beeindruckt, wie frisch und aktuell Jura Soyfers "Der Weltuntergang" wirkt. Soyfer war im Alter von 27 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus gestorben. Sein Stück "Der Weltuntergang", 1936 nur kurz aufgeführt, hat jetzt Michael Quast an der Frankfurter Volksbühne inszeniert: "Man merkt, die Volksbühne - Quast zeichnet für Bühnenbild und Regie verantwortlich - hat ein wenig aktualisiert, womöglich auch beim Wort 'Dekrete', auf die die Sonne ebenso stolz ist wie ein gewisser Trump. Allerdings staunt man auch, wie die Szenen keineswegs verstaubt wirken, wie präzise die Eitelkeit eines Adolf Hitler aufgespießt wird ('zum Zerschmettern bin ICH da', sagt eine AH-Puppe, wütend) - und der Weltuntergang an sich droht sowieso jederzeit. Da bräuchte es noch nicht einmal den neu dazugekommenen Klimawandel. Es ist der Umgang des Menschen mit einer so gewaltigen Gefahr, aus der Soyfer seinen Witz vor allem schöpft."
Weitere Artikel: Eva Behrendt stellt in der tazLena Brasch vor, Nichte von Thomas, die gerade am Gorki-Theater "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" inszeniert. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) sucht Stefana Sabin nach der Quelle von Shakespeares italienischen Inspirationen, und Martina Wagner-Egelhaaf überlegt, warum das Dämonische auf der Bühne und in der Literatur gerade so beliebt ist.
Besprochen werden Doris Uhlichs Choreografie "Come Back Again" im Brut-Theater mit der 82-jährigen Ballerina Susanne Kirnbauer-Bundy (Standard), Eva Meyer-Kellers Performance "Turn the P/Age", die in den Berliner Sophiensälen "kreative Bilder für hormonelle Prozesse menopausierender Frauen" sucht (nachtkritik) und Stefan Vögels "Bis dass der Tod" an der Frankfurter Komödie (FR).
"Die Liebe der Danae." Bild: Monika Rittershaus. "Geradezu mustergültig" inszeniert Claus Guth Richard Strauss' vorletzte Oper "Die Liebe der Danae" in der Bayrischen Staatsoper, lobtNZZ-Kritiker Marco Frei, dem der Bezug zwischen der Entstehungsgeschichte während des Nationalsozialismus und den Populisten von heute natürlich nicht entgangen ist: "Guth nimmt die von der Weltgeschichte überschattete Werkgenese zum Anlass, um die Handlung an heutigen Verhältnissen zu spiegeln - im Gewand einer Dystopie. Aus dem Königreich, in dem Pollux, der Vater Danaes, verschwenderisch herrscht, wird ein Wolkenkratzer - wohl der Trump-Tower in New York (…) Zudem scheint Trumps schöne neue Weltordnung Geister einer Zeit wiederzuerwecken, die man eigentlich überwunden glaubte. Hier setzt Guth an und skizziert zugleich einen möglichen Ausblick in die Zukunft. Im Verlauf des Abends bricht nämlich die Glitzerwelt im Trump-Tower zusehends in sich zusammen. Bald rauchen Ruinen, im Wolkenkratzer hausen Obdachlose. Als ein Helikopter vor der Fensterfassade auftaucht, machen die Gestrandeten auf sich aufmerksam, doch die letzte Rettung fliegt einfach davon."
Weiteres: Die deutsche Choreografin Sasha Waltz und der isländisch-dänische Künstler Ólafur Elíasson bekommen den mit 20 000 Euro dotierten Helmut-Schmidt-Zukunftspreis, meldet die FR. Besprochen wird Doris Uhlichs Stück "Come Back Again" am Brut Wien (Standard).
Der georgische Theaterkünstler Data Tavadze schickt der nachtkritik einen Brief aus Georgien, wo die Proteste gegen die mutmaßlich gefälschten Wahlen, die die prorussische Partei "Georgischer Traum" in die Regierung hievten, weitergehen. "Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Tag, an dem die Theatersäle mit Zuschauern gefüllt waren - alle in georgische und EU-Flaggen gehüllt. Sie warteten darauf, dass sich die Schauspieler ihrem Protest anschließen würden, und das geschah dann auch: Die Schauspieler bildeten eine Barriere zwischen Polizei und Publikum. 'Theater als Schutzschild der Menschen', sagte einer von uns. ... Die gewaltsame Repression gegen friedlich Demonstrierende hat sich dramatisch verschärft. Etwa 300 von ihnen wurden von der Polizei verprügelt und misshandelt. Allein in den ersten zwei Wochen des Jahres 2025 wurden in Tblisi über 500 Personen festgenommen. Künstler und Journalisten zählten dabei zu den Hauptangriffszielen des Regimes."
Der Theaterregisseur Christopher Rüping kommt am Samstag mit seiner Züricher Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" ans Deutsche Theater Berlin. Warum er sich für Kane interessiert, die so gar nicht mehr zum Zeitgeist passt, erklärt er im Interview mit der Welt: "Die Bühne wird seltener als Ort genutzt, an dem sich Gewalt und Abgründe ereignen. Heute geht es häufiger um Utopien als um Dystopien. Kane wollte alles, wovor wir zurückschrecken, auf die Bühne zerren. Das zeitgenössische Schauspiel will eher Welten entwerfen, in denen das Gewalttätige und Abgründige überwunden werden. Da hat ein radikaler Beleuchtungswechsel stattgefunden und jemand wie Kane passt auf den ersten Blick nicht mehr rein. ... Kane sagte über 'Gier', es sei ihr düsterstes Stück, doch für mich ist es ihr hellstes. Die Figuren suchen nach etwas, an dem sie sich wärmen können und finden ab und zu sogar ein kleines Teelicht oder ein flackerndes Feuerzeug im Schneesturm. Der Text schreit nach etwas, ist geboren aus einer unstillbaren Gier nach Nähe - körperlicher, intellektueller, emotionaler Nähe. Als wir das Stück vor zwei Jahren probten, fragte ich mich, welches Bedürfnis ein Publikum ins Theater treibt. Und Kanes Gier schien mir aktuell, gerade für eine junge Generation, deren Hunger nach Leben und Nähe während der Lockdowns ungestillt bleiben musste."
Weiteres: Helmut Mauro schreibt in der SZ zum Tod der Sopranistin Edith Mathis. Besprochen werden die Soloperformance "Rage" von Daphna Horenczyk im Wiener Wuk (Standard), ein theatraler Abend mit Amir Gudarzis "Quälbarer Leib" und Heiner Müllers "Bildbeschreibung" am Landestheater Marbach (FR) und die Choreografie "En Kopp Kaffe" des 79-jährigen Choreografen Mats Ek in Stockholm (FAZ).
In der FAZ schreibt Jürgen Kesting zum Tod der Sopranistin Edith Mathis, deren Susanna wir noch im Ohr haben: "Immer kommt eine ihrer wichtigsten Qualitäten zur Geltung: die Fähigkeit, den Klang ihrer Stimme mit dem der Partnerinnen zu mischen, beispielsweise im Briefduett mit dem Sopran von Gundula Janowitz in der Rolle der Gräfin."
Weitere Artikel: Thomas Birkmeier, Direktor des Theaters der Jugend, Wien, meldet sich zu Wort und antwortet auf Machtmissbrauchs-Anschuldigungen, berichtet der Standard, auf dessen Recherche die Vorwürfe zurückgehen. Ebenfalls im Standardberichtet Margarete Affenzeller von einer szenischen Lesung des Éric-Vuillard-Romans "Die Tagesordnung" am Wiener Volkstheater.
Szene aus "Fräulein Else" am Volkstheater Wien. Foto: Marcel Urlaub. Christiane Lutz hat sich für die SZ mit der Regisseurin Leonie Böhm zum Plaudern getroffen und sich außerdem ihre Version von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" am Wiener Volkstheater angesehen. Böhm befreit die Figuren ihrer Inszenierungen oft von der "Testosteronlast" der Textvorlage, so Lutz, als "feministische Überschreibung" würde sie das aber nicht bezeichnen, denn "die Essenz der Originaltexte ist immer da, sie negiert nichts. Sie legt viel mehr etwas bislang Ungesehenes frei." So wird auch das moralische Dilemma der Fräulein Else, die aus der Not heraus damit hadert, sich vor dem reichen Dorsday auszuziehen, in einer emanzipatorischen Geste aufgelöst: "Sie überlegt, Dorsday zurückzuweisen oder sich einfach umzubringen. Sie imaginiert das Gerede auf ihrer Beerdigung: 'Die is da selber schuld. Allein wie die anzogn war. Außerdem hätt sie ja einfach nein sagen können.' Kleiner Gruß an die 'Me Too'-Debatte und an die immer noch beliebte Täter-Opfer-Umkehr. Irgendwann ruft Else das Publikum auf, einfach mit ihr gemeinsam zu Dorsday nach Hause zu gehen, das ganze Theater, 700 Leute! 'Wenn einer mich sieht, dann sollen mich auch andere sehen. Die ganze Welt soll mich sehen', das Publikum lacht, aus der bedrohlichen Situation entsteht ein Moment der Gemeinschaft. 'Die meisten von uns sind nackt unter ihren Mänteln. Schämen? Wir uns? Warum? Ich schäme mich nicht', ruft Else und zieht ihren Mantel und den weißen Spitzenkragen aus, darunter ist sie nackt. Es ist eine die Angst überwindende Nacktheit."
Besprochen werden Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ), Haitham Assem Tantawys Inszenierung von Peter Maxwell Davies' Oper "Der Leuchtturm" und Julia Langeders Inszenierung von Henry Purcells Oper "Dido und Aeneas" an der Oper Duisburg (FR), zwei Inszenierungen von Elfriede Jelineks Stück "Asche", einmal von Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater und von Lilja Rupprecht am Schauspiel Hannover (taz) und Barrie Koskys Inszenierung der Puccini-Oper "Manon Lescaut" an der Oper Zürich (NZZ).
Szene aus "Pasolini. Io so." am Theater an der Ruhr. Foto: Franziska Götzen "Nicht weniger mutig als sein illustrer Vorläufer und Bruder im Geiste" ist der Regisseur Roberto Ciulli, der im Theater an der Ruhr ein Stück über Pier Paolo Pasolini inszeniert hat, findet SZ-Kritiker Martin Krumbholz. Dabei beleuchtet Ciulli auch die immer noch nicht aufgeklärten Umstände des brutalen Mordes an dem Filmemacher und legt nahe, dass es sich um eine politische Tat gehandelt haben könnte. Wie soll man so etwas in zwei Stunden auf eine Theaterbühne bringen, fragt sich der Kritiker. Aber: es funktioniert: "Es beginnt stocknüchtern: Vier Spieler und eine Spielerin sitzen auf Stühlen frontal zum Publikum und deklamieren, so muss man es nennen, einige Essentials zur Vor- und Nachgeschichte des Mordes, aus Originaldokumenten montiert (...) Ein Engel erscheint plötzlich und tanzt irritierend schön, indem er sich minutenlang um die eigene Achse dreht. Ciulli liebt solche ein wenig kryptischen Einsprengsel, die sein Theater immer schon in andere, abgehobene Dimensionen befördert haben. Er liebt auch die bewundernswerte Schauspielerin Eva Mattes, die, in Bauerntracht gekleidet, zwei bemerkenswerte, fast etwas bizarre Auftritte hat. Schließlich ist dieser Abend ein Requiem, und das Unerklärlich-Schöne gehört ebenso dazu wie der staubtrockene Nachruf."
Eine sehr aktuelle Dimension hat das Stück außerdem, wie Dorothea Marcus in der tazfesthält: "Wie Botschaften aus dem Jenseits und Kommentare zur Gegenwart wirkt das zuweilen: Pasolini spricht davon, wie viel er 'weiß' (io so), droht, konkrete Namen zu nennen und beschreibt einen mörderisch faschistisch-neoliberalen Komplex aus 'Willkür, Wahnsinn und Geheimnis'. Aktueller klingen seine Worte, als man es sich je hätte träumen lassen."
In der FAZ macht sich Wiebke Hüster Gedanken über die neue Volksbühnenintendanz (mehr bereits hier): Mit Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas hat man sich für zwei Choreografinnen und Tänzerinnen entschieden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, so Hüster. Holzingers "sexy bildungsunterfüttertem Feminismus" kann die Kritikerin wenig abgewinnen, aber "Monteiro Freitas, die in Lissabon lebt und mit ihrem Tanzensemble Compass arbeitet, ist eine phantastisch wandlungsfähige und ausdrucksstarke Darstellerin ihrer eigenen Gedanken. Sie kommuniziert mit ihrem Publikum auf unterschiedlichen Ebenen. Es wirkt nie, als folge sie einem ideologischen Konzept, einem Programm. Ihr Auftreten wirkt dichterisch, frei, wild, es riskiert, phasenweise idiosynkratisch zu sein. Holzingers oberflächliche, plakative Kritik etwa am klassischen Ballett als einem Spielfeld der Zurichtung vor allem weiblicher Körper hat das Tanztheater seit den Siebzigerjahren oft genug thematisiert, das wäre so gar nicht das explizite Problem von Monteiro Freitas."
Besprochen werden Zaza Muchemwas Inszenierung ihres Stücks "Das vierte Verhör" am Theater Krefeld (nachtkritik), Adrian Figueroas Inszenierung von Dawn Kings Stück "Alles wie es sein soll" am Schauspiel Essen (nachtkritik), Leonie Böhms Inszenierung von "Fräulein Else" frei nach Arthur Schnitzler am Volkstheater Wien (nachtkritik), Peter Carps Inszenierung von Theresia Walsers Stück "Die Erwartung" am Theater Freiburg (nachtkritik), Falk Richters Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Annika Nitschs Inszenierung von Domenico Cimarosas Oper "Der Operndirektor" am Nationaltheater Mannheim (taz), Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der Bayerischen Staatsoper (SZ) und Christina Tscharyiskis Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
Matthias Lilienthal übernimmt die Intendanz der Berliner Volksbühne zusammen mit den Choreografinnen Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas! "Westberliner Shabbychic trifft auf Wiener Feminismusporno trifft auf kapverdischen Metamorphosentanz", kommentiert Simon Strauß in der FAZ, der diese Entscheidung für ein Theater der "Grenzüberschreitung" nicht goutiert: "Auf der Hand liegt, dass die Entscheidung auch eine gegen die kulturelle Identität des Hauses ist. Denn mit der lange hier bewirtschafteten Schicksalskategorie 'Ost' haben alle drei nichts zu tun - schade, denn vielleicht birgt sie die wirklichen Extreme." Im Tagesspiegel sieht es Rüdiger Schaper anders: "Lilienthal ist wieder da. Er war nie weg. Berlin, seine Geburtsstadt, hat er stets im Gepäck. Sollte es gelingen, Tradition und Zukünftiges zu verbinden, dann könnte die Volksbühne tatsächlich wieder tonangebend sein, eines Tages. Erfahrung schadet nicht. Und Lilienthal ist kein Künstler. Auch gut. Er kann sich dem Haus widmen."
Einen "international bestens vernetzten Theatermann mit der Nase fürs Besondere" hat man sich da geholt, meintNachtkritiker Janis El-Bira. Viele Herausforderungen warten: "Wird Lilienthal unter dem Sparzwang die besondere Autonomie der Volksbühne erhalten können, die als einziges Berliner Theater noch in eigenen Werkstätten fertigen lässt? Lilienthal hat bereits angekündigt, gegen die massiven Kürzungen 'lobbyieren' zu wollen. Das 'Schicksal' von Senator Chialo hänge schließlich auch an seinem eigenen, weshalb er eine 'gute Lösung' erwarte, so Lilienthal. Es gibt wahrlich leichtere Theaternüsse zu knacken. Aber die Volksbühne bekommt einen, der den Laden kennt, ohne ihm verfallen zu sein. Und der Intendanz kann. Eigentlich nicht das Verkehrteste in diesen Zeiten."
Szene aus "Salome" am Residenztheater München. Foto: Birgit Hupfeld So richtig glücklich werden die Kritikerinnen nicht mit Ewelina Marciniaks Inszenierung des Stücks "Salome" am Münchner Residenztheater. Die Regisseurin möchte Klischees über Weiblichkeit entkräften, dabei geht aber einiges durcheinander, findet Nachtkritikerin Sabine Leucht: "Diese 'Salome', sehr frei nach Oscar Wilde und Richard Strauss, integriert nicht nur den Dichter und den Komponisten der gleichnamigen Oper in den Plot, sondern auch einen 'Jungen Konservativen' und dessen Geliebte. Die heißt Geli Raubal. Wie die Nichte von Adolf Hitler, mit der er einige Jahre zusammenlebte, bis sie sich 1931 mit nur 23 Jahren erschoss. Ob sie nun Hitlers große Liebe war oder nicht, auf der Bühne des Residenztheaters kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Denn es geht zwar die Mär, dass sich Hitler und Strauss bei der Opernpremiere 1906 getroffen haben, aber Wilde muss, um auch dabei zu sein, seinen Tod vertagen. Und Geli ihren Geburtstag vorverlegen, wie sie selbst bemerkt." Auch Christiane Lutz findet die Inszenierung in der SZ ein bisschen "überladen". Stark ist allerdings die "Schleiertanz"-Szene am Ende: "Als löse sie Salome im Tanzen ab, folgt dann Geli (Vassilissa Reznikoff), die in Ultra-High-Heels eine atemberaubende Pole-Dance-Nummer hinlegt und völlig zu Recht Szenenapplaus erhält. ... Diese zehn Minuten sind intensiv, weil Figur, Musik und Choreografie und die Idee hinter alldem zusammen Sinn ergeben."
Besprochen werden Calle Fuhrs Inszenierung des Klima-Stückes "Atlas" in Kooperation mit "Correctiv" am Hamburger Schauspielhaus (FAS), Johan Simons Inszenierung von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspielhaus Bochum (Welt), Caitlin van der Maas' Inszenierung von Olga Prusak Puppenstück "Drei kleine Schweine im Krieg" am Theater HochX in München (nachtkritik).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Dirk Laabs: Armee der Einzeltäter Der neue Terror - warum Minderjährige tötenImmer mehr Anschläge werden von jungen frustrierten Männern verübt. Sie radikalisieren sich inzwischen fast ausschließlich im Internet,…
Daniela Dröscher: Sprechen Daniela Dröschers sehr persönliche Geschichte der Selbstermächtigung - von einer schweigenden zur öffentlich sprechenden Frau. Und die Frage, wie wir sprechen sollten, um…
Harriet Armstrong: Richtig großes Glück Aus dem Englischen von Cornelia Rösler. Eine junge Frau auf der Suche nach Bedeutung: ein Campusroman über akademische Enttäuschungen und romantische Obsessionen. Was bedeutet…
Ciara Greene, Gillian Murphy: Das fühlende Gedächtnis Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Vergessen macht glücklicher: Wie unser Gedächtnis wirklich funktioniert. Unter Gedächtnis verstehen wir für gewöhnlich die Erlebnisse…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier