"Maria Stuarda" an der Hamburger Staatsoper. Bild: Brinkhoff/Mögenburg.
Die Staatsoper Hamburg gibt Gaetano Donizettis Oper "Maria Stuarda" in der Inszenierung von Karin Beier und Taz-Kritikerin Karin Ullmann lässt sich begeistern von der Geschichte um die um den Thron rivalisierenden Schwestern Maria und Elisabetta: Ullmann erzählt "vom Kampf zweier Rivalinnen, aber auch von deren Ausweglosigkeit und unverrückbaren Grenzen. Mit Doubles, die sie den Sängerinnen zur Seite stellt, bebildert sie im Hintergrund die Innenwelten der Figuren, schafft zum unsterblichen, politischen Körper einen privaten und endlichen. Dann erzählen fein choreografierte Szenen von Verletzlichkeit, menschlicher Schwäche, Sehnsucht und Verführung. Es sind starke Bilder voll unerbittlicher Klarheit, die Beier an diesem Abend schafft. Mit ihnen gelingt eine eindrucksvolle Inszenierung über Politik und Macht, Hass, Liebe und Menschlichkeit."
Weiteres: Simon Strauss erinnert in der FAZ an Peter Brook, den "wichtigsten Erneuerer des zeitgenössischen europäischen Theaters", er wäre heute hundert Jahre alt geworden. Möglicherweise schrumpft die Schauspielsparte bei den Salzburger Festspielen zusammen, entnimmt Margarete Affenzeller im Standard der Kuratoriumssitzung von Montag. Marco Frei unterhält sich für die NZZ mit dem Komponisten Beat Furrer, dessen Oper "Das große Feuer" an diesem Sonntag in Zürich uraufgeführt wird.
Szene aus "Katja Kabanova". Bild: Geoffrey Schied Reinhard J. Brembeck (SZ) geht geradezu in die Knie vor Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Leoš Janáčeks brutaler Milieustudie "Katja Kabanova" an der Bayerischen Staatsoper. Es geht um eine junge rebellische Frau, die von einer unterdrückerischen Dorfgemeinschaft in den Suizid getrieben wird. Vor allem die Leistung der amerikanischen Sopranistin Corinne Winters verschlägt Brembeck den Atem: Ihre Katja wäre "so gern eine unbeschwerte junge Frau. Sie spielt das zu Beginn überwältigend komisch befreit. Doch diese Frau darf sie in diesem Dorf und dieser Unterdrückergesellschaft nicht sein, sie soll wie die Alten devot sein, verlogen, funktionierend. Dagegen rebelliert es in ihr, so mächtig, dass sie sich nicht dagegen wehren kann, obwohl sie weiß, dass diese Rebellion ihren Tod bedeuten wird. Es ist faszinierend, Corinne Winters bei diesem Prozess zuzuschauen, zuzuhören. Wie sie in Stimme und Spiel konziser wird und jede Konzilianz aufgibt. Wie sie zur Rebellin reift, die am Ende, als alle anderen Lösungsmöglichkeiten gescheitert sind, nur noch den Tod sucht und wünscht."
In der Welt nimmt Jakob Hayner den am Frauentag erschienen Spiegel-Artikel zum mutmaßlichen Mobbing von Müttern am Berliner Ensemble auseinander (Unsere Resümees). Der Artikel sei "ein perfektes Beispiel für eine Verdachtsberichterstattung, die gefährlich diffus im Atmosphärischen fischt", meint Hayner. Die inzwischen freigestellte Abteilungsleiterin der Maskenabteilung kam gar nicht erst zu Wort, die Zustände in der Abteilung seien zudem auf das ganze Haus übertragen worden, und: "Eine gewisse Unschärfe schleicht sich auch bei den Berichten der Frauen über die vorgeblichen Schikanen durch die Abteilungsleiterin ein. So reiht sich in die Aufzählung der Verfehlungen ein, dass man an freien Tagen die Stadt nur mit einem Antrag auf widerruflichen Urlaub verlassen dürfe. Das klingt für die meisten arbeitenden Menschen vermutlich tyrannisch, ist aber am Theater üblich und auch im Standardvertrag so geregelt."
Besprochen wird außerdem "Die ersten hundert Tage" von Lars Werner am Deutschen Theater Göttingen (taz), "Dirty Laundry. The TrashOpera", welches das Theaterkollektiv teatru-spălătorie im Rahmen des Festivals "Every Day!" am Hebbel am Ufer in Berlin spielt (taz), Robert Carsens Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" an der Berliner Staatsoper, mit Simon Rattle am Pult (van), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Kaija Saariahos Oper "Innocence" an der Semperoper Dresden (van) und Katharina Wagners Neudeutung des "Lohengrin" am Gran Teatro del Liceu in Barcelona (FAZ).
Im Tagesspiegelzeigt sich auch Eleonore Büning angetan: "Ein intensives Kammerspiel, typisch für den Regiestil Wagners: Jede Figur wird hinterfragt. Keiner und keinem ist zu trauen. In dieser zeichenhaft filigran verhäkelten Inszenierung gibt es ein paar Lacher, die im Halse stecken bleiben. Auch offene Enden. Aber keine Sekunde leere Zeit."
Weitere Artikel: Die deutschen Theater wurden gestern bestreikt - aber nur eine halbe Stunde lang, wie Michael Wolf auf nachtkritikdurchgibt. Ebenfalls in der nachtkritikdenkt Maya Seidel in ihrem Ameisen-Videotagebuch über richtige und falsche Methoden nach, Theater für ein junges Publikum zu machen. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel von der prekären Situation am Berliner Theater Ramba Zamba. Einen "gehobenen(n) Boulevardabend" der Extraklasse erlebt Welt-Kritiker Jakob Hayner mit Marius von Mayenburgs neuem Stück "Ex". Der Autor inszeniert seine bissige Beziehungskomödie an der Berliner Schaubühne selbst und hat dafür wunderbare Darsteller zur Verfügung: "Sebastian Schwarz und Marie Burchard spielen dieses vom eigenen Erwartungsdruck geknechtete Paar zum Niederknien."
Besprochen werden Ersan Mondtags Verdi-Inszenierung "La forza del destino" an der Opéra de Lyon (Welt, "gehört nicht zu Mondtags allerstärksten Inszenierungen"), eine "Tosca"-Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden (FR), Kaija Saariahos Oper "Innocence" an der Semperoper Dresden (VAN) und Leoš Janáčeks "Die Ausflüge des Herrn Brouček" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (VAN).
Bild: Szene aus "Die Ausflüge des Herrn Brouček". Foto: Arno Declair Wie bringt man Leoš Janáčeks selten gespielte Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" zeitgemäß auf die Bühne? So wie Robert Carsen an der Staatsoper Berlin, freut sich Katharina Granzin (taz), die nicht nur dem Witz und der "visuellen Opulenz" erliegt, sondern auch gutheißt, wie Carsen die Story um den saufenden Brouček, der unvermittelt in die Religionskriege des 15. Jahrhunderts gerät, in die späten Sechziger verlegt: "Schicksalsjahre für die damalige Tschechoslowakei, bewegte Zeiten auch für den Rest der Welt. In der Mondwelt agiert ein hinreißend bizarres Ballett elfenhafter Außerirdischer und eine selbstverliebte Hippie-Gesellschaft, in die Brouček passt wie die Faust aufs Auge. Der surrealistische Space-Zirkus wird im zweiten Teil der Oper von blutigem Ernst abgelöst: Carsen hat die Hussitenwelt der Vorlage in die Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings überführt. Ein gigantisches Fernsehbild in Bühnenraumgröße zeigt uns Videos zum Zeitgeschehen, sowjetische Panzer auf den Straßen von Prag, demonstrierende Zivilisten, die Kneipenszenerie der Bühne ist mit Aufschriften in mehreren Sprachen versehen, darunter auf Russisch: 'Idite domoj - Geht nach Hause'. Die beklemmende Ahnung stellt sich ein, dass Geschichte sich ständig wiederholt."
Das Stück wird so selten gegeben, "dass es für den führenden Janáček-Dirigenten unserer Tage, Sir Simon Rattle, nun das erste Mal war, dass er das Stück dirigierte", staunt Clemens Hauenstein in der FAZ. Und dennoch klang es, "als habe er bereits eine lange Aufführungsgeschichte mit dem 'Brouček' hinter sich: traumwandlerisch sicher im Umgang mit Janáčeks sprunghafter, schroff die Gemütszustände wechselnder Klangsprache, mit tiefem Verständnis für die rhythmischen Triebkräfte dieser Musik, mit genießerischem Sinn für die plötzlichen, exaltierten Ausbrüche. Die treten selten in Form eines feurigen Sturms auf, viel häufiger als ein Säuseln von Melancholie und Nostalgie. Von fernher scheinen bei Rattle diese Melodien zu kommen, vom Wind aus vergangenen Zeiten herübergetragen, süß tönend. Bläserstimmen mischen sich in Terzen oder Sexten hinein und erzählen von einem intakten Verhältnis zwischen Menschen und Natur."
Weitere Artikel: In der tazporträtiert Dorothea Marcus die junge Regisseurin Rebekka David, die Klassiker der Weltliteratur weiterschreibt und auf die Bühne bringt, aktuell das Stück "Kohlhaas - Can't get no satisfaction" in Bonn. Im Gespräch mit der nachtkritik verraten Pınar Karabulut und Rafael Sanchez, die das neue Leitungsduo des Schauspielhaus Zürichs bilden, ihre Zukunftspläne für das Haus. Nach den im Spiegel erhobenen Vorwürfen wegen Ungleichbehandlung von Müttern in der Maskenabteilung im Berliner Ensemble, liegen auch der FAZ Vorwürfe, in diesem Fall gerichtet gegen Intendant Oliver Reese, dem Machtmissbrauch unterstellt wird, berichtet Sophie Klifeisen, die die anonym erhobenen Vorwürfe aber mit Vorsicht behandelt. Besprochen wird Johan Simons' Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubu" am Thalia-Theater in Hamburg (taz).
Szene aus "Echnaton" an der Komischen Oper Berlin. Foto: Monika Rittershaus. Eine "archaische Kraft" bricht sich Bahn in Barrie Koskys Inszenierung von Philip Glass' Oper "Echnaton", staunt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Kosky bringt die Geschichte von Echnaton, dem altägyptischen König, der den Sonnengott Aton zum einzig wahren Gott erklärte und damit als Mitbegründer des Monotheismus gelten kann, "bildmächtig" auf die Bühne der Komischen Oper Berlin, und auch die Musik kann sich hören lassen, lobt Schaper: "Der Begriff Minimal Music, oft bei Philip Glass benutzt, hat etwas Missverständliches, Verniedlichendes. Tatsächlich entladen seine melodischen Schleifen eine meditative Energie, mit der man irgendwo auf einer höheren Ebene, zwischen Barock und Rave landet. Jonathan Stockhammer, im Umgang mit Glass-Partituren erfahren, leitet das Orchester der Komischen Oper mit ansteckender Disziplin auf diese Flächen kosmischer Weite. Das bleibt lange danach im Ohr, im Kopf, im Körper."
Das russische Bolschoi-Ballett führt die Choreografie "The Bright Stream" des ehemaligen Direktors Alexei Ratmanskys auf, ohne seinen Namen zu erwähnen, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. Ratmansky positioniert sich klar gegen Putin und lebt seit 2009 in New York. In einem Statement auf Social Media, aus dem Hüster zitiert, wendet sich Ratmansky an das Theater: "Merkt euch: Jeder Schritt, den ihr in diesem Ballett macht, ist gestohlen. Jeder Applaus hallt wider von Heuchelei."
Weiteres: In der FAZ berichtet Gerald Felber vom Lyoner Opernfestival. Christina Gegenbauers Inszenierung von Akın Emanuel Şipals Stück "Mutter, Vater, Land" am Landestheater Detmold (nachtkritik), Lilja Rupprecht Inszenierung von "Die Vögel" am Schauspielhaus Zürich (FAZ), Tobias Herzbergs Inszenierung von Eve Leighs Stück "Verbranntes Land" (Salty Irina) am Schauspielhaus Wien (nachtkritik), Christoph Marthalers und Anna Viebrocks Inszenierung von "Wachs und Wirktlichkeit" an der Berliner Volksbühne (SZ, taz), Peter Jordans Inszenierung von "Don Quijote" nach dem Roman von Cervantes am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
"Wachs oder Wirklichkeit" an der Berliner Volksbühne? Foto: Matthias Horn
Am Donnerstag hatte mit "Wachs oder Wirklichkeit" nach zehn Jahren erstmals wieder eine Inszenierung von Christoph Marthaler an der Berliner Volksbühne Premiere. Die Kritiker sind gerührt - und hingerissen: "So wundervoll verspult, so unheimlich skurril, so melancholisch zerdehnt, das kann nur Christoph Marthaler, der mit 'Wachs oder Wirklichkeit' sein fantastisches Comeback ... gibt", ruft Jakob Hayner in der Welt. Anna Viebrock hat dafür ein Wachsfigurenkabinett auf die Bühne gestellt, unter dessen Figuren sich die Schauspieler mischen, beide oft kaum voneinander unterscheidbar, was ja oft auch im echten Wachsfigurenkabinett gelobt wird. "Nur was heißt das", fragt Hayner. "Es ist einerseits ein Lob des Handwerks, andererseits auf hintergründige Art und Weise ein Urteil über das zur Erstarrung tendierende Leben. Oder sollte die Hülle etwa das Lebensechte sein? In dieser Zone der Ununterscheidbarkeit bewegt sich Marthaler mit seinem Ensemble. ... Marthaler breitet einen Ort, ein Bild, eine Szene aus, schafft eine andere Zeitlichkeit und eine andere Wahrnehmung. Er öffnet es zum Musikalischen und rührt so tatsächlich an den Kern einer Erfahrung."
Da ist viel Komik drin, versichertNachtkritikerin Simone Kaempf, noch ganz beglückt von "diesem schönen, tief schürfenden Marthaler-Abend", in den auch Texte des Schweizer Schriftstellers Jürg Laederach eingeflossen sind, "in denen es um die Dialektik des Verschwindens geht ... Marthalers Handschrift ist an diesem Abend deutlich erkennbar, alles andere wäre auch verwunderlich. Was er und das Ensemble auf die Bühne bringen, fügt sich aber nicht nur ausnehmend glücklich zusammen, sondern erhält durch die, ja, Realität ein ganz eigenes Framing. Überall wird mit so viel Euphorie und Aufgeregtheit über KI debattiert, dass hier ein wohltuender Abwehrzauber entsteht, der poetischere Fenster öffnet und die Idee der künstlichen Nachbildung mit dem menschlichen Makel konfrontiert." "Es sind Mythen des Alltags, die Marthaler in altmeisterlicher Noblesse koloriert", lobt in der FAZ Irene Bazinger. Und im Tagesspiegel freut sich Christine Wahl über "die feinsinnigsten, lässigsten und heitersten Grüße aus den Schwundstufen des Daseins, die seit Ewigkeiten auf einer Bühne zu sehen waren".
Weitere Artikel: Bert Rebhandl unterhält sich für die FAS mit Florentina Holzinger über ihre Rolle als Kampfsportlerin in Kurdwin Ayubs Film "Mond" und über ihre Pläne für den österreichischen Pavillon bei der Kunst-Biennale in Venedig, den sie gestalten wird. Nach Machtmissbrauchs-Vorwürfen wurde die Maskenchefin des Berliner Ensembles vorerst freigestellt, meldet der Tagesspiegel, in der tazberichtet Hilka Dirks von Protesten am BE.
Besprochen werden außerdem Verdis "Don Carlo" an der Wiener Staatsoper mit Elīna Garanča als Prinzessin Eboli (Standard), Peter Jordans "Don Quijote" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik) und André Erlens "Making the Story" mit dem Kollektiv Futur3 am Schauspiel Köln (nachtkritik).
Nachtkritiker Andreas Schnell lässt sich von Tove Ditlevsens "Die Abweichlerin" in der Fassung von Karin Henkel am Hamburger Schauspielhaus in den Bann ziehen. Lina Beckmann verkörpert die Protagonistin Lise Mundus, die in einer Ehekrise nach einem neuen Mitbewohner sucht und sich ihre Suizidversuche mit Tabletten schönfärbt: "Virtuos gleitet Beckmann durch die verschiedenen, schon bei Ditlevsen angelegten Perspektiven, verwandelt sich im Nullkommanix von der tablettensüchtigen Dichterin in den Mann der treuen Haushälterin, der sich wiederum mal eben so mithilfe eines Pappfernsehers zum Maigret fantasiert. Das ist durchaus im Sinne Ditlevsens, die die doch recht düstere Geschichte ihrer selbst vielstimmig mit kühnem erzählerischem Drive und Witz gestaltet, und es nimmt dem Stoff etwas von der Härte."
Über "Ex" von Marius von Mayenburg an der Berliner Schaubühnekanntaz-Kritikerin Sophia Zessnik nur seufzen: Die Geschichte um ein Paar, das sich im Alltagstrott irgendwann nicht mehr viel zu sagen hat, ist weder innovativ noch aufregend, meint er: "Die passive Aggressivität, mit der sich das Paar die gegenseitige Missachtung um die Ohren wirft und die irgendwann sogar in aktive Gewalt umschlägt, trägt leider nicht über die gesamten zwei Stunden Stückdauer. Da hilft auch der Auftritt der titelgebenden Ex, der Zoohandlungsfachverkäuferin Franziska, nicht. Deren Figur bleibt derart schemenhaft, dass man es Darstellerin Eva Meckbach kaum verübeln mag, sie nicht ausfüllen zu können. Ob es nicht ausgereicht hätte, 'die Ex' wie anfangs als unsichtbares Damoklesschwert über der Beziehung schweben zu lassen, fragt man sich unweigerlich."
Weiteres: Der Regisseur Christopher Rüping darf sich über den Berliner Theaterpreis freuen, vermeldet die Berliner Zeitung.
Besprochen werden: Sebastian Hartmanns "Faust" am Staatstheater Kassel, ein Musiktheater nach der Oper "La damnation de Faust" von Hector Berlioz (FR) und "Making the Story" vom Kollektiv Futur 3 am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
Nachtkritikerin Sarah Heppekausen zieht nach zwanzig Jahren "postmigrantischem Theater" eine Zwischenbilanz. Richtungsweisend scheinen ihr inzwischen vor allem jene Häuser "unter der Leitung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte" zu sein, "die diese nun eben nicht mehr deutlich markieren, sondern als gegeben voraussetzen, als Teil gesellschaftlicher Realität und Baustein kultureller Identität", etwa das Schauspiel Essen unter der Leitung von Selen Kara und Christina Zintl: "Das Sichtbarmachen von Menschen, Geschichten und Verhältnissen ist seit jeher Prinzip des Theaters. Neu ist, dass die Perspektiven hierzulande längst mehr und vielfältiger geworden sind. Da lohnt sich dann eben auch mal ein genauerer Blick auf Ophelia - wie ihn Selen Kara in ihrer 'Hamlet/Ophelia'-Inszenierung unternimmt. Auch wenn diesem Unterfangen, Ophelia als Handlungstreibende zu etablieren, das permanente Ringen um Konsistenz und Kausalität durchaus anzumerken ist, so stellt es doch die unbedingt zumutbare Frage: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Frau nicht als das Andere definiert würde (wie Simone de Beauvoir im Programmheft zitiert wird)? Was wäre, wenn wir die Zuschreibung des Andersseins endlich wieder verlernten?"
Weitere Artikel: Für die Zeit trifft sich Peter Kümmel mit Cate Blanchett und Thomas Ostermeier, die derzeit gemeinsam Tschechows "Die Möwe" auf die Bühne des Londoner Barbican Theaters bringen: "Man müsse, sagt sie …, Tschechows Figuren in ihrer Fülle spielen - der Dramatiker sei roh und grausam, aber er liebe seine Figuren." Für den Tagesspiegel spricht Claudia Reinhard mit Verena Usemann und Teresa Monfared, die sich für den Verein Bühnenmütter* für eine bessere Vereinbarkeit von der Arbeit am Theater und Mutterschaft einsetzen. Indes wird das Berliner Ensemble die Inszenierung "#Motherfuckinghood" nach dem Spiegel-Bericht über mutmaßliche Missstände am BE auf Wunsch der Schauspielerin Claude De Demo und der Regisseurin Jorinde Dröse vorerst nicht mehr spielen, meldet Peter Laudenbach in der SZ. Intendant Christian Spuck hat seine Pläne für die Spielzeit 2025/26 am Berliner Staatsballett vorgestellt, meldet Sandra Luzina im Tagesspiegel: Unter anderem werden Kirill Serebrennikov und der Choreograf Yuri Possokhov die Produktion "Nurejew" erstmals außerhalb Russlands erarbeiten.
St. Pauli Theater an der Reeperbahn: Oleanna. Ein Machtspiel" Foto: Heiko Dietz Dieses Stück hat "bereits vor über dreißig Jahren prophezeit, womit wir es heute zu tun haben", staunt Irene Bazinger in der FAZ. Es geht um David Mamets "Oleanna. Ein Machtspiel", das das St. Pauli Theater an der Reeperbahn wieder auf die Bühne bringt, inszeniert von Ulrich Waller. Womit haben wir heute zu tun? Mit MeToo-Debatten rund um Machtmissbrauch und political correctness, und eben das wird auch bei Mamet verhandelt, wenn ein Professor und eine Studentin aufeinander treffen. Die Studentin fühlt sich bevormundet, der Professor gibt vor, sie zu verstehen, bald steht jedoch der Vorwurf des sexuellen Übergriffs im Raum. "Beide Kontrahenten kriegen ihr Fett ab, beide erscheinen phasenweise glaubwürdig, dann wieder verlogen, verletzt und heimtückisch, offenherzig und undurchschaubar. Was wäre die Lösung dieses Stellvertreterkrieges? David Mamet sah die Probleme, hatte aber auch keine Antwort. Daher bleibt es bei einem Schattenboxen mit Wirkungstreffern, in Hamburg beherzt abgefeuert von Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf, die das Publikum mit Verve und Nachdruck fragen: Wie konnte es so weit kommen?"
Michael Wurmitzer bespricht im Standard "Unwalling the Wall", ein Bühnenstück des Regisseurs Yosi Wanunus. Das im Wiener Theater am Werk uraufgeführte Werk will laut Wanunu, der selbst in Israel geboren wurde, aber seit Jahrzehnten in Österreich lebt, der angeblich allgegenwärtigen israelischen Perspektive auf den Nahostkonflikt etwas entgegen setzen. Teils persönlich gefärbt greift das Stück laut Wurmitzer bis ins 19. Jahrhundert, also noch bis vor die britische Mandatszeit, zurück und fokussiert auf die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung durch Krieg und, später, staatliches israelisches Handeln. Mit erstaunlich leichter Hand inszeniert ist das alles, meint der Rezensent, inhaltlich ist die Tendenz freilich eindeutig: "Israel sei wie ein Druckkochtopf, sagt Wanunu und verallgemeinert: Wer dort aufwachse, sehe das Land stets als Opfer und entwickle Rachegefühle." Wurmitzers eigenes Fazit bleibt, was politische Fragen betrifft, ambivalent: "Szenischer Einfallsreichtum und darstellerischer Einsatz hätten mehr Applaus verdient, als es die Bedrücktheit nach den zwei Stunden zulässt - während derer man das komplette Fehlen eines Versuchs um Verständnis für wenigstens Teile des israelischen Handelns doch auch mit Beklemmung registriert."
Außerdem: Wolfgang Behrens denkt auf nachtkritik über das Verhältnis von Dramaturgie und Disposition nach. Haben Mozart-Opern ein Problem mit ihren zu positiven Enden? Dazu stellt Holger Noltze in van Überlegungen an.
Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Londoner Barbican Theater mit Cate Blanchett (Welt, "Wie ein sehr gutes Salted Caramel: Man schmeckt erst die Süße, bevor das Salzige kommt.") und David Safiers "Solange wir leben" in der Inszenierung Alize Zandwijks am Theater Bremen (taz, "Abend, der in keiner Sekunde langweilig wird, aber wirklich bis an die Schmerzgrenze geht").
Szene aus "Gertrude Stein und eine Begleitperson" am Frankfurter Kulturhaus. Foto: Andreas Kemler. An Gertrude Stein, aber vor allem an ihre Partnerin Alice B. Toklas erinnert Anja Becker mit ihrer Inszenierung von Win Wells' Stück "Gertrude Stein und eine Begleitperson" im Frankfurter Kulturhaus, erfahren wir von FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Eine sehenswerte "Bühnen-Bio" über die Freundin und Geliebte, deren "goldbrauner Anwesenheit" sich Stein 1907 zuwandte, wie Sternburg zitiert. "So schäbig der Raum, so symmetrisch stehen je ein körpergrößer Spiegel seitlich davor und vor diesem zwei kleine Sitzbänke. Wichtig ist das Manuskript aus leeren Seiten, das anfangs auf dem Boden liegt und dann, in Fetzen oder durch die Lüfte flatternd, für Steins Testament und Bücher einsteht. Beide tragen samtiges Schwarz: Toklas ein Kleid passend zu ihren kurzen Haaren, Sattler zum Steinschen Streichholzschnitt in Blond. Da das Stück den Todestag Steins zum losen Rahmen macht, ist seine Stein eine Geistpräsenz, der Dialog ein Geistergespräch, was Sattler in wabernde Bewegungen umsetzt."
Weitere Artikel: In der FAZ befragt Jürgen Kesting den Regisseur Tobias Kratzer zu seinen Plänen als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Robert von Lucius schreibt ebenfalls in der FAZ den Nachruf auf den südafrikanischen Schriftsteller und Autor Athol Fugard, eine wichtige Stimme in der Protestbewegung gegen die Apartheid. Kathrin Bettina Müller stellt in der taz die Regisseurin Anita Vulesica vor, die mit ihrer Inszenierung von "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" (unser Resümee) zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist.
Besprochen werden Elas Weilands Inszenierung der Performance "Ein Mensch ist keine Fackel" am Theater Aufbau Kreuzberg (tsp), Anna Malena Großes Adaption von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ulrich Wallers Inszenierung von David Mamets Stück "Oleanna - Ein Machtspiel" am St. Pauli - Theater Hamburg (nachtkritik).