Efeu - Die Kulturrundschau

Beim ersten Mal arpeggiert er aufwärts

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19.09.2020. Die SZ begeistert sich für Lang Langs standpunklose, dafür Möglichkeiten auffächernde Aufnahme der Goldberg-Variationen. Ilija Trojanow verbringt für die FAZ eine Nacht allein in einem Bücherkaufhaus. Claus Peymann und Thomas Bernhard setzen die nachtkritik dem Horst-Wessel-Lied aus. Die SZ besucht die Manifesta in Marseille. Bei meedia hoffen die Filmemacher Thomas Frickel und Hannes Karnick auf Netflix, um den Dokumentarfilm sichtbarer zu machen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 finden Sie hier

Bühne

Szene aus Thomas Bernhards "Freispruch". Foto © Philine Hofmann


Claus Peymann hat am Wiener Theater in der Josefstadt einige Dramolette von Thomas Bernhard inszeniert. Nachtkritikerin Gabi Hift amüsiert sich ganz gut, aber bei "Freispruch" wird ihr doch recht flau: "Drei Paare feiern den Freispruch eines KZ-Massenmörders, ein befreundeter Richter hat die Anklage fallen lassen. Sie sprechen konkret von Buchenwald. Die Männer schwärmen von den Polinnen, die sie zur Prostitution gezwungen haben und die nach Auschwitz geschickt wurden, wenn sie nicht pariert haben. Am Ende der Szene singen alle gemeinsam lauthals das Horst-Wessel-Lied - nicht bloß als Zitat, sondern eine ganze Strophe. Mir ist sehr unwohl dabei und ich bin sehr unsicher, ob man das überhaupt noch aufführen sollte. Vielleicht soll hier ein Zusammenhang mit Vorkommnissen in der FPÖ gezogen werden, deren Parteimitglieder Nazilieder gesungen haben. Aber diese Zusammenhänge sind so allgemein, dass sie falsch sind. Die Nazis in der FPÖ sind keine Täter von damals. Wenn etwas 'wie damals' ist, dann vielleicht in mancher Hinsicht wie 1930 - aber bestimmt nicht wie für Altnazis 1975."

Im Standard sieht es Ronald Pohl, der seine Landsleute vielleicht besser kennt, schärfer: "Die Figuren sind selbstverständlich Bernhards Kindheitswelt am Traunstein verpflichtet. Kirchgängerinnen, die Migranten mit überschnappender Stimme den Tod durch Vergasung zudenken. Alt-Nazis, die bei Sekt und 'Sahne' den Freispruch in ihren Kriegsverbrecherprozessen feiern: ein Nest von tortenfressenden Visconti-Vampiren. Solche Gespenster mögen für den einen oder anderen ihren realen Schrecken verloren haben. Ihr Handicap ist dennoch unser Schicksal. Sie wollen sich nicht zur Ruhe legen. Sie reichen ihr borniertes Gewäsch, ihren schauerlichen Gesinnungskitsch sauber abgeschmeckt an die heutige Generation Slim Fit weiter."

Im Interview mit Margarete Affenzeller (Standard), erklärt László Bagossy, im Streit um die Autonomie der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst zurückgetretener Leiter des Instituts, was Orban und seine Leute nach der Übernahme der Universitäten vorhaben: Nichts. "Das ist das Orbán-Prinzip. Vidnyánszky ist ein Soldat Orbáns. Und es ist für ihn nicht notwendig, hier unbedingt etwas Neues aufzubauen. Es ist eine Machtdemonstration der Europäischen Union gegenüber. Beim EU-Beitritt Ungarns 2004 hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder in einer Autokratie leben müsste. Und ich kann einfach nicht glauben, dass die europäische Politik nichts dagegen unternimmt, sondern zusieht, wie die Freiheit beschnitten wird. Es liegt in der Verantwortung der Europäischen Union und nicht in der des ungarischen Volkes."

Besprochen werden außerdem Tuğsal Moğuls "Wir haben getan, was wir konnten" am Hamburger Schauspielhaus (taz), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn + X" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik) und Volker Löschs Inszenierung von "Volksfeind for Future" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).
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Musik

Mit regem Interesse hört SZ-Kritiker Helmut Mauró Lang Langs Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen: Dem chinesischen Pianisten glücke "ein erstaunliches, vielschichtig hybrides musikalisches Statement, das es so noch nicht gegeben hat. ... Beim ersten Mal arpeggiert er aufwärts, in der Wiederholung umgekehrt. Er entzieht sich der Entscheidung, bringt unterhaltsame Beliebigkeit ins Spiel. Er fürchtet sich geradezu, profiliert zu gestalten, einen Standpunkt zu behaupten. Dafür hält er eine fast fröhliche Grundstimmung, wie sie ihm und Pianisten der jüngeren Generation wie etwa Jan Lisiecki eigen ist: Es geht nicht mehr um den Ernst des Absoluten. Es geht um das Auffächern von Möglichkeiten, die in einem Stück verborgen sind." Die Veröffentlichung wird von einem Musikvideo flankiert:



Weitere Artikel: Kirill Petrenko spricht sich für eine Lockerung der Berliner Abstandsregeln für Orchestermusiker aus, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für die Zeit spricht Christoph Dallach mit Mel C von den Spice Girls. Nils Erich berichtet auf ZeitOnline von einem Abend im Club mit Maskenpflicht auf der Tanzfläche.  Jens Uthoff plaudert für die taz mit Wolfgang Niedecken unter anderem über das neue BAP-Album. In der SZ sprechen Stofferl Well von den Biermösl Blosn, Michael Breitkopf und Andreas Meurer von den Toten Hosen und Gerhalt Polt über ihre gemeinsamen Zusammenarbeiten.

Besprochen werden ein Berg- und Dvořák-Abend der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko (Berliner Zeitung), sowie neue Alben von Ava Max (Berliner Zeitung), East Man (FR) und Gus Dapperton (Berliner Zeitung).
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Film

Trotz Doku-Boom können Dokumentarfilmschaffende in Deutschland von ihrer Arbeit kaum leben, kritisieren die Filmemacher Thomas Frickel und Hannes Karnick im Meedia-Gespräch. Immerhin zeigt sich Karnick zuversichtlich, dass die Marginalisierung dokumentarischer Formen, die in den letzten Jahren zu beobachten war, mit der voranschreitenden  Mediathekisierung des Fernsehens überwunden werden könnte: "Dokumentarfilme gewinnen an Aufmerksamkeit und Bedeutung, weil die Filme auf Streamingportalen leichter zugänglich sind. ... Im Netz ist egal, wie lang ein Film ist, und ob er für den Nachmittag oder das Hauptprogramm gemacht wird. Was wir uns erhoffen, ist, dass die allgemeine Plattformisierung auch dazu führt, dass mehr Experimente gewagt werden. Und also neue Filme entstehen, die bislang durch das enge Korsett der Programmschemata des Öffentlichen Fernsehens und die in den letzten Jahren fortgeschrittene Formatierung behindert wurden. Der damit einhergegangene Verlust von Vielfalt und kreativem Schaffen - und damit Qualität - kann rückgängig gemacht werden."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Karin Baal zum 80. Geburtstag. In einer "Langen Nacht" für den Dlf Kultur widmet sich Josef Schnelle dem Kino in der Wendezeit.

Besprochen werden Roy Anderssons "Über die Unendlichkeit" (Freitag, mehr dazu bereits hier), Thomas Horats Dokumentarfilm "Die Rückkehr der Wölfe" (Berliner Zeitung), Ines Johnson-Spains beim "Achtung Berlin"-Festival gezeigter Dokumentarfilm "Becoming Black" (Tagesspiegel) und die Netflix-Serie "Ratched" (FAZ).
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Archiv: Film
Stichwörter: Dokumentarfilm

Literatur

Was noch vor ein paar Jahren die Schwedenkrimis waren, sind heute - "Berlin Babylon" und Volker Kutschers Krimis ist es zu verdanken - um 1930 spielende Thriller, stellt Elmar Krekeler in der Welt fest. Die Versuche, "das Ende der Zwanziger, das Ende von Weimar und den Aufstieg der Nationalsozialisten als Blaupause für die Gegenwart zu nutzen", fluten die Bücherregale: "Ein Medienrack von Bürgern, die ihre Zukunft im Spiegel des Brunnens der Vergangenheit ablesen wollen." Immerhin sind die besseren Vertretrer des Subgenres "solide recherchiert" und zeichnen ein "ziemlich lebendiges Panorama".

Von einer Nacht alleine in einem großen Bücherkaufhaus, berichtet der Schriftsteller Ilija Trojanow im "Literarischen Leben" der FAZ. Neugierig durchforstet er sämtliche Segmente, wundert sich über dies und das und jenes, bis ihn nach vielen Stunden die Ermattung ereilt. "Im Hauseingang gegenüber schlafen vier Obdachlose. Und auf der Bank vor mir sitzt ein Mann neben mehreren vollgestopften Plastiktüten, der auf sich selbst einredet. Ich fühle mich nach sieben Stunden inmitten von Welterklärung und Eskapismus für Anblicke wie diesen gewappnet und geradezu geistig unverwundbar."

Weitere Artikel:  Eva-Christina Meier berichtet in der taz von der 90. Ausgabe der Lissaboner Buchmesse "Feira do Livro". Gerrit Bartels erinnert im Tagesspiegel an Wolfgang Herrndorfs vor 10 Jahren veröffentlichten Roman "Tschick". In seiner Standard-Reihe über Walter Benjamin ist Ronald Pohl bei dem Essay "Über einige Motive bei Baudelaire" angekommen. Monika Gemmer erinnert in der FR an Streitigkeiten zwischen der Schriftstellerin Adele Schopenhauer und ihrem Bruder Arthur. Renate Wiggershaus liest für die NZZ in Virginia Woolfs Tagebucheinträgen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Besprochen werden unter anderem Verena Keßlers "Die Gespenster von Demmin" (taz), Annie Ernauxs "Die Scham" (Berliner Zeitung), Thomas Hettches "Herzfaden" (online nachgereicht von der FAZ), Marcel Beyers Gedichteband "Dämonenräumdienst" (Tagesspiegel), Botho Strauss' Essayband "Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern" (taz), Dorothee Elmigers "Aus der Zuckerfabrik" (SZ), Deniz Ohdes "Streulicht" (Literarische Welt) und Eileen Changs "Die Klassenkameradinnen" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Trojanow, Ilija, 30er

Kunst

Hai Bo, Blue Bridge, datiert 2004, Digitaldruck © the artist, courtesy Fondation INK


Anlässlich einer Ausstellung über Sprechende Landschaften in der Kunst Chinas im Museum Rietberg denkt Philipp Meier in der NZZ über unser Naturverständnis im Zeitalter des Anthropozäns nach: Reale Umweltzerstörung wird ausgeblendet, statt dessen die Suche nach der wahren Natur des Menschseins in einer intakten Umwelt inszeniert. "In diesen Landschaften kann auch das westliche Auge wunderbar spazieren gehen, über Bäche hüpfen, kleine Brücken passieren, auf schmalen Pfaden durch Wälder streifen und nach Belieben Bäume umarmen. Solch visuelles 'Waldbaden' - übrigens unter dem Begriff 'Waldmedizin' in Japan längst Teil des nationalen Gesundheitsprogramms - kann für uns zum alternativen Fitnessprogramm für Geist und Seele werden. Fehlte nur noch der Geruch des Waldbodens. Die kalligrafisch-dichterischen Aufschriften, wie sie traditionell Bestandteil vieler chinesischer Landschaftsbilder sind, liefern zum visuellen oft noch den akustischen Part ... Die Kunst geht hier ganz auf im Kosmos der Natur, und der Betrachter verschmilzt mit allem."

Mit ihren Themen "Haus", "Refugium", "Asyl", "Hafen", "Park", "Schule" wirft die Manifesta 13 in Marseille "die richtigen Fragen auf", meint Josef Hanimann in der SZ. "Doch was tun, wenn die Ausstellungssäle schütter bestückt bleiben, weil die Künstler mit ihren Werken nicht anreisen konnten? Was tun, wenn man als Kurator ständig umdisponieren muss und das Publikum nur spärlich kommt, das internationale, weil es nicht kann, und das lokale, weil es nicht mag?" Er hofft, dass die Kuratoren darauf bis Oktober, wenn alle Ausstellungsorte geöffnet haben, noch eine Antwort finden.

Weitere Artikel: Bei monopol freut sich Sarah Alberti, das Rebecca Horns "Raum des verwundeten Affen", dessen Entstehungshintergrund sie ausführlich würdigt, restauriert wird. Rolf Brockschmidt besucht für den Tagesspiegel das erweiterte James-Ensor-Haus in Ostende. Die Zeitungskästen auf der Straße, die "stummen Verkäufer" sterben aus. Deshalb hat der Künstler HA Schult sich 150 ausrangierte Kästen gesichert und sie auf dem Kölner Börsenplatz aufgestellt, berichtet Cornelius Stiegemann auf monopol: "Die ausrangierten Kästen werden zu einem Memorial für die Kulturpraxis Zeitunglesen. Und dafür, dass das immer weniger gemacht wird, zumindest in Printform." Die NZZ bringt eine Bilderstrecke ihrer Fotografin Karin Hofer, die Holzbauten fotografiert hat. In der FAZ erklärt Kolja Reichert ausführlich, warum er die acht Millionen Euro, die Düsseldorf für die Fotosammlung Kicken bezahlt hat, für vollkommen überteuert hält: "Hier sind allerdings zwei Fragen zu trennen: Die eine ist die, ob man zweitklassige Abzüge ins Museum holen muss. Die andere ist die, ob man dafür so viel bezahlen muss wie für erstklassige."

Besprochen werden die Ausstellung "Lost in America" im Neuen Berliner Kunstverein (taz) und eine Ausstellung von Peter Fischli im Kunsthaus Bregenz (Standard).
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