Efeu - Die Kulturrundschau

So herrlich gehechelt

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28.07.2020. Die NZZ erklärt, warum amerikanische Museen so schnell ihre Kurator entlassen. Die FAZ erlebt mit Amel Alzakouts poetischem Requiem "Das Purpurmeer" die Wucht eines Schiffbruchs. Von Bertolt Brecht lernt sie in der Münchner Ausstellung "Radio-Aktivität", die bourgeoise Selbstgenügsamkeit des Medienkonsums zu verachten. Auf Cargo feiert Dominik Graf eine Derrick-Folge des tschechischen Autorenfilmers Zbynek Brynych. NZZ und SZ trauern um Kansai Yamamoto, der Textil-Ikonen des Glam-Rock.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Architekturmodell SPUR-BAU, Gemeinschaftsarbeit der Gruppe Spur. Städtische Galerie im Lenbachhaus

FAZ
-Kritikerin Alexandra Wach spürt in der Ausstellung "Radio-Aktivität" im Münchner Lenbachhaus nach, wie sich in der Kunst Schrecken und Utopie eines neuen Mediums darstellten: "Einem wie Bertolt Brecht reichten die aufputschenden Qualitäten des tönenden Kastens natürlich nicht. Für ihn sollte er nicht nur senden, sondern die passiven Konsumenten von mehr oder weniger anspruchsvollen Inhalten in die Rolle der Sprechenden versetzen - Mitmachen statt in bourgeoiser Selbstgenügsamkeit die Hüllen fallen lassen. Sein theoretisch untermauerter Aufruf zur Selbstermächtigung hallt bis heute nach, so auch in der Ausstellung, die ihn zum Ausgangspunkt einer sentimentalen Reise zu all den Utopisten kürt, die zum Angriff auf das Sendemonopol funkten, von den Versuchen einer 'écriture feminine' über die Antipsychiatriebewegung bis zu der Situationisten-Gruppe SPUR. "

Ein Kurator des Museums of Modern Art in San Francisco musste nach Protesten gehen, weil er in Repräsentationsfragen den Begriff der "umgekehrten Diskriminierung gebraucht hatte und obwohl er als durchaus progressiv gilt (unser Resümee). In der NZZ erklärt die in Chicago lehrende Kunsthistorikerin Mechtild Widrich diese rabiate Personalpolitik als Folge der privaten Finanzierung der Museen: "Die damit zwangsläufige Zusammenarbeit der Museen mit Mäzenen schafft Abhängigkeiten von Einzelpersonen, die aus dem mächtigsten Gesellschaftssegment stammen, in dem Nichtweiße bis anhin kaum vertreten sind. Sie holen sich bei der Kultur nicht nur soziales Kapital ab, sondern nehmen auch auf die Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit der Museen Einfluss. Eine kritische Öffentlichkeit muss sich aus Eigeninteresse bilden und formiert sich in den letzten Jahren, schnell, laut, vor aufgestautem Ärger und Frustration kochend, in den sozialen Netzwerken. Diese Umstände fördern den in Europa als dogmatisch empfundenen Ruf nach der individuellen Ahndung von Verstößen gegen das Gebot der Diversität. Auch für Museen ist es schließlich einfacher, Kulturarbeiter oder Werke auszutauschen, als ans Wesentliche zu rühren - die Strukturen."

Weiteres: Max Florian Kühlem porträtiert in der taz den buddhistischen Bildhauer Abraham David Christian, dessen Skulpturen gerade um Kunstmuseum Bochum gezeigt werden. NZZ-Kritikerin Sabine Fischer streift durch ein menschenleeres Venedig, in dem das Kulturleben erst nach und nach wieder hochgefahren wird. Highlight ist für sie schon jetzt die Schau "Le grand jeu" über den Fotogragen Henri Cartier-Bresson, für die fünf Prominente von Wim Wenders bis Javier Cercas ihre persönliche Auswahl zusammengestellt haben. Der Kurator Matthias Reichelt wirbt im Tagesspiegel für den Ideenkünstler Timm Ulrich, der beim Publikum - anders als in der Kunstwelt - einfach nicht ankommt.
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Design

Kansai Yamamoto ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Bekannt wurde der japanische Modedesigner vor allem mit seinen extravaganten Entwürfen für David Bowie. "Sie sind die Textil-Ikonen des Glam-Rock schlechthin, jener Ära, in der die Geschlechtergrenzen mit viel Make-up, Pailletten und Flitter überdeckt wurden und deren Held ein selbsterklärter Außerirdischer war", schreibt Jürg Zbinden in der NZZ. Und Thomas Hahn ergänzt in der SZ: "Bei Yamamoto war Mode ein Ausdruck von Leidenschaft und bejahendem Lebensgefühl, ein Bekenntnis zum Chaos der Farben und zum Nebeneinander von Tradition und Moderne."

Das ginge so heute wohl nicht mehr durch:

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Film

Poetisches Requiem: "Das Purpurmeer" von Amel Alzakout (Bild: ZDF/Amel Alzakout)

Amel Alzakouts "Das Purpurmeer" lief im Februar auf der Berlinale im Forum Expanded, der Sektion für avantgardistische Filmkonzepte im Zwischenbereich von Installation und Kino. Jetzt zeigt Arte den Essayfilm der syrischen Filmemacherin, die damit ihre dramatische Flucht über das Mittelmeer dokumentiert. Mit einer Reportage ist nicht zu rechnen, schreibt Oliver Jungen in der FAZ: "'Das Purpurmeer' ist ein radikaler Film, Videokunstwerk, poetisches Requiem und erschütternd authentische Dokumentation zugleich. ... Hier handelt es sich von der ersten bis zur letzten Sekunde um objektive Subjektivität, um Perspektive in einer unausweichlichen Form. Und eben das überträgt sich beinahe verlustlos. Die Wirkung eines Schiffbruchs, den man auf solche Weise miterlebt, ist wuchtig. Es zeigt sich - und steht so ähnlich ja auch schon bei Schopenhauer -, dass Empathie nichts ist, für oder gegen das man sich entscheidet, keine Gutmenschentugend, sondern tief anthropologisch verankert, eine Wehrlosigkeit, die uns erst zu Menschen und die Zivilisation zur Zivilisation macht. Wer hier nicht mitfühlt, muss ein Stein sein." In der FR bespricht Daland Segler den Film.

Cargo hat aus seinem Magazinarchiv einen zwar schon 2010 geschriebenen, aber immer noch aktuellen, vor allem aber wunderbar schwärmerischen Text des Regisseurs Dominik Graf über eine vom tschechischen Autorenfilmer Zbynek Brynych (der seinerzeit viel fürs deutsche Kino und Fernsehen drehte) inszenierte "Derrick"-Folge online gestellt: "Orte bei Brynych: Mit seinem exorbitanten Raumgefühl, mit seinen oft endlosen Einstellungen hat er ein München archäologisiert, das noch ganz Nachkriegsstadt war. Das München der Siebziger im böhmischen Becherovka-Rhythmus ('ein hervorragender Kräuterschnaps, nicht wahr?' Brynych im Interview.) Nur in Sekunden ahnt man bereits die kapitalistische Hochglanz-Metropole der nahenden Achtziger. München wird in den Derricks endgültig seine Stadt: Brynych Village sozusagen. Im Nachhinein, beim Heute-Anschauen, umgibt die Stadt fast ein Geheimnis, das sie vielleicht niemals hatte. Das ihr aber sehr gut stand. ... Der deutsche Film war immer nur an seinen dunkelsten Orten wirklich." Da die ZDF-Tochter Streamwerke gerade alle Folgen von "Derrick" und "Der Kommissar" bei Youtube hochlädt, kann man sich die Folge, die im Zentrum von Grafs Text steht, sogar problemlos ansehen:



Außerdem: In der Berliner Zeitung gratuliert Michael Ossenkopp Bugs Bunny zum 80. Geburtstag. Weitere Nachrufe auf Olivia de Havilland (unser Resümee) schreiben Anke Sterneborg (ZeitOnline), Daniel Kothenschulte (FR) und Jenni Zylka (Tagesspiegel).
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Literatur

Nicht das Internet hat die Literaturkritik in die Krise getrieben, sondern das haben die Zeitungen schön selber hingekriegt, entgegnet Jan Kutter in 54books den Klagen Sigrid Löfflers (unser Resümee). Er erinnert sich an goldene Zeiten in den neunziger Jahren, als er für ein Regionalblatt - einem engagierten Redakteur sei Dank - ein ansehnliches Nebeneinkommen zur Finanzierung seines Studiums erwirtschaftete und pralle Literaturbeilagen die Regel waren. Dann ging der Redakteur in Rente und die schönen Zeiten waren dahin: Kein Platz, gewünscht waren seichte Empfehlungen - ein Weg, den auch viele andere Blätter gingen. "Dass eine verdiente Kritikerin wie Sigrid Löffler mit dem Zustand der heutigen Literaturkritik hadert, ist daher nicht überraschend. Was dieser Zustand allerdings mit dem bösen Internet zu tun hat, mag sich mir nicht ganz erschließen  ... Zumal auch in manchen kleinen und großen Online-Medien selbstverständlich längst eine ernsthafte und kompetente Literaturkritik stattfindet, und dies oftmals mit einem neugierigeren Blick und einer originelleren, diverseren Auswahl als in den vom Verlagsausstoß getriebenen etablierten Feuilletons."

Besprochen werden unter anderem Lorenz Justs "Am Rand der Dächer" (Berliner Zeitung, SZ), der von Peter Handke übersetzte Gedichtband "Erste und letzte Gedichte" von Fabjan Hafner (Freitag), Christoph Höhtkers Dystopie "Schlachthof und Ordnung" (Zeit) und Anne Tylers "Der Sinn des Ganzen" (FAZ). Und Tell gibt Lesetipps für den Sommer.
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Bühne

Besprochen werden der Tanzabend "Response" des Stuttgarter Balletts (FR) und Sibylle Zehle Biografie des Wiener Theatermanns "Max Reinhardt" (Standard).
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Musik

Mit ihrem neuen Album "What's your pleasure?" zeigt sich Jessie Ware nach einer Durstrecke wieder voll in Form, schreibt ein begeisterter Jens Balzer in der Zeit: "Hach, wann wurde zuletzt so herrlich gehechelt in einem Disco-Song? ...  Wenn Jessie Ware über die Lust und das Vergnügen singt, dann haucht und zittert sie, lächelt, schmollt, unterwirft sich und triumphiert; sie hält ihren Atem zurück und lässt ihn stoßweise wieder hinaus; sie scheint jeden Vokal erst abzuschmecken, bevor sie ihn formt; an den schönsten Stellen wirkt es, als ob sie ihre Stimme und ihren ganzen vibrierenden Körper von den schubbernden Beats vorantreiben lässt und der Musik zugleich mit großer Geste entfleucht, willenlos und souverän: so wie das Wechselspiel der Erotik, das sie in ihren Liedern beschwört."



Weitere Artikel: In der NZZ berichtet Regine Müller von Paavo Järvis Musikfestival in Tallinn (mehr dazu bereits hier). Tobias Schwartz erinnert im Tagesspiegel an den Komponisten Ferruccio Busoni. Orchesterdirektor Alexander Steinbeis verlässt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für die FAZ hat sich Elena Witzeck mit dem Berliner Rapper Luciano getroffen.

Besprochen werden neue Alben von Zara McFarlane (Tagesspiegel), Protomartyr (taz), Jessy Lanza (SZ), The Streets (taz) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter eine Neuauflage von Bobbie Gentrys zweitem Album "The Delta Sweete" von 1968 (SZ). Wir hören rein:

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Stichwörter: Ware, Jessie