Efeu - Die Kulturrundschau

Do fiese Zömmelöm!

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09.02.2018. Der Tagesspiegel bewundert in Leipzig die Instagram-Kunst junger Frauen. In der nachtkritik ermuntert Esther Slevogt die Theater, sich stärker der Demokratisierung der Öffentlichkeit durch das Internet zu öffnen. Die NZZ nimmt Platz in einem Designklassiker, dem  Altorfer-Liegestuhl. Die FR quält sich durch "Fifty Shades of Grey". Und: Die Shortlist für den Leipziger Buchpreis ist raus.

Kunst


Juno Calypso, The Honeymoon Suite, 2015, © The Artist

Mit der Schau "Virtual Normality" widmet sich das Museum der bildenden Künste in Leipzig der Instagram-Kunst junger Frauen . Alles nur eitle Selfies? Überhaupt nicht, meint Birgit Rieger im Tagesspiegel . "Sie neutralisieren den männlichen Blick . Oder versuchen es zumindest. Auch in Bezug auf die weibliche Sexualität. Die Illustratorin und Videokünstlerin Stephanie Sarley ist mit ihren 'Fruit Porn'-Motiven vertreten. Sarley hat Obst in Vaginaform arrangiert, saftige Orangenhälften werden zweideutig mit Sahneklecksen bespritzt, der Finger der Künstlerin dringt ins Pfirsichfleisch ein. Sinnlich, sehr simpel, sehr plakativ - und supererfolgreich im Netz. Sarleys Idee wurde aber auch von zahlreichen Trollen geklaut und benutzt. Authentische weibliche Sexualität ist in den sozialen Netzwerken immer noch ein Garant für beißenden Spott ."

Besprochen werden die Balthasar - Burkhard -Retrospektive im Fotomuseum Winterthur ( TagesAnzeiger ), eine Ausstellung mit Bildern des schottischen Pop-Art-Künstlers Eduardo Paolozzi in der Berlinischen Galerie ( Berliner Zeitung ) und die Sammelausstellung " Rechts " mit Arbeiten von zehn KünstlerInnen zum Thema Rechtspopulismus im Berliner Haus am Lützowplatz ( taz ).
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Literatur

Die Shortlist für den Leipziger Buchpreis wurde bekannt gegeben. Zu jedem der fünf nominierten Romane fallen taz -Literaturredakteur Dirk Knipphals Geschichten ein: " Isabel Fargo Cole ('Die grüne Grenze', Nautilus) stünde für den bislang möglicherweise zu Unrecht übersehenen großen Roman aus dem Herbstprogramm sowie aus einem Kleinverlag. Anja Kampmann ( 'Wie hoch die Wasser steigen' , Hanser) für die aus dem Stand überfliegende Romandebütantin. Esther Kinsky ('Hain', Suhrkamp) eher für den zwangsläufigen Durchbruch einer ihr Werk allmählich entfaltenden Autorin. Georg Klein ('Miakro', Rowohlt) für ein Comeback; allerdings hat er den Preis schon einmal bekommen. Und an Matthias Senkel ('Dunkle Zahlen', Matthes & Seitz) ließe sich im Erfolgsfall einiges über die smarte, hochambitionierte Nachwuchsszene der deutschsprachigen Literatur erzählen." Angelika Klüssendorfs "Jahre später" vermisst er allerdings auf der Liste.

Do fuul Zitron, do matschig Schlot,
do halv verdrüschten Herringsgrot,
do Duseldier, do Pluutekopp,
dich han se durch de Sod jezopp,
do Seifeschnüss, do Lömmelsgaan,
komm nit an minge Krom eraan,
söns jeiht mir noch et Öllig öm,
do fiese Zömmelöm!

Marie Luise Knott erinnert sich im Logbuch Suhrkamp an das Kölsch , das zu Zeiten ihrer Kindheit gesprochen und in respektlosen Liedern gesungen wurde: "Als Allererstes hatte mich der Sound. Erst später lernte ich, was das lautgewöhnte Ohr von selbst wahrnahm: dass im Kölschen jeder Vokal - anders als im Hochdeutschen - mindestens drei verschiedene Längen kennt und dass diese Längen in sich noch enorme Variationen besitzen. Heute frage ich mich: Ist es so, dass sich in allen Dialekten neben den liebkosenden Worten die Schimpftiraden besonders ausprägen, weil hier, in der Rage, das Maul besonders schwungvoll jeschwaad wird? Hinzu kommt, dass sich im Ureigenen der Volkssprache die - meist doch volksferne - Obrigkeit besser und hingebungsvoller beschimpfen ließ, zumal diese das Gesungene kaum verstand und folglich nicht ahnden konnte." Im Perlentaucher schreibt Knott außerdem über die Nachlässe des Übersetzers Peter Urban .

Weitere Artikel: In der Jungle World beleuchtet Jonas Engelmann anlässlich der Gomringer -Kontroverse die Anfänge der Konkreten Poesie : Deren Impuls lag in der "Skepsis gegenüber der Sprache, die durch den Nationalsozialismus beschädigt war." In der Welt liest Marc Reichwein den GroKo - Vertrag als Literatur: Was die Figuren betrifft, handelt es sich demnach um "ein ziemlich schlechtes Werk , weil es einerseits an zu wenig konkreten Charakteren und andererseits an Figurenüberfrachtung leidet." Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Abschluss von Silke Scheuermanns Frankfurter Poetikvorlesung. Martin Walser hat die Veröffentlichung seines neuen Romans "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" um rund einen Monat auf Ende März vorverlegt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel .

Besprochen werden Michael Opitz ' Biografie über den Schriftsteller Wolfgang Hilbig ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Das Wort" im Museum Strauhof Zürich ( NZZ ), Viet Thanh Nguyens "Der Sympathisant" ( NZZ ) und T . C . Boyles Erzählungsband "Good Home" ( SZ ).
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Design


Der Altorfer-Liegestuhl. Bild: Embru-Möbel

In der NZZ widmet sich Manuel Müller dem Altorfer - Liegestuhl , als Designklassiker besser bekannt unter der Bezeichnung "Spaghetti-Stuhls", da seine Fläche aus queren Plastikschnüren besteht, was die charakteristische Musterung des Sonnenanbeter-Körpers, der darin zur Ruhe kommt, zur Folge hat. Vor siebzig Jahren kam er auf den Markt: "Ein Paradebeispiel des Swiss Design. Er ist im besten Sinne schlicht, nüchtern , schnörkellos : Gute Form verstanden als zeitloses, klassisches Design."
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Bühne

Warum öffnen sich die Theater nicht stärker der Digitalisierung , d.h. der Diskussion mit dem Publikum, fragt sich Esther Slevogt in der nachtkritik . Sie haben doch eine "jahrtausendealte Tradition als Erfahrungsraum von Demokratie und Plattform öffentlichen Gesprächs", meint sie und erinnert an den Vormärz : Die damals "langsam entstehende bürgerliche Öffentlichkeit hat das Führen eines öffentlichen Gesprächs samt Entwicklung der Spielregeln in seiner Implementierungsphase stark am Sprechen über das Theater eingeübt, damals ein ebenfalls vollkommen neues Medium der sich herausbildenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Das allgemeine Krisengefühl, das dem gefühlten Kontrollverlust der (damals noch feudalistisch strukturierten) Mainstreamgesellschaft über seine Diskurshoheit geschuldet war, ist an den hektischen Theater- und Zeitungszensurgesetzen jener Zeit bis heute gut ablesbar. Und gleicht in gewisser Weise dem Krisengefühl, das in der aktuellen Implementierungsphase digitalbasierter Medien und Kulturtechniken unsere Gegenwart prägt."

Weitere Artikel: In der nachtkritik gratuliert Georg Kasch Rosa von Praunheim zu seinem schwulen Theaterabend "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" am Deutschen Theater Berlin. Im Interview mit dem Standard spricht Regisseurin Yael Ronen über ihr neues Stück "Gutmenschen" und über die Rechten in Österreich. In der FAZ würdigt Alexandra Albrecht das Ballett am Rhein in Duisburg und seinen Direktor Remus Sucheana.

Besprochen werden Jürgen Pöckels Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" mit Arrangements und einer Neukomposition des Finales von Katharina S . Müller am Theater Plauen-Zwickau ("Das kreative Potential der Komponistin hungert nach einem eigenen abendfüllenden Musiktheater-Werk", erkennt Roland H. Dippel in der neuen musikzeitschrift ) und Calixto Bieitos Inszenierung der Schreker-Oper "Die Gezeichneten" an der Komischen Oper Berlin ( Standard ).
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Stichwörter: Digitalisierung

Film

" Größere Qualen lassen sich im Kino kaum durchleben", witzelt Daniel Kothenschulte in der FR , nachdem er James Foleys dritten Teil der SadoMaso-Hochglanz-Schmonzette "Fifty Shades of Grey" hinter sich gebracht hat. Im Deutschlandfunk Kultur spricht Matthias Hanselmann mit der Filmemacherin Ula Stöckl , der das Berliner Kino Arsenal zum 80. Geburtstag eine Werkschau widmet.

Der Tagesspiegel wirft vorab einen Blick in die Sektionen der Berlinale : Nadine Lange stellt Filme aus dem Panorama vor, das sich in diesem Jahr mit neuer Leitung präsentiert. Christiane Peitz berichtet von Entdeckungen im Forum . Christian Schröder erkundet die Retrospektive, die dem Kino der Weimarer Republik gewidmet ist.

Besprochen werden Taylor Sheridans Western-Thriller "Wind River" ( Tagesspiegel ), Jan Speckenbachs Trennungsdrama "Freiheit" ( Tagesspiegel ), Karin Jurschicks Dokumentation "Playing God" über den Rechtsanwalt Kenneth Feinberg ( Tagesspiegel , ZeitOnline ) und die Serie "The Bold Type" über drei junge Frauen, die in einem New Yorker Frauenmagazin anheuern ( FAZ ).
Archiv: Film
Stichwörter: Weimarer Republik

Musik

Robert Mießner unterhält sich in der taz mit dem Indietronica-Duo MGMT über deren neues Album "Little Dark Age", auf dem die Band mit den Insignien der Gothic-Kultur spielt. In der Popkolumne auf ZeitOnline kann Jens Balzer über die "Seichtigkeit" des Album allerdings nur müde lächeln : "Entgegen beziehungsweise ergänzend zu der zuletzt allgemein verbreiteten Ansicht, dass traditionelle Gitarrenrockmusik tot ist, wirkt jedenfalls in der Version von MGMT traditionelle Synthiepopmusik noch wesentlich toter ". Die wenigen Zeilen, die Jens-Christian Rabe für seine Besprechung in der SZ zur Verfügung stehen, nutzt er lieber, um an die Geschichte der Band und deren Hits vor zehn Jahren zu erinnern: Doch " ohne ähnlich große Hits waren die beiden folgenden Alben dann aber leider nicht mehr ein ganz so großartiger Spaß. Und weil das auch auf dem neuen, stark von den kristallinen Synthie - Orgien der Achtziger inspirierten Album blöderweise so ist, steht hier auch nicht mehr darüber." Die Spex präsentiert das neue Video:



Weitere Artikel: Thomas Mauch empfiehlt in der taz das Klavierfestival im Piano Salon Christophori in den Berliner Uferhalen. Tobias Sedlmaier meldet in der NZZ den Tod Grateful - Dead -Texters John Perry Barlow .

Besprochen werden Franz Schuberts "Rosamunde" mit Kent Nagano am Pult und dem neuen Text "Es kommt ein Schiff gefahren" von Ulla Hahn in Hamburg ( nmz ), das Debüt des Duos The Green Child ( taz ), das neue Album "Damned Devotion" von Joan As Police Woman ( taz ), ein Mahler -Konzert des Tonhalle - Orchesters unter Robert Trevino ( NZZ ), Berthold Seligers Buch "Klassikkampf" ( FAZ ) und die Ausstellung "Archaeomusica" im Landesmuseum Brandenburg mit europäischen Musikinstrumenten aus der Bronzezeit bis zur Antike ( SZ ).
Archiv: Musik
Stichwörter: MGMT, Indie-Pop, Synthiepop