Efeu - Die Kulturrundschau

Im Blitzlicht einer großen Stadt

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25.11.2016. Anselm Kiefer ist wütend: Seine Werkschau in Peking, von der er nichts wusste, ist ein Riesenerfolg. Alle lieben "Affe", ein Musical mit der Musik von Peter Fox an der Neuköllner Oper. Berlins Regierender Michael Müller bringt das Kunststück fertig, sich gleichzeitig hinter Dercon und Lederer zu stellen, staunt der Tagesspiegel. Artechock will laut Welt die deutsche Filmflut eindämmen, die sogar den Filmdienst an den Rand der Pleite treibt. Im Logbuch Suhrkamp sieht Dorothea Studthoff die Mode von Gareth Pugh aus dem Geist der Science-Fiction-Romane von Michel Faber entstehen.

Kunst

Anselm Kiefer ist wütend: Über seine großen Werkschau im Kunstmuseum Peking , obwohl die ein Riesenerfolg ist, berichtet Johnny Erling in der Welt : "Doch der Andrang, der die Ausstellung zum Publikumsmagneten macht, hat auch mit Kiefers wütendem Protest zu tun, der im Internet Wellen schlägt. Nach seinen Angaben sei er von den deutschen Organisatoren der Ausstellung weder gefragt noch eingebunden und nicht einmal informiert worden. Die Kuratorin Beate Reifenscheid vom Ludwig Museum in Koblenz und vor allem die in Hamburg ansässige kommerzielle Kunstagentur 'Bell Art GmbH' legten ihre Privatsammlungen von Kiefer-Werken zusammen und machten daraus die Ausstellung für China. Sie hätten alles alleine arrangiert, künstlerisch geplant und finanziert." Die Chinesen fühlen sich jetzt düpiert , weil ihnen im Traum nicht eingefallen war, dass die Ausstellung ohne Kiefers Wissen erstellt wurde.

Im Außenministerium gibt man sich zuversichtlich, dass die iranische Führung doch noch die Reise der Farah-Diba-Sammlung zur Ausstellung nach Berlin erlaubt, berichten Catrin Lorch und Sonja Zekri in der SZ . Und auch dies wird versichert: " Majid Mollanoroozi , Direktor des Tehran Museum of Contemporay Art, das die Sammlung beherbergt, wird in jedem Fall nicht nach Berlin reisen: Er hatte sich an einer Ausstellung von Holocaust-Karikaturen beteiligt." Na dann. Eine ausführlicher Bericht über die Zeit -Recherche zu dem Desaster findet sich im Tagesspiegel .

Weitere Artikel: In der taz erinnert Ulrich Gutmair an die Gründung der Kunst-Werke in der Berliner Auguststraße vor 25 Jahren. In der NZZ resümiert Herbert Pfortmüller den Skandal um den Nichtskandal um die mutmaßlich falschen van-Gogh-Skizzen .

Besprochen werden die Fotoausstellung " Robert Haas . Der Blick auf zwei Welten" im Wien-Museum ( Presse ), die Ausstellung " Geschlechterkampf " im Städel ( FR , FAZ ), die Ausstellung "Game Masters" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ( NZZ ) und Omer Fasts Installation im Martin-Gropius-Bau ( art ).
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Literatur

Peter Truschner greift im Perlentaucher die aktuellen - maßgeblich auch im Perlentaucher geführten Debatten um den literarischen Nachwuchs auf, dem er nicht viele Chancen gibt: "Dem Anpassungsdruck des Betriebs arbeitet dabei die Anpassungswilligkeit derjenigen entgegen, die in ihn hinein wollen. Die jungen Leute sind informierter als jede Generation zuvor und wissen nur zu gut, dass nichts, was in den letzten zwanzig Jahren für eine kulturelle Innovation stand, seinen Ursprung im deutschsprachigen Raum hat - auch, weil es die dafür unabkömmliche Start Up-Mentalität nicht gibt."

Weitere Artikel: In der FR stellt Sabine Vogel schon mal den Schwerpunkt Litauen der kommenden Leipziger Buchmesse vor: 26 Neuerscheinungen soll es geben und einen "e"-Workshop, der lehrt, wie man die weibliche Endung "in verschiedenen Tonlagen" kiekst, nölt und brummelt.

Besprochen werden Jonathan Safran Foers Roman "Hier bin ich" ( taz ), Judith Butlers "Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung" ( FAZ ), Albrecht Selges Roman "Die trunkene Fahrt" ( Zeit ), Philip Winklers Roman "Hool" ( tell ), Françoise Frenkels Memoir "Nichts, um sein Haupt zu betten" ( NZZ ), Daniel Kehlmanns Erzählband "Du hättest gehen sollen" ( FR ) und zwei Romane des bulgarischen Autors Kalin Terzijski ( NZZ ).
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Bühne


Szene aus dem Musical "Affe" an der Neuköllner Oper. Foto: Neuköllner Oper/Matthias Heyde

In Berlin haben Regisseur Fabian Gerhardt und Autor John von Düffel aus dem fabelhaften Album "Stadtaffe" von Peter Fox das Musical "Affe" gebastelt, das jetzt an der Neuköllner Oper Premiere hatte. Im Tagesspiegel zieht Udo Badelt den Hut: "Die Story steht für sich. Und die Anschlüsse zu den Songtexten funktionieren gut, wie im Abba-Musical 'Mamma Mia!'. Es sind Momentaufnahmen im Blitzlicht einer großen Stadt .... Der tolle Cast, darunter Achan Malonda mit großer, dramatischer, souliger Stimme, tut ein Übriges. In den fiesen Schlangenaugen von Rubini Zöllner lässt sich rettungslos versinken."

In der Berliner Zeitung outet sich Birgit Walter als absoluter Fox-Fan. Dessen Songs klingen hier "erst mal furchtbar fremd , wenn die fetten Fox-Arrangements durch drei Streicher, Bass, Keyboard und Drums ersetzt und die Lieder von Schauspielern gesungen werden. Was denn sonst? Aber man gewöhnt sich und bekommt ja auch etwas dazu, nämlich feinstes Musiktheater , alles handgemacht bis hin zum Gesang an klassischen Mikrofonen statt körpernahen Mikroports, mit blutjungen Darstellern, alles live, druckvoll und spannend."

Im Berliner Abgeordnetenhaus versuchte der Regierende Berliner Bürgermeister Michael Müller sich aus der Volksbühnen-Affäre herauszuwinden, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel . Müller hatte verkündet, er halte - anders als der designierte neue Kultursenator Klaus Lederer - die zusammen mit seinem Kulturstaatssekretär Tim Renner gefällte Entscheidung für Chris Dercon als Castorf-Nachfolger an der Volksbühne immer noch für richtig und stehe zu dem Vertrag mit Dercon. Dann schob er nach: "Aber jeder neue politische Verantwortliche hat das Recht, getroffene Entscheidungen zu hinterfragen - und damit anders umzugehen." Da staunt selbst die altgediente Kulturredakteurin Peitz: "Wie bitte? Lederer kann eigenverantwortlich prüfen, aber am Vertrag für Dercon wird nicht gerüttelt?"

Besprochen wird Jaco van Dormaels Inszenierung des "Don Giovanni" Opéra Royal de Wallonie in Lüttich ( FAZ ).
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Design

Gareth Pugh, SS 2018 Gareth Pugh, Spring 2017
Im Logbuch Suhrkamp sieht Dorothea Studthoff einen Zusammenhang zwischen der Mode von Gareth Pugh und den Science-Fiction-Romanen von Michel Faber : " Pugh weiß seine Mode in den Kontext eines Genres zu stellen, ein paar Ensembles in ihrer Schrillheit über die Klippe zu schubsen und doch im Grunde in Bezug auf Proportionen, Material, Farben und Kunstfertigkeit wunderschöne Bekleidung zu erschaffen, die auch außerhalb des Genre-Kontextes funktioniert. ... Wie Gareth Pugh sich immer noch irgendwo an der traditionellen Silhouette orientiert, brechen Michel Fabers Romane selten komplett die bestehenden Denkmuster. Auch die Aliens, die weit, weiiiiiit von der Erde wohnen und kein Gesicht haben, sind trotzdem alle Individuen, tragen Kutten und sind körperlich ."

Für die NZZ hat Katrin Schregenberger den Aufbau der Designmesse Blickfang in Zürich beobachtet . Dort igelt man sich zwischen individuell gestalteten Teppichen und Keramik behaglich ein: "Wie meistens, wenn es um Design und Verkauf geht, ist auch diese Messe eine Art Parallelwelt: Alles ist schön , es wird über Positives geredet, Probleme gehören nicht hierher. Es ist die Welt des Konsums, wenn auch des gehobenen und nicht unbedingt günstigen."
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Film

Dass der altehrwürdige, von der katholischen Kirche alimentierte Filmdienst wirtschaftlich vor dem Aus steht, geistert als Gerücht schon seit längerem durch den Betrieb . In der Welt hat Hanns-Georg Rodek nun bei Theo Mönch-Tegeder, dem Geschäftsführer der Dreipunktdrei-Mediengesellschaft, die den Filmdienst herausgibt, nachgehakt : Als Printmagazin werde die Zeitschrift wohl tatsächlich eingestellt, dafür aber wahrscheinlich als Onlinemagazin weitergeführt. Der legendäre Komplettheitsanspruch fällt dabei aber offenbar unter den Tisch: "Die Zahl der neu erscheinenden Filme hat sich im Lauf der annähernd 70 Jahre, die es den Filmdienst gibt, extrem stark nach oben entwickelt. Die redaktionellen Kosten hängen also unmittelbar mit dem Ausstoß der Filmindustrie zusammen. Wir suchen nach einer alternativen Lösung, die Vollständigkeit für bestimmte Bereiche darstellt. ... Wir denken darüber nach, einen Begriff einzuführen, den wir 'wertvollen Film' nennen. Dabei würde es auf der Hand liegen, zur Würdigung von Filmen auch die christliche Ethik heranzuziehen." Zu letzterem muss man nach alter Filmdienst -Sitte sagen: Wir raten ab .

Diese Filmflut hat nicht zuletzt mit der deutschen Filmförderung zu tun - ein Problem, auf das auch Rüdiger Suchsland in seiner aktuellen "Cinema Moralia"-Kolumne bei Artechock eingeht . Dort zitiert er ausführlich aus einem online nicht zugänglichen Interview , das das Branchenblatt Blickpunkt:Film mit Torsten Frehse vom Verleih Neue Visionen geführt hat. Frehse sagt demnach: "Manche Filme werden doch nur deshalb noch halb­herzig in die Kinos bugsiert, weil das aufgrund von Förder­re­gu­la­rien so sein muss. Ganz egal, wie klar allen Betei­ligten ist, dass diese Werke besten­falls die Leinwände verstopfen . Das ist doch völlig gaga! Nicht umsonst tritt die AG Verleih klar dafür ein, derartige gesetz­liche Start­ver­pflich­tungen abzu­schaffen."

Auf Spon blickt Frédéric Jaeger in seiner Vierteljahrs-Kolumne auf die letzten drei Monate im Filmbetrieb zurück. Unter anderem geht es dabei darum, dass die Constantin als Aushängeschild der deutschen Filmindustrie von ausländischen Firmen übernommen und im Zuge womöglich geschliffen werden könnte. Dass man sich über die Constanin nach dem Tod Bernd Eichingers nicht mehr ganz so leidenschaftlich streiten kann, findet er allerdings schade: "Aber ein gleichzeitig schön anarchisches und unverhohlen Dummheit zelebrierendes Franchise wie 'Fack ju Göthe' muss man auch erst mal auf die Reihe kriegen. Man möchte der Constantin einen Freigeist an die Backe wünschen, oder eben einen durchgeknallten Künstler wie Werner Herzog , der nicht von ungefähr lieber in anderen Ländern seine Filme produziert."

Weitere Artikel: Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit Ken Loach , dessen neuer Film "Ich, Daniel Blake" diese Woche startet. Für kino-zeit.de hat sich Anna Wollner mit Stephen Frears auf ein Gespräch über dessen Film "Florence Foster Jenkins" getroffen. Auf Artechock resümiert Nora Moschü­ring die Duisburger Filmwoche .

Im neuen Podcast vom Film Comment unterhalten sich J. Hoberman von der New York Times und Tobi Haslett von Artforum und n+1 darüber, wie sich unter den Eindrücken der Trump - Wahl der Blick aufs Gegenwartskino verändert:



Besprochen werden Denis Villeneuves Science-Fiction-Film "Arrival" ( FR , Tagesspiegel , unsere Kritik hier ), Ken Loachs Sozialdrama "Ich, Daniel Blake" ( Artechock , Tagesspiegel , mehr im gestrigen Efeu), Peter Zachs Essayfilm "Beyond Boundaries" über Slowenien ( Tagesspiegel ), Werner Herzogs Film "Wovon träumt das Internet?" ( critic ), Peter Bergs mit Mark Wahlberg besetzter Actionfilm "Deepwater Horizon", der laut David Steinitz von der SZ dem Subgenre der "Ölplattformpornografie" zuzurechnen sei, Liwaa Yazjis Dokumentarfilm "Haunted" über die Folgen des syrischen Bürgerkriegs für die Bevölkerung ( FAZ ) und Josef von Bákys auf DVD veröffentlichter "Fuhrmann Henschel" von 1956, der seinem Publikum laut Oliver Nöding von critic.de ein " krachledernes Stück Alpengothic " bietet.
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Architektur

Im Guardian berichtet Oliver Wainwright fassungslos von einem Berliner Auftritt des Architekten Patrik Schumacher , der Zaha Hadids Firma nach deren Tod übernommen hat: "Abolish social housing, scrap prescriptive planning regulations and usher in the wholesale privatisation of our streets, squares and parks. That was the message delivered by Patrik Schumacher, director of Zaha Hadid Architects, to a stunned audience of architects and developers at a conference in Berlin last week, provoking a flood of impassioned responses online - with both opponents and supporters declaring him to be 'the Trump of architecture '."
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Musik

Was war britische Popmusik doch mal für ein Geschenk an die Menschheit - und obendrein noch sehr lukrativ selbst noch für die Protagonisten im bloß mittelerfolgreichen Segment. Heute herrscht demgegenüber Katerstimmung , wie Jan Kedves von der SZ in Erfahrung gebracht hat: Die britischen Popmusiker heute aus Lebenshaltungsgründen vornehmlich im Berliner Exil, haben seit geraumer Zeit keinen Trend mehr angeschoben und leiden an schweren Depressionen . Und dann die Geldsorgen: "Es gibt kaum freie Tage, an jedem Abend muss gespielt werden - und im Sommer muss man für kleine Gage am besten auf sämtlichen Festivals gleichzeitig auftreten, auch wenn der eigene Name nur im Kleingedruckten steht. Jetlag, Schlafentzug, das konstante Up and Down zwischen Euphorie und Hotel. ... Sie [kommen] nach einer Tour als emotionale Wracks nach Hause."

Christian Schachinger macht den Rolling Stones im Standard nicht ganz unvergiftete Komplimente: Die haben nach vielen Jahren mal wieder ein neues Album aufgenommen , das nur aus Blues-Coverversionen besteht: "Die zart verstimmten Gitarren, oft auch hörbar dreckig mit Gichtfingern gespielt und von Mick Jaggers entschlossenem Fotzhobelspiel befeuert, dürften damit weihnachtlich beschenkten Rockopis da draußen definitiv Spaß machen. So frisch haben die Rolling Stones seit ungefähr 1980 nicht mehr geklungen." Hier das aktuelle Video:



Weitere Artikel: Ein sichtlich gerührter Tobias Lehmkuhl meint im Tagesspiegel nach Anhören von Keith Jarretts "A Multitude of Angels", einer Box mit vier Konzertmitschnitten von 1996, "nie etwas Schöneres gehört zu haben." Der Bayerische Rundfunk bringt Zuzana Jürgens' und Niels Beintkers großes Radiofeature über die in den Nachwehen des Prager Frühlings gegründete, tschechische Rockband The Plastic People of the Universe , die in den 70ern enormen Repressalien ausgesetzt war.

Besprochen werden die neuen Hiphop-Alben von A Tribe Called Quest und NxWorries ( taz ) und Konzerte von Placebo ( FR ), Al Jarreau ( FR ) und beim Lucerne Festival ( NZZ ) sowie diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Friedrich Sunlight ( ZeitOnline ).
Archiv: Musik