Die Buchmacher

Bertelsmann und das Web 2.0

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02.06.2007. Warum Buchhändler bald zum Content-Broker umschulen müssen. Wie stark die Großen auf dem italienischen Buchmarkt die Kleinen dominieren. Was Bertelsmann in den Niederlanden und im Web 2.0 vorhat. Und wie (mies) der US-Buchmarkt 2006 abgeschlossen hat.

Börsenblatt

Vito von Eichborn macht sich im Kommentar nach eigenen Angaben zum ersten Mal Sorgen um das Schicksal des Buchs. Anlass ist der Einstieg von Libri ins Gebrauchtbuchgeschäft. "Warum schreit eigentlich niemand?", fragt Eichborn. In den USA kauften Schüler und Studenten mehr als die Hälfte ihrer Bücher längst billiger im Netz. "Die Rechenaufgabe ist simpel", so Eichborn: "Wenn man die steigende Kurve der Stückzahlen im wild wachsenden Gebrauchthandel imaginiert - tritt simultan die sinkende Kurve der Auflagen von Novitäten vor Augen." Und dann? Startauflagen und Lagerhaltung würden ganz abgeschafft, das nur einmal on demand gedruckte Exemplar werde gebraucht weiterverkauft. "Dann müssen Autoren und Verlage ihr Geld online verdienen. Dafür braucht man allerdings keinen Buchhändler mehr, der wird umgeschult auf Content-Broker."

Christian Försch schreibt eine interessante Analyse des italienischen Buchmarkts. Einerseits habe sich die Zahl der Neuerscheinungen seit 1980 mehr als verdreifacht; täglich kämen rund 100 Titel heraus. Andererseits würden fast 90 Prozent der Bücher von einer Handvoll Großverlagen produziert, alle aus dem Norden. "Sie diktieren die Gesetze des Marktes, kaufen den Kleinverlagen die Talente weg, drücken im Vertrieb die eigenen Titel durch. Die restlichen 90 Prozent der Verleger kämpfen ums Überleben", so Försch. Kleinverleger hielten zunehmend mit konzertierten Aktionen dagegen und schlössen sich zusammen, um eine eigene Vertriebsstruktur aufzubauen.

Von der Tagung der Deutschen Fachpresse in Wiesbaden berichtet Michael Roesler-Graichen. Ziel der Verleger sei, künftig einen Programmmix zu komponieren, der alle Medienkanäle bedient, und "zugleich das Printmedium mit den elektronischen Medien zu einem Leistungsbündel" zu schnüren, "dessen Komponenten sich zueinander komplementär verhalten". Achso.

Jörg Hoewner, Chef der Düsseldorfer Agentur K12 und Berater beim Börsenblatt-Online-Relaunch, erklärt, wie Online-Marketing funktioniert. Fazit: Im Web 2.0 gebe es ein großes Potenzial, nur ließen sich die klassischen Marketingansätze nicht ohne weiteres übertragen. Zukunftsträchtige Werbeträger seien unter anderem Podcasts und Videoclips sowie "Blog-Vertising". Man darf gespannt sein, wie viel das Börsenblatt demnächst online erlöst.

Weitere Themen: Die Edel AG will mit einem Ausbau des Büchergeschäfts die Krise auf dem Musikmarkt kompensieren - 2008 planen die Hamburger einen Buch-Umsatz von 30 bis 40 Millionen Euro ein. Die deutsche "Harry Potter VII"-Übersetzung erscheint am 27. Oktober 2007 bei Carlsen. In der kleinen Serie über Volltextsuche-Portale stellt Volkhard Bode ocelot.de vor, wo bislang (nur) 50 Titel mittlerer und kleinerer Verlage online recherchierbar sind. Nils Kahlefendt schreibt einen Vorbericht zum Treffen von Literaturzeitschriftenverleger in Köln (an diesem Wochenende). Peter Stamm lobt seine Lieblingsbuchhandlung Obergass Bücher in Winterthur. Den Fragebogen hat der Autor Wolfram Fleischhauer ausgefüllt (Lieblingsbeschäftigung: Tango tanzen).
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Viel Bertelsmann im buchreport. In der Aufmachergeschichte berichten die Dortmunder, dass die Direct Group der Bertelsmann AG in den Niederlanden - als viertes europäisches Land - eine Ladenkette mit der Kombination Buchhandlung/Club-Center aufbauen will. Im Herbst eröffne die erste Filiale in der nordholländischen Stadt Alkmaar. "Die Verzahnung von Clubgeschäft, Buchhandel und Online-Angeboten hat die Direct-Group im April als 'Erfolgsformel Integration' zur zentralen Strategie erhoben", erklärt buchreport. Als Prototyp gelte die Direct Group France, die mit dem Club France Loisirs, den 2005 und 2006 übernommenen Buchhandelsketten Librairies Privat und Alsatia sowie der Internetbuchhandlung Chapitre.com zweitgrößter Buchverkäufer (hinter der Fnac) sei. In den Niederlanden habe der Club ECI derzeit 21 Shops, die schrittweise durch Buchhandlungen mit integriertem Club-Center unter dem Namen Cosmox ersetzt werden sollen.

Bertelsmann, Teil 2, diesmal geht es ums Web 2.0: Nachdem der Wissen Media Verlag kürzlich in Kooperation mit der Konzernschwester wissen.de ein Mitmachportal für seine Jahres-Chronik eröffnet hat, folgt ein lexikalisches Community-Portal. Laut buchreport kooperiert das Bertelsmann Lexikon Institut mit wissen.de; "Lexikon-Scouts" sollen Personen, Ereignisse und Begriffe vorschlagen, die ihrer Meinung nach in ein Lexikon aufgenommen werden müssen. "Die ersten Stichwörter der Lexikon-Scouts, zu denen die Redaktion die eigentlichen Lexika-Einträge schreibt, sollen im 'Bertelsmann. Das neue Universallexikon 2008' veröffentlicht werden", schreibt buchreport.

Der US-Buchmarkt hat für 2006 eine enttäuschende Bilanz gezogen. Nach Angaben des Verlegerverbandes AAP sank der Verlagsumsatz um 0,3 Prozent; der Buchhandel legte laut Census Bureau sogar ein Minus von 2,9 Prozent hin. Die größten Einbrüche verzeichneten Hörbücher (minus 11 Prozent) und Religionsbücher (minus 10 Prozent).

Weitere Themen: Als Kandidaten für den Vorstand der Buchhändler Abrechnungs Gesellschaft (BAG) treten Volker Neumann (Pendo), Peter Peterknecht (Buchhandlung Peterknecht) und Helmut Richter (Sozialistische Verlagsauslieferung) an. Amazon hat den größten unabhängigen Hörbuchverlag in den USA, Brilliance Audio, übernommen. Das Programm wird voraussichtlich in das Angebot des noch in diesem Jahr startenden Amazon-Downloadshops einfließen. Der Reclam Verlag vollzieht eine Kehrtwende und führt im Herbst neben der Universalbibliothek wieder eine Taschenbuchreihe (Sachbücher, Klassiker, zeitgenössische Autoren) ein. Der britische Fernsehsender ITV plant eine Art "England sucht den Superautor": Eine Jury wählt vor laufenden Kameras unter Romancier-Novizen den neuen Brown-Rowling aus. Und hier die Bestsellerlisten.
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