Die Buchmacher

Schweiz lässt Buchpreisbindung fallen

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
14.05.2007. Wie es in der Schweiz ohne Buchpreisbindung aussieht. Warum Edeka auch in der Buchbranche funktioniert. Welche Perspektiven sich für die angeschlagene BAG ergeben. Und weshalb Google keinen Vertrag mit dem Börsenverein schließt.

buchreport.express

buchreport berichtet von den neuen Perspektiven für die in Bedrängnis gekommene Buchhändler Abrechnungs Gesellschaft (BAG). Hintergrund: Die Bedingungen eines Darlehensvertrags der Börsenvereinstochter MVB an die finanziell angeschlagene BAG hatte in der Branche für Unmut gesorgt. Laut buchreport haben Buchhändler vorgeschlagen, die Kopplung von Inanspruchnahme von BAG-Dienstleistungen und Mitgliedschaft im Börsenverein abzuschaffen. "Eine Daumenschraube gegenüber dem Verband, denn in der Frankfurter Runde wurde geschätzt, dass dieses Junktim dem Börsenverein bisher zahlreiche Mitgliedschaften und jährliche Beitragseinnahmen von mehr als 500 000 Euro sichern", schreiben die Dortmunder. Zweiter Vorschlag: Die BAG soll in eine Genossenschaftsbank für die Branche umgewandelt werden. So könnten Zinsen und Gebühren, die derzeit von Verlagen und Buchhandlungen bei anderen Banken anfallen, reduziert werden.

Wenige Tage nach dem Fall der Preisbindung in der Schweiz schaut sich buchreport die helvetische Preisentwicklung an. "Die Preise für Bestseller werden von großen Anbietern zum Teil deutlich heruntergezeichnet, Größenordnung 30%", so buchreport. Und: " Statt des bisherigen Aufschlags auf den Euro-Preis (wegen des höheren Kosten- und Preisniveaus in der Schweiz) sind Bestseller dort deshalb jetzt deutlich günstiger zu bekommen als in Deutschland und Österreich." So sei der aktuelle Topseller, die "Jesus"-Biografie des Papstes, statt für hiesige 24 Euro in der Schweiz bereits für umgerechnet 18 Euro erhältlich. In der Belletristik werde beispielsweise der neue Tolkien um 25 Prozent unter dem deutschen Preis verkauft. In der ersten Reihe der Preisbrecher stehe Weltbild. Weltbild-Chef Carel Halff habe den Fall der Preisbindung in einer Presseerklärung zwar bedauert, parallel aber habe die Schweizer Tochter den Preiskampf eröffnet. Das Vorpreschen begründet Halff mit der Abwehr branchenfremder Anbieter, die sich jetzt verstärkt ermuntert fühlen könnten, sich mit billigen Büchern zu profilieren.

Unter der Überschrift "Frühes Sommerloch" bilanziert buchreport die April-Umsätze im Buchhandel, die um 5,4 Prozent unter denen des Vorjahresmonats lagen. Der vor fünf Wochen noch ausgemachte zarte Aufschwung sei jetzt erst einmal perdu, der kumulierte Jahreswert wieder unter die Nulllinie gerutscht (-0,3 Prozent).

Google sucht, VTO lässt lesen: buchreport berichtet von der Einigung von Google und der Börsenvereins-Tochter MVB, nach der die im Verbandsprogramm "Volltextsuche Online" eingestellten Bücher (sollte das Projekt tatsächlich einmal online gehen) auch über die Google-Buchsuche gefunden werden können. Haken an der gemeinsamen Sache sei, dass die MVB lediglich eine per E-Mail verschickte "Absichtserklärung" der Hamburger Google-Dependance erhalten habe. "Einen Vertrag zur Nutzung der Texte wird es nicht geben", so buchreport. Laut Jens Redmer, Europa-Volltextsuche-Chef bei Google, will die Suchmaschine auf der Basis einer "Crawling Relationship" mit VTO zusammenarbeiten, ähnlich wie Google mit Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen im Rahmen der Google News-Suche kooperiere. Verträge seien bei solchen Crawling-Kooperationen nicht üblich. "Angesichts der Perspektive, Google Tausende von Büchern zu liefern, ohne sich vertraglich absichern zu können, scheinen Zweifel der Verleger programmiert", befürchten die Dortmunder.

Weitere Themen: Till Spielmann unterhält sich mit dem Pendo-Verleger Christian Strasser über "Bücher für die Silberlocken" - das florierende Geschäft mit der Zielgruppe "50 plus". Der niederländische Buchhandel hat 2006 ein Umsatzplus von 5,5 Prozent erwirtschaftet. Und hier die Bestsellerlisten.

Börsenblatt

"Bestimmte Leistungen entstehen nicht ohne Schutzräume", verteidigt Börsenblatt-Chef Torsten Casimir im Editorial die (in der Schweiz gerade ausgehebelte) Institition der Preisbindung. Der deutsche Gesetzgeber habe bei der grundsätzlichen Ablehnung einer Preisbindung Bücher ausgenommen, "weil er sich verpflichtet fühlte, Gesellschaft zu gestalten", bleibt Casimir im Ungefähren. In einem weiteren Artikel zur gekippten Preisbindung fürchtet das Börsenblatt, dass schweizerische Online-Händler deutsche Kunden beliefern könnten. Mit einstweiligen Verfügungen ließe sich der illegale Buchverkauf kaum wirkungsvoll unterbinden. Einziges Druckmittel der Verlage wäre dann ein Lieferstopp gegenüber den Onlinehändlern. In einem dritten Artikel untersucht Carlo Bernasconi die Struktur des schweizerischen Buchhandels, der jährlich rund 500 Mio Euro umsetzt (Deutschland: 9 Mrd Euro).

Edeka steht Pate bei der Idee in der Buchbranche, die unabhängigen Händler in einer "EdeBu" zu bündeln. Würden die Sortimenter beim Superverbund mitziehen, hat das Börsenblatt bei einem Telefon-Rundruf gefragt. Feine Idee, lautet der Tenor, "Wie unter einen Hut bringen?" und "Die großen Verlage müssen mitziehen" die Einschränkungen. Über die Edeka-Idee macht sich auch die "Gallionsfigur des unabhängigen Buchhandels" Folkert Roggenkamp Gedanken. Eigentlich geht es im Interview um den Verkauf der Roggenkampschen Buchhandlung an die Mayersche, am Ende erklärt der Buchhändler, dass spätestens nach dem nicht mehr unwahrscheinlichen Fall der Preisbindung die verbleibenden 150 bis 300 unabhängigen Buchhändler eine Koalition eingehen würden. Heute kämen noch rund 1000 Sortimente in Frage.

Rainer Moritz berichtet von seinen Erlebnissen bei einer Lesung in Erkrath, wo er aus seinem Buch "Und das Meer singt sein Lied" (über "die Abgründe des maritimen Schlagers von Rudi Schuricke bis Julio Iglesias") zwischen den Gänge eines edlen Menüs gelesen hat. Fazit: Begeistert. Den australischen Barsch Barramundi kennengelernt, neben einem Ex-Gitarrenlehrer gesessen, der Kurse mit einer jungen Frau namens Ute Krummenast gegeben hat. "Aus dieser sei dann irgendwann die Schlagersängerin Claudia Jung geworden, der die Menschheit immerhin, wie ich ergänzte, die Klassiker 'Unter meiner Haut' und 'Stumme Signale' zu verdanken habe." PS: Jede Wette, dass Moritz bald selbst beim Grand Prix auftritt.

Am 15. Juni küren die Mitglieder des Börsenvereins in Berlin den neuen Vorstand; die Kandidaten stellt das Börsenblatt vor (hier). Überraschungen sind keine zu erwarten: Als Vorsteher kandidiert Gottfried Honnefelder, der seit Anfang 2006 an der Spitze des Verbands (als Nachfolger des zurückgetretenen Dieter Schormann) steht; als Schatzmeister bewirbt sich Jürgen Horbach (Vemag, Köln), der ebenfalls schon aktiv ist (seit dem Rückzug von Martin Ludwig im März).

Weitere Themen: Das Börsenblatt hat im Bookseller gelesen, dass Amazon auf der London Book Fair ein E-Book-Lesegerät vorgestellt hat. Der britische Filialist Waterstone's hat das vergangene Geschäftsjahr mit einem Minus von 4,8 Prozent abgeschlossen. Tobias Gohlis schreibt über die Krimi-Novitäten des Frühjahrs, die zeigten, dass das Genre ästhetisch gereift sei. Wolfgang Schneider porträtiert den schweizerischen Philosophen und Bestseller-Autor Peter Bieri (alias Pascal Mercier, "Nachtzug nach Lissabon").
Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Lissabon, Tenor, Schutzraum