Außer Atem: Das Berlinale Blog

Fehlt alles Familiäre: Rodrigo Plas Familienfilm 'La demora' (Forum)

Von Lukas Foerster
10.02.2012.

Nichts Spektakuläres passiert in diesem Film. Es geht um eine Frau in Montevideo, eine Mutter, die mit ihrem Leiharbeitergehalt mit Mühe ihre drei Kinder ernähren kann, die dann auch noch ihren Vater versorgen muss (gleich am Anfang wäscht sie ihn, in der Dusche, das ist eine schöne Szene, wie es überhaupt schön ist, wenn sich das Kino dafür interessiert, wie ein Mensch einen anderen pflegt, schon, weil das Berührungen sind, die weniger "gespielt" erscheinen als zum Beispiel in Sex- oder Prügelszenen), die versucht, wenigstens diesen einen Teil des Terrors, der der Alltag für sie ist, von sich weg zu halten, die vom staatlichen Altersheim abgewiesen wird und auch von ihrer Schwester und die den alten, geistig verwirrten Mann dann einfach auf einer Bank neben einem Mietshaus sitzen lässt, ohne jeden Identitätsnachweis, in der Hoffnung, dass sich die offiziellen Stellen nun doch um ihn kümmern werden.


Nichts Spektakuläres passiert in diesem Film. Es geht um eine Frau in Montevideo, eine Mutter, die mit ihrem Leiharbeitergehalt mit Mühe ihre drei Kinder ernähren kann, die dann auch noch ihren Vater versorgen muss (gleich am Anfang wäscht sie ihn, in der Dusche, das ist eine schöne Szene, wie es überhaupt schön ist, wenn sich das Kino dafür interessiert, wie ein Mensch einen anderen pflegt, schon, weil das Berührungen sind, die weniger "gespielt" erscheinen als zum Beispiel in Sex- oder Prügelszenen), die versucht, wenigstens diesen einen Teil des Terrors, der der Alltag für sie ist, von sich weg zu halten, die vom staatlichen Altersheim abgewiesen wird und auch von ihrer Schwester und die den alten, geistig verwirrten Mann dann einfach auf einer Bank neben einem Mietshaus sitzen lässt, ohne jeden Identitätsnachweis, in der Hoffnung, dass sich die offiziellen Stellen nun doch um ihn kümmern werden.

"La demora" ist ein ruhiger, konzentrierter Film in braun-grünen Farbtönen, einer, den man leicht übersehen oder an sich vorbeirauschen lassen kann, weil er so ökonomisch ist, weil es an ihm nichts Exzessives gibt. Es gibt zum Beispiel nur eine Szene in der Fabrik, in der die Mutter arbeitet, in der erfährt man alles, was man über ihre ökonomische Stellung wissen muss. Es geschieht wenig im Film, aber das was geschieht, wird sehr genau, in vielen Facetten, über erstaunlich viele Figuren aufbereitet. Gefilmt ist "La demora" in Cinemascope, die Bilder sind sehr bewusst auf dieses breite Format hin konzipiert. Nicht, dass sie andauernd mit Menschen und Zeug vollgestopft und in der Breite ausdifferenziert wären, oft arbeitet Pla statt dessen mit "totem Raum", isoliert seine Figuren, sperrt sie auf der einen Seite der Leinwand ein und lässt die andere leer stehen: monochrom, stumpf, wie eine Bedrohung.

Dabei bleibt der Film fast durchweg einer realistischen Ästhetik verpflichtet, er beschreibt, anstatt zu interpretieren oder gar Psychoanalyse zu betreiben. Das Handeln der Mutter hat Voraussetzungen, die der Film akkumuliert, aber die Voraussetzungen verdichten sich nicht zu Gründen, die etwas erklären würden und sie selbst gibt auch keine eindeutige Auskunft, überhaupt verweigert der Film die Gesprächstherapie des Wohlfühl-Arthauskinos genauso konsequent wie die "sich gegenseitig anschweige"-Exzesse" des Entfremdungskitsch-Arthauskinos. Gesellschaft formt sich über Sprache, das heißt aber noch lange nicht, dass alles gut wird, wenn man nur miteinander redet.

Nur an wenigen neuralgischen Stellen brechen die Bilder aus, bleiben nicht mehr außen, analysierend, beobachtend, sondern schmiegen sich an die Figuren und ihre Weltwahrnehmung an. Wirklich markant wird ein solcher Bruch sogar nur an einer einzigen Stelle. Und das ist sicher nicht zufällig gerade der Moment, in dem jemand herausfällt aus dem sozialen System; in diesem Moment scheint ein neues Verhältnis auch zur physikalischen Umwelt, zur uruguayischen Hauptstadt Montevideo sich zu ermöglichen, zumindest muss sich da etwas neu ordnen. Das soziale System greift dann zwar ein paarmal ins Leere, fängt den Herausgefallenen aber doch schnell wieder ein. Das soziale System heißt zwar in "La demora" immer zuerst "Familie", aber für sich selbst zählt die Familie in diesem Film gar nichts, weil sie immer schon eingebettet ist in andere Systeme, weil von allen Seiten Ansprüche an sie gestellt werden, die sie aus sich heraus gar nicht erfüllen kann. Ein Familienfilm, dem alles Familiäre fehlt.

Lukas Foerster

"La demora". Regie: Rodrigo Plá. Mit Carlos Vallarino, Roxana Blanco u.a., Uruguay, Mexiko, Frankreich 2012, 84 Minuten (Vorführtermine)