9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1402 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 141

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2025 - Kulturpolitik

Ausführlich diskutiert Patrick Bahners auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ den Fall des Welfenschatzes. Neue Dokumente belegten, dass dem Ehepaar Alice und Robert Koch, die mit 25 Prozent am Verkauf des Welfenschatzes beteiligt waren (unser Resümee) eben jener Anteil kurze Zeit später als Reichsfluchtsteuer abgepresst worden war. Bahners meint: "Ein Anspruch auf Rückabwicklung des Verkaufs lässt sich mit der erpressten Steuerzahlung nicht ohne weiteres begründen. Das mag unfair scheinen, doch wenn Alice Koch die Steuer nicht aus dem Welfenschatzanteil, sondern etwa durch einen Grundstücksverkauf finanziert hätte, ergäbe sich daraus kein Rückgabeanspruch, auch wenn ein hypothetisches Frankfurter Grundstück in neunzig Jahren erheblich an Wert gewonnen hätte." Allerdings: "Auch in dem Fall, dass die Beratende Kommission ihre Empfehlung zum Welfenschatz nicht korrigiert, kann der deutsche Staat sich fragen, ob nicht wegen der tatsächlichen Verbindung zwischen dem Geschäft von 1935 und der vom Fiskus ausgenutzten Flucht der Juwelierswitwe eine Geste gegenüber den Erben von Alice Koch angezeigt wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2025 - Kulturpolitik

Trump mischt auch, wo er kann, in der Kulturpolitik mit. Frauke Steffens berichtet in der FAZ darüber, wie missliebiege Bücher aus Bibliotheken etwa der Armee entfernt werden. Und die Trump-Regierung mache "kein Geheimnis daraus, dass es besonders die afroamerikanische Geschichte, die Geschichte des Rassismus und der sozialen Bewegungen sind, die man am liebsten ganz abwickeln würde. Weil das auch aufgrund der Zuständigkeit der Bundesstaaten nicht unmittelbar funktioniert, wird der Finanzhebel umso aggressiver angewandt, wo das möglich ist. Das Museum of the City of New York verlor zum Beispiel eine Bundesfinanzierung in Höhe von 100.000 Dollar für eine Ausstellung über Shirley Chisholm, die erste schwarze Frau, die in den Kongress gewählt wurde und die sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewarb."
Stichwörter: Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2025 - Kulturpolitik

Im Koalitionsvertrag stehen nur Plattheiten zu Kultur, schimpften die Feuilletons neulich (unser Resümee). Es gibt aber eine politische Denkrichtung, die sich wieder für Hervorbringungen der Kultursphäre interessiert, konstatiert die Autorin und SZ-Kolumnistin Nava Ebrahimi, leider sind das ausgerechnet die Rechtspopulisten bis -extremen. "Auch in Österreich scheint die in Teilen rechtsextreme FPÖ zunehmend aufmerksam Spielpläne und Ausstellungsprogramme zu studieren. Bislang überließ sie Kultur-Agenden in den Koalitionen auf Landes- und Bundesebene als Juniorpartner der konservativen ÖVP. Doch in der Steiermark sind die Kräfteverhältnisse neuerdings umgekehrt. Seit Winter führt die FPÖ als stärkste Kraft die Landesregierung an. Als eine der ersten Amtshandlungen hat sie das Kulturkuratorium umbesetzt, zum Teil mit Personen, die der extremen Rechten nahestehen und keine erkennbare Qualifikation aufweisen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2025 - Kulturpolitik

Björn Hayer beugt sich in der FR über die Passagen, die im neuen Koalitionsvertrag der Kulturpolitik vorbehalten sind. "Inklusiv, vielfältig und antirassistisch" will man auftreten, die Kulturpolitik soll alles richten, aber statt konkreter Pläne, etwa zur weiteren Unterstützung von Bibliotheken oder der Künstlersozialkasse, zur Zukunft der Theater oder zum Umgang mit Rechten, KI und Urheberrecht, scheint man die Finanzierung zunehmend auf nicht-staatliche Geldgeber schieben zu wollen, bemerkt er enttäuscht: "'Kultur-Sponsoring, Mäzenatentum, private Stiftungen und Wirtschaftskooperationen können mehr Kultur ermöglichen.' (…) Man vernimmt nicht nur den Ruf nach einer deutlicheren Orientierung der Kultur an der Privatwirtschaft, die den Rückzug des Staates bitteschön ausgleichen soll. Vielmehr wirkt es so, als hätten nicht Kultur-, sondern Wirtschaftspolitiker und -politikerinnen die entsprechenden Passagen verfasst." Ähnlich sieht es Jürgen Kaube in der FAZ. Die Passagen über Kunst seien offenbar von Leuten verfasst worden, die "sich vor allem mit Popmusik und Klubs auskennen, oder mit Stadtteilfesten".

Leicht skeptisch reagiert Harry Nutt in der FR auf die Meldung, Joe Chialo solle Kulturminister werden, wie Axel Brüggemann gestern in seinem Blog schrieb (unser Resümee): "Man darf gespannt sein, ob es Chialo gelingt, vom jovialen Modus des Geldverteilens, mit dem sich das BKM seit 1999 einen soliden Ruf erworben hat, umzuschalten auf eine Kultur der Verteidigung und Bewahrung. Ein heraufziehender Kulturkampf von rechts fordert insbesondere die Kulturinstitutionen in Ländern und Kommunen heraus, und die Provokationen eines partikularen Polit-Aktivismus haben die Vertreter kulturpolitischer Einrichtungen im Wirrwarr aus Absagen und vorauseilender Ausladungen vielfach schlecht aussehen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Kulturpolitik

Der E-Musik-Blogger Axel Brüggemann ist entsetzt über die Entscheidung, Joe Chialo zum Staatsminister für Kultur zu machen. "Ich nehme Joe Chialo seither als rücksichtslosen politischen Karrieristen wahr, dem es weniger um die Sache geht, die er vertreten sollte, als um seinen eigenen Aufstieg. Als jemanden, der lieber bei Wahlkampfauftritten neben Friedrich Merz posiert als sich ins Klein-Klein der Berliner Sparpolitik zu vertiefen. Joe Chialo hat den Zorn eines Großteils der Berliner Kulturschaffenden auf sich gezogen und das Amt von Thomas Flierl und Klaus Lederer zu einer Ego-Show geschrumpft." Als mögliche Nachfolgerin Chialos im Berliner Kultursenat nennt er die Präsidentin der Hanns-Eisler-Hochschule Sarah Wedl-Wilson.

Die "israelkritische" Szene ist entsetzt, weil Chialo sich als einer der wenigen Kulturpolitiker dezidiert, wenn auch nicht unbedingt erfolgreich, gegen Antisemitismus im Kulturbetrieb einsetzte - hier ein beispielhafter Tweet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2025 - Kulturpolitik

In der NZZ resümiert Birgit Schmid eine Diskussion an der Berliner Schaubühne zwischen Theaterregisseur Milo Rau und Caroline Emcke: Es geht um das von Rau lancierte Projekt "Resistance Now Together", das sich gegen die Verreinnahmung der Kultur durch die Politik wehrt. Ziel ist eine europäische Gesetzgebung, die die Kunstfreiheit gewährt. Anlass ist die Entlassung des Direktors des slowakischen Nationaltheaters: "'Wenn man auf solche Vorfälle nicht reagiert, ist es gut möglich, dass wir die Nächsten sind.'"(...) Man kenne das Wahlprogramm der AfD und der FPÖ und deren Angriffe auf kulturelle Institutionen. 'Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass das nicht umgesetzt wird, wenn die einmal an der Macht sind.' Nur staatliche Unterstützung könne die Unabhängigkeit der Kunst garantieren, während private Sponsoren oft inhaltlich mitreden wollten."
Stichwörter: Kunstfreiheit, Rau, Milo, FPÖ, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2025 - Kulturpolitik

Sebastian Leber zieht im Tagesspiegel eine Art Bilanz von Claudia Roths Amtszeit als Bundeskulturministerin - im Wesentlichen geht es nochmal um ihr umstrittenes Verhalten bei all den Antisemitismusaffären und -streitigkeiten, die gerade die unter Bundesaufsicht stehenden Kulturinstitutionen erschütterten. Leber behauptet, es habe an einigen dieser Institutionen sehr wohl auch BDS-Aktivitäten gegeben, macht sie aber nicht namhaft: "Die Anfrage des Tagesspiegels, ob Roth in ihrer Amtszeit konkrete Hinweise auf systematische Diskriminierung israelischer Künstler an deutschen Kultureinrichtungen bekommen habe, beantwortet Claudia Roth auch auf Nachfrage nicht. Dafür schreibt ihr Sprecher: 'Die Kulturpolitik in Deutschland war nicht vorbereitet auf das hohe Maß an Antisemitismus, auch im Kulturbereich.' Tatsächlich hat Claudia Roth derartige konkrete Hinweise bekommen. Entsprechender schriftlicher Austausch liegt dem Tagesspiegel vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2025 - Kulturpolitik

Recht aufschlussreich spekuliert Andreas Kilb in der FAZ über kulturpolitische Festschreibungen in der künftigen Koalition. Der Minister dürfte wohl aus der CDU stammen - wieviel Rückhalt er oder sie haben bei einem an Kultur desinteressierten Kanzler Merz, muss sich noch zeigen. Anderseits werden in den Papieren so viele Versprechungen gemacht, dass Kilb sich fragt, ob das Ministerium (das keins ist, sondern dem Kanzler untertan) "nicht weniger, sondern sogar mehr Geld bekommen" könnte. Besondere Sorge macht Kilb, dass Institutionen, "die sich der Geschichte der Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten widmen", dem Innenministerium zugeschlagen werden könnten - auf Druck der Vertriebenenverbände, die sich hier mehr Einfluss erhoffen. "Für die strategische Partnerschaft von Deutschland und Polen, die angesichts der russischen Bedrohung wichtiger ist als je zuvor, könnte diese Revision zur Sprengfalle werden. Schon die Einrichtung der Dauerausstellung der Stiftung im Deutschlandhaus hat im Vorfeld zu Verstimmungen zwischen Berlin und Warschau geführt. Eine Renationalisierung der Vertreibungsgeschichte würde einen dauerhaften Keil zwischen beide Staaten treiben."

Auch der Presse soll Gutes getan werden, freut sich Harald Hartung zugleich auf der Medienseite der FAZ. Die ersehnten Subventionen sollen regnen.
Stichwörter: Bundeskulturministerium

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2025 - Kulturpolitik

2020 hatte die damalige CDU-SPD-Regierung die Gründung eines Zentrums zur Geschichte der deutschen Besatzungsherrschaft in Europa in Auftrag gegeben, aber soll es in Zeiten klammer Kassen wirklich gebaut werden, fragt sich der Historiker und Präsident der Stiftung des Deutschen Historischen Museum in Berlin Raphael Gross auf Zeit Online. "Was damals über 230 Millionen Menschen in heute mehr als 30 nationalen Gemeinwesen, was Juden und Jüdinnen, Roma und Romnja, Patienten und Patientinnen von Heil- und Pflegeanstalten in den besetzten Länder und viele andere erlitten haben, das wird hier insgesamt zum Thema: Lager, Raub, Kulturzerstörung, Hunger, sexuelle Gewalt, Patientenmorde, die Shoah, der Völkermord an Sinti und Roma, Zwang zur Beteiligung. (...) Mir scheint, das Museum ist gerade heute wichtig. Ja, sogar wichtiger, angesichts einer gemeinsamen europäischen Orientierung, um die gerade heftig gerungen wird: Eine europäische Zukunft braucht die Möglichkeit einer gemeinsamen Erinnerung, eines gemeinsamen politischen Gedächtnisses."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2025 - Kulturpolitik

In der einzigen von der Regierung getragenen Kultureinrichtung der USA, dem Kennedy Center in Washington, weht jetzt ein neuer Wind: Donald Trump hat alle Demokraten aus dem Board geworfen und mit seinen Gefolgsleuten besetzt, schreibt Manuel Berg in der Welt. Nicht genehme Veranstaltungen, zum Beispiel ein Auftritt des Gay Men's Chorus, wurden abgesagt, stattdessen möchte Trump seine Auffassung von Kultur öfter sehen: "Und die lässt tief in Trumps Kulturverständnis blicken. Sein Liebstes sind die fetten, opernhaften Musicals aus der Zeit, als er in New York jung war, 'Phantom of the Opera' etwa, das er 'Les Miserables' noch vorzieht (vielleicht sind da zu viele arme Leute auf der Bühne). An 'Cats' liebte er besonders die leicht bekleideten Damen, die Herren eher weniger. Und im Kennedy Center fehlte es ihm entschieden an Marmor. Dafür wurden jetzt immerhin Porträts von ihm und der First Lady sowie dem Vizepräsidentenpaar aufgehängt."