9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2026 - Gesellschaft

Die 35-jährige amerikanische Journalistin Tatiana Schlossberg ist an Leukämie gestorben. Ihr früher Tod löst in den USA Betroffenheit aus, weil sie eine Enkelin von John F. Kennedy ist, aber mehr noch weil sie im New Yorker über ihr Krebsleiden geschrieben hatte. In der FAZ berichtet Sarah Obertreis: "Der Essay erregte in den Vereinigten Staaten auch Aufsehen, weil sie ihren Cousin, Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., scharf kritisierte. Er sei 'eine Blamage' für sie und ihre Familie. Robert F. Kennedy Jr.s Politik habe fatale Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, von dem unter anderem ihr Leben abhänge." Schlossbergs New-Yorker-Essay ist hier zu lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2025 - Gesellschaft

Milena Feldmann telefoniert zum seinem hundertsten Geburtstag mit dem Auschwitzüberlebenden und immer noch sehr kämpferischen Leon Weintraub: "Weintraub, das wird auch im Gespräch immer wieder deutlich, beschränkt sich nicht darauf, sein Überleben als eine Geschichte vergangenen Leids zu erzählen. Er will Menschen im Hier und Jetzt aufrütteln. Im Februar 2025 wandte er sich in einem offenen Brief an Friedrich Merz und appellierte an ihn, sein 'menschenfeindliches Zustrombegrenzungsgesetz' nicht weiter zu verfolgen. 'Die Folgen Ihrer derzeitigen Politik führen […] zu einer Fremdenfeindlichkeit und Polarisierung in der Gesellschaft', schrieb der Neunundneunzigjährige damals, 'die wir Überlebenden des Holocausts so bitter am eigenen Leibe erfahren mussten.'"

Einer Fema-Studie zufolge hat sich die Zahl der Prepper in den USA seit 2017 von zehn auf zwanzig Millionen Amerikaner verdoppelt, weiß Xifan Yang im Zeit-Magazin. Und längst sind es nicht mehr nur Rechte, mindestens 15 Prozent der Prepper in den USA sind links, schätzt der Soziologe Michael Mills. Dabei handelt es sich nicht um Verschwörungstheoretiker, ihre Angst resultiert daraus, dass die Trump-Administration Mittel für Katastrophen- und Seuchenschutz streicht und die Infrastruktur in den USA dahinrottet, erklärt Yang. Viele Firmen verdienen jedenfalls gut daran: "Supermarktketten haben Notfallnahrung im Angebot, das für Wochen reicht und jahrzehntelang haltbar ist. Der Verkauf von Fertigbunkern boomt. Unternehmen wie Fortitude Ranch bieten Mitgliedschaften an für militärisch bewachte Festungen mit kugelsicheren Mauern und unterirdischen Wohnungen. Kunden zahlen bis zu 60.000 Dollar Beitrittsgebühr, um dort Plätze für den SHTF-Fall zu reservieren, inklusive Essensvorräte für ein Jahr. Gefragt sind auch Unternehmen, die Autos mit gepanzerten Fenstern und Türen ausstatten."
Stichwörter: Prepper, USA, Weintraub, Leon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2025 - Gesellschaft

Milena Feldmann bringt in der FAZ die Frage auf, ob es eine "UN-Altenrechtskonvention" braucht. Die Welt wird jedenfalls älter: Im Jahr 2050 wird es zwei Milliarden alte Menschen, also laut UN-Definition Menschen ab 60 Jahren geben, referiert sie. Und entrechtet werden Alte in Deutschland auch jetzt schon jeden Tag. Zwei Drittel der befragten Pflegekräfte in Deutschland - 64 Prozent - gaben laut Feldmann an "innerhalb der vergangenen zwölf Monate an Formen von Missbrauch oder Vernachlässigung beteiligt gewesen zu sein... Besonders häufig berichten Pflegekräfte und Heimbewohner von psychischem Missbrauch. Dazu zählen etwa Beschimpfungen, Demütigungen und das bewusste Ignorieren von grundlegenden Bedürfnissen. An zweiter Stelle folgt körperlicher Missbrauch, etwa durch grobes Anfassen oder unangemessene Fixierungen. Ebenfalls relevant sind finanzielle Ausbeutung, Vernachlässigung im Pflegealltag sowie sexualisierte Gewalt."

Berlin ist immer noch arm, aber längst nicht mehr sexy. Das muss auch Zacharias Zacharakis in der Zeit feststellen. Die Ursachen für den Niedergang sind unklar, die Zahlen aber sind klar: Über siebzig Hotels haben in Berlin seit Corona geschlossen (nicht wenige dienen heute als Flüchtlingsunterkünfte). Aber das hat nicht gereicht: "Ordentliche Zimmer in Innenstadtlage sind problemlos für deutlich weniger als 100 Euro die Nacht zu bekommen, was für Städte wie Paris oder London lächerlich wäre. Eine Folge der schlechten Nachfrage: Trotz der vielen Schließungen sind im Schnitt nur sieben von zehn Hotelbetten belegt. Auch das sieht international nicht gut aus."

Und in der Zeit unterhalten sich Kulturmanager Stefan Brandt, Soziologe Steffen Mau und Schriftstellerin Juli Zeh (schon wieder) über die Zukunft und was wir damit anstellen sollen.
Stichwörter: Berlin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2025 - Gesellschaft

Michael Moorstedt stellt in der SZ die sogenannten "Prediction Markets", die bekanntesten sind "Polymarket" und "Kalshi", vor: "Hybride aus Wett- und Aktienbörsen", auf denen man online nicht nur auf den Ausgang von Sportereignissen, sondern auch auf politische Ereignisse Geld setzen kann, "wann Israel Libanon bombardieren wird oder wann die USA in Venezuela einmarschieren werden. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW), Livekarten zu den Frontverläufen im Ukraine-Krieg manipuliert hatte, um den Ausgang einer Wette auf Polymarket zu beeinflussen." Zyniker "haben schon immer vermutet, dass Politik zu einem Großteil nur Show ist. Nun folgt mit den Wahrscheinlichkeitsmarktplätzen die logische und ebenso zynische Konsequenz. Genau wie Sportwetten zu Skandalen um bestochene Schiedsrichter und absichtlich zu Boden gehende Boxer führen, könnte auch die Welt der Politik durch den Einfluss der Glücksspieler korrumpiert werden."

Darauf sind wir erst im Nachhinein gestoßen: In der taz vom Samstag verteidigt Klaus Walter den Anglizismus vor der Sprachpolizei von links wie rechts. Dabei brachten Angloamerikanismen einst mal frischen Wind in die Bude, etwa zu Zeiten der popkulturellen Explosion in den Sechzigern. "Weniger bornierte Linke hatten kapiert, welchen Beitrag Jazz, Rhythm & Blues, Soul & Hollywood zur Zivilisierung soldatischer Körperpanzer und Entnazifizierung der Gesellschaft leisteten, ohne darüber die Verbrechen des US-Imperialismus zu vergessen." Doch heute "haben wir vergessen, wie viele Begriffe, die wir routinemäßig benutzen, importiert wurden: Manager, Trainer, Fitness, Jogging, Party, Service, Drink, Soundcheck, you name it. Auch den Quantensprung zum Digitalk made in Silicon Valley haben wir easy hinbekommen. Mit Laptop und Tablet organisieren wir Chats und Meetings über Zoom und Whatsapp, ertragen Shitstorms und No Go's auf Social Media. Nur harte Boomer demonstrieren kritische Distanz und reden immer noch von 'unsozialen Medien'. ... Neudenglische Begriffe stehen also nicht nur für Veränderungen der Sprache, sondern für die Kritik an und den Bruch mit tradierten Normen."
Stichwörter: AfD, Demokratie, Anglizismen, Sprache

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Gesellschaft

Im taz-Gespräch denkt die Historikerin Ute Frevert, wann und weshalb die Solidarität in der Gesellschaft während der Pandemie zerbrochen ist und schlägt einen Corona-Gedenktag vor, "verbunden vielleicht mit einer Ausstellung oder Installation, die den Stress, aber auch die Vielfalt der Erfahrungen und Betroffenheiten abbildet." Eine Neubewertung der Maßnahmen begrüßt sie, "denn wir müssen aus den Fehlern lernen, um für die nächste Katastrophe gerüstet zu sein. Trotzdem finde ich es problematisch, rückblickend den Stab über alle damaligen Akteure zu brechen. Als Historikerin lernt man, wenn man sich mit vergangenen Szenarien und Situationen beschäftigt, sich auf den Wissensstand der damaligen Zeit zu begeben. Man kann nicht aus dem, was wir heute zu wissen meinen, das Handeln früherer Generationen be- und verurteilen."

Im Aufmacher des Feuilletons erzählt SZ-Redakteur Jost Kaiser, wie er sich im Alter von 55 Jahren als Reservist der Bundeswehr verpflichten will - und wegen einer Psychotherapie ausgemustert wird: "Ich sage, leicht beleidigt als potenzieller Gulaschkanonier: 'Ich war in Afghanistan, ich habe den Sarajevo-Approach in einer französischen Transall mitgemacht, ich bin Demokrat, ich bin dezidiert NICHT rechts, ich will die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen.' Pause. 'Und Sie wollen mich nicht, weil ich eine Psychotherapie mache?' Aber sie ist Ärztin, ihre Themen sind nicht Putin, Trump und Xi, sondern Lunge, Augen und Knie, die Bundeswehr ist arbeitsteilig und muss es auch sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2025 - Gesellschaft

Man findet an Weihnachten immer wieder palästinensische oder christliche Plakate - oder richtige Krippen - auf denen das Jesuskind in ein Palästinensertuch gehüllt ist und Maria und Joseph - wie auf einem Bild von Banksy - am israelischen Grenzzaun aufgehalten werden. Doch dieser "Trümmer-Christus" ist "ein selektives Symbol", kritisiert in der FAZ der Politikwissenschaftler Ján Kapusňak. "Über Jahrhunderte pflegte das christliche Europa den Mythos 'der Juden, die Christus getötet haben'. Die heutige Krippen-Propaganda aktualisiert die Besetzung, behält aber die Handlung bei. Juden werden nicht mehr beschuldigt, Jesus buchstäblich gekreuzigt zu haben; stattdessen wird der jüdische Staat dargestellt als derjenige, der seine Geburt am Checkpoint verhindert, seine Heimatstadt abriegeln lässt oder ihn 'unter den Trümmern' begräbt. Sobald dieser Herodes-Rahmen gesetzt ist, vollzieht sich der Schritt von tragischen zivilen Todesopfern zum Vorwurf eines gezielten Kindermordes fast automatisch - und er knüpft an ältere europäische Deutungsmuster an, die 'die Juden' als Feinde Christi darstellten, statt sie als Teil seiner Geschichte zu begreifen. Dabei wird die jüdische Identität Jesu und seiner Familie leise ausgelöscht."

Die größten Gefahr für die Demokratie in Deutschland geht derzeit laut Verfassungsschutz von Rechtsextremismus und Dschihadismus aus. Aber man sollte deshalb den Linksextremismus nicht verharmlosen, warnt in der FAZ der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen: "Es gibt eine Tendenz, linksextremistische Bestrebungen als legitim anzusehen, wenn sie mit vorgeblich oder tatsächlich guten Zielen verbunden werden wie dem Kampf gegen den Klimawandel. Oft heißt es, wenn es zu linker Gewalt komme, bleibe es ja in den allermeisten Fällen bei Gewalt gegen Sachen. Erstaunlich ist auch, wie naiv und unreflektiert mit dem Begriff Antifaschismus hantiert wird", der vor allem in der Gegenwart eine Relativierung darstelle, "wenn Antifaschisten unterschiedslos vom Nationalsozialismus über die AfD, Konservative und manchmal bis hin zur SPD alles in einen Topf werfen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2025 - Gesellschaft

Buch in der Debatte

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Das Misstrauen in der Gesellschaft steigt immer mehr und gefährdet die Demokratie, hält der Soziologe Aladin El-Mafaalani im NZZ-Gespräch mit Rico Bandle fest. El-Mafaalani hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Die Angst vor Identitätsverlust sei einer großer Faktor für Misstrauen: "Die Forschung zeigt, dass Menschen, die eher zu Vertrauensverlust neigen und anfällig sind für Verschwörungserzählungen und Populismus, eine starke Gemeinsamkeit haben: Sie sehen ihre Identität bedroht. Sie glauben, ihre Vorstellung vom guten Leben werde in Zweifel gezogen und ihr Weltbild abgewertet. Es geht auch um so etwas wie Entfremdung, also das Gefühl, dass sich vieles zu schnell und zu weitreichend verändert. Im Hinblick auf Deutschland kann gezeigt werden, dass wahrgenommene Entfremdung und Identitätsbedrohung einen stärkeren Effekt haben als soziale Ungleichheit. All das begünstigt die Erosion von Vertrauen."

Ein großer Teil der deutschen Intellektuellen scheint im Zeitalter des "Lamentozän" hängen geblieben zu sein, seufzt Hilmar Klute in der SZ und kommt nochmal auf die Konferenz "The Rise and Fall of the BRD" in Zürich zu sprechen, bei der unter anderem Eva Menasse und der Politologe Daniel Marwecki beklagten, man dürfe sich in Deutschland, vor allem zu Israel, nicht mehr frei äußern (unser Resümee). Unsinn, meint Klute: "Es gibt keine Abdruckgarantie, aber auch keine Zensur. Es wird niemand von dickbäuchigen Kapuzenmännern abgeholt, niemand bekommt Polonium verabreicht, niemand verliert seinen Studienplatz oder erhält Schreibverbot, auch nicht die Schriftstellerin Eva Menasse, die in Zürich allen Ernstes vom deutschen Feuilleton als einer 'Wagenburg der Staatsraison' sprach, obwohl dort gerade zur Israel-Debatte ein großes Tableau an Meinungen abgebildet wurde und wird."
Stichwörter: El-Mafaalani, Aladin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2025 - Gesellschaft

Die innersyrischen Konflikte zwischen der sunnitischen, nicht selten islamistisch beeinflussten Bevölkerungsmehrheit und Minderheiten wie Alawiten und Drusen setzen sich auch in Deutschland fort, schreibt in der taz der Autor Yahya Alaous, der selbst drusischer Abstammung ist. "Viele Drusen berichten online von einer spürbaren Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in Berlin. Einige haben mir auch persönlich davon erzählt. Die Beziehungen zu sunnitischen Landsleuten seien seit den Verbrechen von Suweida angespannt. Zahlreiche sunnitische Familien haben den Kontakt zu drusischen Familien abgebrochen - eine Folge gezielter medialer Hetzkampagnen der neuen islamistischen Regierung, die von ihren Anhängern bereitwillig übernommen werden. Eine Freundin von mir wurde gebeten, einen syrischen Laden in Berlin zu verlassen, nur weil sie Drusin ist: Sie erzählte mir, ein Angestellter in einem Lebensmittelgeschäfts in der Altstadt von Spandau habe sie aufgefordert, den Laden zu verlassen, nachdem er ihren drusischen Akzent erkannt habe."
Stichwörter: Syrien, Drusen, Alawiten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2025 - Gesellschaft

Vor 45 Jahren erschoss ein Neonazi den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Frau Frida Poeschke. Der Täter ist zwar bekannt, aber nicht, ob er im Rahmen einer terroristischen Gruppierung, der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann agierte. Die Grünen-Fraktion im Bundestag hat eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, die mit einer läppischen Antwort alle Fragen offen ließ. In der taz berichtet Konrad Litschko: "Im Fall Shlomo Lewin und Frida Poeschke kämpft auch der Publizist Ulrich Chaussy seit Jahren für Aufklärung, aktuell auch mit einem überarbeiteten Buch zum Oktoberfestattentat, das auch den Doppelmord in Erlangen thematisiert. Das Oktoberfestattentat fand damals nur drei Monate vor dem Mord an Lewin und Poeschke statt und wurde ebenfalls von einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann verübt. Chaussy beklagt in seinem Buch, wie der Verfassungsschutz 'mit Zähnen und Klauen' seinen Quellenschutz höher rangiere als den Schutz des Lebens von Menschen, die durch Extremisten bedrohten würden. Ermittlungsbehörden hätten in beiden Fällen Einzeltäter präsentiert, statt rechtsextreme Netzwerke zu beleuchten."

Es gibt im rechtsextremen Terror (so wie auch im linksextremen) eine Kontinuität des Schweigens, die auch Theresa Weiß im Leitartikel der FAZ thematisiert. Sie beobachtet Beate Zschäpe im Prozess gegen eine Komplizin, wo sie zwar aussagt, um keine Hafterschwerungen zu riskieren, aber nur Belangloses sagt. Sie ist allerdings nicht die einzige, die schweigt und die Aufdeckung der Wahrheit erschwert, so Weiß: "Auch der NSU hatte Unterstützer. Weit mehr als die vier mit Zschäpe in München verurteilten Männer müssen dem Kerntrio geholfen haben. Auch zahlreiche V-Leute des Verfassungsschutzes hatten in der rechtsextremen Szene Kontakt zum NSU. Was sie wussten und was sie taten, ist kaum zu rekonstruieren: In der 'Aktion Konfetti' vernichtete das Bundesamt 2011 einschlägige Akten, einige Landesämter verweigern den Zugang zu Dokumenten. So ist eine Aufarbeitung erschwert. Und die Frage bleibt: Wie groß ist das Netzwerk, wie verbreitet sind die Sympathien am rechten Rand der Gesellschaft?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2025 - Gesellschaft

Die Kritik Benjamin Netanjahus am australischen Premier Anthony Albanese nach dem Massaker am Bondi-Beach in Sydney mag überzogen gewesen sein, aber dass er den wachsenden Antisemitismus im Land nicht ernst genug genommen hat, stimmt eben auch, meint Thomas Hahn in der SZ: "Ein polternder Machtpolitiker war er noch nie. Seine demütige Art trug dazu bei, dass seine Labor-Partei im Mai ihre Regierung mit einem deutlichen Wahlsieg gegen die konservative Coalition verteidigte. Aber vor allem fehlen Albanese nach der Attacke von Bondi die Argumente. Die Anzahl der antisemitischen Verbrechen ist in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich deutlich angestiegen. Schon im Juli hat die zuständige Sondergesandte Jillian Segal deshalb einen ganzen Katalog an Vorschlägen vorgelegt, darunter: mehr Geld für Sicherheit. Trotzdem gab es keinen Schutz für ein großes jüdisches Fest am berühmtesten Strand Sydneys. Der Widerspruch ist Albanese wahrscheinlich selbst klar."

"Dieses Land ist ein Paradies", sagte der Vater der Schriftstellerin Lily Brett, nachdem er zusammen mit seiner Frau Auschwitz überlebt und nach Australien gekommen. Dort konnten sich Juden, so Brett in der SZ, bis zum Anschlag von Bondi Beach sicher fühlen. "Wir fühlten uns frei in Australien. So frei, wie meine Eltern, vor allem meine Mutter, sich fühlen konnten. Meine Mutter war sich sicher, dass die Nazis jederzeit in Australien auftauchen könnten. Sie bestand darauf, dass ich Deutsch lernte - eine Sprache, die ich fast völlig vergessen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Nazis auftauchen würden. Ich glaubte, Australien würde das nicht zulassen. Australien, da war ich mir sicher, würde uns beschützen. Die Schüsse in Bondi und der Tod und die Verletzungen so vieler jüdischer Menschen haben dieser Fantasie ein Ende bereitet."

In der Zeit findet Mark Schieritz den Artikel Mathias Döpfners (hier, aber kostenpflichtig) zum Zustand der EU, dem er ein aufblühendes Amerika gegenüberstellt, reichlich unstimmig: "Agonie und Abstieg" diagnostiziere Döpfner nur hierzulande, dass "die Schuldenquote der USA inzwischen 125 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt und die Amerikaner nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds schon 2030 stärker verschuldet sein werden als die Griechen, die ja Konkurs anmelden mussten", sei ihm hingegen keine Erwähnung wert. Noch fragwürdiger findet Schieritz Döpfners Behauptung, "die Bundesrepublik leide 'immer noch' an ihrem 'nationalsozialistischen Trauma'... Das Argument greift eine Logik auf, die bislang vor allem von rechts außen und links außen ins Feld geführt wurde. Sie begreift die deutsche Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt, und die empirischen Belege dafür als dünn zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung."