9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2764 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2026 - Gesellschaft

In der Zeit stellt Götz Hamann die umstrittene Organisation HateAid vor, die sich gegen Hass im Netz einsetzt, dabei aber zwangsläufig auch die Meinungsfreiheit einschränkt. Dass sie ausschließlich von links auf Hassrede gucken würden, sei aber ein Missverständnis: "Über Jahre konnten von Hodenberg und Ballon davon ausgehen, dass es ihren politischen Zielen nützt, wenn sie progressive Signale setzen, wenn sie gendern und dieselbe politische Sprache sprechen wie Grüne und SPD. ... So entstand der Eindruck, HateAid sei mit Parteien links von der CDU assoziiert, obwohl es, wie von Hodenberg sagt, für 'Law and Order' stehe. Obwohl sie bei HateAid mit der CDU in Hessen und in Nordrhein-Westfalen zusammenarbeiten. Obwohl sie einen Austausch mit der CSU in Bayern pflegen. Obwohl sie Kommunalpolitiker aus allen bürgerlichen Parteien beraten. Eine Vorfeldorganisation der Grünen ist HateAid also auf keinen Fall", so Hamann, der daran erinnert, dass es vor allem den zwei HateAid-Leiterinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon zu verdanken sei, wenn jetzt Deepfakes unter Strafe gestellt werden.

In der Jungle World gibt es eine Debatte über den linken Antizionismus, der auch die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ablehnt. Olaf Kistenmacher sieht darin eine "spezifisch linke Schuldabwehr", weil man sich mit dem eigenen Antisemitismus nicht auseinandersetzen will: "Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der neu gegründeten DDR zu einer antisemitischen Verfolgungswelle: Gemeinden wurden durchsucht, Parteimitglieder 'jüdischer Abstammung' überprüft. Ein Schauprozess wie in der Tschechoslowakei 'stand unmittelbar bevor', schreibt der Historiker Thomas Haury in seinem Buch 'Antisemitismus von links' (2002). Über ein Viertel der rund 3.500 jüdischen Gemeindemitglieder floh in den Jahren 1952 und 1953 aus dem realsozialistischen Deutschland. Offiziell richtete sich die Verfolgung nicht gegen Jüdinnen und Juden, sondern gegen 'Zionisten'. Für Linke, die sich in diese Tradition stellen, gäbe es also viele Gründe, Scham zu empfinden. Der als Hass auf den Zionismus auftretende Antisemitismus war mehr als eine falsche Meinung. Er hatte - wie die Akte des Terrors und der Verfolgung zeigen - gravierende Auswirkungen."

"Praktisch jedes Land der Welt verzeichnete einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate", hält die Professorin für Volkswirtschaft Claudia Goldin in der NZZ fest. Woran liegt es? Häufig daran, dass Frauen nicht auf Männer und Staat vertrauen können, hat Goldin herausgefunden: "Je glaubwürdiger Männer signalisieren können, dass sie für ihre Familie verlässliche 'Väter' und keine enttäuschenden 'Versager' sein werden, desto höher wird angesichts einer stärkeren Selbstbestimmung der Frauen die Geburtenrate ausfallen. Wenn Männer jedoch andere Prioritäten haben als Frauen, kann diese Diskrepanz zu einem starken Rückgang der Geburtenrate führen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2026 - Gesellschaft

Eine äußerst düstere Lagebschreibung für die Juden in der ganzen Welt liefert Michael Wolffsohn auf Twitter: "In Deutschland, Frankreich, im freien Westen allgemein und in vielen anderen Ländern besteht auch bei der politischen Führung nicht die geringste Absicht, die jüdischen Mitbürger zu schützen. Selbst in den USA, wo es immer eine starke jüdische Diaspora gab. Die Partei der Demokraten hat sich in eine linksradikale Richtung entwickelt... Selbst die MAGA-Bewegung von Donald Trump ist seit einigen Monaten gespalten in einen projüdischen und einen antijüdisch-antiisraelischen Flügel. Deshalb rechne ich für das weltweite Diaspora-Judentum langfristig nicht mit einer Zukunft. Israel selbst bietet Sicherheit nach außen. Ich befürchte aber, dass das Land implodieren wird aufgrund der massiven innenpolitischen Gegensätze vor allem zwischen orthodoxen und ultraorthodoxen Juden auf der einen Seite und säkularen, weltlichen Juden auf der anderen Seite." Diese Passage ist Wolffsohns Resümee eines Gesprächs, das Constantin Schreiber auf Youtube mit ihm geführt hat.
Stichwörter: Wolffsohn, Michael

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2026 - Gesellschaft

Die Deutsche Bahn ist ein Indikator, schreibt Andreas Maier (letzter Roman "Der Teufel") in der FAZ, denn sie zeigt uns "was einmal war, was wir einstmals waren, wie wir uns selbst unter den Händen zu zerrinnen begannen, wie wir noch eine Zeit flüchtig nach unserem eigenen Selbst haschten, weil es uns schier unglaublich schien, uns auf diese Weise zu verlieren". Leider ergeht er sich danach in Nostalgie und vermisst die Zeiten, als die Fahrkarten noch aus bräunlicher Pappe waren und man das Fenster öffnete, um den Kohlenduft zu schnuppern.

Am Samstag klagte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über den maroden Zustand ihrer Universität, der TU Berlin (FAZ). Heute fasst Meredith Haaf in der SZ die Lage an der TU zusammen, die ziemlich absurd klingt: "Am Freitag, dem 8. Mai, gab das Präsidium nachmittags bekannt, dass aufgrund einer behördlichen Anordnung das Hauptgebäude wegen erheblicher baulicher Mängel geschlossen werde. Sofort. Es geht um Wasser im Keller, wo sich wiederum brandschutzrelevante Elektrik befindet. Hat offenbar seit Jahren niemand bemerkt, aber am Freitag musste dann alles ganz schnell gehen. Nur: 'Seit Ostern wussten die, dass das kommen könnte', sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter vor dem H-Gebäude. Ist ja nicht so, als hätte es keine Zeichen gegeben: Seit vier Jahren sind zum Beispiel die Herrentoiletten zwischen dem zweiten und dem achten Stock außer Betrieb." Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra "warf der Hochschule erst mal öffentlich vor, den Sanierungsstau selbst verschuldet zu haben und ließ dabei unter den Tisch fallen, dass die TU viele nötige Maßnahmen gar nicht hätte bezahlen können - oder dürfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2026 - Gesellschaft

Der Vorschlag der AfD, an den Schulen die Inklusion abzuschaffen und Behinderte auszuschließen (mehr dazu in der taz), lässt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog befürchten, dass der Rassenwahn der Nazis immer noch in deutschen Köpfen steckt und Eugenik wieder gesellschaftsfähig gemacht werden soll. Dabei hätten die Deutschen lange gebraucht, die in der Nazizeit verinnerlichte Behindertenfeindlichkeit zu überwinden, schreibt sie in der SZ: "Der revolutionäre Paradigmenwechsel, der in den 1980er-Jahren stattfand - dank der militanten 'Krüppelbewegung' und deren Zusammenarbeit mit Scharen von jungen Radikalen in allen Bereichen des Bildungs- und Gesundheitswesens, der Sozialarbeit, und in Journalismus und Wissenschaft - mündete in die grundlegende Transformation der Standards der Care- und Bildungs-Praxis und eben auch in die Sprache der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Und es ist just dieser Paradigmenwechsel, welchen die AfD (bedauerlicherweise zusammen mit Teilen der CDU) so erschreckend eifrig rückgängig machen will."

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Im Interview mit Zeit online überlegt der Soziologe Armin Nassehi, warum der Antisemitismus hierzulande links und rechts wieder so stark geworden ist. Um Juden gehts dabei eigentlich gar nicht, sondern um ein gestörtes Selbstverhältnis, meint er. In seinem Buch zum Thema interessierten ihn "weniger die historischen Texte, sondern die Denkfiguren darin, die sehr aktuell sind. Sie sind in einer Zeit der Krisen und Umbrüche entstanden, in denen vor allem alte vermeintliche Sicherheiten schwanden und Misstrauen vor allem als Misstrauen in das Eigene auftrat, als Kulturkritik, als Entfremdungserfahrung, als Verlust authentischer Erfahrungen. All das gibt es heute ganz ähnlich, ein Vertrauensverlust, die Entstehung von 'Misstrauensgemeinschaften', um ein treffendes Bild des Soziologen Aladin El-Mafaalani zu bemühen. Wagner, Marx und Schmitt waren Denker der Moderne, die diese Moderne scharf kritisierten. Ihr Antisemitismus ist also eine Art umgeleitete Selbstkritik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2026 - Gesellschaft

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"Für die Vorstellung, Deutschland werde verarmen oder unter das Niveau von Entwicklungsländern fallen, sehe ich keinerlei Indizien", hält der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff den "Propheten des Untergangs" im FR-Interview entgegen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sei keineswegs so schlecht wie oft behauptet, meint Berghoff, der ein Buch über die Wirtschaftsgeschichte der BRD geschrieben hat. Reformen sind aber trotz allem notwendig, hier empfiehlt er beispielsweise beim Sozialstaat genau hinzuschauen: "Deutschland hat im internationalen Vergleich ein sehr hohes Versorgungsniveau. Der Sozialstaat hat hier Verfassungsrang. Das halte ich für positiv: Menschen, die in Not geraten, erhalten staatlichen Schutz. Aber wir wissen zugleich, dass die demografische Entwicklung und die steigenden Kosten dieses Leistungsniveau langfristig nicht mehr finanzierbar machen. Ein weiteres Problem ist es, dass viele Leistungen nicht zielgenau sind. Warum müssen Millionäre Kindergeld oder Pflegegeld bekommen? Viele Leistungen werden mit der Gießkanne verteilt. Würde man stärker auf diejenigen zielen, die Hilfe wirklich brauchen, ließe sich viel Geld sparen."

Wenn die Politik wirkt, als hätte sie keine Zukunftsvisionen, spielt das rechten Populisten in die Hände, konstatiert der Ökonom und Politologe Philipp Lepenies im SZ-Interview: "Es gibt einen aktuellen Handlungszwang, weil vieles liegengeblieben ist. Aber das ist eben Politik - sie unterliegt immer einer Budgetrestriktion. Es ist nie genug Geld für alles und für alle da. Entscheidend aber ist, dass man gerade in einer solchen schwierigen Lage in der politischen Kommunikation eine Zukunftsidee der sozialen Fairness entwirft, nicht nur defensiv agiert. Wenn ich merke: Ich kann mir zwar dieses oder jenes nicht mehr so leisten wie früher, weil der Staat nicht anders kann - aber er bemüht sich ernsthaft um Gerechtigkeit und benennt klar offensichtliche Fehlentwicklungen und Probleme, dann fällt es mir leichter, mein Vertrauen in das System aufrechtzuerhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2026 - Gesellschaft

Die Welt druckt heute die Rede von Springer-Chef Mathias Döpfner, die dieser zum 90. Geburtstag des World Jewish Congress gehalten hat. Darin legt er dar, wie gefährdet Juden aktuell in der westlichen Welt sind und wer, seiner Meinung nach, an der Salonfähigkeit des Antisemitismus die Schuld trägt. "Die Macht hat in der woken Gesellschaft der, der bestimmt, wer Opfer ist. Und die toxische Woke-Bewegung hat beschlossen: die Opfer sind die Antisemiten. Deshalb gilt: Be awake against woke! Wo im Namen einer woken Weltordnung 'From the river to the sea' skandiert wird, wo Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, wo jüdische Studenten auf Campusgeländen belästigt und angegriffen werden - dort endet die Aufklärung. Da beginnt die Hölle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2026 - Gesellschaft

Die taz erscheint heute als "Männertaz", die sich der Frage widmet, was Männlichkeit heute bedeutet. Unter anderem spricht Jens Uthoff mit den Autoren Tobias Haberl und Ole Liebl, die beide Bücher zum Thema Männlichkeit (hier und hier) veröffentlicht haben. Von einer "neuen Krise der Männlichkeit" zu sprechen, finden sie geschichtsvergessen. "In den westlichen Gesellschaften kritisieren feministische Bewegungen bereits seit einem Jahrhundert relativ lautstark Männlichkeit", erinnert Liebl: "Pointiert gesprochen: Männlichkeit ist für viele Frauen und Queers nicht in der Krise, sondern ist die Krise selbst. Außerdem ist Männlichkeit in unserer Kultur sehr stark mit dem Leistungsprinzip verbunden. Wenn du aber erst etwas leisten musst, um ein richtiger Mann zu werden, ist Männlichkeit immer schon krisenhaft angelegt." Haberl kritisiert indes, "dass man als Zivilisationsirrtum gilt, wenn man männlich, heterosexuell, weiß und jenseits der 40 ist. Noch ein Beispiel: Wenn Fridays for Future die Kohlearbeiter, die 40 Jahre unter Tage geschuftet haben, um ihre Familien zu ernähren, als 'Kohle-Nazis' beschimpft, dann stimmt etwas nicht. Ich finde es eine Frechheit, wenn 19-jährige Bürgerstöchter so reden, ohne anzuerkennen, dass auch sie davon profitieren, was frühere Generationen, übrigens Männer und Frauen, geleistet haben."

Karin Gottschalk befragt ebenfalls in der taz den Comedian Aurel Mertz und den Soziologen Aladin El-Mafaalani, woher der Backlash hinsichtlich traditioneller Rollenbilder kommen könnte. Es liegt an dem Mehr an Möglichkeiten, glaubt El-Mafaalani: "Junge Frauen könnten aufgrund der gestiegenen Optionen genauso Orientierungsprobleme haben wie junge Männer - haben sie aber nicht. Wahrscheinlich, weil sie dabei gewinnen, während Männer eher verlieren. Männer verlieren an Dominanz, an Klarheit. Frauen gewinnen Optionen und kommen besser damit zurecht."

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Monika Rathmann kritisiert die Historikerin Anna Pollmann die inflationäre politische Verwendung des Begriffs "Zusammenhalt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2026 - Gesellschaft

Schwarze Komiker fühlen sich oft unter Druck gesetzt, wenn sie nicht das Opfer geben, erzählt in der NZZ Rico Bandle, der mit einigen gesprochen hat. Zum Beispiel mit Rash Junior: "'Die Linken bereiten uns Schwarzen mehr Probleme', sagt Rash Junior im Podcast des Satirikers Mirco Casorelli alias Bireweich. 'Sie tun so, als wollten sie uns helfen, aber sie machen uns immer zum Opfer. Sie wollen, dass wir Opfer spielen.' Rash Junior, mit bürgerlichem Namen Rash Mendi Sakem, kam mit 14 Jahren aus Kamerun in die Schweiz und wurde mit seinen Videos auf sozialen Netzwerken zu einem der erfolgreichsten Influencer des Landes. Er besucht Dörfer wie Niggidei oder Schwarzsee - also Orte, deren Namen er irgendwie in Verbindung mit seiner Hautfarbe stellen kann - und macht sich auf liebenswürdige Weise darüber lustig. ... Obschon sich in den Kommentaren unter seinen Videos viele rassistische Beleidigungen finden, die kaum von Linken stammen dürften, stört er sich vor allem am linken Paternalismus. Jene Schwarzen, die sich in der Schweiz ständig über Rassismus beklagten, sollten seiner Meinung nach lieber die Missstände in ihren Herkunftsländern bekämpfen. 'Wenn unsere Heimat so schön wäre wie die Schweiz, wären wir ja nicht hier.'"
Stichwörter: Rassismus, Rassismusdebatte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2026 - Gesellschaft

Müssen die drei sowjetischen Ehrenmale in Berlin, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, nicht neu kontextualisiert werden, damit Putin sie nicht für seine Propaganda nutzen kann? Darüber wird derzeit im Berliner Senat diskutiert, berichtet Martina Mai in der taz. "Die Menschenrechtsorganisation Memorial kritisiert, dass das Mahnmal am Treptower Park für die Heldenerzählungen im sowjetischen Siegeskult stehe und die Leistungen der anderen Sowjetrepubliken neben Russland an der Befreiung Deutschlands weitgehend und die der Alliierten vollständig ausgeblendet werden. Mehr Totengedenken, weniger Stalin, fordert SPD-Mann Alexander Freier-Winterwerb für den Treptower Park." Ihn stört vor allem, "dass die Interpretation des Zweiten Weltkrieges der damaligen sowjetischen Geschichtsschreibung folgt: Er dauerte von 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte, bis 1945. Der Überfall Hitlers auf Polen, Frankreich, Dänemark und viele weitere Staaten kommt da nicht vor, aber auch nicht der Überfall der Sowjetunion auf Ostpolen, das Baltikum und Finnland 1939/40. Der Historiker Jörg Morré hält dagegen: 'Aus der Logik des Siegesdenkmals, als das das Treptower Ehrenmal konzipiert wurde, sind die Jahreszahlen 1941 bis 1945 schon korrekt.'" Er wäre aber unbedingt für "eine augenfällige Kontextualisierung im Falle der Stalin-Zitate", zitiert ihn Mai.

In der Zeit diskutieren die ukrainische Historikerin Yevheniia Moliar und ihr Kollege Jörg Baberowski über die Denkmäler. Abschaffen kann man sie nicht, meint Baberowski: "Man kann die Botschaften der Vergangenheit nicht zum Verschwinden bringen, indem man sie löscht. Das Gezeigte muss vielmehr erklärt werden. Das Denkmal am Treptower Park in Berlin wurde als Zeichen des Sieges errichtet - als Botschaft Stalins an die Deutschen: Wir haben gesiegt, und ihr sollt euch daran erinnern." Wenn Putin diese Botschaft für Propagandazwecke vereinnahmt, könne man das nicht verhindern, "man kann sie in einer offenen Gesellschaft aber kritisieren". Er plädiert für ein ergänzendes Museum, über das eine Expertenkommission "mit Historikern aus Deutschland, Westeuropa, der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, auch Russland" beraten sollte. Für ein Museum ist auch Yevheniia Moliar, russische Historiker will sie allerdings nicht dabei haben: "In den besetzten Gebieten der Ukraine ehrt Russland heute gefallene russische Soldaten an sowjetischen Kriegsdenkmälern. Russland nutzt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, um seinen Angriffskrieg als Kampf gegen vermeintliche Nazis in der Ukraine zu legitimieren.  ... Die russische Sicht hat diese Ehrenmäler lange genug dominiert."

Schon in den 1970ern wurde über den Nahostkonflikt diskutiert, und über den Holocaust. Aber die Debatten fanden jeweils "auf einer anderen Bühne statt", erinnert sich Christian Staas, der in der Zeit die Geschichte der Erinnerungskultur im Nachkriegsdeutschland nachzeichnet. Seit den 2010er Jahren ist das anders, seitdem geht es nicht mehr um den Nationalsozialismus, der ist nur noch "eine argumentative Waffe. Die eine Seite macht sich die palästinensische Perspektive zu eigen, die andere die israelische. Beide wechseln damit, in ihrer Wahrnehmung, auf die 'gute Seite' der Geschichte. Die 'Nazis' sind die anderen. Aber die Nazis waren und bleiben Deutsche. Es gibt für die deutsche Gesellschaft keine 'gute Seite', auf die sich so einfach wechseln ließe", auch nicht mit einem multidirektionalen Erinnern, das die nationalsozialistischen Verbrechen mit der Erinnerung an den Kolonialismus zusammenführt, wie es der Historiker Michael Rothberg vorgeschlagen hat. Staas plädiert dagegen für eine Entflechtung der Debatten. "Doch dazu muss der Erinnerungsdiskurs raus aus der Nahkampfzone des Nahostkonflikts."

Im Interview mit der taz plädiert die CDU-Politikerin Verena Mertens dafür, im Sexualstrafrecht europaweit eine "Nur Ja heißt Ja"-Regelung einzuführen. Allerdings gibt sie zu, dass die EU dafür eigentlich nicht zuständig ist. Und noch etwas gibt sie zu bedenken: "Auch bei einer 'Nur Ja heißt Ja'-Regelung wird die Beweisproblematik bleiben, die wir jetzt in anderer Form bereits bei 'Nein heißt Nein' haben. Bei beiden Modellen muss erkennbar sein, dass jemand eine sexuelle Handlung will oder nicht. Sicher ist, es darf keine Beweislastumkehr geben. Es ist ein verfassungsrechtlicher Grundsatz in Deutschland, dass man einem Straftäter seine Straftat nachweisen muss und nicht er beweisen muss, dass er das nicht getan hat. Es braucht also andere Wege... Wenn wir Delikte und Übergriffe verhindern wollen, dann dürfen wir nicht immer nur über Frauen als Opfer denken. Wir müssen auch Frauen stark machen und sagen 'Ihr könnt lernen, Nein zu sagen'. Und wir müssen Frauen dazu ermutigen, Sexualstraftaten öfter anzuzeigen."

Die Medienforscherin Maya Götz konstatiert im FR-Interview einen beunruhigend starken konservativen Backlash unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern, was das Thema Frauenrechte angeht. Das hat viel mit Frustration und Einsamkeit zu tun, deren Ursprung sie auch in der Erziehung ausmacht: "Hinzu kommt, dass Jungen oft wenig Raum bekommen, über sich selbst nachzudenken. Mädchen setzen sich früh damit auseinander, was für ein Mädchen sie sein wollen. Jungen hingegen gelten einfach als 'Jungen'. Reflexion wird ihnen kaum nahegelegt… oder darüber nachzudenken, wie Beziehungen funktionieren. Als Gesellschaft denken wir zu wenig über Männlichkeit nach. Und für Männer besteht strukturell weniger Druck zur Selbstreflexion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2026 - Gesellschaft

Hamburg ist das einzige Tatort-Bundesland, das bis heute keinen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zum NSU-Komplex eingesetzt hat. Dabei gibt es zum Mord an Süleyman Taşköprü vor 25 Jahren immer noch eine Menge Fragen, berichtet André Zuschlag in der taz: "Warum ausgerechnet er ermordet wurde, etwa...  Warum hielten die Ermittler:innen so lange kein rechtsextremes Tatmotiv für möglich? Spielte institutioneller Rassismus bei der Polizei und beim Verfassungsschutz dabei eine Rolle?" Der SPD-geführte Senat weigerte sich mit Zustimmung aller Parteien außer der Linkspartei, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Stattdessen sollte eine "Forschungsgruppe" ermitteln, der nun von der Generalbundesanwalt Akteineinsicht verweigert wird. "Ende vergangenen Jahres erhielten die Forscher überraschend eine umfassende Ablehnung ihres Auskunfts- und Akteneinsichtsgesuchs. Nun ist der Streit ein Fall fürs Gericht - und die Forschungsgruppe kommt, solange das andauert, in ihrem auf drei Jahre angelegten Auftrag hier vorerst nicht voran."

Seit März hat es wohl bald ein Dutzend antisemitischer Anschläge begrenzten Ausmaßes in vielen europäischen Städten gegeben, angefangen in den Niederlanden und in Belgien. Es ist nicht immer klar, ob das iranische Terrornetzwerk "Hayi" (unser Resümee) damit verbunden ist, berichtet eine Reportergruppe in der FAZ, aber die Anschläge ähneln sich strukturell. Auch in München hat es einen Anschlag auf ein israelisches Restaurant gegeben. Der Zusammenhang mit "Hayi" lässt hier nicht nachweisen. Aber "auch das Bundesamt für Verfassungsschutz glaubt Muster hinter den Angriffen, die seit dem 9. März im Ausland verübt wurden, zu erkennen: So erfolgten die Anschläge jeweils in den Nacht- oder frühen Morgenstunden, vor allem auf jüdische und US-amerikanische Einrichtungen in den Beneluxstaaten und Großbritannien."