Wer ist die
Vulkangruppe, die mit einem Anschlag tagelang fast 40.000 Berliner Haushalte vom Stromnetz abgeschnitten hat? Sie ist in jedem Fall eine linksradikale bzw. anarchistische Gruppe, ist Konstantin Petry in der
FAZ nach Lektüre der Bekennerschreiben überzeugt. Außerdem wurde
Sabotage "im radikaleren Flügel der Klimabewegung schon eh und je angewandt", meint er mit Verweis auf den
Una-
Bomber und
Andreas Malms Buch "How To Blow Up A Pipeline". Etwas überraschend plädiert Petry am Ende seines Artikels für Appeasement: Nicht Terrorattacken, sondern "
mangelnder Klimaschutz" sei "sehr wohl auch ein Problem für die innere Sicherheit ... Der beste Weg, die kritische Infrastruktur zu schützen, ist daher, neben dem dringend notwendigen Aufbau von Redundanzen, eine konsequentere Umwelt- und Klimapolitik."
Sind die Bekennerschreiben der Vulkangruppe authentisch oder wurden sie von Russland geschrieben? Das Schreiben stammt von der Gruppe, meint der Linguist
Joachim Scharloth im
Zeit Online-Interview mit Louis Pienkowski. Scharloth hat schon öfter Bekennerschreiben verifiziert und sich mit der Vulkangruppe beschäftigt. "Wenn man mehrere frühere Texte zur Verfügung hat, kann man
die Muster schon erkennen. Etwa das Konzept des
Unterbrechens. Man möchte laut dem Bekennerschreiben dieses System nicht zum Einsturz bringen, sondern eine 'Unterbrechung' herbeiführen. Und dieses Konzept findet sich tatsächlich in mehreren Texten wieder."
Auch die forensische Linguistin
Gudrun Müller hält im
Interview mit der
taz das Bekennerschreiben der Vulkangruppe für authentisch. Als Indizien benennt sie: "Das
ausdifferenzierte Gender, das sehr bewusst eingesetzt wird. Frauenhasser, Macher, Schlächter sind hier immer männlich. Auf der anderen Seite sind zum Beispiel Kritiker:innen und Anwohner:innen immer auch weiblich und damit positiv konnotiert. ... Auf der einen Seite das
klare Feindbild. Beim Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk war die Sprache noch hasserfüllter. Da wurde Elon Musk als 'Elend Musk' bezeichnet. Beim aktuellen Schreiben sind es die Reichen mit den imperialen Lebensweisen, die Raubbau an der Erde betreiben und die Lebensgrundlagen der Bäuer:innen zerstören. Auf der anderen Seite zeigen sie sprachlich eine fürsorgliche Haltung, wenn sie betonen, sie wollten die 'weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten Berlins' nicht treffen. Sie rechtfertigen sich und appellieren zu Solidarität." Auf den Berlinseiten der
taz ist Gereon Asmuth
nicht überzeugt, er sieht noch keine Beweise für die Echtheit der Bekennerschreiben.
Zuerst wurde Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter und Linken-Mitglied
Andreas Büttner von der AfD angefeindet, inzwischen kommen Angriffe vor allem
von links, weil er angeblich zu israelfreundlich ist. Jetzt wurde gar ein
Brandanschlag auf dem Privatgrundstück der Familie Büttner verübt und auf die Haustür das rote Dreieck der Hamas gesprüht. Während sich die beiden Linken-Vorsitzenden Jan van Aken und Ines Schwerdtner davon distanzierten, halten andere Linke solche Anschläge für gerechtfertigt,
berichtet Pascal Beucken in der
taz: "So fällt es doch so manchen sichtlich schwer, sich beispielsweise von einer mehr als fragwürdigen 'palästinasolidarischen' Gruppe wie
Handala abzugrenzen, die in Leipzig für die Demo am 17. Januar gegen Jule Nagel mobilisiert. Dabei hält Handala das von der Hamas am
7.
Oktober 2023 angerichtete Massaker für einen legitimen antikolonialen Widerstandsakt: 'Die unterdrückte palästinensische Bevölkerung befreite sich aus der Belagerung der Besatzungsmacht.' Auch die vielfältigen Solidaritätsbekundungen für den aus der Linken ausgeschlossenen 'Sozialismus von unten'-Aktivisten
Ramsis Kilani sprechen dagegen." Auch dieser
rechtfertigt den Terror der Hamas, "trotzdem solidarisierten sich sogar mehrere Bundesvorstandsmitglieder mit ihm".
Hass ist laut Bundesverfassungsgericht eine zulässige Meinungsäußerung, konstatiert der Jurist
Ronen Steinke in der
SZ. Auch wenn das manchmal grenzwertig ist, sei es eben nicht im Sinne der Meinungsfreiheit, wenn Politiker für die kleinsten Beleidigungen im Netz die Verfasser vors Gericht zerren, wie es jetzt schon mehrmals der Fall war. Die zunehmende Verfolgung solcher Delikte hält Steinke für falsch. "Die Idee des Grundgesetzes ist nicht: Kluge, sanfte, einsichtige Leute sollen reden, alle anderen sollen still sein. Sondern die Idee ist: Alle sollen miteinander reden.
So, wie sie sind. Und sich auf Gegenrede gefasst machen. Aber jedes Mal, wenn eine gesellschaftlich einflussreiche Stimme so lässig postuliert, eine unangenehme oder verstörende Meinung sei schlicht und einfach 'keine Meinung', ermutigt das die Instanzgerichte,
in ihrer Interpretation noch strenger zu werden." Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht im Fall Renate Künast 2022 auch das Persönlichkeitsrecht aufgewertet (
hier ein Link), was Politiker auch vor Beleidigungen im Netz schützen soll.