9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2764 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2026 - Gesellschaft

"Das Geraune über die vermeintlichen Risiken und die Falschbehauptungen über Yad Vashem sind unangemessen", meint der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Volker Beck in einem Streitgespräch mit Meron Mendel in der SZ. Mendel hatte vor Einflussnahme israelischer Politiker auf die Einrichtung gewarnt, auch deshalb weil ihr Leiter vom Ministerpräsidenten, dem Rechtsextremisten Dani Dayan direkt ernannt wird (unsere Resümees). Das heißt aber nicht, dass die Einrichtung nach dessen Pfeife tanzt, so Beck: "Als Netanjahu behauptet hat, der Großmufti von Jerusalem habe Hitler die Idee mit der Shoah ins Ohr geblasen, da hat ihm die Chefhistorikerin von Yad Vashem, Dina Porat, deutlich widersprochen. Richtig so. Und als sich der israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen einen gelben Stern ans Revers geheftet hat, hat Dayan ihn ebenfalls scharf kritisiert." Mendel hält entgegen: "Wir haben doch die Versuche der Einflussnahme nicht erfunden. Einmal wurde sehr knapp verhindert, dass ein ausgewiesener Rechtsradikaler Vorsitzender von Yad Vashem wird, Effi Eitam. Die Vorstellung, dass es beim nächsten Mal klappt und dieser oder ein anderer Rechtsradikaler dann in der Außenstelle in München und Leipzig das Sagen hat, ist angesichts der heutigen politischen Konstellation in Israel keine Science-Fiction."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2026 - Gesellschaft

Auf Twitter viel diskutiert wird ein Substack-Essay des Neurowissenschaftlers und Publizisten Sam Harris, der erklärt, "warum ich mich nicht auf Debatten mit Israel-Kritikern einlasse". Der heute grassierende "Antizionismus", der Israel weghaben will und dafür "Meinungsfreiheit" einfordert, ist für ihn nichts anderes als der alte Antisemitismus in neuem Gewand. Und "warum ist Antisemitismus von Bedeutung? Nun, für die Juden ist klar, warum er von Bedeutung ist, aber warum sollte er auch für alle anderen von Bedeutung sein? Er ist von Bedeutung, weil man, wenn man sich ansieht, was Antisemiten sonst noch hassen, feststellt, dass sie alles hassen, was kulturell reiche, vielfältige und offene Gesellschaften erst möglich macht. Echte Antisemiten bringen mehr mit als nur ihren Hass auf Juden: Sie bringen Zensur, politische Unterdrückung, Verschwörungsdenken und die Politik der Entmenschlichung und der Sündenböcke mit sich. Antisemitismus anzuprangern ist also kein Akt des Engagements für eine einzelne Gruppe, sondern eine Verteidigung der moralischen und institutionellen Architektur, die freie Gesellschaften benötigen."

In der Politik haben sich längst viele Männer als schwul bekannt - und das Publikum nimmt es mit freundlichem Achselzucken zur Kenntnis. Warum ist das im Fußball immer noch anders, fragt Jan Feddersen in der taz: "Eventuell liegt es auch an der Mentalität der berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld zu geben, ist hingegen klassistisch gesinnt: Schwules ist längst kein Schocker mehr, auch für sie nicht."

Die politiknahe Werbeagentur Scholz and Friends hat einen neuen Slogan für Niedersachsen entworfen: "Niedersachsen. Das ist groß". Ob der wirken wird, fragt sich in der FAZ Reinhard Bingener und skizziert das Problem: "Das Land Niedersachsen stand bei seiner Suche nach einem neuen Claim vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts förderte vor einiger Zeit zutage, dass nahezu jeder zweite Deutsche bloß eine ungefähre Vorstellung von dem Land hat. Jeder vierte Deutsche verbindet mit Niedersachsen wenig oder überhaupt nichts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2026 - Gesellschaft

Neulich hatte Katja Scholtz in der FAZ gefragt, ob man überhaupt angesichts rasenden Sprachwandels überhaupt noch den Duden braucht (unser Resümee). Doch doch, antwortet ihr der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt heute, als Amtssprache brauche Deutsch auch eine Normierung, und "Schriftsprache ist Normsetzung!" Und überhaupt: "Die Standardsprache weist in Morphologie und Syntax eine erstaunliche Stabilität auf. Was sich eher wandelt, ist der Wortschatz. Im System des Deutschen ist eine große Gelenkigkeit und mithin Integrationsfähigkeit angelegt, sowohl in der hochelastischen Wortbildung, Stichwort 'Lego-Sprache', als auch im gelenkigen Satzbau mit seinen feinen Nuancierungen durch recht freie Wortstellung."

In der SZ denkt Susan Vahabzadeh darüber nach, ab welchem Alter man eher von "Mädchen" oder von "jungen Frauen" sprechen sollte. Für das Sexualstrafrecht ist eine Einordnung als Mädchen, also als Kind, sinnvoll. Aber die "Infantilisierung" von Frauen hat auch eine problematische Seite: "Die wohlmeinende Tendenz, 16-Jährige (oder 18-Jährige) vor allem im Kontext von Sexualität als Mädchen zu bezeichnen, kommt also nicht von ungefähr. Nur: Kann man im einen Zusammenhang ein Mädchen sein, im anderen aber gleichzeitig eine junge Frau? Es gibt auch in westlichen Gesellschaften immer noch die Tendenz, Frauen weit über die Volljährigkeit hinaus zu bevormunden. Und das Verlängern der Mädchenhaftigkeit bis in die Lebensmitte hat ja auch mit einem Jugendwahn zu tun, dem Frauen viel stärker unterworfen werden als Männer. Aber beim ewigen Mädchensein ist eben Vorsicht geboten, denn Bevormundung von Frauen bleibt ein Gesellschaftsspiel: Mansplaining, Handwerker, die ihre Auftraggeberinnen nicht ernst nehmen, und Mediziner, die den Beschwerden ihrer Patientinnen weniger Bedeutung zumessen als denen von Männern."

Im Welt-Interview erzählt Sonja Bohl-Dencker, die Mutter der Studentin Carolin Bohl, die am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurde, was vermutlich in den letzten Stunden ihrer Tochter passiert ist. Wirklich glücklich werden kann sie nicht mehr, sagt sie. Auch hat sie Angst, dass die Erinnerung an das Massaker verblassen wird: "Ich glaube sogar, dass der 7. Oktober bei vielen Menschen jetzt schon in Vergessenheit geraten ist oder vielleicht nie wirklich präsent war. Und ich denke, das wird weiter so gehen. Verhindern ließe sich das aus meiner Sicht nur durch eine große gemeinsame Anstrengung von Menschen, die bereit sind, objektiv auf diesen Konflikt zu schauen. Damit meine ich nicht einfach nur 'proisraelische' Stimmen. Sondern auch gemäßigte Menschen, die sagen: Wir schauen uns den Konflikt in all seinen Facetten an und nicht nur einzelne Ausschnitte. Genau das fehlt mir oft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2026 - Gesellschaft

Rund 15 Millionen Euro an Fördergeldern flossen vom Auswärtigen Amt aus an die Organisation "Islamic Relief Deutschland", die laut eigenen Angaben humanitäre Projekte in Syrien umsetzte, doch nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes mutmaßlich starke Verflechtungen mit der islamistischen Muslimbruderschaft und Hamas hat, schreibt die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci in der SZ. "Humanitäre Fassade, islamistischer Unterbau: Im Fall Islamic Relief ist das kein Schlagwort, sondern eine präzise Beschreibung für das Zusammenspiel von NGO-Selbstdarstellung, sicherheitsbehördlichen Warnungen und politischem Wegsehen. Die großen Summen sind längst geflossen, der Bericht des Bundesrechnungshofs ist geschrieben - doch im Koordinierungsausschuss sitzt Islamic Relief Deutschland noch immer mit am Tisch. Wer das ermöglicht und verteidigt hat, arbeitet nicht an der Wehrhaftigkeit dieser Demokratie, sondern an ihrer Selbsttäuschung. Solange diese Verantwortlichen im Amt bleiben und die Kooperation mit islamistischen Strukturen weiterläuft, ist nicht die offene Gesellschaft das Problem, sondern ihr Staat, der sich weigert, sie zu schützen."

Männer und Frauen werden immer noch nicht gleich bezahlt: Die Juristin und SPD-Politikerin Heide Pfarr erklärt im taz-Interview Hintergrundinfos zum "Entgelttransparenzgesetz", das in Deutschland seit 2017 gilt, allerdings kaum angewendet wird. Es soll vor allem Frauen helfen, gleichen Lohn bei gleicher Arbeit durchzusetzen. Eine entsprechende EU-Richtlinie wird von Deutschland bisher größtenteils ignoriert, seufzt Pfarr: "Die Bundesrepublik hat noch nie eine europäische Richtlinie im Bereich des Gleichstellungsrechts fristgerecht und 1:1 umgesetzt. Wirklich alle Verbesserungen für die Geschlechtergleichstellung sind durch Europa gegen Widerstände erzwungen worden. In Deutschland heißt es sofort, die deutsche Wirtschaft bräche unmittelbar zusammen, wenn die verfassungsrechtlich garantierte Gleichberechtigung Wirklichkeit werden soll." Entgeltsysteme "sind vor allem ein Ergebnis von Machtverhältnissen zwischen durchsetzungsstarken und weniger durchsetzungsstarken Arbeitnehmer:innen und Unternehmen, zum Nachteil vor allem von Frauen. Eine Forderung nach Veränderung wird schnell als Einschränkung der unternehmerischen Freiheit interpretiert und das haben Unternehmensverbände grundsätzlich nicht gerne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 - Gesellschaft

Fünf Stunden lang haben Anne Kunze und Laura Hertreiter Christian Ulmen interviewt, zwei weitere seinen Anwalt Christian Schertz - nichts wurde freigegeben. Was bleibt nun von dem Fall, fragen die beiden: "Politiker nutzten ihn für ihre Anliegen, bevor es Beweise gab, bevor überhaupt ermittelt wurde. So wie Justizministerin Hubig für ihr geplantes Gesetz. Mit verrutschtem Ergebnis: Um das Anlegen gefälschter Profile, das Chatten unter falscher Identität - also um all das, was Fernandes ihrem Ex-Mann tatsächlich vorwirft - geht es darin nicht. (…) So sieht sie aus, die Gesetzgebung der Gegenwart: Sie wird nicht mehr in Referaten und Ausschüssen geboren, sondern in einem aufgeheizten öffentlichen Klima - im vorliegenden Fall haben ein Fernsehauftritt und ein Hashtag den Takt vorgegeben. Das Gesetz zum Schutz vor 'digitaler Gewalt' ist dafür ein Musterbeispiel - der Versuch, ein Strafrecht, das lange an der Oberfläche des Themas kratzte, in die Tiefe der neuen Bilderwelt im Internet zu zwingen. Seit Mitte April liegt der Entwurf bei den Ländern und Verbänden, bis Ende Mai konnten sie Stellung nehmen. Beschlossen ist noch nichts, verkündet schon gar nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2026 - Gesellschaft

Die deutsche Staatsräson sei "Verstanden als Bekenntnis zur Sicherheit Israels als Kern deutscher Außen- und Innenpolitik nie primär eine moralische Haltung" gewesen, meint die Schriftstellerin Deborah Feldman in einem etwas konfusen Artikel in der FR. "Sie war Legitimierung nach außen, um die Mitgliedschaft in der westlichen Zivilisation wieder zu erlangen. Nach innen diente sie als Schutzwall gegen Fragen über Einwanderung, Kolonialschuld, die Grenzen des eigenen Bekenntnisses. Wer sich demonstrativ zur Opfergeschichte bekennt, kann sich anderen Rechnungen entziehen; wer den Schutzwall kontrolliert, kontrolliert auch, wer in Deutschland moralisch sprechen darf. Medien, die dieses Narrativ mittrugen, taten dies meist nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihr eigener Status als moralische Instanz davon abhing."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2026 - Gesellschaft

Ziemlich scharf kritisiert die prominente Exil-Iranerin Masih Alinedschad auf Twitter die New Yorker Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die zum Opferfest in New York mit Kopftuch auftrat: "Sie haben in New York freiwillig einen Hidschab getragen. Im Iran werden Frauen getötet, wenn sie ihn ablegen. Sie protestieren bei jeder Gelegenheit gegen Gewalt an Frauen, prangern die Geschlechtertrennung an und setzen sich sich für 'Inklusion' ein. Und doch stehen Sie hier, lächelnd und mit einem Hidschab bekleidet, bei einer Veranstaltung in New York, im Herzen des Westens, bei einer Veranstaltung, wo Männer und Frauen streng voneinander getrennt sind. Für mich und Millionen iranischer Frauen sieht das nicht nach freier Entscheidung aus. Plötzlich heißt es nicht mehr 'My Body, my choice'. Wenn der muslimische Bürgermeister sagt, 'Bedecke dich', heißt es 'My Body for votes'." AOC antwortete recht flapsig: "Mit am meisten Spaß macht mir als Vertreterin von NYC, die unterschiedlichen Bräuche so vieler verschiedener Gemeinschaften kennenzulernen. Cheers."

Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, der am Opferfest in einer Adidas-Tunika teilgenommen hatte (mehr hier), teilt gleichzeitig mit, dass er nicht an der Israel Day Parade, wo sich New Yorker Bürgermeister bisher immer zeigten, teilnehmen wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2026 - Gesellschaft

Reinhard Müller staunt in der FAZ über Bärbel Bas' Rede zur Migrationspolitik auf dem "Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt": "Bas wehrt sich gegen 'dieses sogenannte Einheitsgrau' - 'ich will's sogar braun nennen' - und plädierte dafür, Migration nicht nur als Fachkräftefrage zu begreifen, was zweifellos richtig ist. Migration sei auch nötig 'für die Vielfalt in unserer Gesellschaft'." Seltsame Vorstellung von Deutschland, denkt sich Müller. Als wäre hier alles homogen, als hätte es hierzulande nicht schon immer Migration und kulturelle Unterschiede gegeben. "Das Problem Deutschlands ist nicht fehlende Vielfalt und Buntheit, sondern fehlende Verfassungstreue, ja mangelnder Patriotismus unter Migranten", die oft unsere Grundwerte nicht teilten. "Ein Teil dieser Misere ist hausgemacht: Denn wie sollen Einwanderer Deutschland (jenseits seiner Sozialleistungen) mögen, wenn es selbst die Deutschen nicht tun. ... In einem demokratischen, rechtsstaatlichen Deutschland kann jeder sein Glück finden und machen. Wer dazugehören will, sollte sich mit seinen Grundsätzen und seinen Farben identifizieren. Es sind die Farben der Freiheit und des Rechts. Das muss auch vorgelebt werden und nicht als 'Einheitsbraun' diffamiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2026 - Gesellschaft

Spiegel-Reporter René Pfister wurde auf der Internetmesse "re:publica", einst ein Tummelplatz des radikalen Medienwandels, etwas unheimlich zumute. Dieses Milieu hat inzwischen einen ganz eigenen Konservatismus entwickelt, der sich als links liest. "Wahrscheinlich ist dies das Drama der re:publica: Es ist eine Konferenz, deren Teilnehmer davon geträumt haben, im Netz die nächste Stufe der Demokratie zu zünden. Und die jetzt voller Entsetzen feststellen, dass die Konservativen viel geschickter im Umgang mit den Möglichkeiten der Technik sind. In den USA sind ultrarechte Podcaster zu politischen Playern mit Millionenpublikum aufgestiegen. Der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah ist bei Jungwählern ein Star auf TikTok. Die progressive Netzgemeinde dagegen zieht sich, so wirkt es auf dieser Konferenz, in die Wagenburg zurück. Über der re:publica liegt ein Hauch von Fin de Siècle."

Außerdem: Im Aufmacher des FAZ-Feulletons schildert der Medienprofessor Alexander Gutzmer den Niedergang der Autostadt Wolfsburg, der irgendwie auch für den Niedergang der einstigen Bundesrepublik steht.
Stichwörter: Re:publica, Wolfsburg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2026 - Gesellschaft

Wie kommt es, dass in der westlichen Öffentlichkeit immer wieder Israel zum Ausbund des Bösen gemacht wird, fragt der New-York-Times-Kolumnist Bret Stephens in einer indirekten Antwort auf seinen Kollegen Nicholas Kristof, der den Israelis ohne haltbare Belege vorwarf, sie würden Hunde abrichten, um palästinensische Gefangene zu vergewaltigen (unsere Resümees). Gerüchte über Israel schaden den Palästinensern mehr als den Israelis, so Stephens, da die realen Gewaltverhältnisse kaum mehr ausreichend analysiert würden. "Den größten Schaden erleiden jedoch die westlichen Institutionen, insbesondere jene, die mit der Verbreitung unbequemer Wahrheiten betraut sind. Das gilt nicht nur für den Journalismus, sondern auch für einst bewunderte Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch, die sich in den letzten Jahrzehnten zu Fabriken für antiisraelische Schmähreden gewandelt haben… Ähnlich verhält es sich mit weiten Teilen der Wissenschaft, in der die durch die Angriffe vom 7. Oktober geschürte antiisraelische Wut sowohl ein Symptom des allgemeinen intellektuellen Verfalls … Wie kommt es, dass der Hass auf ein Land den Hassenden letztlich mehr Schaden zufügt als den Gehassten?"

Ninve Ermagan besucht für die NZZ in Berlin die Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş, die seit zwanzig Jahren, seit ein rechtsextremer Türke ihr in den Kopf schoss, unter Personenschutz lebt: "Ein normales Leben führt Seyran Ateş schon lange nicht mehr. Einkäufe übernehmen Familienangehörige, Pakete bestellt sie unter fremden Namen, ihre Familie hält sie aus der Öffentlichkeit heraus, und wer sie treffen will, kommt zu ihr. Sie dreht den Kopf, schaut in ihre Wohnung. 'Ich bin eine sehr häusliche Person", sagt die Imamin - sie lebe schließlich wie unter Hausarrest. ... Ist der Preis für ihre Islamkritik zu hoch? Der Gedanke, alles hinter sich zu lassen, hat Ateş durchaus beschäftigt - Namensänderung, Umzug in ein Land ohne islamische Präsenz, ein kleiner Ort, unauffälliges Leben, Unsichtbarkeit als letzter Ausweg. Doch endgültig durchgesetzt habe er sich nie."

Am Sonntag finden in Las Vegas die ersten "Enhanced Games" statt. Doping und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Körper sind ausdrücklich erlaubt. Diese Art transhumanistische Träume sind nichts Neues, schreibt Ines Geipel in der FAZ: "Auch Leo Trotzki, Revolutionär der ersten Stunde und Stalins großer Widersacher, wollte im Zuge der sowjetischen Heroenkultur keinen Stein auf dem anderen lassen. Auch bei ihm war es höchste Zeit für eine 'radikale Revision - der Natur wie des Menschen'. 'Das Leben, selbst das rein physiologische, wird kollektiv-experimentell werden', gab er vor. Trotzkis Bemächtigungsidee? 'Einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus zu erschaffen, einen - wenn man so will - Übermenschen.'"

Gerade ist die 29. Auflage des Rechtschreib-Duden erschienen, aber hat dieser einst als Autorität angestaunte "gelbe Ziegel" angesichts einer sich in Lichtgeschwindigkeit ändernden Sprachwirklichkeit überhaupt noch Sinn, fragt Katja Scholtz in der FAZ: "Werden sich 'nerdig', 'Vibe' und 'Framing' im Duden halten? Wird es sich gelohnt haben, 'Klimakleber' in die neue Auflage aufzunehmen, nachdem die Letzte Generation (die sich mittlerweile Neue Generation nennt) das Festkleben im öffentlichen Raum als Haupttaktik aufgegeben hat? Und wer trauert im Gegenzug 'bedünken' hinterher? Denn es werden ja nicht nur Wörter hinzugefügt - in der letzten Auflage etwa 3000 -, sondern auch gestrichen (zuletzt etwa 200)."