9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2025 - Geschichte

Dass Stalin in der Ukraine Millionen Menschen umgebracht hat, kommt in den Lehrplänen deutscher Schulen nicht vor. Der Holodomor ist für deutsche Schüler ein weißer Fleck auf der Landkarte, berichtet Stefan Locke in der FAZ unter Rückgriff auf Recherchen des Schriftstellers Gottfried Böhme: "Bereits vor einem Jahr hatte er sich die Lehrpläne aller Bundesländer vorgenommen. Stalins Massenmord an den Ukrainern kam nur in Brandenburg im Geschichtsunterricht vor. 'Allerdings dort auch nur im Wahlbereich und als ein mögliches Beispiel für Völkermorde', sagt Böhme. Als er in diesem Jahr seine Recherche wiederholte, fand er das Thema im Lehrplan Mecklenburg-Vorpommerns als 'mögliche Vertiefung des Verständnisses stalinistischer Politik' erwähnt, während es in Brandenburg wieder gestrichen worden war. Sofern es kein Geschichtslehrer von sich aus in den Unterricht holt, bleibt das Thema an Deutschlands Schulen eine Leerstelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2025 - Geschichte

Vor 50 Jahren endete die Herrschaft des spanischen Diktators Francisco Franco und sein Nachfolger, der spanische König Juan Carlos, rief bald darauf in Spanien die Demokratie aus. Thomas Ribi blickt in der NZZ auf diese beiden Figuren und welchen Einfluss sie auf Spanien hatten. "Franco hatte sich länger als jeder andere faschistische Diktator an der Macht gehalten - und durch die Wahl seines Nachfolgers Spanien wider Willen den Weg zur Demokratie geebnet. Was Juan Carlos tat, war nicht im Sinn seines Ziehvaters. Er tat es trotzdem. Zum Teil unter Druck, zum Teil aus Überzeugung. Die Spanier dankten ihm, indem sie während Jahrzehnten über seine privaten Eskapaden hinwegsahen. (...) Heute lebt er in Abu Dhabi. In seinem Land ist er zur Persona non grata geworden, die Spanier haben mit ihm abgeschlossen. Mit Franco auch. Aber die faschistische Vergangenheit ist bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Es gibt kein Museum, das den Franquismus behandelt. Und keine Gedenkstätte für die Opfer seines Regimes."

"Was für viele Opfer am schwersten wiegt, ist die Straffreiheit der Täter", schreibt Reiner Wandler in der taz. "Sie wurden nie gerichtlich verfolgt, denn die Verbrechen fallen für die spanische Justiz unter die Amnestie von 1977. Damals wurden diejenigen, die wegen antifranquistischer Aktivitäten eingesperrt waren oder verfolgt wurden, amnestiert, aber auch die Verantwortlichen für die knapp 40 Jahre dauernde Repression in Bürgerkrieg und Diktatur. Ein klarer Verstoß gegen internationales Recht. Denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht und können auch nicht amnestiert werden. Spanien hält dennoch daran fest."

Trotz der fehlenden Aufarbeitung der Franco-Ära hat sich etwas verändert, meint der Journalist Emilio Silva, der die erste Ausgrabung eines Massengrabes, in dem sein Großvater lag, veranlasst hatte, im Interview mit der taz. "Heute gibt es eine öffentliche Debatte über die Vergangenheit, die es so vor 25 Jahren nicht gab. Bis zum Jahr 2000 waren die Verschwundenen aus den Jahren des Bürgerkrieges und der Diktatur niemals Thema im Parlament. Gleichzeitig gab es Kommissionen, die sich mit den Diktaturen Lateinamerikas und den dort verschwundenen Spaniern beschäftigten. Das Land und seine Politiker schauten nach draußen. Unsere Ausgrabung und alle, die folgten, erreichten, dass Spanien auch nach innen, auf sich selbst schaute." Aber es gibt nach wie vor starke Kräfte, die davon nichts wissen wollen, so Silva: "Wir alle in diesem Land sind soziologisch ein wenig franquistisch. Sonst würden wir es nicht ertragen, mit Denkmälern wie jenem Triumphbogen zu leben, oder mit Tausenden von Straßen, die faschistische Namen tragen. Wir alle tragen den Schaden in uns, den 40 Jahre Diktatur hinterlassen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2025 - Geschichte

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Paul Ingendaay liest für die FAZ einige neue Biografien, die zu Francos fünfzigstem Todestag erschienen sind, darunter Till Kösslers Biografie "Franco - der ewige Faschist" und Giles Tremlettas "El Generalísimo Franco - Power, Violence and the Quest for Greatness". Unter anderem lernt er einiges über Korruption unter Franco - sein Clan bereicherte sich zum Beispiel an Vespa-Lizenzen für Spanien - und über Francos Aufstieg: "Anders als oft geschrieben wird, hat Franco den Putsch gegen die Zweite Spanische Republik im Sommer 1936 nicht angeführt, sondern sich bis eine Woche vor dem Aufstand der rechten Militärs schlau bedeckt gehalten. Danach betrieb er seinen Aufstieg durch dreierlei: das Kommando über die Afrika-Armee, seinerzeit das kampfstärkste Kontingent Spaniens; seinen direkten Kontakt zu Hitler, bei dem ihm ein Nationalsozialist aus Nordafrika namens Johannes Bernhardt wichtige Kurierdienste leistete; und sein überlegenes Vorgehen in den kritischen Momenten, als sich die Machtfrage unter den Aufständischen entschied."
Stichwörter: Franco, Francisco

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2025 - Geschichte

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Im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt der Mediävist Peter Heather, wie das lateinische Christentum zur dominanten Religion Europas wurde. Tatsächlich spielte der Islam eine zentrale Rolle, meint Heather: "Wenn man in die Spätantike blickt, also in die Zeit, in der das Christentum sich formiert, stammen die meisten wichtigen theologischen Ideen aus dem griechischsprachigen Osten: aus Syrien, Palästina, Kleinasien, Ägypten. Das sind die intellektuellen Herzlandschaften des frühen Christentums. Mit dem Aufstieg des Islam aber werden diese Regionen - Jerusalem, Antiochia, Alexandria - islamisch. Und der lateinische Westen bleibt allein zurück. Das ist, im Grunde, ein Unfall der Geschichte. Wäre der Islam nicht so expansiv gewesen, wäre das Christentum vermutlich griechisch geblieben, östlich geprägt. So aber wurde der Westen - Rom, Paris, später Oxford - gezwungen, sich neu zu erfinden. Die Dominanz des lateinischen Christentums ist also nicht die Folge innerer Überlegenheit, sondern eine Folge der islamischen Expansion, die den Osten vom Westen abschnitt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2025 - Geschichte

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum widmet sich dem intrikaten, aber so innigen Verhältnis der Deutschen zur Natur. SZ-Redakteur Gustav Seibt ist hingerissen und lernt unter anderem folgendes: "In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Rhein zwischen Basel und Worms begradigt. Schöne Landkarte dazu! Aus einer Auenlandschaft mit verschlungenen Flussarmen, Inseln und Sümpfen wurde ein straffer, schiffbarer Kanal, auf dem bald Dampfschiffe bequem bis Holland fahren konnten (der Verleger Cotta investierte nicht nur in den 'Faust', sondern auch in dieses faustische Projekt). Die Folge allerdings: Überschwemmungen, die nun in Straßburg ausblieben, fanden jetzt in Köln statt." Im Tagesspiegel bespricht Gunda Bartels die Schau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2025 - Geschichte

In der FAZ erinnert Christiane Heil an den ersten Schultag der sechsjährigen Ruby Bridges vor 65 Jahren, der wütende Proteste ausgelöst hatte, weil die Kleine zu den ersten Afroamerikanern gehörte, die auf eine weiße Schule ging. "Da sich Schulleitung und Eltern weigerten, weiße Kinder mit Ruby zu unterrichten, verbrachte sie die Tage allein mit Barbara Henry, einer weißen Lehrerin aus Massachusetts, in einem Klassenzimmer im ersten Obergeschoss. Die Pausen wurden so gelegt, dass Bridges auf dem Hof nicht auf andere, weiße Schüler traf. 'Frau Henry versuchte mit aller Kraft, von mir fernzuhalten, was sich draußen abspielte. Aber es gelang mir nicht zu verdrängen, dass es für mich keine anderen Kinder gab', erinnerte sie sich mehr als vierzig Jahre später bei einer Rede in der Memorial Church der Universität Harvard. Nach einem einsamen Schuljahr wurde in der zweiten Klasse plötzlich alles anders. Ruby wurde zusammen mit weißen und schwarzen Kindern unterrichtet."

Außerdem: In der Zeit schreibt Niklas Frank einen wütenden letzten Brief an seinen Vater, den als Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilten und hingerichteten Nazi Hans Frank, der als "Schlächter von Polen" berüchtigt war.
Stichwörter: Rassismus, USA, Frank, Niklas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Geschichte

9. November, Gedenksaison. Sabine Seifert besucht für die taz die Gedenkstätte Sachsenhausen. Es stellen sich die bekannten Fragen, etwa wie man ohne Zeitzeugen die Erinnerung wachhält. Aber auch den Bezug zum Kolonialismus spricht Seifert an, die mit Axel Drecoll, dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen gesprochen hat: Der neue Kulturminister Wolfram Weimer "hat angekündigt, dass er die Idee seiner Amtsvorgängerin Claudia Roth (Grüne), den deutschen Kolonialismus und die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft inhaltlich in eine Neukonzeption einzubeziehen, ablehnt". Dem stimmt Drecoll zu: "'Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gewesen, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht', sagt Axel Drecoll dazu. 'Nur ist es ein Thema eigenen Rechts. Es hat andere Voraussetzungen als die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur.' Dazu gehöre, dass es kaum Tatorte in Deutschland gebe, das verbrecherische System nicht von einer Diktatur im Inland ausgeübt worden sei und zeitlich bis ins preußische Königreich zurückreiche. 'Man muss mit Nachdruck dafür Sorge tragen, dass der Kolonialismus aufgearbeitet wird. Wenn es dafür ein eigenes Konzept gibt, fände ich das sinnvoll.'"

Sowohl die extreme Rechte, als auch die extreme Linke stören sich am Gedenken, konstatiert der Historiker Volker Weiß in der SZ, beide beklagen einen "Schuldkult", "German Guilt" scheine auf der Linken "dem Kampf für Gaza insgesamt im Weg zu sein". "Nicht immer wird die politische Herkunft der Attacken deutlich. Im hessischen Babenhausen wurde 2024 der Gedenkstein für die von den Nazis vernichtete jüdische Gemeinde mit roter Farbe übergossen. Über den Antisemitismus hinaus blieb der weitere weltanschauliche Hintergrund unklar. Im niedersächsischen Ahlem verschandelten Unbekannte eine Gedenkwand für jüdische Deportierte mit Aufklebern, die israelfeindlich, propalästinensisch und neonazistisch waren. Die Grenzen sind auf diesem Terrain fließend, auch international."

Die noch recht junge "Geschichtsinfluencerin" Susanne Siegert spricht auf Instagram und Tiktok über die Nazizeit. Die eigene Recherche vor Ort hat sie zu diesem Thema gebracht - und diese Vermittlung von Geschichte durch die eigene Perspektive hält sie für essenziell. Das sagt sie auch auch an die Adresse von Friedrich Merz, auf dessen emotionale Rede in der Münchner Synagoge (unser Resümee) sie im FR-Gespräch mit Valérie Eiseler zurückkommt: "Ich glaube ihm sogar, dass er sehr emotional ergriffen war. Aber in diesem Moment werden die Jüdinnen und Juden im Raum sowie generell jüdische Verfolgte zu den Statist:innen seines Gedenkens. Wenn er über diese Rolle hinaus aktiv werden wollte, müsste er eigentlich auch offen über die Rolle seines Großvaters sprechen und klar benennen, was man über ihn weiß. Das würde auch nichts von dem schmälern, was er bei dieser Gedenkveranstaltung gesagt hat. Aber es geht einfach nicht sehr gut einher, sich auf der einen Seite anzumaßen, mit den Opfern zu trauern, wenn man auf der anderen Seite für die Tätervergangenheit der eigenen Familie keine klaren Worte findet. Er kann nach wie vor von seinem Großvater als liebendem Opa sprechen, das schließt sich nicht aus."

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, antwortet in der FAZ schon im vorhinein auf die salbungsvollen Reden, die er sich morgen wird anhören müssen. "Wenn ich 'Nie wieder' höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. 'Nichts Persönliches.'"

Ein Konzert der Israel Philharmonics unter Lahav Shani wurde auch in Paris durch hooliganhaftes Abbrennen bengalischen Feuers gestört (mehr in efeu). Das Orchester spielte die "Hatikwah", die israelische Nationalhymne, und das Publikum antwortete mit stehenden Ovationen.


Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert der Afrikanist Andreas Eckert an Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten Ghanas und Heros der Dekolonisierung. Und in der FR erinnert Christian Thomas an noch einen anderen 9. November, den von 1918.
Stichwörter: Erinnerungspolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2025 - Geschichte

Martin Barzilais Fotobuch "Cimetière fantôme - Thessalonique" ist in den Editions Creaphis (hier) erschienen.
Ferry Batzoglou erzählt in der taz vom Fotografen Martin Barzilai, der in Thessaloniki, dem einstigen "Jerusalem des Balkans", nach Spuren des ehemaligen jüdischen Friedhofs der Stadt suchte. Die Nazis hatten die Gemeinde selbstverständlich mit rasender Brutalität fast ausgelöscht. Und "am 6. Dezember 1942 wurde der alte jüdische Friedhof, der größte jüdische Friedhof in ganz Europa, mit geschätzt über 300.000 Gräbern, im Herzen von Thessaloniki vollständig zerstört und eingeebnet. Das weitläufige Gelände wurde in einen großen Steinbruch umgewandelt, das Material für verschiedene Bauzwecke verwendet. Grabsteine, Grabeinlassungen und Grabplatten von unschätzbarem Wert wurden entfernt." So finden sich Grabsteine in vielen Gebäuden der Stadt, die Barzilai in einem Fotobuch dokumentiert hat. "Dass Deutschland den Bau eines Holocaust-Museums in Thessaloniki mit zehn Millionen Euro teilfinanziert, trage dazu bei, Wunden zu heilen, meint Barzilai."

Der 9. November naht. Die taz befasst sich mit Antisemitismus, wenn auch in seiner historischen Form. Armin Fuhrer, Autor eines Buchs zum Thema, erinnert an den 17-jährigen Herschel Grynszpan, der am 7. November 1938 einen völlig unbekannten Beamten in der deutschen Botschaft in Paris erschoss. Den Mord machten die Nazis zum Anlass der Pogromnacht vom 9. November. Grynszpan "lebte zur Tatzeit seit gut zwei Jahren an der Seine, war aber in Hannover geboren und hatte dort auch fast sein ganzes Leben verbracht. Allerdings war er kein deutscher, sondern polnischer Staatsbürger. Weil er wenige Wochen vor der Tat die polnische Staatsbürgerschaft verloren hatte, war er als nunmehr Staatenloser von der Ausweisung aus Frankreich bedroht. Grynszpan verfolgte mit zunehmenden Entsetzen die Geschehnisse in Deutschland. Als er schließlich von der sogenannten 'Polenaktion' las, stieg seine Wut auf das NS-Regime ins Unermessliche. Bei dieser Aktion handelte es um die Ausweisung von 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus ganz Deutschland, die in den letzten Oktobertagen buchstäblich über Nacht mit Zügen vollzogen wurde."

Außerdem berichtet Klaus Hillenbrand aus der Gedenkstätte Ravensbrück, wo die Nazis Zehntausende Juden ermordeten - eigene Gedenktafeln dafür wurden nun eingeweiht. In der SZ erinnert Willi Winkler an ein berühmtes Transparent, das Studenten der Uni Hamburg am 9. Nobember 1968 hochhielten: "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren".
Stichwörter: Pogromnacht, 9. November 1939

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2025 - Geschichte

Die Deportierten am 25. 10.1941 vor Hamburgs Logenhaus. Foto: United States Holocaust Memorial Museum


Historische Bilder aus Hamburg, von denen lange angenommen wurde, dass sie die Evakuierung von Bombenopfern zeigen, entpuppen sich als Bilder aus dem Kontext des Holocaust und zeigen jüdische Menschen kurz vor der Deportation, berichtet Petra Schellen in der taz, die mit Alina Bothe von #lastseen gesprochen hat - #lastseen recherchiert nach Bildern von Deportationen in Deutschland. Verschiedene Umstände machen klar, dass die Bilder nicht nach Bombenangriffen aufgenommen wurden - unter anderem schlicht die Datierung auf 1941. "Zudem wurden die Fotos am helllichten Tag gemacht und bezeugen einmal mehr, dass die Deportationen vor aller Augen geschahen. 'Allerdings sieht man keine Bystander - anders als auf Fotos aus Eisenach oder Lörrach, wo die Nachbarn auf den Balkons standen und zuschauten', sagt Bothe, 'Aber auch in Hamburg muss es aufgefallen sein, wenn sich 1.300 Menschen zur Sammelstelle begaben und später in einer Kolonne von Polizeiwagen weggefahren wurden.' Es war einer der frühen Transporte ins Getto Litzmannstadt, das anfangs als Produktionslager unter anderem für Wehrmachtsuniformen diente. Später wurden die darin festgehaltenen Menschen ermordet und das Lager in mehreren Wellen aufgelöst."
Stichwörter: Hamburg, Holocaust, Deportation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2025 - Geschichte

Wehrpflicht bedeutete ursprünglich nicht staatlichen Zwang, sondern im Gegenteil demokratische Partizipation, erinnert Gustav Seibt in der SZ: "Die Französische Revolution misstraute nicht zu Unrecht der von Aristokraten geführten, mit Zwang und Willkür eingezogenen Armee der alten Monarchie samt ihrer barbarischen Disziplin. Sie appellierte zu ihrer Rettung gegen feindliche Mächte zunächst an freiwillige Bürger und machte dann den Dienst fürs Vaterland verpflichtend. Dabei wurden Standesschranken abgeschafft und Karrierewege für die Tüchtigsten eröffnet. Einer von ihnen hieß Napoleon Bonaparte."

Und Kurt Kister erinnert im selben Kontext an Zeiten, als es noch viele junge Deutsche gab: "Wehrgerechtigkeit im engeren Sinne gab es in der Bundesrepublik nie. Es waren in jedem Jahrgang zwischen 1956 und 2011 immer zu viele junge Männer wehrdiensttauglich - nachdem man die Verweigerer, die Untauglichen und die aus anderen Gründen nicht Einziehbaren hinausgerechnet hatte. Die Bundeswehr hatte stets weniger Stellen für Wehrdienstleistende zu besetzen, als es potenziell Wehrdienstleistende gab."

Bundeskanzler Friedrich Merz hat neulich in einem FAS-Interview behauptet, früher sei es leichter gewesen zu regieren. Dem widerspricht der Historiker Frank Trentmann in der FR: "Die junge Bundesrepublik war konfliktgeladen, aufmüpfig und gespalten - sowohl die Parteien als auch die Gesellschaft."
Stichwörter: Wehrpflicht