9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2025 - Geschichte

Die KSZE-Schlussakte von 1975, die vor 50 Jahren verabschiedet wurde, gilt für viele immer noch als das Instrument, welches die Sowjetunion unter Druck setzt und es mitunter ermöglichte, dass die Opposition in den einzelnen Satelliten-Staaten erstmals wirksam sein konnte. Diesem Bild von der KSZE-Schlussakte widerspricht der Historiker Wolgang Mueller im NZZ-Interview mit Merkt Baumann. "Dissidentenbewegungen gab es schon zuvor, aber nach 1975 kamen neue dazu. Ihr Aktivitätsrahmen blieb aber sehr eng, und sie wurden vom KGB bald wieder zerschlagen. Man muss sich auch die Dimensionen vor Augen halten: Die Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion war im Vergleich zu derjenigen in Ostmitteleuropa sehr klein. (...) Bis in die achtziger Jahre wurden noch Menschen in den Gulag geschickt, ausgebürgert oder umgebracht. Die mit der Helsinki-Akte anerkannten Freiheiten galten nur auf dem Papier und brachten keine reale Verbesserung für die Menschen. Es waren Lippenbekenntnisse."

Armin Fuhrer (NZZ) erinnert an die bemerkenswerte Bekanntschaft des jüdischen Geschäftsmanns Hugo Rothenberg mit Hermann Göring, der seine Verbindung zum Reichsmarschall genutzt haben soll, um Jüdinnen und Juden aus Deutschland zu retten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2025 - Geschichte

Der Historiker Volker Reinhardt zeichnet in einem Essay in der NZZ  nach, wie die Französische Revolution in der Diktatur unter Napoleon Bonaparte endete, um schließlich vier Schlüsse zu ziehen: "Erstens: Revolutionen brechen am vorhersagbarsten aus, wenn eine wirtschaftlich prosperierende Sekundärelite am Aufstieg zur Gleichberechtigung mit der älteren, regierenden Führungsschicht gehindert wird. Zweitens: Die Ablösung einer alten Ordnung durch eine revolutionäre neue ist immer ein Sprung ins Unbekannte, sie setzt Dynamiken frei, die niemand auf der Rechnung hatte. Drittens: Revolutionen, die den Menschen ein neues Bewusstsein einpflanzen wollen, gehen an sich selbst zugrunde. Viertens: Revolutionen, die die Menschen umerziehen wollen, münden in eine Militärdiktatur - am Ende der französischen Revolutionen stand der Alleinherrscher Napoleon Bonaparte, am Ende der russischen der Despot Stalin."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ schreibt der Psychiater Paul Hoff zum 150. Geburtstag von Carl Gustav Jung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2025 - Geschichte

Morgen wäre Frantz Fanon 100 Jahre alt geworden. In der taz plädiert der Hamburger Kurator Gabriel Schimmeroth für einen differenzierten Blick auf den "Denker der Dekolonisierung". "Wenn man ihn pauschal als Apologeten der Gewalt diffamiert, geht verloren, dass er universalistische Werte zu einem Zeitpunkt verteidigte, an dem er das nicht hätte tun müssen." Hat Fanon den Einfluss des Islam auf die FLN in Algerien, die er unterstützte, unterschätzt? "Fanon war Atheist. Sein Verhältnis zum Islam ist aber interessant. Er hat Französisch gesprochen, die Sprache der Kolonialmacht, kaum Arabisch und galt durch seine Hautfarbe als Außenseiter. Vielleicht hat er unterschätzt, welche identitären religiösen Triebkräfte es in der algerischen Revolution gegeben hat. Fanon passt nicht in die binäre Reduktion, mit der er heute oft in Beschlag genommen wird."
Stichwörter: Fanon, Frantz, Fln, Algerien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2025 - Geschichte

Beim Massaker von Jedwabne ermordeten 1941 polnische Einwohner bis zu 1000 Juden, während deutsche Soldaten zuguckten. Viele Polen leugnen jedoch eine Mitverantwortung, wovon in diesem Jahr große Plakattafeln zeugten, berichtet Stefan Locke in der FAZ, auf denen beispielsweise zu lesen stand: "Beweise und Zeugenaussagen widerlegen die Behauptungen über eine polnische Täterschaft am Mord an den Juden in Jedwabne". Das ist nicht richtig, wie u.a. der polnische Historiker Jan T. Gross dokumentiert hat. "Am Gedenktag selbst marschierte jedoch der polnische Antisemit Grzegorz Braun, der seit 2024 Abgeordneter im Europaparlament ist und bei der Präsidentenwahl mehr als eine Million Stimmen erhalten hatte, mit einem Häuflein Anhänger, die polnische Fahnen und Transparente mit Aufschriften wie 'Lüge' und 'Wir wollen die Wahrheit' trugen, zur Gedenkfeier. Von dort aus ließ er sich zum Interview mit einem polnischen Radiosender verbinden und erklärte, dass in Jedwabne 'ein weiteres Spektakel vorbereitet' werde, nämlich 'ein Akt antipolnischer, jüdischer Propaganda mit einer staatlichen Feier und Polizeischutz', während es viele Polen gebe, die die Wahrheit forderten." Nachdem er noch den Holocaust geleugnet hatte, versuchte er, "Polens Oberrabiner Michael Schudrich zu verhaften. Es war in Anwesenheit auch von Vertretern des Staates und der katholischen Kirche ein unwürdiges Spektakel. Polnische Medien nennen es einen Skandal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2025 - Geschichte

Mausoleum Qin Shihuangdis. Foto: Richard Chambers / Wikipedia unter CC BY-SA 3.0-Lizenz


In der FR erinnert Arno Widmann daran, dass heute vor fünfzig Jahren der Fund der Grabstätte von Qin Shihuangdi, des ersten Kaisers von China, und seiner Terrakotta-Armee offiziell bekannt gegeben wurde. Der damals bereits schwerkranke Mao muss höchst zufrieden gewesen sein, glaubt Widmann: "Qin Shihuangdi (259-210 v.u.Z.), der erste Kaiser Chinas, war von Mao immer wieder gelobt worden. Er war Maos großes Vorbild. Qin Shihuangdi hatte die konfuzianistischen Bücher verbrennen und die konfuzianistischen Gelehrten umbringen lassen. Er hatte unentwegt Kriege geführt, um die Kriege zu beenden, die die sieben streitenden Reiche gegeneinander geführt hatten. Als er endlich die sechs anderen Herrscher besiegt, ermordet oder versklavt hatte, führte er weiter Krieg nicht nur gegen 'barbarische' Nachbarn, sondern auch gegen jeden auch noch so leisen Protest, der sich gegen sein rabiates System zu Worte meldete. Qin Shihuangdi vereinheitlichte nicht nur die Schrift und die Maßsysteme, sondern auch die Verwaltung und die Riten. Er baute weiter an der chinesischen Mauer, errichtete ein Straßensystem und erbaute Bewässerungsanlagen. Er schuf China. Auf Bergen von Leichen."
Stichwörter: Qin Shihuangdi, China

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2025 - Geschichte


Foto links: Bücherei des Schocken Verlags, Berlin: Schocken Verlag, 1933-1939; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März. Foto rechts: Kleid aus dem Modehaus "Kersten & Tuteur", Berlin, ca. 1928, Seide; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

Paul Jandl erzählt in der NZZ die Geschichte des Berliner Kaufhauskönigs Salman Schocken, über dessen Schicksal man sich derzeit auch in der Ausstellung "Inventuren. Salman Schockens Vermächtnis" des Jüdischen Museums Berlin informieren kann. Schocken floh 1933 nach Palästina, sein ungeheuer modernes Kaufhausimperium wurde enteignet. Die vom Autor Joshua Cohen kuratierte Ausstellung ist ein "Gesamtkunstwerk", lobt Jandl, Schockens Unternehmergeist bewundernd. Denn der war nicht nur Kaufmann, sondern auch ein Schönheist, der in New York den Verlag Schocken Books gründete: "Der neu gegründete Verlag wird zum Leitgestirn des geistigen Exils. S-förmig ist die Vitrine des Jüdischen Museums, in der die bunten Bände von Schocken Books liegen. Joshua Cohen extrahiert aus ihnen Passagen, um sie wiederum mit den gezeigten Produkten der Warenhauswelt in Verbindung zu bringen. Ein Gedicht der Schocken-Freundin Else Lasker-Schüler, in dem es um Hände geht, kommt so in Verbindung mit den Velourshandschuhen, und ein Abschnitt aus Hannah Arendts "Vita activa oder Vom tätigen Leben" steht neben dem Seidenkleid."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2025 - Geschichte

Das Chaos im Nahen Osten führt der ehemalige FAZ-Korrespondent Rainer Hermann in der NZZ auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück und erweist sich als eine Art k.u.k.-Romantiker des Osmanentums. Damals zeigten sich die Eliten des Reichs nicht reformwillig und ließen Jungtürken, unter ihnen der spätere Atatürk, und die Europäer an Einfluss gewinnen. "Neben der Endzeit des Osmanischen Reichs haben auch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs entscheidenden Anteil daran, dass der Nahe Osten nicht zur Ruhe kommt. Länger als zwanzig Generationen hatten osmanische Sultane den Nahen Osten regiert. Dann zogen Großbritannien und Frankreich in einen Krieg, um die Beute des Osmanischen Reichs unter sich aufzuteilen. Sie legten 1916 in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen Grenzen nach eigenem Gutdünken fest; London versprach ein und dasselbe Land, das noch zum Osmanischen Reich gehörte, 1915 in der Hussein-McMahon-Korrespondenz den Arabern und 1917 mit der Balfour-Deklaration den Juden."

In der FAZ berichtet Reinhard Veser, dass die russischen Kommunisten, die in der Duma immerhin die zweitgrößte Fraktion stellen, unermüdlich weiter an der Rehabilitation Stalins arbeiten. Nun verabschiedeten sie eine Resolution "mit der die Abrechnung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow mit Stalin auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 für 'falsch und politisch voreingenommen' erklärt wurde." Putin schickte Grüße zum Parteitag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2025 - Geschichte

Kerstin Holm berichtet in der FAZ von der interdisziplinären Konferenz "Memento Stalingrad", die in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz stattgefunden hat. Dort wurde der Einfluss der Schlacht von Stalingrad auf die Geschichte des Sowjetimperiums und dem heutigen Russland nachgezeichnet. "Nach dem Sieg von Stalingrad wurde das Sowjetsystem keineswegs weniger repressiv, wie die in Heidelberg forschende russische Historikerin Liudmila Novikova festgestellt hat. Zwar wurden Überlebenspraktiken wie Schwarzmarkt, Gemüsegärten, Jagd- und Sammelaktivitäten geduldet, zugleich verfolgte die selbstbewusstere Staatsmacht im Norden, wo Lend-Lease-Konvois der Alliierten ankamen, verstärkt Frauen, die mit Soldaten kapitalistischer Länder in Kontakt kamen." Der Literaturwissenschaftler und Leiter der Konferenz Eugen Wenzel, "der den Heldenkult der Kriegsparteien analysiert hat, betonte, dass sowjetische Heroen, die infolge ihres Einsatzes die Gliedmaßen verloren, dafür nicht geehrt, sondern vor der Öffentlichkeit weggesperrt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2025 - Geschichte

Lucas Cranach de Ältere. Kopf eines Bauern.
Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Uffrur" im Kloster Schussenried, Oberschwaben, die große Landesausstellung in Bawü zum Thema Bauernkriege, und lernt, dass die Bauern keineswegs arme und unterdrückte, sondern aufstrebende und selbstbewusste Akteure waren. Der Kurator Marco Veronesi "strebt eine nüchterne Darstellung der Bauern an. Er hält eine Zeichnung von Lucas Cranach dem Jüngeren für eines der wenigen realistischen Bildzeugnisse eines Bauern des sechzehnten Jahrhunderts; Cranach zeichnet einen Bauern mit feinen Gesichtszügen und nachdenklichem Blick - ein Hinweis darauf, dass der Konflikt keinesfalls das Aufbegehren eines verrohten Standes war. Die Ausstellung stellt den Kampf um Würde und traditionelle Rechte in den Vordergrund, die Wahrung althergebrachter bäuerlicher Interessen: Die Lehnsherren wollten Wald, Wasser, Wiesen stärker reglementieren, was für die Bauern bei hoher Abgabenlast gravierende Ertragsminderungen bedeutete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2025 - Geschichte

Klaus Hillenbrand erzählt in der taz die Geschichte des Leo-Baeck-Instituts, das vor siebzig Jahren gegründet wurde - jüngst wurde im Jüdischen Museum Berlin gefeiert. Seine Gründer Hans Tramer, Robert Weltsch und Max Kreutzberger stammten aus der Reihe der deutschen Zionisten, so Hillenbrand. Eigentlich sind es drei Häuser, in New York, Jerusalem und London: "Ursprünglich war vorgesehen, dass das Jerusalemer Institut eine Leitfunktion erhalten sollte. Daraus ist nichts geworden, doch entwickelten die drei Institute ein bemerkenswertes Eigenleben. Größtes Renommee genießt heute zweifellos die New Yorker Einrichtung mit ihrem auf Kreutzbergers Initiative zurückgehenden Archiv, gefüllt mit Tausenden Schenkungen jüdisch-amerikanischer Familien ursprünglich deutscher Herkunft - für Forscher eine Schatzkammer zur deutsch-jüdischen Geschichte. London glänzt durch sein Jahrbuch mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Jerusalem durch Übersetzungen und Veröffentlichungen im Hebräischen."