9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2024 - Geschichte

Zum 150. Geburtstag Winston Churchills zeichnet Werner Vogt in der NZZ die "beispiellose Geschichte eines Mannes" nach "der über sich selbst hinauswuchs, der in der dunkelsten Stunde der Geschichte des 20. Jahrhunderts die Vision, nein, die absolute Überzeugung hatte, dass Hitler zu schlagen sei". Die "Hauptprobe für Churchills Vision, dass Deutschland geschlagen werden könne, folgte schon im Sommer 1940 in der Luftschlacht um England, in der die Royal Air Force die massiv überlegene deutsche Luftwaffe zurückschlug. Churchills Durchhalteparolen, brillant formuliert in seinen Reden im Unterhaus und am Radio, gehören zum Besten, was die Redekunst je hervorgebracht hat. 'Lasst uns darum unsere Pflicht tun', sagte er am 18. Juni 1940 vor dem britischen Unterhaus, 'und lasst sie uns so tun, dass sogar nach tausend Jahren, wenn es dann noch ein britisches Reich und sein Commonwealth gibt, die Menschen sagen werden: 'Das war ihre beste Stunde.' Die von ihm evozierte 'finest hour', die Größe der Aufgabe, Hitler zu besiegen, das war Churchills eigene größte Stunde."

In der FAZ besucht Jannis Koltermann zu diesem Anlass seine Statue am Parliament Square in London, die abgesperrt ist. 2020 protestierte die "Black Lives Matter"-Bewegung gegen die Statue - Churchill sei ein Rassist gewesen, hieß es: "Was aber wirft man ihm vor? Im angrenzenden Museum kann man vor allem noch einmal seinen großen Reden lauschen, in Zitaten stöbern oder das Schoßtablett bewundern, auf dem er sich allmorgendlich sein Frühstück im Bett servieren ließ. Auf einem kleinen Bildschirm wird dann jedoch auch diese Frage gestellt: 'Machten Churchills Ansichten zu Indien ihn zu einem Rassisten?' Die Antwort fällt betont differenziert aus: Einerseits sei sein Glaube an die Überlegenheit der weißen Rasse und den zivilisatorischen Auftrag des Empires damals deutlich normaler gewesen als heute, andererseits war er selbst für seine Zeit ein besonders hartnäckiger Verfechter des Weltreichs und Gegner der politischen Unabhängigkeit Indiens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2024 - Geschichte

In der SZ ehrt Gustav Seibt den französischen Historiker und Widerstandskämpfer Marc Bloch, der achtzig Jahre nach seiner Ermordung durch die Nazis von Emmanuel Macron für "sein Werk, seine Lehre und seinen Mut" ins Pantheon aufgenommen wurde: "Die Ehrung jetzt, 80 Jahre nach Blochs Tod, wirkt gedenkpolitisch zwingend: ein republikanischer, laizistischer Jude, ein selbstloser Held, ein Denker der Wehrhaftigkeit, ein glänzender Autor. (…) Das Pantheon in Paris ist als Ort nationaler Erinnerung weitherzig und überparteilich angelegt. Neben Voltaire und Zola finden sich dort auch die 'Schriftsteller der Restauration' in einer eigenen Figurengruppe, in unmittelbarer Nachbarschaft eines Denkmals für Valmy, den ersten Sieg der Revolution. Umso bedeutsamer jetzt die Bedingung der Familie von Marc Bloch: Bei der Zeremonie der Aufnahme darf kein Vertreter der französischen Rechten anwesend sein. Auch die Mitwirkung von Geistlichen ist unerwünscht. Republikanismus in reiner Form, das ist es, wofür Bloch auch künftig stehen soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2024 - Geschichte

Die Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind erinnern auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite in der FAZ an den 25. November 1941, an dem erste jüdische Deutsche, die kurz zuvor nach Litauen deportiert worden waren, durch Erschießung ermordet wurden. Es war eine der ersten Episoden des Holocaust. Unter den Erschossenen waren tausend Juden aus München. Bei den Erschießungen halfen auch litauische Partisanen. Die Autorinnen schildern einen der finstersten Gewaltkontexte im 20.Jahrhundert: "Als die Sowjetunion im Juni 1940 Litauen besetzte, empfand die Mehrheitsgesellschaft dies als Verrat, für den auch die Juden verantwortlich gemacht wurden. Die Litauische Aktivistenfront (LAF), die im November 1940 in Berlin von Exillitauern begründet worden war, plante, die Unabhängigkeit Litauens mithilfe der Deutschen wiederherzustellen und das Land von Juden, die als Bolschewisten galten, zu 'säubern': Wie auch in vielen anderen Ländern war 'der linke Jude' in Litauen das Feindbild Nummer eins. Für die jüdische Bevölkerung selbst waren die Sowjets im Vergleich zu den Deutschen, die keinen Hehl aus ihrem antisemitischen Wahn machten, durchaus das geringere Übel."

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Jürgen Kaube verweist im Feuilletonaufmacher der FAZ auf den Band "Bücher und ihre Wege - Bibliomigration zwischen Deutschland und Polen seit 1939", der die Geschichte der verlorenen Bücher der Staatsbibliothek Berlin auch im Kontext der Plünderungen der Nazis in Polen und anderswo erzählt. Viele Bücher der Stabi lagern heute in Polen. In Berlin erhebe die Staatsbibliothek "ausweislich ihres Netzauftritts, 'auf alle Materialien, die mit ihren historischen Stempeln versehen sind, Eigentumsanspruch.' Den für Forscher wichtigen Hinweis darauf, wo sich die verlorenen Bände heute befinden, empfände man wohl als eine Art Aufgabe dieses Anspruches. Diese Bücher seien, formulierte ein deutscher Diplomat einst nicht sehr geschmackssicher, 'die letzten deutschen Kriegsgefangenen'. Will sagen: Sie haben einen Anspruch darauf, nach Hause zurückzukehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2024 - Geschichte

Um die Frage zu beantworten, ob Donald Trump ein Faschist ist, vergleicht der Historiker Norbert Frei in der SZ Trumps Propagandamaschinerie vor allem mit jener Adolf Hitlers, für dessen Reden das gleiche galt wie für Trumps: "Das einzig Konsistente… war ihre Inkonsistenz. (…) Als ein zentrales Element der 'wirklichen Sache' gilt - neben der Bereitschaft zur Gewalt - immer schon das besondere Gewicht, das die Faschisten der Propaganda beimaßen. Das war bei Mussolini nicht anders als bei Hitler. Doch was Propaganda heutzutage ist und was sie vermag, das haben Donald Trump und seine Hilfstruppen aus dem Lager der Tech-Milliardäre nun zum dritten Mal gezeigt. Über diesen jüngsten Wahlkampf wird man freilich sagen müssen, dass er die Möglichkeiten der propagandistischen Verleugnung und Verdrehung von Tatsachen auf eine neue Stufe gehoben hat. Trump hat die Differenz zwischen Wahrheit und Lüge eingeebnet, und zwar in einer Perfektion, die man in den Demokratien des Westens noch nicht kannte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2024 - Geschichte

Christian Thomas liest für die FR immer weiter in seiner äußerst verdienstvollen "ukrainischen Bibliothek". Diesmal erinnert er an den Historiker Michael Hruschewskyj, der vor hundert Jahren schrieb - und zwar ausgerechnet für den sozialdemokratischen Vorwärts-Verlag. 1915 veröffentlichte er "Die ukrainische Frage in historischer Entwicklung". Dort lernt man unter anderem, dass die Ukraine sehr früh an einer Westorientierung festhielt, während Russland sich "devot unter das 'Mongolenjoch'" beugte. Und Folgendes: "Katharina II. ist die Herrschergestalt, die die 'Abschaffung' der Ukraine besiegelte. Die Saporoger-Sitsch, die administrative und militärische, nicht zuletzt die mythische Basis der Kosaken, wurde nicht nur per Dekret abgeschafft, sondern militärisch vernichtet. Zudem war es die Zarin, die über die ukrainische Bauernschaft die entsetzliche Leibeigenschaft verhängte. Unter den 'niederschmetternden Bedingungen' russischer Despotie kam die Ukraine im 20. Jahrhundert an als verspätete Nation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2024 - Geschichte

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Anlässlich Ridley Scotts neuen "Gladiator"- Films beleuchtet die Historikerin Mary Beard in der SZ das Phänomen der antiken Gladiatorenkämpfe und die Regierungsarbeit der römischen Kaiser. Vieles war nicht so, wie wir es uns vorstellen, meint sie. Zwar gab es die dekadenten Gelage und die politischen Intrigen - aber Kaiser mussten ja auch regieren: "Wenn die Abfolge der Kaiser wirklich nur ein Psychopath nach dem nächsten gewesen wäre, wäre es schwer zu erklären, wie das Römische Reich aufrechterhalten werden konnte. Gewiss haben andere im Apparat viel von der Arbeit übernommen. Aber man kann nicht alles delegieren. Da wuchs ein großer Hof heran mit viel Schreib- und Verwaltungsarbeit und täglichen Entscheidungen. Unzählige Petitionen erreichten den Caesar aus dem ganzen Reich - viele davon konnten seine Beamten mit Standardantworten zurückschicken, aber nicht alles konnte auf unteren Ebenen geklärt werden. Was immer die Kaiser abends bei ihren Gastmählern trieben, es sieht sehr danach aus, dass sie auch früh aufstanden, viele Papiere durchgehen und Beratungen abhalten mussten. Das gilt selbst dann, wenn die Herrschaft über alle Provinzen von Rom aus, wie wir wissen, keineswegs sehr detailliert ausgeübt wurde." Über den Alltag der römischen Kaiser hat Beard auch ein neues Buch geschrieben.
Stichwörter: Römisches Reich, Beard, Mary

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2024 - Geschichte

Wenn man Franzosen eine Kultur des Kompromisses empfiehlt, gucken sie etwa so verständnislos, wie wenn man ihnen rät, Gemüse eine halbe Stunde lang in Wasser zu kochen. Deutschland aber hat eine Kultur des Kompromisses, auf deren Spur sich der Historiker Wolfram Pyta in der FAZ begibt: "Kompromisshafte Entscheidungsverfahren entwickelten sich in den deutschen Staaten ab 1848 und fanden im ersten deutschen Nationalstaat, dem 1871 gegründeten Deutschen Reich, günstige Entfaltungsbedingungen vor. Dies bedeutet auch: Der Kompromiss ist kein alleiniges Kind der Demokratie; seine Wurzeln liegen im Konstitutionalismus des Kaiserreichs - und zwar deswegen, weil das Kaiserreich ein komplexes Verhandlungssystem war, das Mitbestimmungsrechte der Einzelstaaten und der Bundesfürsten ebenso institutionell absicherte wie Mitwirkungsrechte des Nationalparlaments, des Reichstags."
Stichwörter: Pyta, Wolfram, Kompromisse

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2024 - Geschichte

Jochen Staadt, ehemals Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, zieht in der FAZ Bilanz der Opfer des Eisernen Vorhangs in ganz Europa - 35 Jahre nach dem Mauerfall. Wie zentral den Regimes die gewaltsame Einpferchung der eigenen Bevölkerung war, zeigt sich an einem fast paradoxen Befund: "Der Eiserne Vorhang war für seine Bewacher noch gefährlicher als für Flüchtlinge. An der Grenze zu Bayern und Österreich kamen nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe um den Zeithistoriker Stefan Karner vom Grazer Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung 648 tschechoslowakische Grenzsoldaten um. Die Todesursachen waren Stromschläge, Verletzungen durch Minen und Schusswaffen sowie Suizid. Im gleichen Zeitabschnitt wurde diese Grenze für rund 390 Zivilisten zum tödlichen Verhängnis. Auch für die innerdeutschen Grenzen gilt, dass dort mehr DDR-Grenzbewacher (228) als Flüchtlinge (133) ums Leben kamen."
Stichwörter: Eiserner Vorhang, Mauerfall, SED

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2024 - Geschichte

Mirjam Wenzel, Chefin des Jüdischen Museums in Frankfurt, erzählt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ die parallelen Geschichten der jüdischen Gemeinden in West- und Ostdeutschland. Schmerzvoll war nach dem Krieg der Kampf westdeutsche Juden um Entschädigung und Restitution. In der DDR dagegen hätten zu Beginn zwar die Sowjets Restitution versprochen. Aber "nach Widerstand aus der SED wurden jedwede individuellen Restitutionsansprüche gestrichen. Wiedergutmachung bedeutete nach 1949 ausschließlich das Recht auf soziale Fürsorge. Allein die jüdischen Gemeinden erhielten während der Fünfzigerjahre pauschalisierte Entschädigungszahlungen sowie die Liegenschaften übertragen, welche ihren Vorgängern gehört hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2024 - Geschichte

Welt-Autor Thomas Schmid kommt in einem längeren Essay auf den Historiker und freien Autor Joseph Wulf zurück, einen Pionier der Holocaustforschung, der sich vor fünfzig Jahren aus dem Fenster seiner Wohnung in der Berliner Giesebrechtstraße stürzte. In 18 Büchern hat er die Nazifizierung der deutschen Gesellschaft in allen Bereichen akribisch dokumentiert - peinlich für viele, die damals längst wieder zu Honoratioren geworden waren. Er war es, der zuerst das Projekt entwickelte, "aus der Villa am Großen Wannsee, in der im Januar 1942 die Konferenz zur Koordinierung des Holocaust stattgefunden hatte, ein internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus zu machen". Die Berliner SPD wehrte sich mit provinzieller Sturheit. Dann kam der Siebentragekrieg, und es wandte sich nicht nur die bürgerliche Seite, sondern auch die Linke gegen Israel: "Jetzt störte ein Projekt, in dessen Zentrum auch die deutschen Verbrechen an den Juden standen. Seinem Freund, dem Theologen Helmut Gollwitzer, der später eine führende Figur der Friedensbewegung wurde, warf Wulf im Januar 1974 vor, er spreche zwar mit Elan über das Leid der Palästinenser, sage 'aber kaum etwas Wesentliches über Nationalsozialismus, Israel und Juden'. Er fügte hinzu: 'Jetzt müssen wir mit Erstaunen und Verzweiflung feststellen, dass via Antiisraelismus auch die Linke zum Antisemitismus kommt.'" Wie deutsche Historiker nach dem Krieg die oft nicht an Universitäten abgesicherten jüdischen Holocaustforscher wie Wulf oder auch Raul Hilberg drangsalierten, hat Götz Aly vor einigen Jahren auch im Perlentaucher erzählt.