9punkt - Die Debattenrundschau

Immens viel Gedrucktes

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2014. Die Piratenpolitikerin Julia Reda erzählt in ihrem Blog, wie sie Peter Sunde von der Pirate Bay im Gefängnis besuchte. In der taz spricht Frank Bösch über den überwachten Menschen. Schlimm, dieses Internet, stöhnt Thomas De Maizière in der FAZ - selbst in seinen Gesetzfindungsprozess mischt es sich ein. Juden haben in Europa keine Zukunft mehr, meint Henryk M. Broder in der Welt. In der FR würdigt Wilhelm von Sternburg den Autor Wolfgang Leonhard. Überall auch Nachrufe auf Peter Scholl-Latour.

Internet


(Peter Sunde, das Foto wurde unter CC-Lizenz von Share Conference bei Flickr veröffentlicht.)

(Via Boingboing) Die Piraten-Europaabgeordnete Julia Reda erzählt in ihrem Blog, wie sie Peter Sunde von der Pirate Bay in Schweden im Gefängnis besuchte. Leicht war es nicht - erst nach einer Beschwerde Sundes und dem Hinweis auf ihren Abgeordnetenstatus konnte sie ihn besuchen. ""Gefängnis ist ein bisschen wie Copyright", sagt Peter. In beiden Gebieten fehlt Transparenz, und die Leute an der Macht profitieren davon, dass die Leute dem Thema normalerweise nicht viel Aufmerksamkeit widmen. Nur wenige fühlen sich davon wirklich betroffen... Darum ist es schwierig, die traditionelle Politik dazu zu bringen, wenigstens die krassesten Ungerechtigkeiten zu bekämpfen."

Schlimm, dieses Internet, selbst in den Gesetzfindungsprozess der uns Regierenden mischt es sich ein, stöhnt Thomas de Maizière in einem ganzseitigen FAZ-Artikel zur kommenden "Digitalen Agenda" der Regierung: "So hat es nur Stunden gedauert, bis der erste Entwurf der Digitalen Agenda "geleakt" wurde. Nur wenig später folgten die ersten Verrisse der Technooptimisten sowie der naiven Technoagnostiker. Sodann wurden zwischenzeitlich durchgeführte Veränderungen und Konkretisierungen des Entwurfs als Einflussnahme der Hauptstadtlobbyisten hochstilisiert und verdammt."

Recht interessant schreibt Caroline O"Donovan im Nieman Journalism Web, was freies Internet, Netzneutralität und die Ereignisse in Ferguson miteinander zu tun haben. Gibt es keine Netzneutralität, können Nachrichten gefiltert werden - und das geschah in Ferguson auf recht handfeste Weise: "Die Bedeutung der mobilen Geräte und des Netzzugangs wird von der Festnahme zweier Journalisten unterstrichen, die ihre Telefone bei McDonald"s aufluden und das schnelle Internet der Fastfoodkette benutzten, das somit einen unfreiwillig demokratisierenden Effekt hatte - wenn eine Nachricht sich herumspricht hat das freie Internet das Potenzial, Leute an ungewöhnlichen Orten zusammenzubringen."
Archiv: Internet

Europa

Der Historiker Marc Knobel untersucht in der französischen Huffington Post die Ursachen des Antisemitismus unter französischen Jugendlichen in den Banlieues. "Der Nahostkonflikt wird von den Muslimen tief verinnerlicht. Sie identifizieren sich mit den "Unterdrückten", also mit den Palästinensern, deren Situation sie von ferne an die Diskriminerungen erinnern, deren Opfer sie sind oder als deren Opfer sie sich fühlen. Sie reagieren also sofort, wenn von diesem Konflikt die Rede ist, sehr viel mehr als bei anderen Konflikten."

"In Europa haben Juden keine Zukunft mehr", meint Henryk M. Broder in der Welt. Natürlich könnten sie hier trotz aller Angriffe einigermaßen friedlich leben, aber "wollen die Juden das? Wollen sie ihre Kinder in Schulen schicken, die bewacht werden müssen? Wollen sie in Synagogen beten, die zu Festungen ausgebaut wurden? (...) Junge Juden verlassen schon heute in Scharen die Alte Welt und gehen entweder in die USA oder - nach Israel. Alles, was sie brauchen, um eine neue Existenz zu gründen, passt in einen Laptop."
Archiv: Europa

Medien

In den siebziger Jahren war Arno Widmann noch gefesselt, wenn Peter Scholl-Latour von der Welt erzählte, aber dann hat er bald nicht mehr zugehört, schreibt er in einem sehr ehrlichen Nachruf in der FR: "So sehr ich Scholl-Latour bewundere dafür, dass er sich unentwegt in Bewegung setzte und alle kennenlernte, die er kennenlernen wollte, dass er sich fortwährend klar werden wollte über die unterschiedlichsten Situationen und ihren Zusammenhang mit viel früheren Ereignissen, so fatal verkehrt und rassistisch empfinde ich es, wenn er zum Beispiel von Afrika als einer "prähistorischen Unterwelt" spricht, von "urzeitlichen Stammesfehden" und "ungezügelten Raubinstinkten"."

In der FAZ schreibt Ulrich Wickert deutlich feierlicher.
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Archiv: Medien

Geschichte

Der überwachte Mensch ist für die Geschichtswissenschaft eine vertraute Figur, sagt der Historiker Frank Bösch im taz-Interview, sie stellt ihn aber auch vor enorme Schwierigkeiten: "Einerseits gibt es zu viele Daten - und das ist eine Entwicklung, die sich seit dem Aufkommen des Kopierers abzeichnet. Die Dokumentenflut nimmt wahnsinnig zu, weil alles Mögliche und auch sehr viel Unwichtiges vervielfältigt wird. Ein Selbstdarstellungsdrang, der immens viel Gedrucktes produziert. In welcher Form das alles bewahrt werden soll, ist noch offen und wird in den Archiven auch verhandelt. Für Historiker heißt das methodisch, dass sie sich, wie die Geheimdienste auch, im Umgang mit Big Data schulen müssen. Das erfordert andere Fragestellungen, nicht mehr alles Überlieferte zu lesen, Arbeiten mit Stichworten und digitalen Suchstrategien, um Begriffe und Themen rauszusieben."

In der FR würdigt Wilhelm von Sternburg den Schriftsteller und Zeitzeugen Wolfgang Leonhard als integren Sozialisten: "Er nahm rechtzeitig die "Scherben von den Augen" (Manés Sperber), als er die Wirklichkeit des stalinistischen Terrors nicht mehr verdrängen konnte und wollte." In der taz schreibt Klaus Hillenbrand.
Archiv: Geschichte

Ideen

Thomas Steinfeld widmet sich in der SZ Vampiren und Zombies als Metaphern des Krisenkapitalismus: "Wo der Vampir nur den Zins des Lebendigen abschöpft - gleichsam den Mehrwert des Blutes -, sein Opfer aber zwecks zukünftiger Ausbeutung noch zumindest eine Weile leben lässt (und beim Saugen womöglich noch Lust empfindet), agiert der Zombie ohne Rücksicht auf die Ressourcen. Er agiert massenhaft und maßlos. Der Zombie will nicht den Mehrwert, er will das Ganze."

In der FAZ erkennt Meinhard Miegel in der Liebe des Menschen zum Kapitalismus eine unerwiderte.
Archiv: Ideen

Weiteres

Der in London lebende Publizist Mufid Abdulla wirft kurdischen Politikern in der taz vor, die Bedrohung durch den IS zu lange ignoriert zu haben: "Niemals werden die jesidischen Kurden der KDP diesen historischen Fehler verzeihen." In der Berliner Zeitung berichten Kerstin Krupp und Peter Riesbeck vom Stand der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA, bei denen die Kultur zwar offiziell ausgeklammert bleibt, aber nicht die Erwachsenenbildung.
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