Vom Nachttisch geräumt

Entfremdung mal anders

Von Arno Widmann
08.12.2017. Grimmelshausen schubste die gehobene Sprache auf die Straße, aber die Ur- fassung muss man heute wieder lesen lernen. Dirk Niefanger hilft!
Ein ganz anderes Buch, das kaum zu lesen ist: "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch und Continuatio" von Grimmelshausen. Die Ausgabe folgt dem Druck von 1669, "der als erste vollständige Gemeinschaftsausgabe von Simplicissimus und Continuatio gelten kann". Herausgeber ist Dirk Niefanger, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Erlangen. Ohne seine Anmerkungen könnte man diesen treuen Nachdruck der alten Ausgabe nicht lesen. Und ohne sein Nachwort würde man deutlich weniger verstehen. "Lesen" sage ich. Nicht schmökern. Allerdings wird, wer bis Seite 452 vorgedrungen ist, nicht mehr in den Anmerkungen nachschlagen müssen, was der Erzähler meint, wenn er schreibt, er sei unterwegs "ausgeschälet" worden. Über dem "a" stehen in Niefangers Ausgabe nicht zwei Punkte, sondern es steht dort ganz korrekt ein kleines "e". Der inzwischen eingelesene Leser freut sich an dem drastischen Bild für "ausgeraubt" und liest weiter.

Ein paar Sätze später wird jemandem "sein Geld entfremdet". Was wiederum geraubt heißt. Auch das ist dem Leser sofort klar. Dennoch hält er sich an dieser Stelle lange auf. Er schlägt nach und erst, nachdem er eine Reihe Lexika konsultierte, lacht er. Bis dahin dachte er, Grimmelshausen habe den Begriff ganz naiv genutzt. Da der wohl erst später, auf dem Weg zu Hegel, jene uns heute geläufigen Höhen der Vergeistigung erreicht habe. Mitnichten. Schon bei Paulus ist der Begriff ganz oben angesiedelt. Grimmelshausen hat ihn auf die Straße geholt. Die war schließlich sein Revier. Dort kannte er sich aus, und dort verteilte er großzügig das von seinen Beutezügen in Bildungseinrichtungen und Gelehrtenstuben mitgebrachte Diebesgut.

Seine Bücher sind so etwas wie Verteilerdosen, nein Umspannwerke, in denen die unterschiedlichsten Spannungsebenen zusammenkommen und die Erzählungsströme an unterschiedliche Endverbraucher weitergegeben werden. Sogar bis in eine weit entfernte Zukunft hinein, unsere Gegenwart nämlich. Manches ist auf diesem Weg aber doch verloren gegangen. Da kann dann auch Dirk Niefanger nicht mehr helfen. Kurz vor den zitierten Stellen erklärt der Erzähler, dass ihm "das Hertz hätte brechen mögen", als er sieht, dass ihm und dem Kind seiner Schwägerin, als er ihm einen Kuss gibt, gleichzeitig die Nasen zu bluten beginnen. "Hier: Zeichen für Verwandtschaft" lautet die Erläuterung. Das ist wenig. Jedenfalls nicht mehr, als der nahezu untrainierte Leser auch schon ahnte. Es wirkt doch sehr wie ein Höhepunkt. Aber wir verstehen ihn nicht mehr. Grimmelshausen-Lesen will wieder gelernt sein. Ohne Niefanger wären wir nicht einmal so weit gekommen. Danke sehr!

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch und Continuatio, herausgegeben von Dirk Niefanger, Reclam, Stuttgart 2017, 978 Seiten, Leinen, 10 sw Abbildungen, 55 Euro (bestellen)