Vom Nachttisch geräumt

Die neuen Wirklichkeiten der Fotografie

Von Arno Widmann
08.12.2017. Eigentümlich national, aber dann auch mit vielen Unbekannten: Die 3-bändige große Geschichte der Fotografie.
Für Freunde der Fotografie gibt es ein ganz hervorragendes Weihnachtsgeschenk. Vorausgesetzt, der Schenkende verfügt über einen Batzen Geld. Bei SchirmerMosel ist das 2015 begonnene Projekt einer dreibändigen Geschichte der Fotografie im Oktober zu Ende gebracht worden. Da erschien als letzter der Band I, "Die Anfänge 1840-1920". Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Es zeigt auf insgesamt 1260 Seiten mehr als 1560 Fotos in Farbe und Duotone. Der erste Band hat acht Kapitel, denen ein Vorwort und eine Einleitung "'Hintergrundmaterial': Fotografie des 19. Jahrhunderts im MoMa" vorangestellt sind.

Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Text zum Thema. Die Themen sind eigentümlich national ausgerichtet. Auf die frühe britische Fotografie folgen die französische und die amerikanische. Danach vom "Piktoralismus zur Moderne" und dazwischen noch die Kapitel "Fotografie im Zeitalter der kolonialen Expansion und die "angewandte Fotografie Europas". Es ist also eher eine großzügige Ausbreitung der vom Museum of Modern Art gesammelten Bestände als wirklich der Versuch, die Geschichte dieses neuen Mediums zu schreiben und zu dokumentieren, das im Jahrhundert des Imperialismus - auch einer Form der Globalisierung - entstand und sich in Windeseile auf dem ganzen Globus verbreitete. Es ist ein wenig so, als würde man eine Weltliteraturgeschichte als Addition nationaler Literaturgeschichten schreiben. "Aber so macht man es doch!", rufen Sie aus. Ja, leider.


Unbekannter Photograph: L.S. Chandler, Suffagrette, ca. 1910. © Museum of Modern Art, New York / courtesey Schirmer/Mosel

Aber statt zu bemängeln, was das Buch - ich betrachte jetzt weiter nur den Band über die Anfänge - nicht bringt, sehen wir auf das, was darin ist. Die großartigen, Gemälde imitierenden Porträts der Julia Margaret Cameron (1815-1879), Nadar natürlich und Eadweard J. Muybridge (1830-1904), Stieglitz und Steichen, Lewis W. Hine usw. usw. Nein, so geht es nicht. Es sind ja nicht allein alle Namen, die man aus diesen Weltgegenden kennt - die Ateliers von z.B. Kairo, Bombay, Shanghai und Tokio kommen nicht vor - in dem Band vertreten, sondern auch viele Unbekannte. Wer den Band durchblättert, der sieht, wie schnell sich die neue Technik löst vom Gemälde, von der Zeichnung, und wie häufig die Fotografen immer wieder hinüberblicken auf die alten Künste. Die Fotografie, das wird in diesem Band eindrucksvoll belegt, bildete ja nicht nur in bis dahin kaum gekannter Präzision ab, was man sah, sie zeigte auch Dinge, die man bisher nicht hatte sehen können:  Die Röntgenfotografie drang unter die Haut in den Körper. Für das Auge wegen ihrer Geschwindigkeit nicht zu analysierende Bewegungsabläufe wurden erstmals sichtbar gemacht.

Ein Foto vom 29. April 1895, aufgenommen von einem Fotografen der Pariser Polizeipräfektur, zeigt die ermordete Madame Simon auf dem Boden liegend. Gab es früher Zeichner, die solche Bilder vom Tatort lieferten? Die Fotografie erst hat den Tatort sichtbar gemacht. Man sah ihn schon vorher. Aber die Fotografie bewahrt ihn auf. Man kann heute mehr als 120 Jahre später noch sehen, dass die Ermordete verschoben wurde. Es ist kein Stand denkbar, aus dem sie so unter den runden Tisch hätte fallen können wie sie jetzt daliegt. Die Fotografie hat neue Wirklichkeiten erobert. Sie hilft uns genauer hinzusehen. Die Großaufnahme ist auch ein solcher neuer Blick. Die Porträts des polnischen Fotografen Stanislaw Ignacy Witkiewicz (1885-1939) aus dem Jahre 1912 rücken so nahe an die Dargestellten heran, wie kein - europäischer - Maler es getan hatte. Es gibt die Schnappschüsse, ein Festhalten des Augenblicks, von dem die Maler nur geträumt hatten. Alles natürlich auch eine Frage der Entwicklung der Technik der Fotografie. Darüber belehren die Texte zu den einzelnen Kapiteln mal mehr, mal weniger intensiv.

Wenn Sie es mit der Freundin, mit dem Freund, dem sie die drei Bände schenken, besonders gut meinen, legen Sie ihr oder ihm doch Michael Frieds Buch hinzu. Es ist eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre über Fotografie. Der 1939 geborene Kunsthistoriker Fried - er lehrt an der Johns Hopkins University in Baltimore - ist einer der renommiertesten und umstrittensten Kunsttheoretiker unserer Zeit. In dem Buch, das Sie der Freundin oder dem Freund schenken sollten, beschäftigt er sich mit der neueren Kunstfotografie von Luc Delahaye, Thomas Demand, Andreas Gursky,  Cindy Sherman, Thomas Struth, Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall.

Die große Geschichte der Fotografie in drei Bänden in einer Leinenkassette, SchirmerMosel, München 2017, 1260 Seiten, 1560 Tafeln in Farbe und Duotone, 228 Euro (bestellen). Die Bände kann man auch einzeln kaufen.

Michael Fried: Warum Fotografie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor, SchirmerMosel 2014, aus dem Englischen übersetzt von Ursula Wulfekamp und Matthias Wolf, 435 Seiten, 278 teils farbige Abbildungen, 58 Euro (bestellen)