Post aus der Walachei

Fische, Störche und Securitate

Eine Reise durch das rumänische Donaudelta. Von Hilke Gerdes
18.09.2006. Bratpfannenwelse und Schwarzstörche, englische Matrosenfriedhöfe und 1,3 Millionen Securitate-Akten: Report aus dem rumänischen Donaudelta.
Der Wels

Bis zu drei Meter soll der Süßwasserfisch lang werden. Sein Kopf mit dem breiten Maul sieht einem Hai ähnlich oder etwas entfernter einem kleinen Landraubtier wie dem Marder oder Iltis. Die Welt des Welses ist mannigfaltig, das weiß der Nichtangler spätestens, wenn er die exzellente deutschsprachige Website www.welse.net konsultiert. Er kann wieder einmal über die Natur und Menschheit staunen, die so etwas wie Antennen- oder Bratpfannenwelse und ihre leidenschaftlichen Kenner hervorbringt.
Letztens hat jemand einen zweieinhalb Meter langen Wels aus der Thülsfelder Talsperre geangelt, die auflagenstarke Regionalzeitung bringt die Meldung mit Bild. Um welche Art es sich dabei handelte, wurde nicht präzisiert.

Zwei schwarze Welse liegen vor unseren Füßen. Es sind keine mehrere Meter langen Exemplare, aber das macht nichts, sie sind mit ihren merkwürdigen Mäulern auch knapp einen Meter kurz noch beeindruckend genug. Welcher Art sie angehören, kann selbst nach dem Studium von welse.net nicht beantwortet werden.
Gefangen hat sie das Bukarester Vater-Sohn-Gespann, das heute morgen extra um drei aufgestanden ist, um auf die Jagd zu gehen nach diesem in Anglerkreisen begehrten Tier. "Somn" heißt es auf Rumänisch, genauso sagt man hier zum Schlaf. Was hat der Wels mit dem Schlaf zu tun? Oder sagt man so, weil er ein Schlafwandler, ein somnambules Wesen ist? Die Bukarester wissen auch keine Antwort darauf. Und die Welse-Website befasst sich nicht mit ausländischen Etymologien.

Andere Fische


Gegrillt, gekocht, als Bällchen, Gulasch, Auflauf, Suppe. Wer eine Woche im Donaudelta verbringt und dort unterkommt, wo die Ehefrau, Mutter oder Schwester des Fischers die Gerichte zubereitet, der wird alle möglichen Formen der Fischzubereitung kennen lernen. Fisch ist hier Hauptnahrungsmittel. Über hundert Arten gibt es. Auch wenn die Fänge nicht mehr so gut sein sollen wie früher, noch immer ist das Donaudelta mit seinen fast 5000 Quadratkilometern ein Paradies für Fische und ihre Jäger. Ein Kilo verkaufen die Fischer an Zwischenhändler je nach Art für umgerechnet 1,50 bis knapp 3 Euro. 20 Kilo fange er im Durchschnitt täglich, sagt der ansonsten wortkarge Mensch, der uns auf seinem kleinen Boot nach Sulina fährt, dem östlichsten Ort am Donauübergang ins Schwarze Meer, der nur mit Schiff oder Boot zu erreichen ist.

Friedliches Nebeneinander

Wer den Dokumentarfilm über Sulina, "Asta e" (So ist es, 2001), von Thomas Ciulei kennt, erwartet nicht viel von diesem Ort. Schiffswracks und Fabrikruinen beherrschen im Film die Szenerie. Sie sind auch heute noch zu sehen. Das ehemalige Zentrum fischverarbeitender Industrie bemüht sich jedoch, wieder auf die Beine zu kommen. Es gibt frisch renovierte Fassaden, einige Straßen sind neu gepflastert und ein kleiner Strand mit neuem Restaurant lädt zum Baden ein. Man hofft auf den Tourismus an diesem Ende der Welt, keine 30 Kilometer von der Ukraine entfernt.

Im kleinen Museum mit dem alten Leuchturm werden wir herzlich empfangen und darüber aufgeklärt, dass im 19. Jahrhundert eine europäische Donau-Schifffahrtsverwaltung hier ihren Sitz hatte und der Handel blühte. Die Museumsmitarbeiterin trägt ein Kopftuch, dass ihre langen blonden Haare verdeckt. Das Blond verrät die Nähe zur Ukraine.

Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte das Donaudelta zu Russland, später kam es unter türkische Herrschaft, 1878 dann zu Rumänien. Noch heute leben Lipowaner hier, die einstmals aus Glaubensgründen aus Russland geflohen waren. Der Friedhof von Sulina läßt etwas von dem ethnischen Mix erahnen, der hier bestand. Der jüdische Friedhof liegt direkt neben dem türkischen, der neben dem rumänisch-orthodoxen liegt, dem gegenüber befindet sich der russisch-orthodoxe und hinter dem kleinen Geräteschuppen liegen die Gräber von jungen englischen Matrosen.
Ein Friedhofsangestellter fragt, ob wir das Grab des Piraten gesehen hätten. Ungläubig verneinen wir. Er führt uns zu einer Grabplatte, auf der deutlich ein Totenkopf und weniger deutlich ein russischer Name in lateinischer Schrift zu erkennen ist. Unser Sohn ist begeistert. Wir rätseln, was für eine Lebensgeschichte hier verborgen ist.

Killerfrösche

Der Donauarm nach Sulina wurde im 19. Jahrhundert begradigt; nur hier können die Hochsee-Schiffe fahren. Kommt mal wieder eins vorbei, muss sich die Bäuerin in Acht nehmen, die regelmäßig zur nahen Insel fährt, auf der nichts ist als ein EU-finanziertes, unregelmäßig geöffnetes Deltamuseum und Grasflächen. Dann bringen die Wellen ihr Ruderboot mit dem hoch aufgetürmten frischen Heu, das kaum noch Platz für seine Besitzerin läßt, doch gefährlich ins Schlingern.
Gegenüber der Insel liegt Crisan; wie Perlen an einer Kette reihen sich die Häuser am Donauufer entlang, sieben Kilometer. Hinter den Häusern liegen Gärten und dann kommt schon der Sumpf. Hier ist man Fischer, Polizist, Bäcker oder Bürgermeister, wesentlich mehr Berufe gibt es nicht. Reparaturen macht jeder selbst, oder der Freund oder der Freund vom Freund. Dafür braucht man keine teuren Spezialisten. Am "Magazin mixt? gegenüber des Anlegers hängt noch der Din A4-Zettel mit Verhaltenshinweisen zur Vogelgrippe. Von ihr spricht schon längst keiner mehr. Dass auch Crisan kurze Zeit unter Quarantäne stand, ist schon fast vergessen. Der Gemischtwarenladen hat draußen vier Plastiktische und genug Stühle stehen. Von hier aus lässt sich beobachten, wer was kauft, wer ankommt oder wegfährt und wie die Sonne gleißend in der Donau versinkt. Kein Auto, kein Motorrad oder Mofa lärmt. Keine laute Musik stört. Paradiesisch.

Wohlfühlen können sich hier auch alle möglichen Arten von Fröschen. Ihr nächtliches Konzert ist berauschend. Es scheint eine Armada von Tausenden zu sein, deren Gequake vom anderen Ufer aus durch die pechschwarze Nacht schallt. Visionen hollywoodartiger Horrorfilme stellen sich ein: die Unsichtbaren springen über die Donau auf die bewohnte Seite und vernichten alle 600 Einwohner mit froschigem Schleim. Doch nichts bewegt sich, nur das Gequake bleibt - für Stunden.

Ornithologen

Weißstörche sieht man auch in Estland oder selbst im Brandenburgischen. Sie sind nicht das Pfund, mit dem das Donaudelta wuchern kann. Es muss schon mehr sein. Der Mehrwert ist hier der Pelikan. Pelle, wie er bei "Petzi", den Kinder-Bildgeschichten von Carla und Vilhelm Hansen heißt, der gute Pelle, der Sägen, Hammer, Nägel und anderes Notwendige und Wichtige aus seinem Schnabel zaubert. Wir fühlen uns den Pelikanen durch die Lektüre sämtlicher 36 Petzi-Bände seltsam verbunden. Sie fühlen sich von uns nur gestört, wie es scheint. Bis auf etwa 30 Meter schaffen wir es an diese gemächlichen Tiere heranzukommen, bevor sie sich mit langsamen Flügelschwingen in die Luft erheben. Immer wieder begegnen wir einzelnen Paaren und auf einem See einer ganzen Kolonie. Hunderte brüten hier.

Der Pelikan ist das exotischste Tier im Delta, doch nicht minder interessant sind die verschiedenen Arten von Reihern, der Rallen-, Silber- und Seidenreiher, die Kormorane, Ibisse, Seeschwalben, Blauracken, Pirole, Haubentaucher und Seeadler. Die Namen lernen wir von unserem Bootsführer, der sie auf Deutsch, Englisch und Französisch kennt. Ganz aufgeregt ist er, als wir einen Schwarzstorch in die Luft steigen sehen. Uns Spatzen, Tauben, Elstern und Krähen gewohnte Menschen ist die Bedeutung dieses Augenblicks völlig unklar. Schwarzstörche seien sehr selten geworden, erklärt er. Er habe schon einige Jahre keine mehr gesehen. Selbst hier im Donaudelta, dem UNESCO geschützen Bioreservat. Zu Ceaucescus Zeiten plante man das Delta trockenzulegen, zum Glück kam die Wende dazwischen. Seit 2004 baut die Ukraine den nördlichen Arm für Hochseeschiffe aus, die Proteste auf internationaler Ebene bis hin zur UNO haben noch nicht zum Stopp des Projekts geführt.

Moral

Bis in die fünfziger Jahren mussten politische Häftlinge im Delta Schilf abbauen, eine harte, oft tödliche Krankheiten bringende Arbeit. Diejenigen, die sie ans Messer lieferten, sind heute größtenteils tot. Ihr Glück, denn Rumänien erlebt zum ersten Mal seit Ende der kommunistischen Diktatur eine breite Diskussion um die Securitate-Mitarbeiter. Erste Akten sind öffentlich geworden. Ausgerechnet die als überaus integer geltende ehemalige Kulturministerin und Parlamentarierin Mona Musca ist in die Schlagzeilen geraten. Die Literaturwissenschaftlerin hat eingestanden, während ihrer Universitätszeit über ausländische Studenten berichtet zu haben. Man kann der Auffassung sein, dass dies nicht weiter tragisch ist, vorausgesetzt sie berichtete nichts Kompromittierendes. Das allerdings bleibt zu prüfen. Und es bleibt der bittere Nachgeschmack, dass selbst denjenigen nicht zu trauen ist, denen moralische Integrität nachgesagt wird. Deutschland hat dies ja auch just erlebt.

Dass ausgerechnet Mona Musca als eine der ersten enttarnt wurde, während bei so manchem anderen Politiker oder Geschäftsmann die Mitarbeit sehr viel naheliegender erscheint, heizt die Gerüchteküche an. Haben die Mächtigen längst ihre Akten entsorgt, wie im Volk gemunkelt wird? Es gibt immer noch einen Aktenbestand, der beim Verteidiungsministerium unter Verschluss liegt. Das seien die wirklich brisanten Akten, sagen einige. Nach welchen Kriterien die Akten zur Veröffentlichung ausgesucht werden, fragen sich andere. Viele befürworten die Öffnung der Akten, denn mit dem Geheimwissen ist jahrelang erpresst worden und die rumänische Gesellschaft sei demokratisch reif genug, um mit den Enthüllungen korrekt umzugehen. Skeptiker fürchten das althergebrachte politische Machtspiel. Eins ist auf jeden Fall klar: Es wird lange dauern, bis der Prozess abgeschlossen sein wird. 13 Kilometer Akten, also 1,3 Millionen Stück, warten auf ihre Auswertung. Hunderte von leitenden Journalisten und Mitarbeitern ausländischer Radiosender stehen auf der Liste des Initiators der Kampagne "Saubere Stimmen", einer bisher wenig bekannten rumänischen Journalisten-Organisation, die dem Nationalen Rat für die Aufarbeitung der Securitate-Akten zur Prüfung vorgelegt wurde. Es wird noch viele Überraschungen geben, wie die im Fall des BBC-Reporters und Regierungskritikers Carol Sebastian, der wie einige andere auch seine Mitarbeit im Zuge dieser Kampagne zugegeben hat.