Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 86

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - New Yorker

Anthony Lane lässt eine gesalzene Tirade vom Stapel - gegen die britische Boulevardpresse Murdochs, die britische Presse insgesamt, die sich immer mehr boulevardisiert, den britischen Humor und die britische Leserschaft: "Der aufschlussreichste Artikel im Guardian während des Murdoch-Skandals kam von einem ehemaligen Redakteur der Zeitung, Peter Preston, der Verkaufszahlen analysierte und so zeigte, dass mehr ABC1-Leser (also die mit der besseren Erziehung, den besseren Jobs und Gehältern und darum den Herzen der Anzeigeninserenten am nächsten) die News of The World lesen als die Sunday Times - mehr tatsächlich als den Observer, den Daily Telegraph und den Independent on Sunday zusammen."

Außerdem: Nicholas Lemann stellt den Kollegen einige unangenehme Fragen: "Sind Journalisten liebenswerte Spitzbuben oder Menschenrechts-Kreuzfahrer? Oder Menschen, die sich das Recht herausnehmen, zwischen beiden Identitäten je nach Laune hin und her zu wechseln?" David Denby sah im Kino die Komödien "Crazy, Stupid, Love" von Glenn Ficarra und John Requa und "Friends with Benefits" von Will Gluck. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Reverting to a Wild State" von Justin Torres.

Magazinrundschau vom 19.07.2011 - New Yorker

Philip Gourevitch erzählt die unglaubliche Geschichte der ruandischen Radrennmannschaft, des Teams Ruanda, in dem vor allem Männer fahren, die sich jahrelang als Radtaxifahrer oder Lastenschlepper über die tausend Hügel des Landes gekämpft haben (wobei die Hügel zwischen 1500 und 2000 Meter hoch sind). "Innocent Sibomana erklärt sich das so: "Nach dem Krieg arbeiteten die Leute wirklich viel", sagt er und fügt hinzu: "Der einzige Weg, glaube ich, der Vergangenheit zu entkommen, ist zu arbeiten." Ein Boom auf dem Kartoffelmarkt erlaubte vielen seiner Nachbarn sich Pickups zu kaufen und neue Häuser zu bauen, und während sie auf den Feldern schufteten, trat Sibo in die Pedale. Mit seinen Anteilen an den Preisen des Teams kaufte er sich Ziegen und heuerte Arbeiter an, um seinen Kartoffelacker zu bestellen, und legte Elektrik in das Haus seiner Großmutter, bei der er wohnte. Im Team Ruanda zu sein machte ihn zu einem Star in seinem Dorf - nicht weil es ihn anders machte, sagte er, sondern weil seine Anstrengungen ihn bekannt machten. "Sie wissen, dass ich es schwer habe. Es ist eher so, dass sie Mitleid mit mir haben, und sie wissen, dass ich was verdient habe, weil ich so hart gearbeitet habe.""
Stichwörter: Ruanda, Gourevitch, Philip

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - New Yorker

Sex, Liebe und Einsamkeit im Internet erkundet Nick Paumgarten in seinem unterhaltsamen Essay zum Online-Dating. Beginnend mit dem Projekt TACT aus dem Jahr 1964 arbeitet er sich an die aktuellen Websites heran. "Die meisten Internet-Partnersuchseiten basieren wie TACT noch immer auf dem Fragekatalog. Das Rohmaterial des Übereinstimmungsprozesses bildet dabei die Menge angegebener Vorlieben: der Wunsch nach oder die Intoleranz gegenüber bestimmten Merkmalen und Eigenschaften. Viele Seiten arbeiten alleine damit. Die raffinierteren dagegen versuchen, die Unstimmigkeiten zwischen dem zu ermitteln und zu nutzen, was man zu wollen angibt, und dem, was man durch seine online getroffenen Entscheidungen in Wirklichkeit zu wollen scheint ... So mag jemand erklären, sein Partner solle blond oder groß oder jüdisch oder ein nichtrauchender Demokrat sein, aber die Gewohnheit haben, die Fühler nach haschrauchenden südasiatischen Republikanern auszustrecken. Das nennt man 'aufgedeckte Vorliebe', und sie ist das grundlegende Element im algorithmischen Prozess der Seite Match.com."

Weiteres: Dexter Filkins kommentiert den Abzug der Amerikaner aus Afghanistan. Anthony Lane sah im Kino die Komödien "Bad Teacher" und "Terri" von Jake Kasdan und Azazel Jacobs und Michel Leclercs "Der Name der Leute". Nur im Print: James Wood widmet sich der Literatur des ungarischen Autors Laszlo Krasznahorkai.

Magazinrundschau vom 24.05.2011 - New Yorker

In Paris haben es alle gewusst, behauptet Philip Gourevitch nach diversen Abendessen, die kein anderes Thema als DSK hatten. "Ich glaube, seine Leidenschaft war Sex, nicht Macht', sagt Pascal Bruckner. 'Ich habe viele gute Bekannte in der Sozialistischen Partei, die mir Dinge über ihn erzählt haben. Es ist erbärmlich.' Seiner Ansicht nach hätten die Freunde von Strauss-Kahn ihn ermutigen sollen, psychiatrische Hilfe zu suchen, statt sich für die Präsidentschaft zu bewerben."

Magazinrundschau vom 17.05.2011 - New Yorker

Am 13. Juni wird der Prozess gegen den 45-jährigen Computerexperten und ehemaligen Angestellten der National Security Agency (NSA) Thomas Drake eröffnet, erzählt Jane Mayer in einer langen Reportage. Der Vorwurf: Spionage. Drake hatte 2007 Geheimdokumente der NSA mit nach Hause genommen, um sie einem Reporter zu übergeben. Und er ist nicht der einzige: Unter keiner Regierung, so Mayer, hat es so viele staatliche Prozesse gegen Whistleblower gegeben wie unter Obama. "Jack Balkin, ein Juraprofessor in Yale, stimmt zu, dass die Zunahme von Prozessen gegen Whistleblower Teil einer größeren Veränderung ist. 'Wir beobachten, wie beide Parteien die Normalisierung und Legitimierung eines Überwachungsstaates vorantreiben', sagt er. Seiner Ansicht nach steht die eifrige Verfolgung von Leaks im Einklang mit anderen politischen Veränderungen seit dem 11. September: der Entstehung einer großen neuen Sicherheitsbürokratie, in der mindestens zweieinhalb Millionen Menschen Zugang zu vertraulichen, geheimen oder höchst geheimen Dokumenten haben; einer riesigen Ausweitung der elektronischen Überwachung zusammen mit einer rechtfertigenden Neuinterpretation des Gesetzes; und Unternehmenspartnerschaften mit der Regierung, die die Terrorismusbekämpfungsindustrie in eine mächtige Lobby verwandelt hat. Obama, sagt Balkin, 'hat systematisch die Politik der Bush-Regierung übernommen.'" Was die NSA alles kann, beschreibt Mayer ausführlich.

Außerdem: Keith Gessen bespricht eine neue Joseph-Brodsky-Biografie. David Denby sah im Kino Woody Allens "Midnight in Paris" and Paul Feigs "Bridesmaids". Und in der letzten Woche besprach Claudia Roth Pierpont Harvey G. Cohens Buch "Duke Ellington's America".

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - New Yorker

Lawrence Wright erzählt die Geschichte der amerikanisch-pakistanischen Beziehungen der letzten Jahre nach, die im wesentlichen darin bestanden, dass die USA immer mehr Milliarden Dollar zahlten, um ein immer unsichereres Regime bei der Kandare zu halten. Mit wenig Erfolg: "Ich fragte mich: Was würde eigentlich passieren, wenn die pakistanische Armee die Führer der Al Qaida gefangen nähmen oder töteten? Der große Dollarfluss würde versiegen, so wie er in Afghanistan versiegt war, als die Sowjets schlapp machten. Mir wurde klar, dass die pakistanische Armee trotz aller Leiden, die durch den Krieg in das Land gebracht wurden, süchtig war nach dem Geld, das er auch brachte. Die pakistanische Armee und der Geheimdienst betrieben das Fang-den-bin-Laden-Business, und wenn sie ihn fangen würden, dann wäre es aus mit dem Business." Wright plädiert darum für die Einstellung aller Hilfen an Pakistan.
Stichwörter: Geld, Wright, Lawrence

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - New Yorker

Kann eine bunt zusammengewürfelte Zivilarmee einen Diktator besiegen? Dieser Frage geht Jon Lee Anderson in seiner Reportage aus Libyen nach. Er begleitete Osama ben Sadik, einen freiwilligen Krankenwagenfahrer, der 2007 aus Benghazi mit seiner amerikanischen Frau nach Virginia gezogen war, im Februar dieses Jahres aber mit einem der letzten Flüge wieder dorthin zurückkehrte, weil sich seine Söhne auf die Seite der Gaddafi-Gegner geschlagen hatten. "Am Vormittag, erzählte er mir, sei ein Mann mittleren Alters aus der Stadt Tobruk in der Klinik vorgefahren und habe ihn gebeten, ihn nach Al Uqaylah, eine kleine Durchgangsstation in fünfundzwanzig Meilen Entfernung zu fahren. Osama warnte ihn, dass sie genau auf der Vormarschroute von Gaddafis Truppen liege, der Mann meinte jedoch, seine Sicherheit spiele keine Rolle: Er wollte nach Al Uqaylah, um nach der Leiche seines Sohnes zu suchen. Dieser war als freiwilliger Rebell losgezogen, um an vorderster Front zu kämpfen. Nachdem der Vater einige Tage nichts von ihm gehört hatte, rief er ihn auf seinem Handy an. Ein Fremder ging ran. Als der Vater sagte, wer er sei, erklärte ihm der Fremde: 'Ich bin nicht dein Sohn. Scheiß auf deinen Sohn. Komm her und hol ihn in Al Uqaylah ab. Er hat keinen Kopf mehr.'"
Stichwörter: Libyen

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - New Yorker

David Remnick hat nicht viel zu sagen zu Manning Marables Malcolm-X-Biografie. In seinem Artikel zeichnet er eher das faszinierend komplizierte private und politische Leben von Malcolm X - dem ein Lehrer gesagt hatte, Anwalt sei "kein realistisches Ziel für einen Nigger" - nach, wie Alex Haley es aufgeschrieben und Jahre später Barack Obama beeindruckt hat: "Im milden Hawaii, an einer der angesehensten Privatschulen westlich der Rockies, fand Obama etwas in dieser Geschichte eines Mannes, der auch gemischtrassig war, seinen Vater verloren hatte und seine Identität erschaffen musste. [...] 'Ich habe mich nie so für seine Theorien interessiert', sagte mir Obama letztes Jahr. 'Ich denke, Malcolm X knüpfte an eine alte Tradition der afroamerikanischen Community an, wonach es in bestimmten Momenten für einen Afroamerikaner wichtig ist, sich seiner Männlichkeit zu versichern, seines Wertes. ... Diese Bestätigung, dass man ein Mann ist, dass man etwas wert ist, war wichtig. Und ich glaube, Malcolm X hat das besser erfasst als jeder andere." (In der NYT lieferte letzte Woche Michiko Kakutami eine Besprechung von Marables Biografie, die so steif ist, als hätte Bill Keller sie redigiert.)

Außerdem: Burkhard Bilger porträtiert den Neurowissenschaftler David Eagleman, der über eine eigene Nahtoderfahrung zu seinem Lebensthema fand und über Geheimnisse von Zeit und Gehirn forscht.

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - New Yorker

Evan Osnos begibt sich mit einer Gruppe chinesischer Touristen auf eine Bustour durch Europa: fünf Länder in zehn Tagen. Zhu Zhongming, ein 46-jähriger Buchhalter, erklärte ihm unterwegs, "dass Chinesen eine ganz persönliches Motiv haben, Europa zu besuchen: 'Als Europa die Welt regierte, war auch China stark. Warum sind wir zurückgefallen? Wir denken immer darüber nach.' Tatsächlich zieht sich die Frage, warum eine Zivilisation, die sechshundert Jahre vor Gutenberg die Druckerpresse erfunden hatte, im fünfzehnten Jahrhundert zurückfiel, wie ein zentraler Nerv durch Chinas Analyse der Vergangenheit und der Aussicht, verlorene Größe zurückzugewinnen."

Außerdem: Anthony Lane sah Robert Redfords Film "The Conspirator" über die Ermordung Abraham Lincolns. Nur im Print: Keith Gessen schickt einen Brief aus Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Und Jonathan Franzen denkt über "Robinson Crusoe" und die Kunst der Einsamkeit nach.

Magazinrundschau vom 05.04.2011 - New Yorker

Werden die Protestierenden einen Weg zwischen Diktatur und Anarchie finden?, fragt sich Dexter Filkins in einer beeindruckenden Reportage aus dem Jemen. Filkins entwirrt das unendlich komplizierte politische Geflecht um den Staatspräsidenten Saleh und lässt Akteure unterschiedlichster Herkunft zu Wort kommen. Das größte Problem scheint zu sein, das weit und breit niemand in Sicht ist, der besser als Saleh wäre. Trotz der mutigen Demonstanten, die vor der Staatsgewalt nicht zurückgewichen sind. Doch das auf Korruption basierende Regime scheint jetzt zu bröckeln, schreibt Filkins: "Yemens ökonomische Krise hat sich verschärft. Westliche Regierungsvertreter erzählten mir, dass Salehs Regime nicht mehr in der Lage sei, die Kredite für Nahrungsmittelimporte zu beschaffen. Es war schwierig zu erkennen, wieviel von dem Chaos wirklich war und wieviel vom Regime angezettelt wurde, um internationale Ängste zu erwecken. Saleh wies immer häufiger auf die Situation in Somalia hin. 'Wir sind eine Stammesgesellschaft', erklärte er dem Satellitensender Al Arabiya. 'Jeder wird seinen Stamm unterstützen und wir werden in einem zerstörerischen Bürgerkrieg enden.'"

Weiteres: In einer Sammelbesprechung stellt der in Italien lebende britische Schriftsteller Tim Parks unter der Überschrift "Italiens unglücklicher Geburtstag" einige neuere Publikationen zum Thema vor. James Surowiecki erklärt, weshalb es erlaubt sein sollte, in der Arbeitszeit im Internet zu surfen. Alex Ross bespricht eine Aufführung der H-moll-Messe des Bach Collegium Japan in der Carnegie Hall und John Eliot Gardiners Einspielungen von Bach-Kantaten.