Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 22

Magazinrundschau vom 07.10.2008 - Nepszabadsag

Im Hinblick auf die prekäre Lage der Roma in Ungarn fordert der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi staatlich finanzierte Arbeitsplätze, in denen sie arbeiten lernen sollen: "Die Gewohnheit zu arbeiten ist das Ergebnis eines langen Sozialisationsprozesses. Derjenige, bei dem er entwickelt ist, wird nach Möglichkeiten suchen und arbeiten, wenn er Arbeit findet. Wenn aber mehrere Generationen mit Sozialhilfezahlungen sozialisiert werden, hat das katastrophale Folgen, weil sie später auch dann nicht arbeiten werden, wenn es Arbeitsplätze gibt. (...) Daher sollten Sozialisations-Arbeitsplätze mit staatlicher Unterstützung geschaffen, Betriebsbuslinien für die Arbeitnehmer eingerichtet [ähnlich den Schulbussen nach der Aufhebung der Rassentrennung in den USA] und in Roma-Dörfern staatlich geförderte Betriebe angesiedelt werden, in denen keine Sozialhilfe verteilt, sondern Arbeitslohn gezahlt wird. Auch dann, wenn es keine große Nachfrage für das dort hergestellte Produkt gibt oder wenn es gar Verluste einfährt. Denn das eigentliche Produkt dieser Betriebe wird nicht der dort gefertigte Gegenstand sein, sondern die entstehende Sozialisation, die Arbeitskultur."
Stichwörter: Roma

Magazinrundschau vom 30.09.2008 - Nepszabadsag

Der Medienwissenschaftler Miklos Almasi kommentiert das gerade vom Parlament abgelehnte, 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der US-Regierung für den angeschlagenen Finanzmarkt: "Wenn alles gut geht, wird ein halb staatliches, halb unabhängiges Finanzsystem entstehen und der Staat als letzter Retter, als regulierende und intervenierende Instanz wird rehabilitiert. Und man kann hoffen, dass gewisse Verkehrsregeln in die Tanzordnung der Finanzwelt Einzug finden, und dass dieser Kasino-Betrieb ein wenig leiser wird... Das war jenes amerikanische Finanzgebilde (financial architecture), in deren Glanzperiode der Markt und die Wirtschaft vom Diktat riesiger Investmentbanken (und mächtiger Hedge-Fonds, Private Equity-Gesellschaften) beherrscht wurde. Die Krise hat diese Mammutfirmen weggespült und klargemacht, dass es mit diesem angelsächsischen Kapitalismusmodell vorbei ist. Der Slogan 'Der Markt wird alles regeln' mündete darin, dass der Staat die Zeche bezahlt. An die Stelle des neoliberalen Mythos tritt irgendeine hybride Version. In der globalen Welt muss für die Finanzwelt ein globales Regelsystem ausgearbeitet werden. ... Ich bin nicht optimistisch."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Nepszabadsag

Auf die Frage, ob es von Bedeutung war, als Osteuropäer zum Präsidenten der UNO-Vollversammlung gewählt zu werden, sagt der am Montag aus seinem Amt scheidende mazedonische Wirtschaftswissenschaftler Srgjan Kerim im Interview mit Andras S. Takacs: "Mit diesem Hintergrund erkennt man es vielleicht besser, wann Kompromisse nötig sind, man ist eher geneigt, gemeinsame Lösungen zu erzielen und will Herr über die endlosen politischen Debatten und Pattsituationen werden. Auch deshalb denke ich, dass es wichtig ist, ein aktiver Partner zu werden. Heute teilt sich die Welt nicht mehr in große und kleine Länder, sondern in aktive und passive Teilnehmer. Die UNO ist mit ihren unzähligen Herausforderungen ein Forum, wo die Mitgliedstaaten einzeln und auch mit anderen kooperierend eine aktive Rolle spielen können. Wir müssen die Möglichkeit wahrnehmen, Osteuropa zu einer der fünf großen regionalen Gruppen in der Organisation aufzubauen. Wenn wir aktiver werden, könnten wir erreichen, dass die UNO die Perspektive unserer Region mehr berücksichtigt, wenn sie über die großen gemeinsamen Fragen dieser Welt entscheidet."
Stichwörter: UNO, Kompromisse

Magazinrundschau vom 09.09.2008 - Nepszabadsag

Den süd- und ostserbischen Dörfer laufen die Frauen davon. Der Staatssekretär im serbischen Sozialministerium Zeljko Vasiljevic hat daher den "Import" von etwa 100.000 Frauen aus christlich-orthodoxen Ländern befürwortet - oder buddhistischen, da "der Buddhismus eine ähnlich sanftmütige Religion sei wie die Orthodoxie". Nicht mehr die Hautfarbe sei in dieser dramatischen Situation von Bedeutung, sondern dass so viele serbische Kinder wie möglich zur Welt kämen. Der in der serbischen Vojvodina lebende ungarische Schriftsteller Laszlo Vegel staunt: "Vor zehn Jahren hätte man die Äußerung von Vasiljevic wahrscheinlich nicht wegen ihrer Frauenfeindlichkeit, sondern wegen Vergehens an der Nation kritisiert. Denn: Wie kann man einen Vorschlag machen, der die Reinheit der nationalen Identität in Frage stellt? Aus dem aktuellen Vorstoß für die Rettung der Nation wird aber deutlich, dass sich die Welt doch verändert, auch der Nationalismus ist nicht mehr der alte. Die klassische Zwickmühle: Untergang der Nation oder Multikulti?"

Magazinrundschau vom 15.07.2008 - Nepszabadsag

Abgesehen von der beispiellose Gewalt gegen die Homosexuellen war das schlimmste für den Medienwissenschaftler Peter György bei der Demo, dass die Gegendemonstranten die ungarische Mittelschicht widerspiegelten. György im Interview mit Dora Matalin: "Das sind konsolidierte Menschen, die Familie und einen Arbeitsplatz haben, und die am Samstag Nachmittag auf die Straße gegangen sind, um andere zu demütigen. Ihr Problem ist nicht, dass diese Menschen schwul sind. In Ordnung, sollen sie doch schwul sein, sagt der Ungar, sie sollen aber nicht noch gute Laune dabei haben und vor allem sollen sie nicht stolz darauf sein. Denn das ärgert jeden, der frustriert ist - und die ungarische Mittelschicht ist ziemlich frustriert. Sie ist frustriert, weil sie ununterbrochen Angst vor der Verarmung hat, weil sie ihre frühere Sicherheit verloren hat. Weil sie einst in einem geschlossenen, auch kulturell überschaubaren Land gelebt hat, dessen Maßstäbe inzwischen zerfallen sind. Deshalb können diese Ungarn das Anderssein der anderen nur ertragen, solange diese sich verstecken."
Stichwörter: Mittelschicht

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - Nepszabadsag

Bei dem diesjährigen Filmfestival in Cannes ging der Fipresci-Preis der Kritiker an den Film "Delta" von Filmregisseur Kornel Mundruczo - und Produzentin Viktoria Petranyi. Im Interview mit Geza Csakvari sprechen die beiden Filmemacher über die Bedeutung dieses Preises für die ungarische Filmszene, in der sich in den letzten Jahren eine ablehnende Haltung gegenüber Autorenfilmen entwickelt hat. Dazu Viktoria Petranyi: "Jener schrecklich irrige, unintelligent erregte Diskurs, der für die Kluft zwischen dem Künstlerfilm und der Massenkultur sorgt, kann schwer mit einem ungarischen Film in Cannes entschärft werden. Man bräuchte zehn davon. Wir zum Beispiel haben die Daseinsberechtigung des Massenfilms nie bestritten, die andere Seite aber hält das Produzieren von Künstlerfilmen für einen schweren Verrat. Die Gekränktheit und der Graben innerhalb der Branche ist groß."

Magazinrundschau vom 27.05.2008 - Nepszabadsag

Offen rassistische Äußerungen können juristisch sanktioniert werden. Was aber tun, wenn sich in der Öffentlichkeit ein Sprachgebrauch verbreitet, der kodiert rassistisch operiert? Das fragt sich der Schriftsteller Rudolf Ungvary: "Juristisch kann man gegen Vertreter rassistischer Meinungen, die zunächst dekodiert werden müssen, und sind sie noch so einschüchternd, in einem demokratischen Rechtssystem nicht vorgehen. So fein können die Gesetze gar nicht ausformuliert werden. Die parlamentarische Demokratie kann mit juristischen Mitteln nur in einer Gesellschaft geschützt werden, in der die Mehrheit der Bevölkerung aus Demokraten besteht. Das bedeutet auch, dass die im Vergleich mit dem Reichtum der natürlichen Sprache und mit der hohen Zahl listiger Behauptungen notwendigerweise lückenhafte und grobe Intentionen der juristischen Regelung von der Mehrheit der Bevölkerung entsprechend weit interpretiert wird. Das Volk selbst nimmt die Demokratie aufgrund seiner politischen Kultur in Schutz. (...) Verborgener Rassismus und indirekte Einschüchterung kann auch in schwachen Demokratien wie in Ungarn nicht ohne die Einschränkung der Meinungsfreiheit und damit der Demokratie sanktioniert werden. Die Frage ist: Kann heute in Ungarn ein Gleichgewicht zwischen der Durchsetzung der Freiheitsrechte und der Zurückdrängung der Einschüchterung gefunden werden, ohne dass die parlamentarische Demokratie und die politische Wechselwirtschaft zwischen Links und Rechts beeinträchtigt würde?"

Magazinrundschau vom 13.05.2008 - Nepszabadsag

Braucht der Mensch die Erinnerung? Keine Frage für den Schriftsteller György Konrad: "Die persönliche Geschichte ist ein aktives Arbeitsinstrument, eine Beispielsammlung, eine lebendige Metapher, die wie ein Tier ihre Muskeln sehen lässt. [...] Erinnern ist menschlich, es ist das Humane selbst. Die Natur steht der Geschichte gleichgültig gegenüber. Das Gras auf dem Massengrab ist nicht weniger grün als anderswo. Die Natur trauert nicht und legt auch kein Zeugnis ab. Sich zu erinnern ist eine unnatürliche Aktion, die sich gegen den Tod stellt. Warum will ich, dass jemand lebe, der nicht mehr lebt? Schreibt denn die Demut nicht gerade die Einfalt des Vergessens vor? Man sagt, wer nicht vergisst, ist gefährlich. Ebenfalls sagt man, Gott vergisst nicht. Die Erinnerung des Menschen ist eine ähnliche Hybris, eine Verwegenheit, wie das Feuer anzuzünden. Der Apfel, der Adam zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse zwang, vergegenwärtigte in seinem Kopf gleichzeitig sein bisheriges Leben. Erinnern ist - Rebellion."
Stichwörter: Konrad, György

Magazinrundschau vom 06.05.2008 - Nepszabadsag

Die Ungarn sehen sich oft zum Wettbewerb gezwungen, begeistern sich aber nicht dafür, stellt die Psychologin Marta Fülöp im Interview mit Laszlo Rab fest. Die Gründe für den harten Konkurrenzkampf seien im engen Raum und in der fehlenden gesellschaftlichen Sozialisation zu suchen: "Der große Wettbewerb benötigt viele verschiedene Begabungen und Ausbildungen, aber Ungarn braucht eben keine Seeleute, ein Ozeanologe hat es hier schwer. Grundsätzlich ist es in Ungarn für eine spezielle Begabung viel schwerer als in anderen Wettbewerbskulturen - etwa in Amerika oder Japan. In Ungarn muss auch das Wenige hart erkämpft werden, deshalb ist der Konkurrenzkampf hierzulande so schonungslos. Hier ist der Konkurrent nicht ein ehrenwerter Gegner - wie zum Beispiel in Japan -, der zur größeren Anstrengung motiviert, sondern er erscheint oft als Feind, den man ganz und gar nicht respektiert, vielmehr symbolisch auszulöschen versucht. In dieser feindlichen Atmosphäre werden dann aggressive Mittel benutzt und die Regeln weniger eingehalten."

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Nepszabadsag

All denen, die sich um die Demokratie in Ungarn sorgen, empfiehlt der Kommunikationswissenschaftler Andras Göllner einen Blick auf den Rest der Welt. Dann würde man erkennen, dass die parlamentarische Demokratie auf der ganzen Welt auf dem Rückzug sei und allmählich einer "östlichen Strömung" weiche, die, ausgehend von China und Russland, einen neuen wirtschaftspolitischen Virus trage, "Kapitokratie" genannt. Und der diskrete Charme der Kapitokratie beginne bereits, Mitteleuropa zu betäuben: "Die einzige Möglichkeit, dem Virus auszuweichen, besteht in der grenzüberschreitenden Kooperation, in klaren Worten und Taten. Wir sollten uns nicht durch den falschen Traum täuschen lassen, dass die Demokratie nicht missbraucht werden könnte, dass der acquis communautaire der EU, die festgelegten Rechte und Pflichten der EU-Mitglieder, die Ketzer schon neutralisieren würde. Von wegen! In Ungarn kann man unter dem Banner des acquis communautaire offen und frei juden- und romafeindliche Hetze betreiben, Homosexuelle jagen, Zeitschriften und Fernsehsender betreiben, die die freie Meinungsäußerung verleugnen. Wenn dies möglich ist, ist alles möglich."