Magazinrundschau - Archiv

NZZ Folio

85 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 9

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - Folio

Thema ist Olympia. Der Archäologe Michael Siebler (mehr) liefert eine Livereportage von den Spielen 416 v. Chr., die im Vorspann Sensationen verspricht: "40.000 Besucher! Spiele zum zweiten Mal ohne Spartaner! Exaitos Sieger im Stadionlauf! Alkibiades mit acht Gespannen am Start! Xenophanes vom Publikum ausgebuht! Preise der Händler unverschämt!"

Illustriert ist die gesamte Ausgabe mit Bildern des antiken Olympia, die auf einer virtuellen Rekonstruktion von Cliff Ogleby (mehr), University of Melbourne (Australien) basieren. Dazu gibt es ein Interview mit dem Archäologen Adolf Borbein, der erklärt, woher wir heute wissen, wie Olympia aussah. Außerdem gibt es einen Plan der Ausgrabungsstätte von Olympia. Michael Siebler erzählt die Geschichte der Ausgrabungen. Michael Gamper schildert, wie der Marathonlauf (in Olympia ging die längste Strecke über 4 Kilometer) und der Ringkampf im Laufe der Jahrhunderte umgedeutet wurden.

In der Duftnote erzählt Luca Turin von den "Nischenparfüms" JARs, der Parfümabteilung (mehr) eines Pariser Juweliers "von beinahe mystischer Aura" (mehr). Statt die Rohstoffe miteinander zu verschmelzen, wurden diese Parfüms "offenbar von einem Typen komponiert, der seine Tage damit zubringt, Rubine aus einer Schachtel zu klauben und sie neben große Perlen zu legen. Edelsteine sind nicht mischbar, Gott behüte, sie leuchten jeder für sich wie verrückt. Anstelle der üblichen Expertenmischung bekommen wir bei JAR sensationelle Rohstoffe, völlig offen, unter hellem Licht arrangiert, um der größtmöglichen Wirkung willen. Sie reichen von schlichter Grandeur bis hin zu dem, was P. G. Wodehouse mit leisem Understatement als 'ein wenig brüsk' bezeichnet hätte." Wer sich sein Leben lang "nach Andre Bretons beaute convulsive gesehnt" hat - hier wird er fündig, verspricht Turin.

Magazinrundschau vom 05.07.2004 - Folio

In Folio geht es dieses Mal um Grönland, das Land, von dem die allermeisten nur ein Bild haben: "Und zu diesem Bild gehört ein Wort: Eskimo. Ein Wort wie ein Film: Iglu, Hundeschlitten, Nasenreiben, für Schweizer ein Cembalo" (wir bitten unsere Schweizer Leser um Aufklärung).

Mit anmutiger Tristesse schreibt Reto U. Schneider über Quaanaaq, die nördlichste Stadt der Welt, die man im Winter nur mit zwei Maschinen verlassen kann. Entweder mit "der Dash 7 von Air Greenland, die vom kleinen Flugfeld im Westen des Dorfs zweimal pro Woche Richtung Süden startet" oder mit "dem Atlas-Copco-Presslufthammer der Gemeindeverwaltung, mit dem auf dem Friedhof im Osten des Dorfs die Gräber aus dem Boden gemeißelt werden. Die zum Sterben zu junge Frau, die heute zu Grabe getragen wird, hatte vor Jahren die erste Wahl getroffen. Sie lebte in Dänemark, wo sie nicht glücklich wurde. (?) Nach zehn Minuten falten die Leute die Hände, so gut das mit Fausthandschuhen geht: 'Ataatarput qilammiusutit, aqqit illernarsili' 'Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name'. Bei Zeile fünf mussten sich die protestantischen Missionare etwas einfallen lassen. Die Leute, denen sie die Heilige Schrift brachten, kannten kein Brot. Also ließen sie sie beten 'Unsere tägliche Nahrung gib uns heute'. Das Lamm Gottes erklärten sie den Polareskimos, die noch nie ein Schaf gesehen hatten, mit Gottes Robbenbaby."

Weitere Artikel: Mikael Krogerus reiht sich ein in die Eisberge, die der neue grönländische Popstar Julie Berthelsen zum Schmelzen bringt. Reto U. Schneider hat die Frau getroffen, die beteuert, nicht Smilla zu sein, und hat ihr irgendwie nicht geglaubt. Brrr? Martin Lindner vergleicht das Kälteempfinden von Sizilianern und Eskimos. Was macht eine Grönländerin in der Schweiz? Sie geht in die Berge, weiß Andrea Strässle. Hans-Joachim Kürtz fragt sich, wohin Grönland eigentlich gehört. Lasse Dudde sieht Grönland als Achillesferse der Naturschützer, schließlich wollen die Forderungen von Greenpeace hier nicht so recht zusammenpassen: gegen das Abschlachten von Robbenbabies und für die Rechte der Naturvölker. Mikael Krogerus weiß, wovon ein junger Grönländer in Kopenhagen träumt. Doch ganz zuletzt die große Frage: Ist der Nasenkuss der Eskimos eine Legende? "Den Nasenkuss ... haben Herrnhuter Missionare, die seit 1733 in Grönland arbeiteten und forschten, als typische Eskimositte beschrieben - eine später von Völkerkundlern übernommene Beobachtung. Aber was haben die frommen Männer wirklich gesehen?" Rolf Bökemeier weiß die Antwort.

Außerdem: In seiner Duftkolumne erinnert sich Luca Turin an das letzte Parfum, das ihn zum Lächeln brachte: Bulgaris "Black" und sein Duft zwischen Autopneu und Babypuder - den er zum ersten Mal an einem zweifelhaften Mantel aus Soho schnupperte. Und schließlich berichtet Reto U. Schneider von einem idealen Experiment für Lethargiker: ein Jahr Bettruhe.

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - Folio

Anstelle eines Editorials macht die Folio-Redaktion den Soundcheck der Lieblingslieder.

Wo es um Musik geht, da darf der große Bandtraum nicht fehlen. Boni Koller stellt die Punkband Worst of All vor, die für das stehen kann, was irgendwie jeder kennt: kurze, aber bewegte Bandgeschichten zwischen Proberaum und der großen weiten Welt. Und damit die nicht zu kurz kommt, greift man als coole Band schon mal zu unlauteren Mittel - auch auf der Homepage: "Der Eintrag eines elfjährigen Fans wurde gelöscht, erzählt Basti. Es ist für Siebzehnjährige nicht besonders erstrebenswert, von Kleinkindern verehrt zu werden, das fordert an den Konzerten den Spott anderer Bands heraus. Obwohl gewiss auch eine Portion Neid dabei ist, wenn diese sich über den Aufmarsch der 'Babypunks' mokieren und selbst überhaupt keine Anhängerschaft zu mobilisieren vermögen."

Greg Manning, "Music Star"-Produzent und Musiker, erklärt im Gespräch mit Daniel Weber und Mikael Krogerus, wie ein Hit funktioniert (dass er Musik nach Rezept trotzdem schlimm findet). "Viele Songs verzichten auf ein Intro und gehen direkt in die erste Strophe, aber beim perfekten Hitsong machen wir zehn Sekunden Intro. Dann vierzig Sekunden die erste Strophe, dann Pre-Chorus, das ist der Aufgang zum Refrain, damit die Leute merken: Achtung, jetzt geht's los. Und nach einer Minute der Refrain. Das ist klassisch: Bei Popsongs beginnt der Refrain nach einer Minute."

"Nicht auszudenken, was aus Elvis geworden wäre ohne Hüftschwung: ein Schwiegermuttertraum, so aufregend wie ein Sonntagsspaziergang." Mikael Krogerus weiß, Sex gehört einfach zum Pop, und porträtiert deswegen Skandal-Popperin Peaches, die selbst aber eher darauf gespannt ist, was passiert, wenn sie mal nicht mehr provoziert.

Hanspeter Künzler verrät, wo das viele Geld in der Musikindustrie bleibt - im Kleingedruckten. Peter Glück klärt auf über das, was Radiosender so ähnlich macht: Formatradio und Zielhörer. Und das geht so: Bei Energy heißt der Zielhörer Andrea, "ist 28 Jahre alt, fährt einen Kleinwagen, wohnt ein wenig ausserhalb von Zürich, geht ins Fitnesscenter." Daniel Weber meldet den Tod der CD, den Erfolg der mp3 und den Hype des iPod. Zehn Autoren beschreiben zehn Sternstunden der Popmusik. Und Judith Hermann empfiehlt, über die Stille zu schweigen, denn wer weiß, was sich hinter ihr verbirgt.

Als Dessert befriedigt Folio auch noch andere Sinne: Luca Turin erinnert sich an ein Parfum, das ihm nicht wie so oft zuraunte "Schenk mich deiner Freundin", sondern "Lass sie sitzen und brenn mit mir durch".

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Folio

Das Folio steht ganz im Zeichen der EU-Osterweiterung. Mikael Krogerus erzählt vom harten Regiment an Polens berühmter Filmhochschule in Lodz, einer Stadt, die "an guten Tagen existentialistisch wirkt". "Die Schule ist alte Schule, und die Pädagogik wurde auch nach dem Zerfall des Ostblocks nicht verändert ... Die Dozenten sind Autoritäten. Kazimierz Karabasz ist ein legendärer Dokumentarfilmer und war Studienkamerad von Wajda und Polanski. Seine Tränensäcke sind tief, die Hände knochig, die Haut ist faltig ... Karabasz legt seine gewaltige Stirn in Falten, er sieht unglücklich aus. Vor ihm liegt die Liste der Studenten, langsam fährt sein Finger über die Namen, während er murmelt: 'Nein, o Gott, nein... wer ist das? Ja, der vielleicht, aber kein Wille... Die ist nicht schlecht, aber...'"

Weiteres: Gegruselt hat sich Andreas Dietrich in Litauens "Lenin World", einem Freizeitpark, den der Millionär Viliumas Malinauskas errichten ließ und der "den Charme von Disneyland und das Schlimmste eines Sowjetgulag" verbindet. Bernhard Odehnal ist durch ein singendes Estland gereist: "Von den 1,4 Millionen Esten singt jeder zehnte in einem Chor. Und alle wollen zumindest einmal teilnehmen am Laulupidu, dem weltweit größten Sängerfestival, oder am Tantsupidu, dem dazugehörenden Volkstanzfest." Ulrich Schmid singt ein Hohelied auf die slowakischen Helden der Maßarbeit, die früher die besten Panzer für den Osten produzierten, heute die besten Autos für den Westen, und zwar pünktlich, zuverlässig - und billig. Außerdem geht es um Ungarns günstige Schönheitskliniken, um den slowenischen Exportschlager Laibach, um Europas größtes Eishockeystadion, das die Lottofirma eines früheren Geheimdienstmanns derzeit in Prag baut, und um die "Sekss"-Kolumnistin Dace Ruksane aus dem prüden Lettland, die die Misere ihres Landes so beschreibt: "Die Menschen sind verwirrt und überfordert. Alles dreht sich schnell, in Ländern wie meinem noch schneller. Andernorts wird einem vom Mithalten schon schwindlig, als ehemalige Sowjetrepublik müssen wir gleichzeitig aufholen und mithalten."

In seiner Kolumne "Duftnote" hält Luca Turin fest: "Jede Flasche ist die echte, der Duft eine Wolke schweigender Musik. Einst war er die Antwort eines Parfumeurs auf eine längst vergessene Frage. Für Sie aber verströmte der Duft damals die Seele Ihrer Mutter. Meine Wolke hieß Diorama, das erste Parfum von Dior. Mutter trug das Eau de Toilette, weil sie Parfum für einen Ausdruck vulgärer Abendgesellschaften im Pelz hielt."

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - Folio

Das neue Folio steht unter dem Stern des wohlkultivierten Gesundheitswahns. Martin Linder hat eine Schlossklinik am oberbayrischen Abtsee besucht, die sich auf die planmäßige Drosselung des Alterungsprozesses (man sagt dazu heute auch Anti-Aging) spezialisiert. Der Chefarzt der Klinik nimmt im Prinzip jeden auf. "'Einmal hat mich eine über 90-jährige ungarische Gräfin aufgesucht', erzählt Wagner. Was er für sie tun solle, habe er ein wenig ratlos die bereits etwas faltige Dame gefragt, worauf sie antwortete. 'Schaun S'mich on, möchten S'so rumlaufen? Tun S'wos!'" Viel konnte Wagner nicht tun, aber darauf, lernt man aus dem Artikel, kommt es auch gar nicht an. Ein medizinisches Geheimnis immerhin bringt uns Linder mit: die beste Chance auf eine Verlängerung des Lebens besteht darin, weniger zu essen.

Weitere Artikel: Udo Pollmer erklärt uns, warum Ernährungstipps nur Schuldgefühle produzieren: "Die Angst, die einst die Sexualität umgab, haben wir erfolgreich aufs Essen übertragen". Werner Bartens ist überzeugt, dass vor allem der Kult um die Gesundheit uns krank macht. Jedoch: "Die steile Karriere vom ominösen Syndrom zum anerkannten Leiden ist nicht mehr aufzuhalten". Stephanie Friedhoff liefert zu dieser These eine Reportage aus Florida, wo sich viele Menschen inzwischen "einen eigenen Doktor für jedes Körperteil" leisten. Markus Schneider fragt sich, warum die Schweiz das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt hat.

Luca Turin schließlich plädiert konsequent und mit gut durchdachten Argumenten für ein unvernünftiges Leben: "Die Bereitschaft zu einer Kosten-Nutzen-Analyse ist stets ein Anzeichen für intellektuelle Reife. In Wirklichkeit sind die Vorzüge aller gebräuchlichen Drogen enorm, und die Weigerung, sie angemessen zu würdigen, grenzt an Undankbarkeit. 'Junge trifft Mädchen' wäre ungleich heikler ohne ihr Zutun. Viele von uns (die termingerecht um Ende September herum geboren wurden) verdanken ihr blankes Leben den während des Äthanoldämmers zwischen Weihnachten und Neujahr eingeleiteten, glücklichen chemischen Reaktionen."

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Folio

Folio widmet diese Ausgabe dem www. Sein Erfinder, so Stefan Betschon, ist Tim Berners-Lee. Der arbeitet gerade an seinem zweiten Baby, dem Semantic Web: "Das Web ist zurzeit vor allem ein Mechanismus zum Verteilen von Dokumenten", erklärt Betschon. "Die Computer machen sich nützlich, indem sie unermüdlich auch weit entfernte Dokumente apportieren. Wenn es aber um die Auswertung von Dokumenten geht, liegen ihre Fähigkeiten brach. Im Semantic Web sollen den Daten Metadaten beigegeben werden, die etwas über die Daten aussagen: der Inhalt von Webseiten soll maschinell verarbeitbar werden."

Wo es ums Internet geht, da darf der Perlentaucher nicht fehlen. Sieglinde Geisel war zu Besuch im nicht-glamourösen Berliner Büro und hörte den nicht-glamourösen Thierry Chervel nicht-glamouröse Dinge sagen: "Im Wesentlichen funktionieren wir wie eine Würstchenbude - oder wie die Beatles."

Claude Settele ist der Spam-Seuche auf der Spur, und zeigt deren psychoterrorisierende Wirkung auf: "Der Kampf gegen Spam schürt bei vielen Opfern Aggressionen. Im November 2003 wurde ein kalifornischer Programmierer verhaftet, nachdem er einem Spammer gedroht hatte, ihn ausfindig zu machen, zu erschiessen und zum Abschluss mit Bohrer und Eispickel sein Hirn zu bearbeiten." (Übrigens erfährt man hier auch, woher das Wort Spam höchstwahrscheinlich kommt).

Was UND Wann OR Wo: Gerald Jatzek und Franz Zauner durchforsten das Dickicht der Suchmaschinen und enthüllen einige Tricks der Seitenbauer, die so manch eine erfolglose Suche erklären: "Man kann gleichzeitig unsichtbar und interessant sein. Manche arbeiten einfach die meistgesuchten Begriffe in weißer Schrift auf weißem Grund in ihre Seiten ein. Das blinde Suchprogramm sieht so Stichwörter, die der menschliche Besucher nie zu Gesicht bekommt."

Weitere Artikel: Für Clay Shirky steht fest: Die Printmedien werden in Zukunft auf Spenden angewiesen sein. Harald Willenbrock beschreibt die Webseite parship.de, eine gigantische Liebesmaschine mit fast 535.000 Anschlussstellen - und Romantik. Watching Big Brother: Christian Sywottek stellt Maurice Wessling und die Netzwerk-Bürgerrechts-Organisation BOF vor. Daniel Weber porträtiert den Mann, der Ihr Handy zur Jukebox macht: Jürg Bühler, Chefdirigent bei Infowing. Christoph Drösser sieht der Musikindustrie dabei zu, wie sie auf moderne Probleme mit alten Lösungen reagiert. Andreas Heller fragt sich, warum man in Estland einfach alle bürokratischen Botengänge übers Internet erledigen kann (hier die estnische Regierungsseite auf Englisch), während man in der Schweizer Musterdemokratie per Mausklick nur Hundemarken bestellen kann. Und schließlich stellt Luca Turin den vollkommenen Blumenduft vor: "Beyond Paradise", komponiert von der "großartigen Künstlerin" Calice Becker für Estee Lauder.

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - Folio

In dieser Ausgabe: Alles über Verbrechen und Strafe.

Dass auch in der Gesetzgebung nicht immer alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint, beweist der Potpourri kurioser Gesetze, den mehrere NZZ-Korrespondenten aus aller Welt zusammengestellt haben. Kostprobe gefällig? In Kennesaw im US-Staat Georgia ist es die gesetzliche Pflicht eines jeden Bürgers, sich zu bewaffnen. "Jeder Haushalt des 21 000-Seelen-Ortes, so beschloss der Stadtrat 1982, muss eine funktionstüchtige Schusswaffe samt Patronen griffbereit haben, ausgenommen sind Vorbestrafte, geistig oder körperlich Behinderte und Patienten unter Einfluss von Medikamenten." Außer Obskurem gibt es auch Geistvolles. Im französischen Küstenort Le Lavandou ist Sterben strafbar: "Personen, die auf dem Friedhof über keinen bereits reservierten Grabplatz verfügen und trotzdem in Le Lavandou begraben zu werden wünschen, ist das Sterben untersagt." Doch keine Bange, hier ist das Gesetz schlicht Protest gegen die übergeordnete Verwaltung, die kein weiteres Friedhofsgelände freigibt. Bleibt nur noch die Frage, wie das Sterben geahndet wird. Lebenslänglich, wahrscheinlich.

Weitere Artikel: Markus Hofmann erzählt ausführlich von der Zähmung der Rache, oder wie wir im Laufe der Geschichte das Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" verfeinert haben. Andreas Dietrich berichtet über den skurrilen Fall eines Bankräubers, der für sich ein höheres Strafmaß forderte, als der Staatsanwalt. Viviane Manz erkundet die umstrittene Rolle der Psychiatrie in der Rechtspraxis. Und schließlich stellt Andrea Köhler den Gefängnisarchitekten James Kessler vor, für den die Gefängnisinsassen nicht noch zusätzlich von der Hässlichkeit des Gebäudes gestraft werden sollten.

Last but not least, Luca Turin nimmt es wörtlich mit der Duftnote. Er hüllt Männer in Frauendüfte und es riecht nach Musik: "Doktor Schiwago", Satie, Janacek... Aber niemals lauter als mezzoforte.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - Folio

In dieser Ausgabe dreht sich alles um den schlechten Geschmack. Der Philosoph Konrad Paul Liessman versucht sich an einer Definition des Kitschs und muss feststellen, dass sich die röhrenden Hirsche, die treuherzig blickenden Porzellanpudel, und die blinkenden Madonnenbildchen allesamt seinem Definitionsversuch entziehen. Was also sagen die Großen dieser Welt? "Allen prominenten Verdikten über den Kitsch ist eines gemeinsam: der Vorwurf, dass Kitsch verlogen sei, dass er die Zerrissenheit der Welt mit einem Gefühlsbrei zukleistere und dabei nach standardisierten Formeln verfahre. Diese Kritik setzt zweierlei voraus: dass der Kitsch mit der Kunst konkurriere und dass es der Kunst um die Wahrheit gehen müsse. Fallen diese Voraussetzungen weg, wird es schwierig, die Kritik am Kitsch aufrechtzuerhalten." Doch manchmal wird Kitsch zum Kult. Gibt es also auch Kitsch, der sich nicht zum Kult eignet, sozusagen echten Kitsch? Soviel zur Theorie, vielleicht hilft die Praxis.

Andrea Strässle lehrt uns in zehn anschaulichen Schritten, wie man einen Arztroman schreibt. Aber bitte mit Schmalz: "Ihr Anblick brach ihm fast das Herz. Schüchtern nahm er, der sonst so zupackend war, ihre schmale Hand. Sie zitterte. 'Alles wird gut', sagte er weich. Wie gerne hätte er Julia jetzt in seine Arme geschlossen! Mitleid und brennende Sehnsucht erfüllten ihn."

Weitere Artikel: Karl Lüönd rückt dem wohl größten Klischee-Nest der Welt auf den Leib: der politischen Gesinnung. Lilli Binzegger geht ganz in Rosa. Frank Zauner verliert sich in der gerührten Betrachtung einer Schneekugel. Andreas Dietrich spricht mit der singenden Eiche Heino. Catherine Arbers Herz schlägt für die Madonnenverehrung im portugiesischen Fatima. Mini Cooper, Lassie, die alien-artige Alessi-Zitruspresse, das Hermes-Foulard und die einsame Insel: Kitsch oder Kult? Die Jury entscheidet. Und am bitteren Ende stirbt Winnetou noch einmal für uns.

Außerdem: Luca Turin kennt Parfums, die den Frauen Mut abverlangen. Und zuletzt: Nicht über Monty Pythons "Leben des Brian", sondern über eins der bizarrsten Experimente in der Geschichte der Psychiatrie berichtet Reto U. Schneider. Milton Rokeach führte 1959 drei Männer zusammen, die glaubten, ein und derselbe zu sein, nämlich Gott.

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - Folio

Im NZZ Folio dreht sich heute alles um das Erben: Nigel Barley, Ethnologe und ehemaliger Kustos für Afrika am British Museum (Buch), erzählt, wie das bei anderen Völkern vor sich geht: "Das Volk der Minang in Indonesien hat seine eigenwilligen Erbschaftsregeln zum Fundament einer statistisch recht ausgefallenen Lebensform gemacht. Das ganze Leben der Minang dreht sich um ihre prunkvollen alten Holzhäuser, sogenannte rumah gadang, und die damit verbundenen Reisfelder. Bewegliche Güter können auch durch Männer vererbt werden, doch die Häuser werden nur durch Frauen weitergegeben. Die Männer verbringen ihr Leben als traurige Wanderer zwischen den Welten, als lebenslang Verbannte, die zwar im Haus ihrer Mutter geboren, aber bei Tagesanbruch hinausgeworfen und auf die Koranschule geschickt werden ... Mit etwas Glück haben sie nach einigen Jahren genügend Geld zusammengespart, um ins Haus einer Frau einzuheiraten, aber schon beim ersten Morgenlicht werden sie erbarmungslos in die Männerwelt zurückgetrieben, und wann immer sie eine Nacht dort verbringen wollen, müssen sie die Frauen um Erlaubnis fragen."

Weitere Artikel: Beat Kappeler überlegt, was geschähe, wenn das Erben abgeschafft würde. Daniel Weber unterhält sich mit einem professionellen Erbenermittler. Andreas Heller stellt einen Erben vor: Dieter von Ziegler, der die Leitung der Spinnerei Murg übernahm. Und und und ...

Hingewiesen sei noch auf die Parfüm-Kolumne von Luca Turin, der diesmal die schwierige Genealogie der Düfte beschreibt. "Zum Glück hat dieses Feld in dem ebenso passionierten wie gebildeten Parfumliebhaber Michael Edwards seinen Linne gefunden. Er hat das einzige Klassifikationssystem entwickelt, das tatsächlich funktioniert, und ein hervorragendes Buch dazu verfasst, das unter fragrancesoftheworld erhältlich ist. Wie es funktioniert? Nehmen wir an, Ihre Mutter hatte sich in ihrer unendlichen Klugheit 1981 für K von Krizia entschieden. Sie schauen im Inhaltsverzeichnis nach und stellen fest, dass es zur Gruppe der "weichen blumigen" Düfte gehört, deren Urduft Chanel No 5 ist. Sobald Sie auf dieser Seite gelandet sind, sehen Sie, dass es in die Spalte der "prickelnden" Düfte gehört, einer von vier Kategorien von "frisch" bis "schwer". Jede von ihnen listet Dutzende von Parfums mit dem Datum ihrer Kreation auf. Nachdem Sie diese studiert haben, pilgern Sie voller Zuversicht in Ihre Parfumerie und verlangen Royalissime von Prince Henri d'Orleans, um am Ende zögernd das (weit überlegene) White Linen zu wählen.

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - Folio

"Im Büro" heißt das neue Themenheft von Folio. Interaktive Bürosessel, kommunikative Jacken und der nicht diskutierte Verlust der Büromaterialien der zerstörten WTC-Büros haben den Kulturwissenschaftler Thomas Macho veranlasst, über die Bedeutung des Büros nachzudenken: "Heute muss sich Macht immer weniger in einem Ort konzentrieren. Die neuesten Bürogebäude sind darum vielfach Kulissen, die erfolgreich verschleiern, dass wir längst zu Büros auf zwei Beinen konvertiert sind. Wir sitzen in Home-Offices, die auch in Schlafzimmern oder Küchen eingerichtet werden können; wir verwenden Laptops und Handys mit Internetanschlüssen. E-Mails und Attachments erlauben uns, selbst den Urlaubsort auf einer fernen Insel rasch in einen Arbeitsplatz zu verwandeln; Arbeitszeit und Freizeit verschmelzen nahezu unmerklich immer mehr."

Weitere Artikel zum Thema: "Mausarme", Sehnenscheidenentzündung wegen Denkerpose vorm Computer, abnehmende Qualität der Spermien - oft ist das schlechte Arbeitsklima und nicht die Bürostühle an den vielfältigen Büroleiden schuld, meint Viviane Manz. Marc Schürmann klärt auf, wie viele Meter Angestellte in Büros auseinander sitzen sollten, um die optimale Kommunikation zu erzielen: bis zu 10 Metern. Und das ideale Bürogebäude hat ein "Atrium in seiner Mitte".
Stichwörter: Macho, Thomas, Spermien