Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 31

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Eurozine

Schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten im Westen "die Alarmglocken schrillen" müssen, meint der Politikwissenschaftler Martin Malek. Denn schon zu Beginn der neunziger Jahre wurden Stimmen nach der "Wiederherstellung der Sowjetunion oder eines 'Russischen Reiches' aus verschiedenen Bereichen laut, darunter kommunistischen und nationalistischen Parteien, Bewegungen und Politikern". Unter ihnen zum Beispiel der nationalistische Politiker Sergej Nikolajevich Baburin: "Am 12. Dezember 1991 war Baburin einer von sieben Abgeordneten, die im Obersten Sowjet Russlands gegen die Ratifizierung der Belowescha-Abkommen stimmten (188 Abgeordnete waren dafür). Später war er zweimal Mitglied der Staatsduma, von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007. Baburin befürwortete die Gründung einer 'Russischen Union' (Rossijski Sojus) auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR und betonte, dass er und seine Partei, die 'Russische Volksunion', die Rechtmäßigkeit der Auflösung der UdSSR durch die Belowescha-Abkommen leugneten. Das Hauptziel der 'Russischen Volksunion' war eine 'energische Bewegung zur Wiederherstellung eines neuen einheitlichen Staates auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR'. Laut Baburin ging es 1996 in einem Zeitungsartikel um die 'schrittweise Bildung einer föderalen Union, der Russischen Union'. In einem 1997 erschienenen Buch schrieb er: 'Die Einheit der Kultur und vor allem die Existenz der russischen Sprache bleiben die wichtigste Voraussetzung für die Wiederherstellung der Einheit des Volkes' innerhalb der Grenzen der ehemaligen UdSSR."
Stichwörter: Russland, Udssr, Malek, Martin

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Eurozine

In einem philosophisch-literarischen Artikel zeichnet der türkische Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan nach, wie der Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges 1975 zum Auftakt für die "arabische Apokalypse" wurde, die den Nahen Osten nachhaltig destabilisierte. Er arbeitet heraus, wie die spezifische Gewalt urbaner Milizen zum prägenden Element eines Generationen überdauernden Konfliktes wurde: "Der libanesische Bürgerkrieg begann als Konflikt zwischen den Gemeinschaften, entwickelte sich aber auch zu einem innergemeinschaftlichen Konflikt, da die alten sunnitischen, schiitischen und maronitischen Eliten von jüngeren Generationen in ihren eigenen Gemeinschaften physisch eliminiert oder politisch marginalisiert wurden. Der Bruderkrieg wurde so zum Vaterkrieg.(...) Im Gegensatz zu den asiatischen und lateinamerikanischen Guerillakriegen der 1950er und 1960er Jahre, die die Vorstellungswelt arabischer Linker beherrscht hatten, war dies ein Krieg, der von Milizen in der Stadt geführt wurde. Es war ein 'urbanizidaler' Konflikt, da er die Lebensweise und die Transformation der Stadt zerstörte. Wie Élizabeth Picard gezeigt hat, ist Milizengewalt sowohl Ursache als auch Folge der Aufteilung des städtischen Gefüges in territoriale Enklaven. Kämpfer, vereint durch eine organische Sozialisation, entwickeln ein spezifisches Ethos, das sie von Verantwortung entbindet. Sie nutzen eine Generationendynamik, um hierarchische, wirtschaftliche oder soziale Beziehungen aufzubrechen und sich der finanziellen Ressourcen und Gewaltmittel eines bestimmten Viertels zu bemächtigen. Der 'alten Garde' - den ehemaligen Eliten und der städtischen Mittelschicht - fehlen die Ressourcen, um diese Form des Krieges zu verhindern, geschweige denn, politische Antworten auf die Gewalt zu finden, der sie von ihren 'Kindern' ausgesetzt sind."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Eurozine

Der syrische Schriftsteller, Journalist und Dissident Yassin al-Haj Saleh saß als kommunistischer Assad-Kritiker 16 Jahre im Gefängnis, von 1980 bis 1996, 2015 floh er aus Syrien. Seine Frau, die Menschenrechtsaktivistin Samira Khalil war 2013 von Islamisten im befreiten Houms entführt worden und wird immer noch vermisst. Ob er jetzt nach Syrien zurück will? Saleh weiß es nicht: Die jetzt herrschenden Islamisten von Al-Sharaa wollen "keine islamistische Regierung durchsetzen, aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass sich das Land auf dem Weg zur Demokratie befindet", warnt er im Interview mit Esprit, das Eurozine ins Englische übersetzt hat. "Stattdessen verfolgt der HTS-Führer eine 'Politik der Honoratioren': Die Politik wird von bekannten, wohlhabenden Männern, Stammesführern und Gemeindeleitern vertreten. Anstatt die syrische Zivilgesellschaft zu entwickeln, ist die Politik der Honoratioren eine Form des Konservatismus, die traditionelle Strukturen reproduziert und verstärkt." Deshalb wird es auch keine Gerechtigkeit für die Verfolgten und ihre Angehörigen geben, glaubt er. "Die derzeitige Regierung befürchtet, dass sich ein globales System der Übergangsjustiz gegen ihre Mitglieder wenden wird, weil auch sie Verbrechen begangen haben. Die Übergangsjustiz wird, wenn sie überhaupt von der HTS unterstützt wird, nur für die Verbrechen des Assad-Regimes reserviert sein. Das sind sicherlich die meisten Verbrechen. Aber meine Frau, mein Bruder und mein Freund zum Beispiel wurden nicht vom Regime entführt. ... Darüber wird es einen Kampf geben. Und das wird der Maßstab sein, an dem der Übergang in Syrien gemessen werden wird."
Stichwörter: Syrien, Saleh, Yassin al Haj

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - Eurozine

Serbien ist aufgewacht! Tomislav Marković blickt zurück auf sechs Monate, in denen serbische Studenten gegen das autoritäre Regime von Aleksandar Vučić protestierten. Auslöser war der Einsturz des Vordachs des Bahnhofs von Novi Sad, bei dem sechzehn Menschen starben. Schnell wurden Korruptionsvorwürfe laut. Die Studentenbewegung "entwickelte sich zur treibenden Kraft des zivilen Aufstands, einer Macht, die die serbische Gesellschaft aus ihrer langen Erstarrung riss" - und deren Kampf nun endlich von Erfolg gekrönt wird. Mittlerweile stimmen achtzig Prozent der serbischen Bürger den Forderungen der Studenten zu und auch das europäische Parlament unterstützt die Anliegen der Protestbewegung. Das liegt vor allem an einer klugen Strategie, erklärt Marković: "Ein autokratisches Herrschaftssystem kann am wirksamsten untergraben werden, indem man den Autokraten ignoriert und die Rückkehr zur Legalität fordert. Die Forderungen der Studenten richteten sich von Anfang an an die zuständigen staatlichen Institutionen, nicht an den Präsidenten selbst. Sie stellten vier Hauptforderungen: die Veröffentlichung der vollständigen Dokumentation über den Wiederaufbau des Bahnhofs von Novi Sad, die Einstellung der Anklagen gegen die bei den Protesten festgenommenen Personen, die strafrechtliche Verfolgung der Personen, die Studenten und Dozenten bei den Blockaden tätlich angegriffen haben, und die Erhöhung der Mittel für die öffentlichen Hochschulen um 20 Prozent." Der Präsident reagierte auf die Forderungen mit den gewohnten Mitteln, erinnert Marković: Einschüchterung, Bestechungsversuche, Drohungen. Aber nichts half, im Gegenteil entlarvte er sich selbst als inkompetent und seinen Staat als dysfunktional - das habe die "die unanfechtbare Autorität untergraben, die Vučić einst durchgesetzt hatte".

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Eurozine

Anfang April starb die ukrainische Künstlerin und Soldatin Marharyta Polovinko bei einem Fronteinsatz (siehe dazu auch Monopol). Dmytro Chepurnyi, Kurator und ebenfalls im ukrainischen Militär, nimmt dies zum Anlass für einen melancholischen Blick auf Kulturschaffende im Krieg. "Wie die Arbeiten anderer ukrainische Künstler wandelte sich auch Polovinkos Kunst im Jahr 2022. Sie malte fortan wie unter Zwang. Ihre Materialen wurden symbolisch: Zeichnungen, die sie mit Stiften anfertigte, die kaum noch Tinte hatten, und sogar mit Blut, um den rohen, ungefilterten Schmerz ihrer Generation zum Ausdruck zu bringen. 'Die Kunst kam zu mir, wo es ohne sie am unerträglichsten gewesen wäre', sagte sie 2023 in einem Interview. Aber sie räumte auch ein, dass ihre im Krieg entstandenen Zeichnungen sich unteilbar anfühlten: 'Das ist Blut, das ist Schmerz, das ist Leid. Es ist ein Material, das keinen Ort hat. Ich will nicht, dass es existiert.' ... Meine Generation der Kulturarbeiter wird durch den Verlust neu geformt. Wie jene, die der sowjetischen Unterdrückungen widerstanden und mit ihrem Leben dafür bezahlten, dass sie auf  Ukrainisch schrieben oder die nationale Idee weitertrugen, lernen wir gerade, unseren Trotz und unseren Willen in die Geschichte einzuschreiben. Dieser Krieg formt uns - das hartes Leiden, das an sich schon unauslöschliche Spuren hinterlässt, verwandelt sich in die Dringlichkeit, zu sprechen und zu erinnern. ... Wir lernen, uns zu erinnern, Widerstand zu leisten und in einer Sprache zu sprechen, die sowohl das Gewicht der Vergangenheit als auch die Dringlichkeit der Gegenwart trägt."

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Riabchuk beugt sich über die Ungeheuerlichkeiten, die Trump in Richtung Ukraine geäußert hat. Teil davon ist ein Vertrag, der Präsident Selensky vorgelegt wurde und den der Daily Telegraph als "ein neues Versailles" bezeichnete: "Der US-Vertrag scheint eher von privaten Anwälten als vom US-Außen- oder Handelsministerium geschrieben worden zu sein. Dem durchgesickerten Dokument zufolge verlangt es von der Ukraine eine 'Rückzahlung' in Höhe von 500 Milliarden Dollar, die weit über die US-Kontrolle über die kritischen Mineralien des Landes hinausgeht und Häfen, Infrastruktur, Öl- und Gasvorkommen und andere Ressourcen abdeckt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, 500 Milliarden Dollar zu zahlen, aber es gibt ein noch entmutigenderes Problem, das im Vertrag nicht angesprochen wird: Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Selenski kündigte das Abkommen trotz des starken, an Erpressung grenzenden Drucks der USA." Trumps Zahlen, zeigt Riabchuk, sind völlig imaginär, so belief sich die tatsächlich geleistete US-Hilfe "laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis Dezember 2024 auf insgesamt 114,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 132,3 Milliarden Dollar, die von den europäischen Ländern bereitgestellt wurden. Zwar übersteigt die US-Hilfe in Bezug auf militärische, finanzielle und humanitäre Zuweisungen tatsächlich die aller anderen Länder, aber diese Zuweisungen machen nur 0,5 Prozent des amerikanischen BIP aus, während eine Reihe europäischer Länder bis zu zwei Prozent ihres BIP für die Hilfe für die Ukraine bereitstellen."

Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka mit Blick auf den Ukrainekrieg. "Es kann der Eindruck entstehen, dass Europa sich als ein großer sicherer Raum versteht, in dem man nur auf gleichgesinnte Liberale oder zumindest auf respektvolle Gegner trifft, die danach streben, eine gemeinsame Basis und schließlich einen Konsens zu finden. In diesem Bild der gesellschaftlichen Realität werden nicht nur Politik und Geschichte obsolet, sondern auch die Bedeutung der Freiheit verändert sich unweigerlich - sie wird von der Verantwortung entkoppelt. Freiheit wird zum reinen Negativum - fass mich nicht an, misch dich nicht ein, halt dich fern von mir, ich verfolge meine eigenen Interessen, und niemand kann mir etwas vorschreiben. In Litauen und vielen anderen europäischen Ländern ist es immer noch sehr schwierig, über die Wehrpflicht zu sprechen - die Menschen glauben, dass sich in Krisenzeiten jemand anderes für ihr Heimatland opfern wird. Warum sollte ich das sein? Wie kann sich der Staat das Recht anmaßen, mich aus meinem Leben zu nehmen und 'meine Karriere zu ruinieren'? Das Vorherrschen dieser egozentrischen Weltsicht bestätigt, dass wir den Sinn für positive Freiheit verlieren - nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu etwas Sinnvollem, zur Sorge um unsere gemeinsame Welt, zum verantwortungsvollen Handeln, zum Aufbau und zur kreativen Gestaltung unserer Zukunft. Ich behaupte, dass dies das Geschenk der Ukraine an uns alle ist: eine einmalige Chance, wieder zu historischen und verantwortlichen Akteuren zu werden, anstatt passive und ängstliche Zuschauer oder noch schlimmer: gleichgültige Konsumenten zu bleiben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf die moralische und politische Philosophie von zwei bahnbrechenden Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukommen: Hannah Arendt und Jan Patočka ..."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - Eurozine

Ein Moment von Trumps Amtseinführung überschattete alle anderen: der "römische Gruß" Elon Musks. Doch, so betont der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha, es gibt auch andere Szenen, die sich während der Parade in der Capital One Area abspielten, die durchaus Aufmerksamkeit verdienten. Auch wenn Trump offensichtlich daran scheiterte, den großen imperialen Machtdemonstrationen eines Putin oder Xi Yinpin nachzueifern, denn das Spektakel hatte in weiten Teilen eher den Charakter eines "Zirkus", wie Akinscha bemerkt, gab es einen Moment, der dem Historiker durchaus Gänsehaut bereitete: "Nachdem Trump theatralisch eine Reihe von Executive Orders unterzeichnet hatte, begann er, Sharpie-Marker ins Publikum zu werfen und beobachtete mit unverhohlener Freude, wie seine Anhänger sich um die Präsidenten-Souvenirs stritten. Diese Filzstifte wurden speziell für die Unterzeichnung von Dokumenten hergestellt und mit Trumps Unterschrift in Gold verziert. Sie sind zu einem Symbol seiner überlebensgroßen Persönlichkeit geworden. Der Präsident muss seine Unterschrift offensichtlich aus der Ferne sichtbar machen und kann sich nicht auf Montblanc-Füllfederhalter verlassen, das bevorzugte Utensil der meisten Staatsoberhäupter. In diesem Moment benahm sich der demokratisch gewählte Führer des mächtigsten Landes der Welt wie ein römischer Kaiser. Im alten Rom nahm die Tradition des Congiarium - das Werfen von Münzen ins Publikum - verschiedene Formen an. Der Historiker Cassius Dio schrieb, dass 'Nero kleine Bälle in die Menge warf, von denen jeder eine entsprechende Inschrift trug, und die Gegenstände, die auf den Bällen verlangt wurden, denen überreicht wurden, die sie ergriffen hatten'. Der Kaiserbiograf Suetonius beschrieb, wie Caligula 'mehrere Tage hintereinander große Geldsummen vom Dach der Basilika Julia unter den Bürgern verstreute'. Kaiser Elagabal - ein weiterer berüchtigter Dekadenter, der als Erfinder der Orgien mit Rosenblättern in Erinnerung geblieben ist - war dafür bekannt, Gold- und Silberstücke in die Menge zu werfen."

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - Eurozine

Das Buchangebot wird sich immer ähnlicher und damit langweiliger, klagt der Verleger John Merrick. Schuld ist die Konzentration im Verlagswesen: "Wie Richard Snyder, der damalige CEO von Simon & Schuster, 1991 unheilvoll sagte: 'Wir sind keine Verleger, wir sind jetzt Schöpfer von Verwertungsrechten in jedem Medium oder Vertriebssystem'", so Merrick, der diesen Trend in Dan Sinykins "aufschlussreichem Buch 'Big Fiction: How Conglomerates Changed the Publishing Industry and American Literature'" gut zusammengefasst findet. "In den Redaktionssitzungen, in denen entschieden wird, was veröffentlicht wird und warum, hat sich die Dominanz des 'vergleichbaren Titels' (comparable title) am nachhaltigsten ausgewirkt. Comps, wie sie genannt werden, sind das System, bei dem neu erworbene Titel anhand der Verkaufszahlen älterer, ähnlicher Bücher beurteilt werden. Obwohl es sich hierbei um eine seit langem bestehende Praxis handelt, haben sie erst mit der Einführung von BookScan im Jahr 2001 und der damit verbundenen Verfügbarkeit genauer branchenweiter Verkaufszahlen eine neue Art von Dominanz erlangt. Wenn ein Verleger heute ein Buch erwerben will, muss er eine Liste mit Vergleichswerken erstellen, deren Verkaufszahlen hoch genug sind, um ein Buch kostendeckend zu machen. Das Buch wird dann von den Marketing-, Werbe- und Vertriebsabteilungen unter die Lupe genommen, wobei die Fähigkeit des Autors, über sein Werk im Fernsehen oder in Podcasts zu sprechen, bewertet wird, seine Anhängerschaft in den sozialen Medien eingeschätzt und die Chancen auf eine Rezension beurteilt werden. Diese Situation hat sich durch die Veränderungen außerhalb der Verlagshäuser stark beschleunigt."
Stichwörter: Buchbranche, Verlagswesen

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - Eurozine

Nach dem Sieg Trumps schauen alle mit bangem Blick Richtung Ukraine: in vierundzwanzig Stunden könne er den Krieg beenden, schwadronierte der neue alte Präsident - doch was bedeutet das für die Ukrainer und Ukrainerinnen? Die Ökonomin Cassia Scott-Jones spielt verschiedene Szenarien durch. Das sechsmonatige Aussetzen der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine, die erst im April 2024 endete, hatte schwerwiegende Folgen für die ukrainische Wirtschaft und das Kriegsgeschehen, erinnert Scott-Jones, während dieser Zeit konnten nur 46 Prozent der russischen Raketen abgefangen werden, davor etwa 75 Prozent. Das gibt eine Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn Trump die Hilfen aufs Neue drosseln oder ganz aussetzen würde. Gleichzeitig, meint Scott-Jones, "basierte Trumps Narrativ immer auf der Behauptung, Russland hätte es unter seiner Aufsicht nicht gewagt, in die Ukraine einzumarschieren." Die Ökonomin hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass Trump die Ukraine gänzlich fallen lassen wird: "Die jüngsten Entwicklungen im diplomatischen Bereich deuten ebenfalls darauf hin, dass Trump zumindest bereit ist, den Dialog mit der Ukraine fortzusetzen. Im Juli führten Trump und Selenskyy ein Telefongespräch, das beide Parteien als konstruktiv bezeichneten. Wenn es Trump nicht gelingt, die russischen Vorstöße einzudämmen, würde dies letztlich Trumps Argument der stärkeren Abschreckung unter seiner Führung untergraben. Die Hilfe könnte zu schlechteren Bedingungen kommen, und es könnte durchaus weniger davon geben, aber seine frühere Flexibilität deutet darauf hin, dass Trumps Position sich ändern könnte, wenn es darum geht, das politische Narrativ der USA als starke, dominante Macht in der Welt aufrechtzuerhalten."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Eurozine

Der Politologe Jean-Claude Monod versucht sich an einer umfassenden Analyse der Medienlandschaft in Frankreich. Radikalisierung im Netz, Fake News, Meinungs-"Bubbles", die sich immer aufs Neue selbst bestätigen, scheinen die Utopie der "digitalen Demokratie" in eine Dystopie verwandelt zu haben: "Ist dies das Ende der demokratischen Öffentlichkeit, die in radikal verfeindete 'Lager' zersplittert ist, die keine gemeinsame Sprache mehr sprechen?" Ganz so düster würde Monod es nicht sehen, denn immerhin wachsen mit den Desinformationsstrategien, mit denen beispielsweise rechte Populisten ihre Propaganda im Netz verbreiten, auch die Mittel zur ihrer Bekämpfung. Hier "war der jüngste Wahlkampf in Frankreich ein Beweis für die Mehrdeutigkeit und Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten des Internets. Die Popularität eines entpolitisierten Jordan Bardella auf TikTok wird durch die Online-Aufdeckung von offenem Rassismus und Homophobie in Tweets, Posts und anderen halböffentlichen Äußerungen mehrerer RN-Kandidaten ausgeglichen. Die Nachrichtenseiten Blast und Mediapart sowie Untersuchungen von Libération haben akribisch offengelegt, was der RN in seinem Versuch, respektabel zu werden und jüngere Wähler anzusprechen, zu verbergen versucht hat: den anhaltenden Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit, die der Identität von Le Pens Partei zugrunde liegen." Monod sieht in der zunehmenden Radikalisierung aber auch ein politisches Zeichen: die Ära des Neoliberalismus müsse zu ihrem Ende kommen, um den Rechtspopulismus aufzuhalten.