Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 31

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - Eurozine

Woher kommt die Russland-Liebe der Italiener? Eine IPSOS-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt, "dass die Unterstützung für die Ukraine in Italien in den letzten dreieinhalb Jahren stark zurückgegangen ist, von 57 Prozent im Jahr 2022 auf 32 Prozent im Jahr 2025", berichtet Aleksej Tilman. Eine aktuelle SWG-Umfrage zeige außerdem, "dass 41 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass Italien aufhören sollte, Waffen an die Ukraine zu schicken. Unterdessen erklärten elf Prozent der Befragten ihre Unterstützung für Russland." Der unkritische Blick der Italiener auf Russland ist einerseits historisch bedingt, immerhin war die PCI, die kommunistische Partei Italiens, einst die größte kommunistische Partei Westeuropas, erklärt Tilman. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ging die italienische Unterstützung für Russland in der Bevölkerung zwar stark zurück, doch blieb eine kleine politische Minderheit, die sich mit der Zeit wieder Gehör verschaffte: "Die offene Unterstützung für Russland nahm erheblich ab und blieb größtenteils auf die äußerste Linke und die äußerste Rechte des politischen Spektrums beschränkt. Dies zeigte sich deutlich an einer Vielzahl kleiner politischer Bewegungen, Medienunternehmen und Kulturorganisationen, die allgemein als 'Rossobruni' (ein Kunstwort aus Rot, das den Kommunismus repräsentiert, und Braun wie die Braunhemden, die erste paramilitärische Gruppe der Nazis) bezeichnet wurden. Eine dieser Gruppen ist dafür verantwortlich, dass im Jahr 2024 in italienischen Städten Hunderte von pro-russischen Werbetafeln aufgehängt werden. Gleichzeitig kam es in den ersten Tagen der Invasion zu einer Welle 'pazifistischer' Proteste, die Menschen unter dem Motto 'weder Russland noch die NATO' zusammenbrachten. Anders als die Antikriegsbewegung von 2003, die den amerikanischen Imperialismus im Irak eindeutig verurteilte, haben diese Proteste Russland selten für seine Aggression angeprangert, sondern stattdessen eine neutrale Haltung eingenommen. Wie sich dieser allgemeine Friedensruf in einen gerechten Frieden für die Ukraine umsetzt, bleibt unklar."
Stichwörter: Italien, Russland, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 25.11.2025 - Eurozine

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Im Interview mit der ehemaligen Kriegsberichterstatterin Mirjana Tomić, unterhalten sich die russischen Investigativjournalisten Andrei Soldatov und Irina Borogan, die beide von russischen Behörden zu "ausländischen Agenten" erklärt wurden, über ihr neues Buch "Our Dear Friends in Moscow: The Inside Story of a Broken Generation". Sie beschäftigen sich darin mit einigen ihrer ehemaligen Kollegen, mit denen es vor allem während der Proteste in Moskau im Jahr 2011 wegen der mutmaßlichen Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen zum Bruch kam, wie Soldatov erklärt: "Um wen geht es also? Die meisten von uns lernten sich in der politischen Redaktion der Iswestija kennen. Da war zum Beispiel Petya Akopov, ein sehr intelligenter Mann, er war ein Freigeist, der sich stets für ungewöhnliche Dinge begeisterte. Er sammelte beispielsweise nordkoreanische Briefmarken und besaß eine riesige Bibliothek, die hauptsächlich Bücher über Nordkorea und China enthielt - er kannte sich in diesen Ländern bestens aus (...) Doch unsere Trennung verlief dramatisch. Ich würde sagen, der Moment, in dem wir begriffen, dass wir nicht mehr miteinander reden konnten, war während der Moskauer Proteste, als Akopov eine Liste von 'Volksfeinden' veröffentlichte. Uns allen war 2011 klar: Wer auf so einer Liste steht, hat ein Problem. Es gab bereits eine Liste von Journalisten, die in Russland angegriffen und getötet worden waren. Sie war 2011 schon recht lang, und Akopov setzte unsere Namen darauf. Ja, er hat sie geschrieben und weiterverbreitet. Mit unseren Namen darauf. Es war eine so persönliche Sache geworden, dass wir dachten, es sei unmöglich, darüber zu sprechen. Aber für das Buch haben wir den Kontakt zu den meisten dieser Menschen wiederhergestellt. Akopov war bereit, stundenlang mit uns zu sprechen. Das Buch ist das Ergebnis dieser Gespräche, unserer Erinnerungen und unserer Erkenntnisse über die 25 Jahre, die Russland durchgemacht hat."

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - Eurozine

In einem ausführlichen und sehr lesenswerten Interview unterhält sich Misha Glenny, Rektor des Imperial War Museum, mit dem Historiker Gary Gerstle über die USA, ihre Geschichte und natürlich über Donald Trump. Gerstle argumentiert, dass für dessen Siegeszug der wirtschaftliche Niedergang der Arbeiterklasse mitverantwortlich ist: "Diese verlor nicht nur ihre rassistische Vorherrschaft, sondern auch ihre Arbeitsplätze. Trump versteht, dass der Wohlstand der Arbeiterklasse in den 1950er und 1960er Jahren auf der Industrie und den damit verbundenen Einkommen beruhte." Diese erodierten - bedingt durch den Neoliberalismus, so Gerstle, peu a peu, und in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts dann "erlebten junge und mittelalte weiße Männer in Amerika eine demografische Umkehrung, die bis dahin nirgendwo sonst in der nordatlantischen Welt stattgefunden hatte, außer in Kriegszeiten: Ihre Sterblichkeitsrate stieg sprunghaft an. ... Warum? Alkoholismus, Drogen, Selbstmord. Was einige Ökonomen als 'Todesfälle aus Verzweiflung' bezeichnet haben. Die Familien und Freunde dieser verstorbenen Männer gehörten zu den leidenschaftlichsten Anhängern von Trump." In einer Rede, die Trump 2016 vor Stahlarbeitern im Westen Pennsylvanias hielt, stellt Gerstle Erstaunliches fest: "Wenn man nicht wüsste, wer die Rede hält, könnte man nicht sagen, ob es Donald Trump oder Bernie Sanders ist. Trump und Sanders waren sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich: Sie gaben einem Teil Amerikas eine Stimme, der seine Chancen verloren hatte und sich dessen bewusst war. Viele von Trumps Anhängern hatten zudem das Gefühl, dass ihre Chancen durch die Kampagnen für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Minderheiten, die Obama ins Weiße Haus gebracht hatten, geschmälert worden waren. All das geschieht gleichzeitig. Und genau das macht Trumps Wahlkampf - der meiner Meinung nach in seinem Wirtschaftsprogramm durchaus berechtigte Elemente enthält - so vergiftet und schädlich. Das Gefühl, dass Weiße das Nachsehen haben, weil People of Color profitieren."

Magazinrundschau vom 04.11.2025 - Eurozine

"Seit 2022 hat Russland mehr als 1.550 Kulturdenkmäler und 2.380 kulturelle Einrichtungen, darunter Bibliotheken, Museen und Theater, in der gesamten Ukraine beschädigt oder zerstört", ruft Yegor Mostovshikov in Erinnerung. Und so geht es weiter: "Die russischen Behörden rekonstruieren zerstörte Museen und integrieren sie in die umfassendere Russifizierungsstrategie. In den ersten Kriegstagen in Mariupol entführten und folterten Russen Museumsmitarbeiter, bis einige von ihnen kollaborierten. Heute haben die Behörden für die meisten Museen der Region neue Direktoren ernannt, die seither Partnerschaften mit verschiedenen Institutionen in ganz Russland geschlossen, an russischen Veranstaltungen teilgenommen, russische Auszeichnungen erhalten und im staatlichen Fernsehen gesprochen haben. Das zerstörte Heimatmuseum beispielsweise wurde wiederaufgebaut und beherbergt nun Exponate der russischen Nationalgarde. In den ersten anderthalb Jahren der Besatzung hatten die Behörden bereits mehr als 50 Ausstellungen in den besetzten Gebieten realisiert. Der Staat hat in den besetzten Gebieten auch neue Museen eingerichtet, die den russischen Kosaken, russischen Ikonen, den sowjetischen Donbass-Bergleuten und dem Widerstand im Zweiten Weltkrieg gewidmet sind."
Stichwörter: Ukrainekrieg, Russifizierung

Magazinrundschau vom 07.10.2025 - Eurozine

Wokeness hat eindeutig Vorzüge, wenn es darum geht, "ethnischen Minderheiten den Zugang zur Literatur zu erleichtern, Plattformen für LGBTQIA+-Aktivitäten zu sichern und bestimmte andere unterrepräsentierte Gruppen zu erreichen", meint der walisische Ökonom und Autor Simon Brooks in einem Essay für die Zeitschrift O'r Pedwar Gwynt, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Ein Problem gibt es allerdings für Minderheiten, die andere Minderheiten beherbergen, wie zum Beispiel die walisische Kultur, die oft als weißer Kolonisator mit den Engländern in einem Topf landet, obwohl sie selbst in der britischen Gesellschaft eine Minderheit ist. Die Iren haben das irgendwie besser hingekriegt, meint Brooks: "Vielleicht sollte sich der Kunstsektor in Wales fragen, warum derzeit die irischsprachige Kultur weltweit Beachtung findet und nicht die walisischsprachige Kultur. Die Band Kneecap hat mit ihren republikanischen Anti-Establishment-Botschaften auf Irisch unglaublichen Erfolg gehabt ... Eines der Ziele von Kneecap ist es, Kulturpolitik aus einer irischsprachigen statt aus einer anglophonen Perspektive zu interpretieren. Kneecap vergleicht irischsprachige Menschen mit denen, die unter 'Imperialismus und Kolonialismus' gelitten haben, und zieht direkte Parallelen zwischen irischsprachigen Menschen und den Ureinwohnern Amerikas und Australiens. In Wales wäre es unmöglich, dass eine solche Band Erfolg hätte. Sie würde 'gecancelt' werden, weil sie andeutet, dass Wales kolonisiert worden sein könnte, und der Vergleich mit den Ureinwohnern würde zu Vorwürfen der kulturellen Aneignung führen. ... Es ist auch möglich, dass die negative Haltung der Woke-Bewegung gegenüber der walisischen Diaspora (Fremdenfeindlichkeit, die ich als Londoner Waliser, der in einer walisischsprachigen Familie außerhalb von Wales aufgewachsen ist, selbst erlebt habe) darauf zurückzuführen ist, dass diese Diaspora als eine Art ethnische Minderheit angesehen werden könnte, die nicht auf der Rasse basiert. Nicht alle Minderheiten konnten von der Woke-Bewegung profitieren, und tatsächlich hat sich die Situation einiger Minderheitengruppen durch die anglophone Woke-Ideologie verschlechtert."

Magazinrundschau vom 15.09.2025 - Eurozine

Der polnische Kriegsberichterstatter Marcin Ogdowski mahnt im Gespräch mit Michal Sutowski von der polnischen Zeitschrift Krytyka Polityczna, angesichts des Eindringens russischer Drohnen in den polnischen Luftraum nicht gleich in Panik auszubrechen. Eine persönliche Gefahr für polnische Bürger bestehe bisher nicht. Dennoch müsse die polnische Regierung Sicherheitsmaßnahmen ergreifen: "Wir müssen noch etwas lernen. In der Ukraine werden Informationen über russische Raketen oder Drohnen in der Luft über elektronische Geräte an die Zivilbevölkerung weitergeleitet. Am häufigsten werden Apps verwendet, die die Menschen über ihr Smartphone warnen, wenn sich etwas nähert. Wir befinden uns nicht im Krieg, daher haben wir dieses System nicht. Aber vielleicht ist es an der Zeit, solche Lösungen einzuführen, damit die Bevölkerung in Echtzeit über Bedrohungen informiert wird. ... Die beste Vorgehensweise, auch nach dem heutigen Angriff, ist es, die Ukraine stärker zu unterstützen. Dort wird die russische Kriegsmaschinerie zermürbt. Polen sollte sich auch mit Hilfe der alliierten Streitkräfte um den Aufbau eines robusteren Luftabwehrsystems kümmern. Dieser Schutzschild, obwohl hier stationiert, sollte auch die Westukraine abdecken. Einfach gesagt: Wir sollten russische Drohnen und Raketen abschießen, bevor sie in den polnischen Luftraum eindringen."

Pioneer F/G Plaque: Pioneer 10 the first spacecraft to leave our solar system carries a message to other worlds. The plaque was designed by Drs. Carl Sagan and Frank Drake, the artwork was prepared by Linda Salzman Sagan. Image from NASA Ames Research Centre via Wikimedia Commons

Jess Thomson berichtet im New Humanist über die ungleiche Repräsentation der Geschlechter bei der US Raumfahrtbehörde NASA. Besonders geht er auf einen Fall in den 1970er Jahren ein, wo entschieden wurde, unter anderem eine Abbildung eines nackten Mannes und einer nackten Frau mit der Pioneer-Raumsonde ins Weltall zu schicken, für den Fall, dass die Raumsonde von außerirdischen Leben entdeckt werde. Die Nacktheit löste einigen Protest aus. "Die Ironie dabei war, dass diese Nacktbilder bereits einem Zensurprozess unterzogen worden waren, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Während die männliche Figur auf der Pioneer-Plakette anatomisch korrekt ist und einen normal aussehenden Penis zwischen den Beinen hat, fehlt der weiblichen Figur etwas Kleines, aber Entscheidendes. Konkret hat die weibliche Figur keine Schamspalte - mit anderen Worten, keine 'Öffnung' an der Vorderseite der Vulva, wo sich die großen Schamlippen trennen. (…) Es mag nicht weiter schlimm erscheinen, dieses kleine Detail auf der Pioneer-Plakette zensiert zu haben, aber es gab einen guten Grund, warum alle Designentscheidungen lange und sorgfältig abgewogen wurden. Für unseren hypothetischen Außerirdischen, der das Bild ohne Kontext betrachtet, erhöht jede Auslassung die Wahrscheinlichkeit falscher Schlussfolgerungen. Die männliche und weibliche Figur wurden ansonsten sorgfältig entworfen, um die Grundlagen der menschlichen Biologie klar und genau zu vermitteln."
Stichwörter: Nasa, Außerirdische, Polen, Russland, Nato

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - Eurozine

Im Februar 2025 "jährte sich zum dritten Mal der Beginn der massenhaften Deportation ukrainischer Kinder durch Russland", erinnert die Historikerin Julia Skubytska. Dafür stütze sich Russland auf ein Netz aus Sommercamps und Kindereinrichtungen, das noch aus der Zeit der UdSSR stamme. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine werben Besatzungsbehörden in besetzten und militärisch kontrollierten Gebieten der Ukraine für diese Sommercamps mit der Botschaft, dass die Kinder dort sicher vor dem Kriegsgeschehen wären. "Was ukrainische Kinder jedoch in diesen russischen Sommercamps erleben, hat nichts mit Sicherheit zu tun. Die Kinder werden in Camps geschickt, die oft über heruntergekommene Einrichtungen verfügen und sich in der gesamten Russischen Föderation und in Teilen der Ukraine befinden, die derzeit von Russland besetzt sind. (…) Die Besatzungsbehörden üben oft Druck auf die Eltern aus, Dokumente zu unterzeichnen, mit denen sie ihre Kinder zur Teilnahme am Camp freigeben; in einigen Fällen sagen sie den Kindern sogar, dass sie die Unterschriften ihrer Eltern fälschen können. Sobald die Kinder in den Camps sind, stellen sie fest, dass das Personal oft ihre Kommunikation mit Verwandten behindert; die Rückkehr nach Hause wird zu einem komplizierten und gefährlichen Unterfangen. Kinder, die in die Ukraine zurückgekehrt sind, berichten von Zwangsarbeit, Verhören, Schlägen, Inhaftierungen, schlechter Lebensmittelqualität, Nahrungsmangel sowie verschiedenen Formen emotionaler Gewalt, die darauf abzielen, die ukrainische Identität der Kinder zu demoralisieren und letztendlich auszulöschen. (…) Zusätzlich zu den Sommerlagern werden junge Ukrainer auch in spezielle militärische Einrichtungen geschickt, wo sie zu russischen Soldaten ausgebildet werden, was die Entwicklung der für den Militärdienst erforderlichen Fähigkeiten und eine intensive Indoktrination umfasst. Da Russland regelmäßig Menschen aus den besetzten ukrainischen Gebieten zum Militärdienst für sich zwingt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis junge Ukrainer gezwungen werden, gegen ihre Mitbürger zu kämpfen."

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - Eurozine

Die Proteste in Belarus 2020 waren für viele Belarusen geradezu ein Schock, erinnert sich der belarusische Dichter und Übersetzer Uladzimir Liankievic: Sollten sich die jahrhundertealten Hoffnungen der nationalen Befreiungsbewegung endlich bewahrheiten? Heute ist nicht viel von diesen Hoffnungen übriggeblieben: "Ich habe mich bis Mitte 2023 in Belarus durchgeschlagen, dann hat mich das Schicksal nach Polen verschlagen. Die banale Geschichte einer durchschnittlichen Statistik. Es spielt keine Rolle, wie viele es von uns gibt, ob hunderttausend oder eine halbe Million. Auch wir existieren, ob wir in den Ländern, in denen wir Zuflucht gefunden haben, wahrgenommen werden oder nicht, und ob wir in unserer Heimat in Erinnerung bleiben oder nicht. Diese neue Auswanderungswelle nutzt die Errungenschaften der modernen Welt, um Zeit und Raum zu überlisten. Wir sind nicht vollständig aus Belarus verschwunden, aber unsere Präsenz in unseren neuen Ländern ist nur bruchstückhaft. Es ist, als würde ein Gruppenfoto von uns allen, das hastig mit einer Polaroidkamera aufgenommen wurde, langsam verblassen, während das Foto von uns an unserem neuen Ort noch nicht vollständig entwickelt ist, egal wie sehr man es schüttelt. Es gibt diejenigen, die vor fast fünf Jahren weggegangen sind, die ihr Eigentum verkauft und ihre Familie mitgenommen haben: Man kann ihr Profil kaum noch erkennen. Dann gibt es diejenigen, die mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben und Gäste von dort empfangen. Und es gibt diejenigen, die alles riskieren, um Belarus zu besuchen, ein Land, das zur Hälfte von Russland besetzt ist. Neulich zitierte ein Freund von mir bei einer Tasse Kaffee einen gemeinsamen Bekannten, der sagte, es sei an der Zeit, dass wir uns die örtlichen Friedhöfe genau ansehen und entscheiden, wo wir begraben werden wollen, sei es in Warschau, Vilnius, Berlin ..."
Stichwörter: Belarus

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - Eurozine

"Die autoritären Taktiken der türkischen und der US-Regierung ähneln sich zunehmend", konstatiert Kaya Genç. Seit dem Putsch 2016 unterdrückt Erdogans Regierung zunehmend Journalisten und Wissenschaftler. Und Trump, so Genc, spiele nach dem Erdogan-"Playbook". Während Erdogan allerdings normalerweise keine Gelegenheit auslässt, den Westen der "Heuchelei" oder der Islamfeindlichkeit zu bezichtigen, bleibt er erstaunlich ruhig, wenn es um den Umgang der US-Regierung mit israelkritischen Stimmen geht: "Die Harvard University entließ im März Cemal Kafadar, den türkischen Direktor ihres Zentrums für Nahoststudien, nachdem das Zentrum Kritik dafür erhalten hatte, dass einige seiner Programme die israelische Perspektive nicht ausreichend berücksichtigt hätten. Daraufhin warf ein Sprecher der türkischen Regierung Harvard vor, 'das wissenschaftliche Denken offen anzugreifen'. Der Angriff auf Harvard spiegelte den Angriff auf die akademische Freiheit in der Türkei wider.'" Der türkische Präsident selbst äußerte sich zu dieser Causa nicht - sicherlich aus taktischen Gründen, meint Genç, und weil er mit Trump sonst ideologisch auf einer Wellenlänge ist: "Seit 2021 kommt es an der Boğaziçi-Universität in Istanbul, einer der renommiertesten Hochschulen des Landes, zu weit verbreiteten Protesten gegen den von der Regierung ernannten Rektor, der den progressiven LGBTQ+-Club geschlossen, Erdoğan-kritische Wissenschaftler entlassen und die Polizei auf dem Campus zugelassen hat, um alle Studenten festzunehmen, die er als Gefahr für die Sicherheit ansieht. Studenten sagen, dass sogar Küssen auf dem Campus zu einem Problem geworden ist. Auf einer Konferenz im Jahr 2021 wies Kafadar darauf hin, wie seine Kollegen an der Boğaziçi unter diesen Umständen leiden, und bezeichnete die Ereignisse als 'ständigen Zustand der Unterdrückung, einen Zustand der Qual, der mit einem Gefühl der Rache allmählich an Intensität zunimmt'. Er berichtete, wie seine Kollegen in Harvard ihm erzählt hatten, dass Trump derzeit Erdoğan, Modi und Orbán in Bezug auf den Umgang mit Universitäten und Medien studiere, um zu lernen, wie er schnell gegen sie vorgehen kann, wenn er die Wahl 2024 gewinnt'."

Magazinrundschau vom 12.08.2025 - Eurozine

Zwei Seelen wohnen in der Brust des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Francisco Petro, schreibt Iván Garzón Vallejo. In ihm tobt "ein Kampf zwischen dem staatsmännischen Über-Ich und dem revolutionären Es; ein Kampf zwischen dem kompromissbereiten Politiker und dem redseligen Revolutionär." Denn so ganz kann sich Petro nicht von seiner Vergangenheit als Mitglied der Guerillaorganisation M-19 (die am "meisten romantisierte Guerillaorganisation in der kolumbianischen Geschichte") verabschieden. Die M-19 "ist eher für ihre Aktionen in Erinnerung geblieben - den Diebstahl von Bolívars Schwert 1975, die Eroberung von 5000 Waffen aus einer Militärgarnison 1979, die Besetzung der Botschaft der Dominikanischen Republik 1980, den Angriff auf den Justizpalast 1985 - als für die Entführung und Ermordung Dutzender Zivilisten", schnaubt Vallejo. Die "revolutionäre Nostalgie", mit der der Präsident wohl auf seine Vergangenheit als linker "Revolutionär" blickt, verschleiere ihm den Blick, was sich zum Beispiel im Zollstreit mit Donald Trump zu Anfang des Jahres zeigte: "In seiner Selbstinszenierung als regionaler Revolutionsführer hat sich Petro mit einem Papierschwert bewaffnet - dem ausgezehrten Antiamerikanismus, der in einem Land, das erst 2023 389 Millionen Dollar an Hilfsgeldern von den USA erhielt, nie Fuß fassen konnte - und hat sich Donald Trump wie ein verlorener Quijote entgegengestellt. Seine Forderung nach einer angemessenen Behandlung abgeschobener Migranten stützt sich zweifellos auf überzeugende ethische und rechtliche Begründungen. Doch seine Verachtung der unkalkulierbaren wirtschaftlichen Kosten eines Zollkriegs mit seinem wichtigsten Handelspartner hat die populistischste und demagogischste Version seiner Politik erneut auf den Tisch gebracht. Revolutionäre neigen bekanntlich dazu, sich zu verrechnen."