Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

651 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 66

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - Elet es Irodalom

Nach der Euphorie über das gute Abschneiden der neu gegründeten ungarischen Tisza-Partei bei den Wahlen zum Europäischen Parlament als Herausforderer der Regierungspartei Fidesz, ist immer noch die Frage offen, wofür eigentlich der Herausforderer steht. Zwar steht die Partei von Péter Magyar vor der Aufnahme in die Europäische Volkspartei, jedoch ist über das Programm oder Grundlinien der Partei wenig bekannt. Der Publizist János Széky findet es sehr bedauerlich, dass diese neue Partei den Unterschied zwischen den Begriffen Regime und Regierung, Regimewechsel und Regierungswechsel nicht zu kennen scheint. Die Mitglieder träumen davon, was passieren wird, wenn sie die Wahlen gewinnen. Dann wird alles in Ordnung sein (mit 'alles' sind in der Regel Bildung, Gesundheit und Justiz gemeint). Aber es fällt ihnen nicht mal ein, dass sich das System nicht so einfach ändern wird. Und umgekehrt: In Ungarn ist es mittlerweile so weit gekommen, dass für einen deutlichen Wahlsieg eine Änderung des Systems erforderlich ist. Mit anderen Worten: Um zu verhindern, dass die Dinge wieder in den alten Trott zurückfallen, sind konkrete Ideen für eine andere, neue politische, wirtschaftliche und soziale Struktur erforderlich. Das ist nicht dasselbe wie die Sanierung des Bildungs- und Gesundheitswesens, so notwendig sie auch sein mag, oder die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die sich der Korruption schuldig gemacht haben. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an den Sommer '89, als viele das Gefühl hatten, dass etwas anders werden muss, aber - entgegen den damaligen Legenden - die Sozialistische Arbeiterpartei die mit Abstand populärste Partei war, weil die große Mehrheit einen radikalen Systemwechsel nicht wollte oder sogar fürchtete. Es ist schade, dass die Produktion von Legenden nicht zum BIP gezählt wird, dann würden wir besser dastehen."

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - Elet es Irodalom

Der Theaterregisseur István Verebes reflektiert in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die Herausforderungen der Gegenwart und den Umgang des Theaters damit. "Fragen über Fragen stelle ich mir, wenn ich morgens die Nachrichten lese und dann irgendwo hinfahre, um ein Stück zu proben. In den achtziger Jahren haben wir nur geahnt, dass sich alles langsam aber sicher verändert, und dann, vor nicht allzu langer Zeit, hat die technologische Explosion uns Theatermacher ordentlich durchgeschüttelt. Heute sagen die Leute: 'Wo ist das Problem, man kann doch auch online Theater machen, warum nicht?' Was mich erschreckt, ist, dass Herr Bürger und Frau Bürger und die Bürger-Kinder zu Hause beim Abendessen von nichts mehr beeinflusst werden, was über die bloße Geschichte hinausgeht - wenn überhaupt. Denn das Fehlen der intellektuellen und emotionalen vierten Dimension, die in der dritten, räumlichen und bühnenbildnerischen Raumbeziehung lebendig wird, macht aus einer gegenwärtigen Sakralität, die in der Atmosphäre eines gemeinsamen Raumes geboren wird, ein nach Füßen stinkendes 'Hauskino'. Es gibt keinen Beweis dafür, dass es dem Theater jemals gelungen wäre, die Realität mit der Realität zu beeinflussen. Aus diesem Grund schließe ich meine Überlegungen mit einer Frage: Sollten wir uns nicht vor der Ansteckung mit der Wirklichkeit retten? Sollten wir nicht mit Vernunft, mit dem Herzen und mit dem ganzen Weitblick unserer beruflichen Erfahrung an unseren moralischen, intellektuellen und vielschichtigen psychologischen Bestrebungen festhalten? Würden wir dann nicht mehr erreichen? Zumindest das, wofür wir in erster Linie da sind: dass diejenigen, die uns zuhören, mehr über sich selbst erfahren."

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - Elet es Irodalom

In ihrer Eröffnungsrede für die Buchwoche, gehalten im nord-ungarischen Miskolc, zeichnet die Dichterin Krisztina Tóth ein Stimmungsbild der ungarischen Autoren: "Ich weiß nicht genau, wann dieser Prozess in unserem Land begann, vielleicht in der Zeit der Wende, der zu einer literarischen Gemeinschaft geführt hat, in der fast alle unglücklich, frustriert und überarbeitet sind. Das hat natürlich auch mit dem kulturellen Leben im Allgemeinen und mit dem geistigen Zustand des Landes im Besonderen zu tun. Ich finde es erschreckend, dass weder die Newcomer, noch die mittlere Generation, noch die etablierten Schriftsteller mit ihrem Platz im literarischen Leben zufrieden sind (...) Die Stimmung der Schriftsteller wird durch die extreme politische Spaltung und die ungerechte, lächerlich fantasievolle Verteilung verschiedener staatlicher Preise, die zumeist die tatsächliche literarische Leistung ignorieren, noch verschlimmert. Kurz gesagt, diejenigen, die keine Preise und Auszeichnungen erhalten, sind verletzt und traurig, diejenigen, die sie erhalten, sind verärgert, entweder weil es inzwischen fast kompromittierend und peinlich ist, bestimmte Auszeichnungen zu erhalten, oder weil der Berufsstand sie immer noch zu leicht findet, egal wie viele bronzene, gusseiserne oder kristallene Schwergewichtspreise sie in beiden Jacketttaschen haben."

Magazinrundschau vom 07.05.2024 - Elet es Irodalom

Vor kurzem erschien "Das Märchen der Menschen", der sechste Roman des aus Siebenbürgen stammenden Schriftstellers Zsolt Lang. Aus diesem Anlass spricht Lang im Interview mit Csaba Károlyi über die Präsenz und die Bedeutung der Themen seiner früheren Werke beim Schaffensprozess. "Frühere Themen? Sie bewegen mich nicht. Wer auch immer 'Die Befreiung von Perényi' geschrieben hat, glaubte an Seelenwanderung, das Bestiarium ist mit der Religion vereinbar, aber in der Welt von Bolyai gibt es keinen Platz für Gott. Manchmal bin ich überrascht, wie wenig ich mich für die früheren Themen interessiere. Mehr noch, sie langweilen mich. Zum Beispiel der Transsylvanismus, die Frage, wem Transsylvanien gehört, oder der belastende Imperativ des Überlebens. Beim Sex ist das anders, ich kann nicht sagen, dass ich gelangweilt bin, aber mein Interesse ist vielschichtiger geworden. Ich fühle mich in jeder Art von Gemeinschaft wohl, ich nehme gerne an Gemeinschaftsaktionen teil, vor allem wenn sie frei von Größenwahn und Gejammer sind. Dabei geht es nicht nur um menschliche Gemeinschaften. Ich kann viel Zeit damit verbringen, eine Kuhherde anzuschauen".

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Kulturmanager Renátó Fehér spricht im Interview mit Nikolett Antal unter anderem über die Rolle der Technologie in unserem Leben, die wiederum von den Intellektuellen zumindest bewusst gemacht werden sollte: "Es beschäftigt mich sehr, was das kapitalistische Spitzenprodukt unserer Zeit - das, was wir als soziale Medien bezeichnen - mit uns gemacht hat. Was es mit unseren Gemeinschaften, unserer Psyche, unserem Selbstverständnis und unserer Kommunikation macht. Nirgendwo sonst kann die Desinformationskriegsführung so gut funktionieren wie in den sozialen Medien, sei es bei Kriegen, Epidemien oder was auch immer. Der andere Aspekt ist, dass plötzlich die öffentliche Sphäre über uns zusammengebrochen ist: Was ich teile, halte ich für von öffentlichem Interesse, auch wenn es sehr persönlich ist. Es ist eine Atomisierungs- und Fluchtstrategie. Wir erschaffen unseren Avatar und beginnen, uns mit ihm zu identifizieren. Wir machen aus unserem eigenen Leben eine Truman-Show, während um uns herum Jumanji stattfindet. Es ist ein unbewusster Lifestyle-Deal."
Stichwörter: Feher, Renato, Soziale Medien

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - Elet es Irodalom

Sándor Biszak, Gründer des digitalen Archivs Arcanum, spricht unter anderem über den Zustand der Bibliotheken und Archive in Ungarn, sowie über die drei größten Gefahren für Bücher: "Wir bekommen schreckliche Materialien. Die Bibliothekare sollten mir nicht sagen, dass ich barbarisch bin, denn Bibliotheken sind oft in barbarischen Zuständen. Niemand kennt die Zeitschriftenlager der Region besser als ich. Es gibt verschimmelte, zerfledderte, halb gefaltete, zerrissene Zeitschriften. Unser Erbe, unsere Schätze gehen vor die Hunde und werden vernichtet. Viele von ihnen werden in einem besseren Zustand zurückgegeben, als wir sie geholt haben. Aber es wird auch viel weggeworfen, und leider sind wir nicht immer vor Ort. (…) Fest gebundene, große Bände lassen sich mit keiner anderen Methode digitalisieren als unsere. Es bricht mir das Herz, wenn ein Dokument mühsam digitalisiert wird aber die Mitte nicht sichtbar ist, weil zwei oder drei Wörter fehlen und der Text durch die Biegung schwer zu lesen ist. Der größte Feind des Buches ist der Leser. Er reißt (Seiten) heraus, schneidet Artikel mit einer Rasierklinge aus, aber auch der Bibliothekar kann durch falsche Aufbewahrung Schaden anrichten. Erst an dritter Stelle würde ich den Digitalisierer nennen, denn natürlich gibt es beim Digitalisieren Kollateralschäden. Aber am Ende glättet man die Seiten, bügelt sie aus und klebt sie. Für manche Zeitungen ist es die Erlösung, wenn sie digitalisiert werden."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - Elet es Irodalom

Szilárd Demeter, Direktor des Petőfi Literaturmuseums, wurde von der ungarischen Regierung zum Direktor eines neu zu schaffenden Museumskonglomerats ernannt - ohne jedoch über die nötige Fachausbildung und -kenntnisse oder Erfahrung zu verfügen. Das muss nicht unbedingt zum Schaden des neuen Konglomerats sein, denkt sich der Sprachwissenschaftler István Kenesei: "Wie wir gesehen haben, kann ein Orchester von einem Nicht-Musiker geleitet werden, so auch ein Museum oder ein Museumskonglomerat von einem 'Nicht-Fachmann'. Allerdings wäre es der Sache doch förderlich, wenn der Leiter einer Einrichtung fundiertes Wissen über deren Fachgebiet hat, um Entscheidungen treffen zu können, zum Beispiel in jenen Fragen, in denen die Mitarbeiter oder Führungskräfte einer Einrichtung unterschiedlicher Meinung sind. Wenn er sie nicht versteht, sondern dem geschickteren Argumentierer oder Debattierer den Vorzug gibt, verliert er schnell an Glaubwürdigkeit und endet wie die in den 50er Jahren ernannten 'Arbeiterdirektoren', die, wenn sie vernünftig waren, den Chefingenieur entscheiden ließen und ihm lediglich den Rücken freihielten. So wie ich das verstehe, hat Demeter das bisher beim Literaturmuseum gemacht: Er hat einen Schutzschirm über die Mitarbeiter gehalten, sie arbeiten lassen und ihnen gegeben, was sie brauchten. Sobald er sich aber beruflich zu Wort meldet, muss er sich gefallen lassen, dass man hinter seinem Rücken über ihn lacht. Und das gilt nicht nur für den Direktor, sondern für alle, die sich ohne Kompetenz zu Themen äußern, die Fachwissen erfordern, in diesem Falle der Staatssekretär und der Minister, die mit ihren verschiedenen Äußerungen zum Nationalmuseum ihre Unkenntnis unter Beweis stellten."
Stichwörter: Demeter

Magazinrundschau vom 19.03.2024 - Elet es Irodalom

Die Pläne der ungarischen Politik, mehrerer Kulturinstitutionen unter der Führung des Nationalmuseums zusammenzulegen, beschäftigt weiterhin Kulturschaffende. Der Kunsthistoriker Péter György wäre nicht dagegen, vorausgesetzt das Gewebe, die Fragmentierung und die Schichten der ungarischen Geschichte würden darin abgebildet. "Um nicht missverstanden zu werden", erklärt er: "Das Nationalmuseum sollte keine thematische Aufbereitung verschiedener Epochen gemäß der gerade vorherrschenden Ideologie anbieten, auch kein separater und getrennter Raum für verschiedene kulturellen Gruppen sein, sondern einfach ein Ort, an dem deutlich gemacht wird, dass die ungarische Kultur nicht homogen ist, sondern dass es in Ungarn viele Subkulturen gibt, die in ständigem Dialog miteinander stehen. Wir müssen uns fragen, ob die Definition einer Kultur durch einen neuen Direktor, die eine einheitliche ungarische nationale Identität verkündet, auch Subkulturen einschließt, die mit verschiedenen historischen Epochen oder verschiedenen sozialen Gruppen verbunden sind. Wenn die Besucher des Nationalmuseums auf die miteinander verknüpften Geschichten verschiedener Subkulturen und unterschiedlicher Gemeinschaften stoßen, wenn sie in der kulturellen Vielfalt Geschichten - sogar historische Traumata - finden, mit denen sie sich identifizieren können, dann wird das Museum ein Gemeinschaftserlebnis für alle schaffen können. Auch die Architektur ländlicher Städte und Gemeinden, ihre Geschichten und Ereignisse gehörten dazu. All dies böte dem Nationalmuseum die Chance, eine nationale Institution zu werden - in der Realität und nicht nur in einer politischen Theorie."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - Elet es Irodalom

Im Interview mit J.A. Tillmann spricht der Komponist Kristóf J. Weber über sein Romandebüt "Walzer" und erklärt, warum er sich nicht als Eindringling in die Literatur betrachtet: "Mit dem Roman habe ich versucht, auf meine Musik aufmerksam zu machen. Heutzutage erhalten die Nutzer Musik in Form eines Live-Konzerts oder einer Audiodatei. Aber ich bin kein Instrumentalist, und das wenige Wissen, das ich einst hatte, scheint mit dem Alter ebenfalls zu schwinden. Musik existiert hauptsächlich in meinem Kopf. Einige dieser Gedanken können mit Noten niedergeschrieben werden, andere mit Buchstaben. Vielleicht wäre es angemessen gewesen, einen Essay über meine Musik zu schreiben, aber der Essay ist für mich ein zu weit gefasstes Genre, und mir fehlen die Kniffe, um voranzukommen. (…) Mit einem Roman kann ich ein breiteres Publikum ansprechen als mit einer Essayreihe. (...) Die ungarische Literatur könnte gerade jetzt ein paar Eindringlinge gebrauchen. Schließlich ist die Literatur heute wegen der Kulturpolitik der Regierung in der Defensive. Gegenwärtig schreiben die Schriftsteller fast ausschließlich für sich selbst. Wenn es keinen Einfluss von außen gibt, wird die ungarische Literatur zu einer Subkultur, die sich auf ein eng begrenztes soziales Milieu beschränkt."

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - Elet es Irodalom

In einem Werkstattgespräch der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom und des Buchladens Írók Boltja spricht die Übersetzerin und Autorin Lídia Nádori (u.a. überträgt sie Hertha Müller und Terézia Mora ins Ungarische) über die Notwendigkeit eines Kontrolllektors bei literarischen Übersetzungen. "Natürlich soll der Übersetzer allein und einsam arbeiten, es gibt keinen anderen Weg. Das heißt aber nicht, dass man keinen Partner braucht, der den Text mit einem guten Auge durchschaut. Darüber gibt es zwar geteilte Meinungen, aber es gibt eben auch die Realität. Einige Verlage senken die Kosten für die Herstellung von Büchern so stark, dass sie nur noch selten einen Korrekturleser beschäftigen, der die Ursprungssprache gut kennt und das Original mit der Übersetzung vergleichen kann. Man muss auch sehen, dass in der Verlagswelt die Lektoren meist nur Englisch sprechen, und das ist zumindest problematisch. Inzwischen bin ich auch der Meinung, dass ein guter Lektor ein Auge für Übersetzungsfehler haben sollte, auch wenn er oder sie die Originalsprache nicht versteht. Ich stimme also absolut der Ansicht zu, dass ein Kontrolllektor benötigt wird."