Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

641 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 65

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller György Odze beklagt latenten Antisemitismus in Ungarn im Rahmen der Berichterstattung über den Krieg im Nahen Osten: "Ich bin also ein säkularer Jude, freilich auch voreingenommen. Ich praktiziere keine Religion, die Feiertage habe ich ungefähr im Kopf und betrachte mich im Wesentlichen als Ungar. Meine Großeltern hätten gewollt, dass ich 'zur Sicherheit ein jüdisches Mädchen heirate', aber zu Hause, in unserem Haus, war Diskriminierung oder Ausgrenzung von welchen Seiten auch immer nie ein Thema. Doch in Zeiten von 'Konflikten', wenn ich das Gefühl habe, dass es ein Gefühl der Antipathie gegenüber Juden gibt, und öfter 'einerseits - andererseits' höre und 'lasst uns die andere Seite des Problems auch betrachten', ganz zu schweigen von dem abfälligen 'sie sind auch keine Engel', in solchen Zeiten also denke ich, dass es einen versteckten Gedanken gibt, dass es nicht sein darf, dass die Juden mal wieder von der Sache profitieren. Nun, sie profitieren davon nicht."

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - Elet es Irodalom

János Széky staunt über die deutlichen Reaktionen der ungarischen Regierung auf den Angriff der Hamas auf Israel. "Es scheint, dass die ungarische Regierung doch Recht von Unrecht unterscheiden kann. Kein 'sofortiger Waffenstillstand', kein 'lasst die Verhandlungen beginnen', kein slawischer (oder in diesem Falle antisemitischer) 'interner Krieg', der uns nichts angeht, kein 'wir können über Kriegsverbrechen nach dem Krieg sprechen'. Das ist die Stimme der Normalität, des gesunden Menschenverstandes, die in ihren Erklärungen zum russischen Krieg gegen die Ukraine so schmerzlich und beschämend fehlte (...) Bevor sich jemand aber Illusionen über eine Art plötzliche Ernüchterung macht und glaubt, dass die Regierung die Situation schnell durchschaut und festgestellt hat, dass die Wahrheit auf Israels Seite ist, möchte ich darauf hinweisen, dass sie schon immer in der Lage war, Recht von Unrecht zu unterscheiden. (…) Es ist ihr nur egal. Gäbe es ein geschäftliches Interesse an der Hamas, würden die Verurteilungen nicht so laut ausfallen. Aber wie im russisch-ukrainischen Krieg mit Putins Klientel, so hat Orban in diesem Dauerkonflikt ein geschäftliches Interesse an Netanjahu, zumindest im weiteren Sinne, insofern, als die maximale Konzentration seiner eigenen Macht ein Geschäft ist (das sich schließlich in finanziellen Gewinn ummünzen lässt). Das wäre nicht möglich gewesen ohne die politischen Berater, die er mit Netanjahu teilt, und auch nicht ohne die Software Pegasus, die er gegen interne Kritiker einsetzen kann und die ihm Netanjahu vermittelt hat. Es ist ein glücklicher Zufall, dass das Interesse am gegenwärtigen Krieg mit dem übereinstimmt, was Menschlichkeit und Anstand, ganz zu schweigen von den aktuellen Werten der westlichen Zivilisation diktieren."

Magazinrundschau vom 10.10.2023 - Elet es Irodalom

Der aus der Wojwodina stammende Schriftsteller György Szerbhorváth schreibt über den in der Wojwodina lebenden Schriftsteller László Végel und beleuchtet dabei auch Végels konsequente Skepsis gegenüber dem "Mutterland" samt der Hauptstadt Budapest: "Sagen wir, Végels Kossuth-Preis und seine kürzliche Mitgliedschaft in der ungarischen Akademie unterstützen die Logik der Ausgrenzung nicht, aber ich kann nur eine (Gegen-)Geschichte zum Verständnis anbieten (...) Der Schlüssel zum Geheimnis ist vielleicht, dass die Südslawen, die Post-Jugoslawen (nennen wir sie, wie wir wollen) ihn tatsächlich - sogar in Übersetzungen - besser verstehen als die Ungarn. Das ist Végels Kummer, aber ich denke, es ist nicht so schlimm, dass ein Segment der ungarischen und serbischen, kroatischen (usw.) Kultur irgendwo eine gemeinsame Basis findet, denn von den Rändern aus (Teil seiner Selbstdefinition) sieht er etwas anderes und zeigt etwas anderes, das bei den Zeitgenossen, die nach Jugoslawien heimatlos wurden, mitschwingt. (...) Vielleicht hat Végel das Gefühl, dass Budapest ihn nicht so akzeptiert, wie er es gerne hätte, weil seine ex-jugoslawischen Zeitgenossen ihn besser verstehen."

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker József Mélyi gratuliert dem Schriftsteller und Historiker György Dalos voller Anerkennung zum 80. Geburtstag: "Das Wort 'Autorität' kommt mir jetzt in den Sinn, obwohl er weder damals noch offensichtlich heute wenig bis gar keinen Wert auf 'Autorität' legte. In den späten neunziger Jahren war ich am meisten von seiner kulturellen Autorität in Deutschland beeindruckt, von der Vorstellung, dass seine Meinung jederzeit in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen erscheinen konnte; dass alle Größen der Literatur gerne mit ihm sprachen, dass ein Ministerpräsident oder der künftige Staatschef seinen politischen oder kulturellen Betrachtungen mit Interesse zuhörten. Nur wenige Ungarn vor und nach ihm haben das geschafft - in den 1990er Jahren Eörsi, Konrád, Esterházy, Heller - und heute fallen mir neben ihm vielleicht drei oder vier solche Größen ein.  (...) Eigentlich ist es traurig, wenn man bedenkt, dass Dalos seit vielen Jahren in Deutschland weitaus mehr Ansehen genießt als in Ungarn. Er wird dort in Jurys eingeladen, seine Bücher werden in wesentlich größerer Zahl veröffentlicht, er wird nach seiner Meinung zum Weltgeschehen gefragt, während er in Ungarn schon lange keinen Staatspreis mehr erhalten darf. Aber György Dalos - der beste Rhetoriker und der kritischste Redakteur, den ich kenne - würde sicher sagen, dass dieser Satz nicht an das Ende eines Toasts passt, also schreibe ich ihn hier (…): Ich bin auch zuversichtlich, und alles Gute zum Geburtstag!"

Magazinrundschau vom 19.09.2023 - Elet es Irodalom

Die 1987 geborene Theaterkritikerin und Schriftstellerin Panni Puskás veröffentlichte vor kurzem ihr zweites Buch. Im Interview mit Csaba Károly spricht sie über ihren neuen Roman und über die Unmöglichkeit, sich von den eigenen Wurzeln loszulösen aber auch, warum dies gar nicht notwendig sein müsste: "Wo auch immer wir hingehen, ich denke, wir werden immer ein Teil dieser Gesellschaft hier sein. Wir können uns darüber freuen oder darüber auch traurig sein, dass wir Ungarn sind. Dieses Doppelgefühl ergreift mich in der Regel auch, wenn ich die Social-Media-Aktivitäten meiner ausgewanderten intellektuellen Freunde beobachte. Mit immer neueren Posts wollen sie beweisen, dass das System, unter dem wir Gebliebenen leben, unerträglich ist und dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben, nämlich zu gehen Aber ich sehe nur, dass sie den Nachrichten aus Ungarn nicht entkommen können, dass sie also, obwohl sie woanders wohnen, obwohl sie woanders ihre Steuern zahlen, eigentlich immer noch hier leben. (…) Mal abgesehen davon, dass es auch anderswo Probleme gibt. Aber was ich vor allem mit meinem letzten Buch sagen wollte, ist, dass die Lösung nicht in der Flucht liegen kann. Die Lösung besteht darin, sich den Problemen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen, wo auch immer wir sind. Je mehr von uns dazu bereit und in der Lage sind, desto besser wird es uns allen gehen."

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - Elet es Irodalom

In neu aufgelegten Geschichtsbüchern für die Klasse 11 in Russland wird die Revolution von 1956 in Ungarn als "durch westliche Länder entfachten, faschistischen Aufstand" beschrieben (mehr hier). Das ansonsten kämpferische ungarische Außenministerium, das bei wesentlich unbedeutenderen Angelegenheiten bevorzugt Botschafter westlicher Länder einbestellt, schweigt bisher. Nach geraumer Zeit verkündete der Staatssekretär für bilaterale Angelegenheiten in einem Eintrag auf einer Social Media Seite, dass Ungarn über die Revolution von 1956 nicht diskutiert. Das ist ein Fehler, meint der ehemalige Staatssekretär im Energie- und Verkehrsministerium Lajos Csepi: "Es wäre ratsam, eine realistische Position herauszuarbeiten, die für beide Seiten akzeptabel ist. Andernfalls besteht die ernstliche Gefahr, dass russische Schulkinder die Doktrinen des derzeit kursierenden Geschichtsbuchs übernehmen und die Motive der ungarischen Revolution von '56 für den Rest ihres Lebens falsch einschätzen. Allein diese Möglichkeit sollte die ungarischen Diplomaten, die für das Image unseres Landes verantwortlich sind, in Schrecken versetzen (...) Wenn es keine Debatte gibt, wird die russische Seite davon ausgehen, dass ihre Ansichten - d.h. die des derzeit verwendeten Lehrbuchs - ohne Vorbehalt akzeptiert werden. Für die ungarische Seite wäre dies kaum eine diplomatische Meisterleistung. Auch wenn eine Änderung ausgeschlossen ist, könnte sich eine gründliche Diskussion lohnen. Die Voraussetzungen dafür sind sicherlich gegeben, denn unser Außen- und Handelsminister ist ja zu Recht stolz auf die herzliche Freundschaft, die er mit seinem russischen Amtskollegen entwickelt hat."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - Elet es Irodalom

Die in Siebenbürgen lebende Dichterin, Redakteurin und Übersetzerin Noémi László spricht im Interview mit Andrea Lovász über das Bild und die Rolle des Dichters heute in der Öffentlichkeit. "Mut als Motiv hat mich stets sehr interessiert. Unter anderem, weil ich ein Feigling bin, aber das ist nichts Besonderes, denn die meisten Menschen, die auch nur ein Fünkchen normal sind, sind Feiglinge. Freilich bin ich gleichzeitig auch ein bisschen nicht normal, somit also auch mutig, sonst wäre ich nicht hier und da als Dichterin bezeichnet worden. Es ist eben nicht nur das Schreiben von Gedichten, was einen Menschen zum Dichter macht, sondern auch eine Art von Haltung, eine Art von Verhalten. Einen feigen Dichter kann ich mir nicht vorstellen, besonders jetzt, im Petőfi-Erinnerungsjahr."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Elet es Irodalom

Der junge Dichter Ádám Vajna spricht mit Nikolett Antal unter anderem über die Bedeutung der Literatur im ungarischen Lehrplan, sowie über Schreiben als politische Handlung. "In der Einleitung des nationalen Curriculums heißt es, dass die Literatur einer der Schlüssel zum Überleben der Nation ist. Somit wird das Schreiben von Literatur sofort als nationaler Akt geframet. Ich habe selbst gemerkt, wie stark dies auf mein Denken wirkt und auch die Art und Weise bestimmt, wie ich Gedichte schreibe. Ich musste und muss also etwas mit der Nation, dem Heimatland oder dem Ungarischen anfangen. Das nationale Dasein als Definitionsfaktor für den Menschen - das ist bis heute eine sehr starke Prägung in mir. (...) Wenn wir Lyrik als etwas betrachten, das nicht für die Schublade, sondern für ein größeres Publikum gedacht ist, dann wird dieser Akt, sich vor andere zu stellen und etwas zu sagen zwangsläufig politisch. Als Sándor Weöres vor der Wende Kindergedichte schrieb, tat er das auch, weil er nicht explizit über öffentliche Themen schreiben durfte. Der Dichter betritt somit bei allem, was er tut, immer eine Art politischen Raum. Auch wenn er es nicht will."

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - Elet es Irodalom

Der Theater- und Filmregisseur István Verebes kritisiert das Menschenbild der gegenwärtigen Bildungs- und Kulturpolitik, andererseits die Reaktion der Intellektuellen darauf: "Gesetze werden eben auch so erlassen, dass viele Menschen immer weniger Gelegenheit haben sollen, mit Büchern aufzuwachsen, was auch bedeutet, dass sie immer weniger Anreiz haben, sich mit dem Unsinn auseinanderzusetzen, der in die Schaufenster gestopft wird. Der ganze Angriff auf den Verstand, so scheint es mir, ist selbst für die gestählten Gebildeteren wenig besorgniserregend. Das Spiel des Verstandes läuft heutzutage so ab, dass auf der einen Seite des Spielfeldes die Mannschaft der 'nationalen Kooperation' sich gegenseitig wie Amateure den Ball zuspielt, anstatt zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Auf der anderen Seite stehen die verärgerten Intellektuellen herum und beschweren sich beim überaus voreingenommenen Schiedsrichter. (Nur eine Frage: Gab es jemals einen Schiedsrichter, der zu einem protestierenden Spieler gesagt hätte: 'Sie haben Recht, ich werde meine Entscheidung ändern?') Die Fans der zivilisierten Welt wiederum starren uns von der Tribüne aus in stummem Erstaunen an. Trotz meiner begrenzten Ausbildung in Politikwissenschaft glaube ich, dass die einzige Möglichkeit, die Taktik wieder zu ändern, darin besteht, dass entweder Putin oder Trump in der zweiten Halbzeit etwas passiert. Wenn...! Wenn das 'große Große' zusammenbricht, dann brechen wir mit ihm zusammen. Ob es ein Aufräumen und dann ein Aufbauen geben wird, oder eine weitere Zerstörung von Wohlstand und schöpferischen Idealen, ist heute noch nicht vorhersehbar. Und genau diese Unvorhersehbarkeit ist es - so befürchte ich -, die das 'System der nationalen Kooperation' bis heute aufrechterhält."

Magazinrundschau vom 08.08.2023 - Elet es Irodalom

Der Psycholinguist Csaba Pléh spricht im Interview mit Benedek Várkonyi über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die menschliche Kommunikation. "In meiner optimistischen Lesart wird sie die Kommunikation von Mensch zu Mensch verbessern. Wenn Sie die in Textverarbeitungsprogrammen eingebauten grammatikalischen und stilistischen Funktionen nutzen, wird sich Ihre eigene Formulierung verbessern, weil sie Ihnen sehr interessante Ratschläge gibt, und das ist gut so. Ich formuliere zum Beispiel im Englischen wesentlich mehr Schachtelsätze als notwendig. Das passiert freilich, weil der Mensch stolz darauf ist, die Passivstruktur verwenden zu können. Also formuliert man Texte anders. KI wird die Kommunikation zwischen den Menschen in vielerlei Hinsicht verfeinern. In anderen Bereichen wird sie wohl verarmen, doch diese Gefahr geht nicht nur von den Maschinen aus, sondern auch von uns selbst."