Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

641 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 65

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Elet es Irodalom

Der Kulturwissenschaftler und Ästhet Péter György analysiert die Debatte über antisemitische Bildsprache auf der diesjährigen Documenta. "Die 15. Documenta stellt selbst im Vergleich zu der großartigen Arbeit von Enwezor eine radikale Veränderung dar. Die Antisemitismus-Debatte an sich verlangt nach seriöser Aufmerksamkeit, doch wird sie hoffentlich nicht die ganze Documenta ruinieren. Was ich hier als radikale Änderung bezeichne ist die Tatsache, dass wir von Ruangrupa einfach zu wenig wissen, um die Kooperation zwischen den künstlerischen Kollektiven, in denen auch das großformatige Bild von Taring padi entstand, objektiv beurteilen zu können."
Stichwörter: Documenta, Ruangrupa

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás erinnert an die Veröffentlichung der "Dialektik der Aufklärung", mit der Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor 75 Jahren bürgerliche Gesellschaft verabschiedeten: "Ich muss es nicht vorstellen, denn fast alle haben es gelesen. Zum größten Teil im amerikanischen Exil entstanden, ist es in gewisser Hinsicht das Gegenbuch zu Georg Lukács' "Zerstörung der Vernunft" von 1954: Lukács verortet den geistigen Ursprung des Faschismus im Irrationalismus, Horkheimer und Adorno suchen ihn im Positivismus der Vernunft. Die dialektische Gegenkritik der rechtsradikalen Kulturkritik ist in Vergessenheit geraten, die rechtsradikale Kulturkritik - manchmal im radikal-linken Gewand - ist lebendiger denn je ... Was in der populären Erinnerung als 'Marxismus' sichtbar ist - der breite staatliche Eingriff, Einkommens- und Statusgleichheit, die wirtschaftliche Bedingtheit der meisten gesellschaftlichen Entwicklungen - rührt von der positivistisch-evolutionistischen Phase des bürgerlichen Liberalismus her und hat mit der Essenz des Marxismus nichts zu tun ... Der Vorrang der Wirtschaft ist nach Marx eine Eigenheit des Kapitalismus (im Gegensatz zu den alten hierarchischen Gesellschaften) und steht damit im Gegensatz zur Theorie von Marx und seiner Ethik, denn von dieser Bestimmung (die eine Ideologie ist, nicht mehr) hätte die Menschheit befreit werden sollen. An diesen typisch bürgerlichen Gedanken glauben diejenigen, die sich antikapitalistisch nennen, die natürlich die letzten Stützen der bürgerlichen Ordnung sind. Denn die Hypothese des Sozialismus war der Aussichtsturm, von dem der Kapitalismus und die bürgerliche Ordnung sichtbar waren. Jener existiert nicht mehr, also sind diese nicht mehr sichtbar."

Magazinrundschau vom 12.07.2022 - Elet es Irodalom

Der seit 16 Jahren in Norwegen lebende Schriftsteller Árpád Kun veröffentlichte vor kurzem seinen dritten Roman ("Putzender Mann"), der nach "Glücklicher Norden", und "Wir warten auf dich Zuhause" als dritter Teil einer Trilogie betrachtet wird - auf deutsch sind diese Romane bisher nicht erschien. Kun spricht mit Csaba Károlyi über Autofiktion. "Nach dem ersten Roman (Glücklicher Norden) erkannte ich, wie wichtig es ist, dass jeder Leser das Gelesene als Wirklichkeit erlebt. Mir geht es ja nicht anders als Leser. Und ich weiß gar nicht, warum ich das vergessen hatte, als ich den Epilog des Romans schrieb. Damals fragten sehr viele Leser, was Fiktion und was Wirklichkeit war. Ich hatte darin keine Praxis, heute würde ich es aber anders machen. Mir ist klargeworden, dass, wenn ich im nächsten Roman über Árpád Kun schreibe, man es so lesen wird, dass alles in dem Roman vom wahren Árpád Kun handelt, obwohl ich ja nur skrupellos benutze, was mir passiert. Doch es interessierte mich nicht mehr, wann ich lüge und wann ich die Wahrheit erzähle. Die autobiografische Wahrheit lässt mich kalt. Jetzt im dritten Roman denke ich, dass ich auf jeden Fall Fiktion schreibe, doch wieder verwende ich vieles, was mir in Norwegen passiert ist."
Stichwörter: Autofiktion, Norwegen

Magazinrundschau vom 05.07.2022 - Elet es Irodalom

Der Architekt Péter Sugár, der auch an der Technischen Universität Budapest lehrt, erklärt in einem Gespräch mit seiner Kollegin Zsófi Dankó, warum ihm ästhetische Aspekte beim Bauen nicht reichen: "In Architektenkreisen herrscht die Überzeugung, dass die Lösung für alles darin besteht, gute und schöne Häuser zu entwerfen. So fragen wir jedoch nicht nach den Problemen. Wenn jemand gute und schöne Häuser entwerfen will, kann man das an der Uni und später im Beruf lernen. Ich aber sage den Studenten stes, dass ihre große Leistung eventuell nicht darin liegen wird, ein schönes oder gutes Haus zu bauen, sondern vielleicht darin, dass sie verhindern, dass etwas gebaut oder abgerissen wird. Uns umgibt zurzeit eine ganz andere Realität und man muss mit gutem Beispiel vorangehen, man muss authentisch bleiben. Dass wir innerhalb der Architektur eine soziale Haltung vertreten ist notwendig und authentisch. Es ist zu wenig, schöne und gute Häuser zu entwerfen, denn es entspricht schlicht und einfach nicht der Realität, die uns umgibt … Soziale Interesse und Sensibilität sind keineswegs selbstverständlich in Zeiten, in denen vor allem die Interessen der Mittelschicht bedient werden."
Stichwörter: Mittelschicht

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - Elet es Irodalom

Der Historiker und Polonist Miklós Mitrovits beschreibt Ungarns Haltung zum Ukraine-Krieg nach zwölf Jahren Orbán-Regierung. "Die Regierung wurde zum Gefangenen der von ihr selbst erschaffenen Öffentlichkeit. Die russlandfreundliche und EU-feindlichen Regierungsnarrative der vergangenen zwölf Jahre richtete die ungarische Gesellschaft nach Osten aus. Heute sind der Mehrheit der Fidesz-Wähler Russland, China, Kasachstan und Aserbaidschan wichtiger, ja gar sympathischer als jeder EU-Mitgliedsstaat. Diese Öffentlichkeit verhält sich ausgesprochen negativ gegenüber der USA und der NATO, die Ukraine wird von vielen für ein Marionettenstaat der USA gehalten. Eine riesige Rolle spielt dabei die Propaganda der ungarischen Regierung, und offensichtlich kann sie sich nicht, vielleicht will sie sich davon gar nicht lösen. (…) Man kann sagen, dass Ungarn bisher keine Opfer für die Ukraine gebracht hatte. Weder die Regierung noch die von ihr beherrschte Öffentlichkeit sind mit dem Freiheitskampf der ukrainischen Nation solidarisch und es scheint so, dass sie auch in der Zukunft nicht bereit sind, sie zu unterstützen."

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - Elet es Irodalom

Für Zoltán Kovács, den Chefredakteur von Élet és Irodalom, wurde Ungarn in den vergangenen Jahren durch die immer enger werdenden Nähe des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán zum russischen Präsidenten zur lustigsten Baracke von Gazprom, was allerdings nunmehr zu einer vollkommenen Isolation Ungarns führte, schreibt er in einem Kommentar: "Unsere Position wäre sicherlich einfacher und unsere Einstufung durch die anderen wesentlich besser, wenn die vergangene Dekade nicht zu einem bedingungslosen Anschluss an Russland geführt hätte, sondern eine Regierungsabsicht ersichtlich gewesen wäre, dass man sich unabhängig machen will. Die Haltung der Orban-Regierung zum Krieg in der Ukraine irritiert jedes Land in der EU. Die bedingungslose Nähe zu Putin kann nicht mehr einfach mit der Lage am Energiemarkt begründet werden, die EU wird früher oder später anfangen, ohne Ungarn Lösungen für die Probleme zu finden. (…) Egal, wie stark er sich redet, seine Verbündeten sind weg, selbst seine ehemaligen besten Freunde sprechen nicht mehr mit ihm, die Visegrád-Länder sind auseinandergebrochen."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker György Tverdota veröffentlichte vor kurzem den ersten Teil seiner Monografie über den Dichter Attila József, der in Ungarn als einer der bedeutendsten Lyriker verzeichnet wird. Der Titel von Tverdotas Buch, "Ihr Proletarier, bedenkt das", ist eine Zeile aus Józsefs Gedicht "Meine Mutter". Was normalerweise nur eine Nachricht in Fachkreisen wäre, wird diesmal weit über deren Grenzen hinaus diskutiert, was einerseits mit der Bedeutung und Popularität von Attila József zu erklären ist, andererseits gilt Tverdota als der bedeutendste und profilierteste Kenner von Józsefs Werk. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht Tverdota u.a. über Sinn und Unsinn einer "Entideologisierung" von Dichtern, wobei er als positivistischer Literaturhistoriker die Bedeutung der Geschichte grundsätzlich betont: "Das Buch hat den Titel: 'Ihr Proletarier, bedenkt das'. Und dies kann auch als Antwort auf die Frage dienen, ob man Attila József entideologisieren kann oder sollte. Wenn wir aus ihm einen Dichter machen, der kurze Zeit Kommunist war, um seine marxistischen Ideen kaum erwähnen zu müssen, dann radieren wir Attila József aus. Es wurde auch gesagt, dass er ein Loser war. Dann müssen wir uns aber damit abfinden, dass das gesamte Land aus Losern besteht. Die Ungarn mögen von sich denken, dass sie ein Herrenvolk sind. Hier war jeder ein Herr und Aristokrat, jedermanns Vorfahren gingen auf die Jagd. Dieses Land will sich heute aus der Armut stemmen, mit welchem Erfolg kann ich nicht sagen. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, wie Attila József tatsächlich war. Die Überschrift ist absichtlich provokativ, denn ich wollte Attila József dort verorten, wo er tatsächlich war. Aber es hat auch eine sprachliche Dimension. Ich wollte einen Titel mit einem Verb im Imperativ. Das ist selten."

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Zoltán Szalay denkt der in der Slowakei geborene und in Warschau lebende Dichter und Literaturhistoriker Zoltán Németh über die Veränderung des Konzepts der ungarischen Literatur nach: "Man kann das gut an der ungarischen Literatur in der Slowakei erkennen. In den neunziger Jahren flammte die Idee einer einheitlichen ungarischen Literatur auf. Politische Grenzen sollten nicht zählen, nur die Poetik. Die ungarischen Schriftsteller nahmen alle an jener Kanonerstellung teil, die sich in Budapest ereignete. Die Leute aus Siebenbürgen hatten daran genauso ihren Teil wie die aus der Slowakei usw. Als sich in Ungarn jedoch 2010 das literaturpolitische System veränderte, wurde jegliche Poetik durch die Frage überschrieben, wer sich wie gegenüber der Macht verhält. Die Idee des Raums einer einheitlichen ungarischen Literatur wurde in Frage gestellt." Németh sieht durchaus Potenzial bei jüngeren Autoren, "doch manchmal habe ich das Gefühl, dass die jungen ungarischen Autoren aus der Slowakei noch zurückgezogener sind als wir früher es waren. Sie begnügen sie mit der Publikation bei Kalligramm (ein Verlag, der meist ungarische Literatur in der Slowakei veröffentlicht - Anm. d. Red.) oder in der Literarischen Rundschau (Irodalmi Szemle - ungarische Literaturzeitschrift in der Slowakei - Anm. d. Red.), obgleich, wenn sie in mehreren Organen erscheinen würden, wäre das eine größere Inspiration für sie. Auch wenn wir nicht (mehr) in einer einheitlichen ungarischen Literatur denken, müssen wir uns irgendwie doch im gemeinsamen Raum der ungarischen Literatur messen lassen." (Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - Elet es Irodalom

Anderthalb Wochen nach den Wahlen verkündete die Medienbehörde in Ungarn, dass die im September ablaufende Sendefrequenz von Tilos Radio (Radio Verboten) nicht verlängert wird. Der Journalist Balázs Weyer war zwischen 1997 und 2003. Vorsitzender des Kuratoriums von Tilos. In den letzten zehn Jahren arbeitete Weyer als Musikproduzent und Musikdirektor bei Filmproduktionen (u.a. Son of Saul) und ist Dozent am Lehrstuhl für Kommunikation und Medien der Universität Pécs. Im Interview mit János Széky spricht er u.a. darüber, was Tilos ausmacht und ob das Radio ein unabhängiger oder gar oppositioneller Sender ist. "Ein schlagkräftigeres Medium als Tilos ist schwer zu finden. Das bedeutet auch, dass wir den Sender sehr günstig betreiben können, wobei Freiwillige dabei helfen, dass dieses Radio alles überleben kann. Sein Überleben ist auch deshalb wichtig, weil jeder weiß, dass so etwas nie wieder entstehen wird. Ich war jahrelang Vize-Präsident des Weltverbands der Gemeinschaftsradios (AMARC - Anm. d. Red.) aber auch dort galten wir als Ausnahme. Während wir über Gemeinschaftsradios von Afrika bis Südamerika zahlreiche wunderbaren Geschichten hörten, wurde unser Existenzmodell stets als 'Einhorn' bezeichnet. Immerhin hat es seit 1991 sieben oder acht Regierungen überlebt. Während jeder Regierung gab es irgendeine Krisensituation, aber wir konnten stets weitermachen. Nicht nur technisch, sondern auch wegen der Unterstützung unserer Hörer konnten wir die Krisen überleben. Oppositionell würde ich uns keineswegs nennen und selbst unabhängig ist nicht das beste Wort. Tilos ist ein Outsider-Radio."

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Elet es Irodalom

Die Literaturhistorikerin und Russistin Zsuzsa Hetényi (ELTE Budapest) spricht im Interview mit Benedek Várkonyi u.a. über die veränderte Bedeutung der Slawistik in den westlichen Ländern, auch in Deutschland, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. "Die westliche Welt hat kaum einen Schimmer davon, was in Russland passiert und ein eindeutiger Beweis dafür ist die Sprache der Verhandlungen und der Gedankengang der Abmachungen. Als ich jung war, in den siebziger und achtziger Jahren, existierten große Slawistik-Lehrstühle, es gab ernsthafte Forschung zum Kreml und der Sowjetunion, mit Wissenschaftlern, die über die russische Kultur und ihrer Geschichte Bescheid wussten. Sie konnten die aktuellen Ereignisse ihrer Zeit begreifen. Nach der Wende wurden viele dieser Lehrstühle eingespart. In Deutschland, wo es ja Geld für die Wissenschaft gibt, wurden Slawistik-Lehrstühle zusammengelegt, die Anzahl der Wissenschaftler drastisch gesenkt. Die postsowjetischen Emigranten, die massenhaft anfingen an diesen Institutionen zu arbeiten, sind nicht im Stande, das heimische System von Außen zu betrachten. Der späte Sozialismus und die Zeit der Wende verstärkten lediglich die Ansicht, dass ein Literaturhistoriker oder ein Historiker sich weder mit gesellschaftlichen noch mit aktuellen Fragen beschäftigen muss."