
Durch eine drastische Gesetzesänderung, in der deklariert wird, dass das Individuum selbst für die
eigene soziale Sicherheit verantwortlich ist (und der Staat erst nach den Angehörigen sowie karitativen Organisationen an letzter Stelle in der Pflicht steht), wird der Sozialstaat in Ungarn quasi
abgeschafft. Was von der Orban-Regierung als "Erbschaft des Kommunismus" deklariert wird,
beschreibt der Philosoph
Gáspár Miklós Tamás als das Ergebnis der Politik von Napoleon III., Benjamin Disraeli sowie Otto von Bismarck und detektiert eine tiefgehende Veränderung (auch Widerstand) im Land, deren Auswirkungen noch kaum absehbar sind. "Doch das Entzweien des Landes ist das radikale Ergebnis der (wie es genehm ist, revolutionären oder konterrevolutionären) Regierungspolitik des Rechtsradikalismus, was nicht die Rechte von vor 2010 ist. Hier wird die Machtzentrale nicht getrieben, sondern sie initiiert, sie verfügt über ein Programm, Ideologie und darin wird sie auch nicht von 'bad governance' im intellektuellen und formal-technischen Sinne gestört. (...) Die freiberufliche untere Mittelschicht und die Intellektuellen waren
stets vom Sozialstaat abhängig (auch ihre Kultur, ihre Konzerte, Bücher, Ausstellungen, Filme, Zeitschriften, Diskussionen), nun verteidigen sie sich, wenn auch sehr lasch. Die
Flucht der Jüngeren aus den Zusammenschlüssen und Konflikten der Macht zeigt, dass sich selbst die späten gesellschaftlichen Kämpfe verändern, die Sezession, also der Auszug ist ungreifbar, und funktioniert durch persönliche Instrumente. Diese Sezession ist für keine Macht greifbar (auch für die Gegenmacht nicht). Der Kampf geschieht also
im Tiefen, ... in einem neuartigen Land, das man mit den alten Instrumenten nicht mal mehr begreifen kann, von gewollter Veränderung gar nicht zu sprechen."