Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers TerenceStamp. Ende der Sechziger prägte Stamp mit seinem Gesicht den europäischen Film zwischen Autorenkino und Pop-Art-Entertainment: 1968 spielte er den Namenlosen, der in Pasolinis "Teorema" eine ganze bürgerliche Familie verführt. "Gerade hatte er mit Federico Fellini einen Kurzfilm nach Edgar Allan Poe ('Toby Damnit') gedreht, und im Jahr zuvor hatte er mit Julie Christie in der opulenten Thomas-Hardy-Verfilmung 'Die Herrin von Thornhill' und in Ken Loachs erstem Spielfilm 'Poor Cow' vor der Kamera gestanden. Stamp, 1938 geboren, gehörte wie Christie, David Hemmings und Malcolm McDowell zu jener Schauspielergeneration, die für den Neuanfang des britischen Kinos in den Sechzigerjahren stand. Sie alle hatten erlebt - genauso wie viele der Regisseure, mit denen sie drehten -, wie ihre Väter als psychischeWracks aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen. Sie suchten nach einem neuen Ausdruck für ein neues Lebensgefühl, und das Kino bot ihnen dafür die ideale Bühne."
"Die 'Swinging Sixties' haben viele Gesichter", schreibt Jenni Zylka in der taz, doch "in seins schaute man besonders gern". Er war "einer der energetischsten britischen Schauspielrebellen jener Zeit. Der im Londoner East End aufgewachsene 'Cockney' Stamp, ein 'Blitz'-Überlebender mit verträumten Katzenaugen, zeigte früh sein enormes Schauspieltalent. Mit 24 wurde er für Peter Ustinovs 'Billy Budd' für einen Oscar nominiert, 1965 spielte er im vielleicht ersten echten Incel-Film 'The Collector' von William Wyler derartig verstörend einen pedantischen, isolierten Mann, der eine Frau entführt und sie schließlich sterben lässt, dass es einen schaudern lässt."
An der Seite der großen Monica Vitti sang er im Pop-Art-Eurospy-Fluff "Modesty Blaise" beim Verzehr einer riesigen Menge Eiscreme:
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das FilmfestivalLocarno (mehr dazu bereits hier). Der Filmemacher Samir Jamal Aldinkritisiert in der NZZ die SchweizerFilmförderung. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Filmplakatgestalters JoeCaroff, der unter anderem das ikonische 007-Logo geschaffen hatte. Besprochen werden CelineSongs RomCom "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (Tsp), die Arte-Doku "WimWenders: Der ewig Suchende" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (Welt).
Wortkarge Philosophie: "Two Seasons, two Strangers" gewinnt in Locarno Das FilmfestivalLocarno ist am Wochenende mit einem Goldenen Leoparden für ShoMiyakes "Two Seasons, Two Strangers" zu Ende gegangen. Dieser Film "hätte auch den Wettbewerben von Cannes oder Venedig zu Ehren gereicht", schreibt ein sichtlich beeindruckter Daniel Kothenschulte in der FR. "Zwei Geschichten sind darin durch die Tatsache verbunden, dass die Autorin der ersten zur Protagonistin der zweiten wird. Auch wenn ihre Feder gleich zu Beginn das Setting der Begegnung einer Jungen Reisenden mit einem melancholischen jungen Mannes an einer Küstenstatt entwirft, ist man doch von der Zäsur nach dem ersten Drittel mehr als überrascht: Da erweist sich die hypnotische Erzählung, der man gerne weiter gefolgt wäre, als Film im Film". So "beginnt eine Reflexion über das Schreiben selbst und den Einfluss der Sprache auf die Konstruktion von Wirklichkeit. In seiner wortkargenPhilosophie erinnert der Film an die Werke des derzeit vielleicht einflussreichsten japanischen Filmkünstlers, Teruhisa Yamamoto."
Ein Theater der Klassen: "Sehnsucht in Sangerhausen" Diesem Lob für den Gewinnerfilm kann sich Patrick Wellinski im Tagesspiegel unumwunden anschließen. Allein schade findet er es, dass die Jury JulianRadlmaiers "Sehnsucht in Sangerhausen" beim Preisregen nicht bedacht hat, zumal sich dieser "intelligente Reigen" als "heimlicher Publikumsfavorit des Festivals" entpuppte. Der Regisseur "erzählt mehrere Geschichten aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, beginnt bei einem Hausmädchen des Dichters Novalis im 18. Jahrhundert und wandert dann in die Gegenwart, um sich zwei Frauen zu widmen, die nach Heimat und Halt suchen. In episodischen, leichtfüßigen Szenen entfaltet sich dort ein kleines Theater der Klassen und Zugehörigkeiten. (...) Radlmaiers Blick auf Ostdeutschland, seine Identitätskrise und utopische Hoffnung ist dabei zärtlich und ehrlich zugleich, durchdrungen von einer Bodenständigkeit, die nichts beschönigt. Das Ergebnis: ein Film wie ein Novalis-Gedicht in volkstümlicher Variation - keine blaue Blume für die Aristokratie, sondern ein schlichter blauer Stein für die, diewenighaben." Michael Ranze resümiert derweil in der FAZ, dass die großen klingenden Namen aus der Welt des Autorenkinos mit ihrem Filmen in diesem Jahrgang eher enttäuschten.
Frauen in Iran: "The Witness" von Nader Saeivar Themenwechsel zum aktuellen Kinogeschehen in Deutschland: Kommenden Donnerstag startet NaderSaeivars iranisches Drama "The Witness" bei uns. Am Drehbuch hat JafarPanahi mitgeschrieben. Der Film handelt von einer Frau, die beobachten muss, wie eine Freundin von ihrem Mann, einem hochrangigen Regierungsbeamten, umgebracht wird. "Doch wie beweist man einen Femizid, wenn die Regierung den Täter schützt und der öffentliche Vorwurf Tarlans eigenes Leben in Gefahr bringt", schreibt Monika Rathmann in der SZ. Der Regisseur "führt einen langsam durch diese schwer ertragbaren Gewissheiten." Der Film "verdeutlicht die patriarchalen Machtverhältnisse vor allem durch das im Film so genannte Gesetz zum 'Mord im Ehebett'. Es erlaube dem Ehemann, seine Frau und deren Liebhaber zu töten, wenn er die Ehebrecher in flagranti erwischt. Der Mann darf also nicht nur bestimmen, ob seine Frau arbeitet und wie sie sich kleidet. Er entscheidet auch, ob sie leben darf."
Außerdem: Raweel Nasir verneigt sich in der taz vor der von Sarah Jessica Parker gespielten Serienheldin CarrieBradshaw, deren Geschichte mit der letzten Folge des "Sex and the City"-Ablegers "And Just Like That" nun zu Ende erzählt ist. Sandra Kegel erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an RobertAldrichs Psychothriller "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" mit BetteDavis und JoanCrawford. Requisiten des "DowntownAbbey"-Franchise werden versteigert, meldet Anne Reimers in der FAZ. Und die Agenturen melden, dass der Schauspieler TerenceStamp gestorben ist.
Besprochen werden JulianVogels und JohannesBüttners Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" über einen Vegan-Influencer, der sich wie einst Attila Hildmann in die antisemitischeWirrnis des "Reichsbürger"-Unwesens verirrt hat (Jungle World), CédricKlapischs "Die Farben der Zeit" (online nachgereicht von der FAZ) ÓliverLaxes Wüstenfilm "Sirat" (Jungle World, SZ, unsere Kritik) und CelineSongs "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (SZ).
"One Piece" von Eiichiro Oda Manuel Stark durchleuchtet in der NZZ äußerst eingehend den Manga- undAnime-Hype der letzten Jahre. Ausgangspunkt für ihn ist der sagenhafte Erfolg der Manga-Serie "One Piece", deren Erfolg ihren AutorEiichiroOda zum zweiterfolgreichsten noch lebenden Schriftsteller der Welt gemacht hat. Auch die Zeichentrickadaption, die seit bald 30 Jahren ununterbrochen läuft, schlägt alle Rekorde. Und es stimmt schon, "'One Piece', aber auch Animes im Allgemeinen sind in ihren Aussagen selten subtil, sie sind oft übertrieben sentimental. Vielleicht erklärt sich damit aber gerade ihr Erfolg. In einer immer komplexeren Welt, in der die Nachrichten von Kriegen und Krisen dominiert werden, tun einfache Botschaften gut: Verhalte dich richtig, dann geschieht dir Gutes. Gerade durch die beinahe lächerliche Schlichtheit in vielen ihrer Botschaften gelingt Anime-Serien etwas, nach dem sich Menschen sehnen: Sie geben das Gefühl von Orientierung, man glaubt, die Regeln der Welt endlich wieder zu verstehen - auch wenn diese Regeln nur für den fiktiven Kosmos einer Geschichte gelten."
Weitere Artikel: Die Times of Israelmeldet, dass das Toronto International Film Festival in einem Statement bekanntgegeben hat, BarryAvrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" über die Hamas-Massaker vom 7. Oktober nach Protesten nun doch zu zeigen (unsere Resümees zum kurzfristigen Rauswurf des Films hier und dort). Jörg Taszman spricht im Filmdienst mit CédricKlapisch über dessen aktuellen Kinofilm "Die Farben der Zeit". Das FilmfestivalLocarno war in diesen Jahr "gelungen", hält Urs Bühler in der NZZ fest, allerdings waren die Programmhöhepunkte Übernahmen aus Cannes. Jakob Thaller blickt für den Standard auf die österreichischen Produktionen im Festival. Im "Buch Zwei" der SZ porträtiert David Steinitz Michael "Bully" Herbig, der gerade seinen neuen (im Freitag und in der FAS besprochenen) Film "Das Kanu des Manitu" in die Kinos gebracht hat (unsere Kritik).
Besprochen werden DominikGrafs Buch "Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei" (FD), MaxAhrens' und MaikLüdemanns Dokumentarfilm "Kein Land für Niemand" über die Entwicklung der MigrationspolitikinEuropa (taz), ÓliverLaxes "Sirāt" (FAZ, unsere Kritik), BenjaminCarons Netflix-Thriller "Night Always Comes" (Tsp), NatalieHallas vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Die letzte Botschafterin" über die regierungslose Diplomatin ManizhaBakhtari (Standard), JosephineFrydetzkis auf Artegezeigter Film "Tage mit Naadirah" (FAZ) und die zweite Staffel der ARD-Dokuserie "Unparteiisch - Deutschlands Elite-Schiedsrichter" (FAZ).
Die Jüdische Allgemeinemeldet (unter einer etwas zugespitzten Überschrift), dass das Toronto International Film FestivalBarryAvrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" nach internationalen Protesten nun doch zumindest "möglicherweise" zeigen will. Der Film beinhaltet auch Videoaufnahmen von Hamas-Terroristen ihres Massakers vom 7. Oktober und wurde vom Festival vorgeblich wegen ungeklärter Bildrechte an diesem Material kurzfristig wieder aus dem Programm genommen. Hat Festivalleiter CameronBailey nun doch ein Einsehen, dass es gelinde gesagt kurios erscheint, mit Massenmördern um urheberrechtliche Lizenzen verhandeln zu wollen? Nicht ganz, im Grunde beharrt das Festival auf seinem Standpunkt und windet sich in schönster Pressemitteilungsprosa aus der Sache: "Bailey wies Zensurvorwürfe entschieden zurück und bezeichnete sie als 'eindeutig falsch'. Er betonte, dass das Festival weiterhin mit den Filmemachern zusammenarbeite, um die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Vorführung zu klären. 'Ich habe unsere Rechtsabteilung gebeten, gemeinsam mit den Filmemachern alle verfügbaren Optionen zu prüfen', erklärte Bailey. Gleichzeitig bat er um 'Geduld und Verständnis, während wir uns in diesem komplexen Umfeld bewegen'."
Gleich wird es besonders lustig: "Das Kanu des Manitu" Mit seinem ursprünglich als Komödie gemeinten Film "Das Kanu des Manitu" versucht Michael "Bully" Herbig an seinen Riesenerfolg von "Der Schuh des Manitu" von 2001 anzuschließen, zeigt dabei aber das deutsche Kino mal wieder von seiner tristen Seite: Eine freudlose, zu erduldende Sache, die einem mit voranschreitender Spielzeit das Gesicht versteinern zu lassen droht. Es ist wirklich "kaum zu fassen", stöhnt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher: "Das Drehbuch ... insistiert geradezu trotzig darauf, dass keine Zeit vergangen sei. Alles in diesem Film ist genau wie damals, als Kontinuität zwischen beiden Filmen dient nicht nur der erzählerische Ausgangspunkt - eine Parodie auf schon 2001 olle deutsche Karl-May-Verfilmungen -, sondern vor allem das, was einen hier fast anderthalb Stunden in den Sessel drückt: die radikale Abwesenheit von Wortwitz, Timing und Ideen bei der gleichzeitigen Ansage, dass es jetzt aber gleich mal besonders lustig werden wird."
Sehr melancholisch wird Rüdiger Suchsland auf Artechock, wenn er beim Filmfestival Locarno die aktuelle und im einzelnen auch gut gemachte und gut gemeinte Konfektionsware der Arthaus-Produktion neben einem Kracher wie JackieChans Hongkongklassiker "Police Story" aus den Achtzigern sieht, der dort an der Piazza ebenfalls in einer Hommage gezeigt wurde: "Joachim Trier nimmt sich selbst und seinen Stoff ernst und vermeidet ängstlich jeden Anhauch von 'schlechtem Geschmack', während Jackie Chan mit dem schlechten Geschmack unaufhörlich spielt. Überhaupt ist das Spielerische Joachim Triers Sache nicht - sein Film hat Exzess nur da, wo er in irgendeiner Weise notwendig ist und einen höheren Sinn erfüllt, also so könnte man sagen, da, wo er nicht exzessiv ist, sondern effizient." Es "ist eigentlich ein viel weniger normierter Film, er ist weniger verengt als die meisten Filme, die heute ins Kino kommen."
Weitere Artikel: Zu WimWenders' 80. Geburtstag (mehr dazu hier in unserem Resümee und dort bei Artechock) sprechen Jochen Wegner und Christoph Amend im Zeit-Interviewpodcast sieben Stunden lang mit dem Regisseur über die Zukunft des Kinos. Dunja Bialas ärgert sich auf Artechock, dass in den Räumlichkeiten des früheren Münchner Traditionskinos am SendlingerTor nun die Zeiten der Zwischennutzung angebrochen sind und ein Popup-Café dort halt gemacht hat. In der FAZ (online nachgereicht) gratuliert Dietmar Dath SteveMartin zum 80. Geburtstag. Und Cancel Culture in Frankreich: Jugendliche haben nach homophoben und frauenfeindlichen Gewaltandrohungen dafür gesorgt, dass eine Vorführung von Greta Gerwigs "Barbie" in Noisy-le-Sec bei Paris abgesagt werden musste, melden die Agenturen - Genaueres in einem Kommentar von Laurent Joffrin in lejournal.info.
Besprochen werden JulianVogels und JohannesBüttners "Reichsbürger"-Doku "Soldaten des Lichts" (FR), OliverLaxes "Sirāt" (Standard, Artechock, unsere Kritik) und CédricKlapischs Komödie "Die Farben der Zeit" (Welt, Artechock). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
WimWenders wird heute 80 Jahre alt. Ja, seine Filme zieht es in die Ferne, sie durchmessen und greifen Raum, "vom erzählerischen Gestus her aber ist er alles andere als ein expansionswütiger Herrscher", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Filmen heißt für Wenders bis heute, die Einbildungskraft offenzuhalten - nicht, sich Stoffe gewaltsam zu unterwerfen. Von Beginn an schöpfte er aus einem 'sense of place', der Landschaften und städtische Szenerien zum Ausgangspunkt seiner Geschichten machte. ... Amerika war nicht zufällig das mythische Land, auf das er seine Unendlichkeitssehnsucht projizierte. Die statuarische Macht von John Fords Western, allen voran den 'Searchers', hatten sich in sein romantisches Gemüt eingesenkt." Doch "das Amerikabild in den Filmen von Wim Wenders hat Risse und Brüche, sie werden bald Dokumente sein eines amerikanischen Jahrhunderts, das entschwunden scheint und sich im Blick des Europäers vielleicht wahrhaftiger spiegelt als in der Wahrnehmung Hollywoods", hält Susan Vahabzadeh in der SZ fest.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wenders, der Reisende, dieses Bild "stimmt nur zum Teil", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Denn zum Reisen gehört der Aufbruch von zu Hause und die Bewegung auf ein Ziel hin. Aber Wenders' Reisende haben kein Ziel und ihr Zuhause längst hinter sich." Erst seitdem Wenders mit "Der Himmel über Berlin" den Blick sehnsüchtig auf Deutschland gelegt hat, "hatten die Reisen auf einmal ein Ziel. Der einsame Wanderer Wenders wollte zum epischenErzähler werden, die Männergeschichten mit weiblichem Randpersonal sollten sich zu Gesellschafts- und Weltpanoramen dehnen. Dass das in 'Bis ans Ende der Welt' nicht funktionierte, hat Wenders bis heute nicht verwunden, wie man in einem gerade im Verlag der Autoren unter dem Titel 'Wesentliches' erschienenen Essayband nachlesen kann."
Mehr Wenders: Reinhold Zwick widmet sich im Filmdienst der Spiritualität in Wenders' Filmen. Arte und etwas weniger umfangreich auch die ARD würdigen Wenders in ihren Mediatheken. In den Radioanstalten der ARD hingegen fühlte sich für Wenders offenbar niemand zuständig. Anthony D'Allesandro meldet auf Deadline, dass das Toronto International Film Festival Barry Avrichs Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" kurzfristig wieder aus dem Programm genommen hat. Der Film zeigt Videomaterial, mit dem Hamas-Terroristen ihr genozidales Massaker vom 7. Oktober dokumentiert haben. Das Festival gibt an, den Film aufgrund angeblich ungeklärter Rechte am betreffenden Material nicht zeigen zu können. "Quellen berichten uns, dass das TIFF wegen des potenziellen Risikos gewalttätiger Proteste Abstand von dem Film genommen hat". Außerdem informierten Quellen, dass das Festival den Produzenten Auflagen gemacht habe, sollten die Filme im Programm gezeigt werden. Ihnen wurde mitgeteilt, "dass sie redaktionelle Änderungen vornehmen müssten". Das Festival bestreitet dies.
Weitere Artikel: Esthy Baumann-Rüdiger schreibt in der NZZ über die junge Schauspielerin SydneySweeney, der in Hollywood gerade insbesondere vom rechten politischen Spektrum die Herzen zufliegen. Beim FilmfestivalLocarno mag die Schweizer Serie "The Deal" gerade sehr ankommen, doch aufatmen kann die schwächelndeSchweizerFilmbranche noch lange nicht, schreibt Urs Bühler in der NZZ. Dietmar Dath gratuliert in der FAZSteveMartin zum 80. Geburtstag. Vor 50 Jahren lief die "Rocky Horror Picture Show" in den Kinos an und entwickelte sich schließlich zum Kultphänomen, erinnern Sara Piazza (taz) und Christian Schachinger (Standard).
Besprochen werden IbrahimNash'ats im ersten Jahr nach deren Machtübernahme entstandener Dokumentarfilm "Hollywoodgate" über die Taliban in Afghanistan (FD, Jungle World), OliverLaxes "Sirat" (FD, FR, unsere Kritik), CédricKlapischs "Die Farben der Zeit" (taz, Freitag), Danny und MichaelPhilippous Arthouse-Horrorfilm "Bring Her Back" (taz), die Disney-Serie "Alien:Earth" (Welt, FAZ, mehr dazu bereits hier), eine BluRay-Neuausgabe von Anthony Manns Westernklassiker "Nackte Gewalt" (FD) und Michael "Bully" Herbigs neuer Blödel-Western "Das Kanu des Manitu" (unsere Kritik, FD, FAZ, Standard, FR, NZZ, Welt).
Chiara Mastroianni als sie selbst als Marcello Mastrioanni, ihr Vater, in Christophe Honorés "Marcello Mio" ChristopheHonorés "Marcello Mio" läuft vorerst nur Österreich an, aber Bert Rebhandls Kritik im Standard lässt darauf hoffen, dass der Film auch in Deutschland bald zu sehen ist. ChiaraMastroianni, die Tochter von MarcelloMastroianni und CatherineDeneuve, spielt hier sich selbst als Tochter, die im Film wiederum ihren Vater spielt, dem sie ohnehin schon sehr ähnlich sieht. Auch die Deneuve spielt mit und sich selbst. Wäre Chiara Mastroianni Mastroiannis Sohn, "wäre alles klassisch einfacher, eine Staffelübergabe unter Männern. Viel wurde geschrieben über das Männerbild, das Mastroianni verkörperte: der elegante Frauenheld, der Liebhaber, der immer ein melancholischer Einzelgänger bleibt, die obligate Zigarette immer in der Hand. Dass Chiara sich alle diese Facetten zu eigen macht, hat etwas Subversives, denn für sie ist das ja eine Hosenrolle, sie wirkt plötzlich queer... In bester französischer, intellektueller Tradition ist Marcello Mio nicht nur eine Liebeserklärung an das klassische europäische, natürlich vor allem italienische Nachkriegskino." Findet neue Möglichkeiten: "Alien Earth" (Disney+) Für Matthias Kalle (Zeit Online) bildet NoahHawleys auf Disney+ gezeigte Serie "Alien: Earth" einen "vorläufigen Höhepunkt dieses Serien-Sommers". Die Serie spielt zwei Jahre vor den Ereignissen aus RidleyScotts SF-Klassiker "Alien" und ist auf der Erde angesiedelt, wo finstere Konzerne finstere Machenschaften planen. Es "herrscht die Ära des Spätkapitalismus und die Hybris der Tech-Eliten, die Transhumanismus als Geschäftsmodell für das Versprechen ewigen Lebens für Superreiche entdeckt haben. Die Serie erschafft eine Zukunft, die nicht unplausibel erscheint, weil sie von der Gegenwart nach vorne denkt. ... Hawley will mit 'Alien: Earth' beunruhigen, und für die besonders düsteren Momente klaut er hin und wieder bei Ridley Scott und auch bei Stanley Kubrick, nicht plump, sondern mit Sinn und Verstand. Und er weiß, wie weit er gehen kann. Er geht sehr weit, denn er interessiert sich nicht für Kanonpflege", sondern "für die Erzählung selbst - für ihre Form, für ihre Metaphern und für die Möglichkeiten, die in einem Stoff stecken, den die meisten für auserzählt hielten."
Außerdem: André Malberg schreibt auf critic.de ausführlich über die Dokumentarfilme des Eifel-Chronisten Dietrich Schubert. In der NZZverneigt sich Jean-Martin Büttner vor SteveMartin, der morgen seinen 80. Geburtstag feiert. Besprochen werden OliverLaxes in Cannes ausgezeichnert Film "Sirat" (Tsp, Welt, taz, unsere Kritik), die ZDF-Serie "We Are Lady Parts" (FAZ) und CédricKlapischs "Die Farben der Zeit" (SZ).
Jede Sekunde passiert etwas Neues: "Dracula" von Radu Jude Beim FilmfestivalLocarno wurde der neue Film des rumänischen Auteurs RaduJude aufgeführt: In "Dracula" dreht er die Geschichte des angeblich rumänischen Blutsaugers, den in Rumänien aber tatsächlich jahrzehntelang niemand kannte, gehörig durch den KI-Fleischwolf. Jakob Thaller vom Standardverließ den Saal mit schwirrendem Kopf: Die Episoden des Films "reichen von radikal politisch bis radikal dumm. Man sieht Bäume, an denen Penisse wachsen, sowieso sehr viele Darstellungen männlicher und weiblicher Sexualität, Zombies, Zahnschmerzen und einen Zahnarzt namens Dr. Caligari, wahre Liebe, Kapitalismuskritik und eine rumänische Longevity-Klinik, die ihre Kunden aussaugt." Der Film "fühlt sich an, als hätte man zu viele Tabs im Browser auf einmal offen, als würde man unter dem Einfluss narrischer Schwammerln durch Tiktok scrollen. Jede Sekunde passiert etwas Neues, Fenster in digitale Welten öffnen sich und schließen sich wieder, flimmernde KI-Bilder verschmelzen mit verzerrten Sounds zu einem Strudel aus Popkultur, reichlich Fellatio und rumänischer Identität. Der Strom aus Assoziationen ... reißt einen manchmal mit - erschöpft jedoch viel öfter." Im Filmdienstresümiert Irene Genhart die ersten Tage des Festivals.
In Sachen JamesBond stehen im Grunde alle wichtigen Posten bereits in den Startlöchern, nur die allerwichtigste Position ist noch vakant. Ja, wer soll denn nun die legendäre Doppel-Null spielen, fragt sich David Steinitz in der SZ. Das klassische Profil - weiß, männlich, heterosexuell, mindestens 30 plus - wäre allen Unkenrufen zum Trotz für ihn weiterhin die naheliegendste Lösung, schließlich "war Bond nämlich immer dann am spannendsten, wenn er als das gezeigt wird, was er nicht erst seit dem Jahr 2025 ist: ein Anachronismus, eine aussterbende Art, ein alter Mann in einer neuen Welt." Dies macht die Figur "nicht obsolet, sondern überhaupt erst interessant. ... Denn je weiter die Welt sich drehte, je mehr die politischen Konstellationen und gesellschaftlichen Normen sich verschoben, unter denen Ian Fleming die Figur einst erfunden hatte, desto besser wurden die Filme. Bond stand mit seiner Brutalität und seinem Machotum plötzlich eher als Psychopath denn als Gentleman da."
Außerdem: Marisa Buovolo gratuliert in der NZZWimWenders zum 80. Geburtstag, den dieser am 14. August feiert. Ihr Kollege Jörg Restorff hat die dem Regisseur gewidmete Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (hier unser Resümee) besucht. Anja Reich schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf die Regisseurin Uljana Havemann. Besprochen wird die zweite Staffel von Tim BurtonsNetflix-Serie "Wednesday" (NZZ).
Weiteres: Das FilmfestivalLocarno ehrt Hongkong-Filmlegende JackieChan, freut sich Urs Bühler in der NZZ. In der tazspricht Katharina Böhm mit GrafHaufen, der seit 40 Jahren mit seiner Berliner Filmarchiv-VideothekVideodrom "Razzien, Streaming und Pandemien" trotzt.
Besprochen werden die neuen Folgen von TimBurtons Netflix-Serie "Wednesday" (taz), ZachCreggers vorab ziemlich gehypter Horrorfilm "Weapons" (taz), die 3sat-Doku "Comic-Journalismus: Wirklichkeit als Kunstform" (FAZ) und die Arte-Doku "Apollo 1 - Die wahre Geschichte" (FAZ).
"Soldaten des Lichts". Julian Vogel und Johannes Büttner Sehenswertes politisches Kino annonciert Jens Balkenborg in der taz mit dem Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" von Julian Vogel und Johannes Büttner, die nüchterne, aber doch erschreckende Einblicke in die Schwurbler- und Verschwörungstheoretiker-Szene gewähren. Unter anderem begleiten sie den der Reichsbürgerszene nahestehenden "roh-veganen" Influencer David, der sich einbildet mit "kruden" Methoden Krebs oder psychische Krankheiten heilen zu können: "Es macht schwindelig, wie sich in diesen Kreisen ... die verrücktesten Ideen ganz selbstverständlich aufeinanderstapeln. Da sagt ein gefeierter Geistheiler im Interview mit David so etwas wie 'In der Endzeit ist alles möglich', er hält die Putzfrau für einen 'Repto' - Verschwörungsdeutsch für Reptiloid, ein menschenähnliches Wesen mit reptilienartigen oder außerirdischen Eigenschaften - und erzählt dem Influencer in der Interviewpause, dass er mit seinen Pseudotherapien soviel Geld gemacht habe, dass er nicht wisse, wohin damit."
Außerdem: Hannah Segers berichtet im Standard, dass der auf Arthaus, Independent- und Autorenfilme spezialisierte Streamer und Produzent Mubi erheblichen Gegenwind von Künstlern und Publikum bekommt, weil er Investmentmittel der Risikokapitalgesellschaft SequoiaCapital angenommen hat, die auch Rüstungs-Startups fördert. Besprochen werden die große Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (FD), ÓliverLaxes "Sirāt" (WamS, unsere Kritik), ÁlvaroLongorias Dokumentarfilm "Ecce Homo" über die Entdeckung eines echten Caravaggio in einem Hausflur in Madrid (FAZ) und CarineTardieus "Was uns verbindet" (SZ).
Was im Verschwinden begriffen ist: "Milch ins Feuer" von Justine Bauer Perlentaucher Kamil Moll erfreut sich sich an der sommerlichen Melancholie von Justine Bauers an der Kunsthochschule für Medien in Köln entstandenem Debütfilm "Milch ins Feuer" über junge Frauen und Mädchen in der landwirtschaftlich geprägten Provinz. Gedreht wurde der Film auf Hohenlohisch, einer fränkischen Mundart aus dem Norden Baden-Würtemmbergs. "In der Sprache hält sich etwas fest, was schon im Auflösen und Verschwinden begriffen ist. Der Film ist durchsetzt von einer Melancholie fürs Vergehen der Zeit, die zum einen intim und individuell-biografisch ist, zum anderen ohne jegliche Themenkino-Aufdringlichkeit gesellschaftlich und symptomatisch. ... Ohne süßliche Zuspitzung, nah an der Grenze zum Dokumentarischen, erzählt Justine Bauer in einer gekonnt durchgearbeiteten, konzentrierten Filmsprache vom Ende einer Jugend, die auch das mähliche Ausklingen einer Lebenswelt abbildet." Für Artechockbespricht Axel Timo Purr den Film.
Die Deutschen lachen angeblich nicht gern. Trotzdem bestimmen seit vielen Jahren Komödien die Spitzenplätze in den hiesigen Produktionen. Gerade dieser nationale Erfolg ist aber der Grund dafür, dass das deutsche Kino international kaum je einmal den großen Zeh in die Türe bekommt, stellt Susanne Gietl im Filmdienst nach Forschungsergebnissen des Datenanalysten Stephen Follows fest. In dessen Studien "deutet alles darauf hin, dass die ExportchancedeutscherFilme umgekehrt proportional zu den nationalen Besuchervorlieben liegt. Die deutsche Filmbranche steckt in der Klemme! Wenn es mit der Stärkung der kulturellen Filmförderung heimische Produktionen, die künstlerische Eigenwilligkeit wagen, zukünftig leichter haben werden, könnte das eine Chance sein, um dieses Dilemma aufzulösen. Ob MaschaSchilinskis sphärisch-düsteres Drama 'In die Sonne schauen' ein ermutigendes Beispiel geben kann? Die Auszeichnung mit dem Preis der Jury in Cannes hat ein starkes Zeichen für die breitenwirksame Wahrnehmung eines deutschen Films im Ausland gesetzt." Mehr zu Schilinskis Cannes-Erfolg bereits hier und dort.
Weitere Artikel: "Immer mal wieder denke ich, Schauspieler sollten am besten gar nichts sagen zu politischen Dingen und politischen Verhältnissen", verzagt Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne angesichts des Aufrufs einiger Film- und TV-Schaffender an die Bundespolitik, Israel unter Druck zu setzen. Außerdem liefert Suchsland für Artechock Notizen vom FilmfestivalLocarno. Ebendort plaudert Urs Bühler für die NZZ mit Willem Dafoe. Dunja Bialas resümiert auf Artechock die zweite der aktuellen Filmkunstwochenin München. Axel Timo Purr spricht für Artechock mit der Drehbuchautorin und Regisseurin CarineTardieu über deren neuen Film "Was uns verbindet".
Besprochen werden Alexis Langlois' queeres Musical "Drama Queens" (Artechock, unsere Kritik), Helge Schneiders "The Klimperclown" (Welt, mehr dazu hier), die Installation "Breathing Matter(s)" im Berliner Silent Green mit den essayistischen Dokumentarfilmen von LucienCastaing-Taylor und VérénaParavel (Artechock, mehr dazu bereits hier), NishaGanatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (NZZ), die Apple-Serie "Chiefs of Hawaii" mit Jason Mamoa (Freitag), die DVD-Ausgabe von AlexGarlands "Warfare" (die taz-Besprechung ist uns gestern durchgerutscht) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Platonic" (taz).