"Yi Yi" von Edward Yang (Rapid Eye Movies) Dass EdwardYangs taiwanesischer Filmklassiker "Yi Yi" aus dem Jahr 2000 nun wieder in die Kinos kommt, stimmtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte sehr nostalgisch - wie war das noch, damals um die Jahrtausendwende, als das aufregendste Kino der Welt aus Asien kam und jedes Festival auf neue Auteurs aus den Regionen aufmerksam machte. Und da "Edward Yang nur sieben Jahre später, ohne seinen nächsten Film vollendet zu haben, starb, blieb sein Film zurück wie ein weitererzähltes Geheimnis. Er ist nicht der einzige Meister unter den langsamen Filmerzählern seiner Zeit, auch seine Landsleute HouHsiao-hsien und TsaiMing-liang reüssierten. Und die Goldene Palme gewann damals WongKar-wais auf andere Art ebenso faszinierender und vielleicht etwas eingänglicherer Film 'In the Mood for Love'. Für einen Film, der von der Zeit handelt, erweist sich 'Yi Yi' beim Wiedersehen auf faszinierende Weise zeitlos. Wer ihn heute entdeckt, kommt nicht zu spät." Bereits beim ursprünglichen Kinostart 2001 zerflossen die Kritiker: Wir zitierten damals in unseren Presseschauen Andreas Kilb und Hanns Zischler.
Weitere Artikel: Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Rosa von Praunheim (weitere Nachrufe hier). Tanja C. Krainhöfer spricht für den Filmdienst mit Johannes Kostenzer und Elisabeth Stark, die das Nature Film Festivalin Innsbruck leiten. Florian Schoop und Tobias Sedlmaier plaudern in der NZZ mit dem Schauspieler ChristophMariaHerbst über "Stromberg". Außerdem kürt das Filmdienst-Team die besten Serien des Jahres.
Besprochen werden EvaVictors "Sorry, Baby" (Tsp, unsere Kritik sowie hier unser Resümee), AriAsters Pandemie-Groteske "Eddington", die in Deutschland schon seit einem Monat in den Kinos läuft (NZZ, unsere Kritik), die Lanzmann-Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin (NZZ, mehr dazu bereits hier), die neue Staffel der Erfolgsserie "Emily in Paris" (Welt, SZ) und die beiden neuen Mozart-Serien auf ARD und Sky (NZZ).
Ein schwerer Verlust: Rosa von Praunheim ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Und das durchaus überraschend: Vor nicht einmal einer Woche hatte er noch seinem langjährigen Lebenspartner das Ja-Wort gegeben, bis zuletzt am Rohschnitt seines neuen Films gearbeitet und noch am Tag vor seinem Tod, wie die Regisseurin Julia von Heinz auf Zeit Onlineschreibt, "von den vier Filmideen erzählt, die du deinem Redakteur nächste Woche vorstellen wirst". Mit 150 Filmen und zahlreichen öffentlichen, auch in der Szene nicht immer unumstrittenen Interventionen hat er in Deutschland die Anliegen der Schwulenbewegung wie wohl kein zweiter in die Mitte der Gesellschaft getragen und das Leben in der Bundesrepublik damit nachhaltig und deutlich zum Besseren verändert. "Man wird seinesgleichen nie mehr sehen", seufzt Andreas Platthaus in der FAZ. Der Perlentaucher seufzt mit.
Von Praunheim "liebte das Unerwartete, das Unkonventionelle, das eventuell nur für ihn Naheliegende", schreibt Jan Feddersen in der taz und ruft "die Wucht" in Erinnerung, "mit der Rosa die deutsche Kultur ... seit Ende der sechziger Jahre aufmischte", insbesondere mit der Ausstrahlung seines TV-Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Es war der "ästhetische Gründungsakt der bundesdeutschen Schwulenbewegung. ... Schwules, so Praunheim, war nix zum Schämen, sondern zum Stolzsein, ein Anlass zur Dissidenz, zum Krawall, zum lauten Sein als Abschied von den Zeiten, die als Tyrannei der Diskretion verstanden werden können."
"Cineastische Meisterwerke hat er zwar selten hervorgebracht", stellt Tilman Krause in der Welt fest, "aber viele freche, fröhliche Porträts von starken, nicht selten durchgeknallten Frauen oder verhaltensauffälligen, selbstredend überwiegend homosexuellen Männern. Sowie jede Menge flinke Zeitgeistprotokolle." Er war "ein Vorreiter", schreibt David Steinitz in der SZ: "Mit Filmen wie 'Die Bettwurst' holte er die in den USA an der Ostküste längst schwer im höchsten Kurs befindliche Camp-Ästhetik nach Deutschland und wurde zu einem der wichtigsten Protagonisten des Neuen Deutschen Films." Nicht zuletzt wegen seines kreativen Furors: "Er war derjenige, der einfach Filme machte, als andere noch umständlich ihre Förderanträge ausfüllten", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Avantgarde und Unterhaltung, Aufklärung und Bezauberung waren in seinem immensen Filmwerk keine Gegensätze." Für Artechockführt Rüdiger Suchsland sehr umfangreich durch Leben und Werk von Praunheims.
Die ARD hat Rosa von Praunheims Film über RexGildo und ein Porträt von 2022 wieder online gestellt.Tagesspiegel und Zeit Online bringen Bilderstrecken. Außerdem hat der Tagesspiegelhier und dort historische Reaktionen auf von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." aus dem Archiv geholt. Der NDRbietet ein ausführliches Radiogespräch von 2022. Der Dlf hat zwei große Radiogespräche über Leben und Werk: hier von 2020, dort von 2023. Außerdem erschien dort am 7. Dezember im Rahmen der "Denk ich an Deutschland"-Reihe von Praunheims womöglich letzte Wortmeldung in den Medien.
Themenwechsel: Hanns-Georg Rodek hat für die Welt nachgerechnet, was an dem "Investitionsbooster" dran ist, den Kulturstaatsminister WolframWeimer mit seinem Konzept der "freiwilligenSelbstverpflichtung" für Streamer, private sowie öffentlich-rechtliche Anstalten zur Investition in den deutschen Film verspricht. Rodeks Ergebnis: nichts. Schaut man auf die Zahlen, dann liegen Weimers anvisierte 15,3 Milliarden auf fünf Jahre sogar unter dem, was ohnehin investiert wird: "Weimers 'Investitionsbooster' ist eigentlich ein Freibrief für Sender und Streamer, weniger für den deutschen Film auszugeben als bisher." In Frankreich und 16 weiteren EU-Staaten ist es hingegen ganz selbstverständlich, dass die Streamer verbindlich und gesetzlich klar geregelt re-investieren müssen, erinnert Rodek.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: Diese Woche startet SergeiLoznitsas Verfilmung von Georgi Demidos Kurzroman "Zwei Staatsanwälte": In der FAZ spricht Yelizaveta Landenberger mit dem Regisseur (hier das Resümee in unserer Debattenrundschau). SZ-Kritiker David Steinitz "läuft es kalt den Rücken" herunter, als er RobReiners "Being Charlie" wieder sichtet: In dem 2015 unabhängig produzierten Film versuchen der vor wenigen Tagen mutmaßlich von seinem Sohn ermordete Regisseur und eben jener Sohn ihr schwieriges Verhältnis aufzuarbeiten. Und: WarnerBros. lehnt das Übernahmeangebot von Paramount ab und bevorzugt Netflix, melden die Agenturen.
Besprochen werden EvaVictors "Sorry, Baby" (Perlentaucher, Artechock, online nachgereicht von der Welt, mehr dazu bereits hier), OusmaneSembènes auf DVD restaurierter Klassiker "Ceddo" (taz), LucileHadzihalilovics Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis" (FD, Artechock, Standard), JoyGharoro-Akpojotors lesbischer Liebesfilm "Dreamers" (Tsp), EdwardYangs wiederaufgeführter taiwanesischer Klassiker "Yi Yi" von 2000 (Artechock), KleberMendonçaFilhos Polit-Thriller "O Agente Secreto" (Standard), JamesCamerons "Avatar: Fire and Ash" (Perlentaucher, Artechock, taz, FR, mehr dazu bereits hier), neue ARD- und Sky-Serien über Mozart (taz, online nachgereicht von der Welt) und DominikGrafs Buch "Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei" (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Opulente Bilder, erfindet das Kino aber eventuell doch nicht neu: James Camerons dritter "Avatar"-Film Mit "Avatar: Feuer und Asche" bringt JamesCameron den dritten Teil seiner Fantasy-Science-Fiction-Saga rund um die außerirdische Welt Pandora in die Kinos. Mit dem ersten Teil 2009 löste er den mittlerweile quasi wieder beerdigten 3D-Boom aus. Nur erzählerisch und popkulturell schlugen der Film und sein Sequel (2022) keine Funken, sondern stellten lediglich Überbietungswettbewerbe dar. "Im Vergleich zu den Vorgängern scheint das ultrahochaufgelöste 3D in den Bewegungen deutlich flüssiger und weniger kontrastreich zu sein", schreibt Kamil Moll im Filmdienst. "Doch wirklich neue, ungesehene Welten oder neueimmersiveVersuchungen bietet der Film ... überraschenderweise überhaupt keine. Stattdessen liegt nur allzu bald der Gedanke nahe, dass James Cameron nicht mehr Schöpfer spielen will, sondern längst zum selbstgenügsamenEhrenbewohneraufPandora geworden ist, der durch seinen eigenen Kosmos spazieren möchte."
Auch Jan Küveler von der Welt hat wenig Freude an dem "Indigenenkitsch" dieser Erzählwelt: "Eine lustige Pointe" dieses Öko- und Natuverbundenheitsmärchens im All sei es, "dass ausgerechnet die naturverbundenen Na'vi in Wahrheit per Motion-Capturing computergenerierteHigh-Tech-Wesen sind". Tatsächlich ja bemerkenswert, findet Tobias Sedlmaier in der NZZ, dass die ökologisch grundierte Technikkritik dieser Saga komplett verpufft, anders als das noch bei Camerons "Terminator"-Filmen der Fall war: Diese Filme bieten "nichts, worüber man im Anschluss intensiv hätte diskutieren können, ... nichts, was über die technischen Gestaltungsmittel hinaus geistig in die Zukunft wies".
Andreas Busche vom Tagesspiegel ist beeindruckt, welche Freiheiten Cameron in Hollywood heute noch genießt: Der vorliegende Film wurde schon vor Jahren zeitgleich mit dem zweiten Teil gedreht, summa summarum dürfte das Budget für beide Filme irgendwo in der Nähe von einer Milliarde Dollar liegen. "Camerons Vision von Kino erweist sich aber auch als immer unvereinbarer mit den Anforderungen der Streamingplattformen, die mehr Interesse an Inhalten ('content') und weniger an (kostspieligen) ästhetischen Positionen haben." Dieser Film "ist die Antithese zu diesem Streaming-Paradigma." Auch deshalb muss man dieser Reihe Erfolg wünschen, auch wenn man ihr eigentlich keinen Erfolg wünschen will, seufzt FAZ-Kritiker Andreas Kilb im dialektischen Dilemma. Denn "deren Erfolg (die Teile vier und fünf sind schon in Vorproduktion) wird mitentscheidend dafür sein, ob Hollywood weiterhin Bestand hat" und "erhalten bleibt, was Kino auch sein kann: all das, was 'Avatar' nicht ist." Weitere Besprechungen gibts in der SZ und im Standard.
Weiteres: Felix Lenz erinnert in der FAZ an SergeiEisensteins Filmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin", der vor 100 Jahren in die Kinos kam. Karl Gaulhofer spricht in der österreichischen Presse mit EdgarReitz über dessen in Deutschland bereits vor einigen Wochen gestarteten Film "Leibniz". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst zum Tod von Rob Reiner (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden EvaVictors "Sorry, Baby" (taz, FD, mehr dazu bereits hier) und die Ausstellung "ClaudeLanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum in Berlin (Jungle World, mehr dazu bereits hier).
Rob Reiner (Bild: Neil Grabowsky / Montclair Film Festival, CC BY 2.0)Großes Entsetzen bei den Filmkritikern darüber, dass Hollywood-Regisseur RobReiner und seine Frau ermordet aufgefunden wurden - und große Trauer. Schließlich galt Reiner in den Achtzigern und frühen Neunzigern als Speerspitze eines Mainstream-Kinos, in dem Kassentauglichkeit, Intelligenz, Witz und Menschlichkeit keine Widersprüche bilden. "Wenige Regisseure verstanden so viel von der Vielfalt und intellektuellen Spannbreite des Hollywoodkinos", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Mit "Harry und Sally" etwa "knüpfte Rob Reiner an die Schlagfertigkeit und Leichtigkeit der klassischen Screwball-Komödien von Ernst Lubitsch, Howard Hawks und George Cukor an", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel, "und fügte ihnen einen feministischen Touch hinzu". Und "schöner als in seinem Coming-of-Age-Drama 'Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers' (1986) ist der Abschied von der Kindheit selten im Kino beschrieben worden." Mit beiden Filmen, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ, prägte Reiner das jeweilige Genre für die Zukunft maßgeblich.
Auch in späteren Arbeiten "bewies Reiner das Talent zum visuellenErzählen, das er schon in 'Stand By Me' gezeigt hatte", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Reiner verfügte über "einen Blick, der das Wesentliche der Geschichte nicht in oberflächlichen Effekten, sondern im Inneren der Figuren ausmachte; und eine eigene Musikalität, die nicht nur mit dem Soundtrack, sondern auch mit einem besonderen Instinkt für den Rhythmus und das Tempo der Einstellungen zu tun hatte." Valerie Dirk notiert im Standard: "Die besondere Mischung aus komödiantischem Gespür und politischerHaltung - er war stets prominenter Unterstützer der Demokraten - bildete das Herz von Reiners Arbeiten." Entsprechend schäbig und hässlich trat Trump auf Social Media nach, Musiker JackWhitereagierte auf Instagram mit eindeutigen Worten: "Du abscheulicher, niederträchtiger Egomane, du Verlierer, du Kindskopf. ... Einen tragischen Tod dafür zu nutzen, um die eigene Eitelkeit und faschistische autoritäre Agenda zu bedienen, ist eine korrupte, narzisstische Sünde."
Themenwechsel: Auch FAZ-Kritiker Jan Brachmann fällt - wie zuvor Johanna Adorján in der SZ (unser Resümee) - komplett aus allen Wolken angesichts der Serie "Mozart/Mozart", die die ARD wahrscheinlich als Erfüllung des Kulturauftrags verbucht. Historische Fakten interessieren nicht, es wird ins Blaue fabuliert: "Wenn man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behaupten kann, Mozart habe seine Schwester unterdrückt, nicht komponieren können und sein Vater eine 'woman of colour' als Geliebte gehabt, kann man auch behaupten, der Erste Weltkrieg habe begonnen, weil Belgien das Deutsche Reich überfiel. ... Das Fernsehen, gerade das öffentlich-rechtliche, wäre in Zeiten der Schulmusikunterrichtsmisere eine der letzten Möglichkeiten, noch einen Erstkontakt der Kinder zur klassischen Musik herzustellen. 'Mozart/Mozart' betrachtet diesen Erstkontakt aber gar nicht als herstellenswert."
Mit einer Milliarde Dollar hat sich Disney bei ChatAI eingekauft - und gestattet es Nutzern nun, bestimmte Figuren unter bestimmten Bedingungen für eigene KI-Videos zu verwenden. Besonders gelungene, auf diese Weise entstandene Werke könnten gar auf Disney+ ausgestrahlt werden. In der Branche sorgt der Deal für Skepsis und Bedenken, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline. "Die Grenze zwischen professionellen und von Fans erzeugten Inhalten wird immer durchlässiger. Das kann man als Profi mit Recht beklagen. Doch trägt es vor allem der Tatsache Rechnung, dass Popkultur im Allgemeinen und Animationsfilme im Besonderen heutzutage vor allem dann gut funktionieren, wenn sie die Fans zum Mitmachen und zum Aneignen ihrer Inhalte animieren. ... Für Disney markiert dies auch den Abschluss einer grundlegend veränderten Geschäftspolitik, ein Wandel, für den der Konzern viele Jahrzehnte brauchte. Denn seit dem Durchbruch mit den ersten Micky-Maus-Filmen 1928 achteten der Firmenchef Walt Disney und später seine Nachfolger meist darauf, dass niemand Unbefugtes Gebrauch von den eigenen Figuren machte."
Michael Meyns berichtet für die taz vom RedSeaFilmfestival im saudi-arabischen Dschidda. In der Region ist Kino erst seit wenigen Jahren wieder erlaubt. Versucht sich da ein Regime mit Kultur eine freundliche Fassade zu zimmern? Meyns glaubt eher an eine Ausdifferenzierung der Geschäftsgrundlage im Zuge des sich neigenden Zeitalters fossiler Brennstoffe. Hier und da schimmert durch die lokalen Produktionen auch Gesellschaftskritik durch: "Gerade wenn die Figuren sich gegen Konventionen zur Wehr setzen, bricht das Publikum bei der Premiere in spontaneBeifallsbekundungen aus, die andeuten, welches subversivePotenzial eine ganz normale romantische Komödie in einem Land haben kann, in dem es erst seit sieben Jahren wieder Kino gibt. Saudi-Arabien wäre nicht das erste Land, in dem die Obrigkeit, die Zensurbehörden, unterschätzen, wie findige Filmemacher unterschwelligeBotschaften in ihre Geschichten schmuggeln."
Außerdem: Hollywood Reportermeldet, dass der für seine romantischen Komödien (u.a. "Harry und Sally") gefeierte Regisseur RobReiner und dessen Ehefrau mutmaßlich von deren Sohn ermordet wurden. Valerie Dirk empfiehlt im Standard eine Wiener Audrey-Hepburn-Filmschau.
Besprochen werden HafsiaHerzis Banlieue-Film "Die jüngste Tochter", der Ende des Monats startet (Jungle World), EdwardYangs taiwanesischer Filmklassiker "Yi Yi" aus dem Jahr 2000, der jetzt wieder in einigen Kinos zu sehen ist (taz), und die ARD-Serie "Mozart/Mozart" (Welt).
"Sorry, Baby" von Eva Victor (li.) Die Filmkritikerinnen sind erstaunt: EvaVictor (Regie und Hauptrolle) gelingt mit "Sorry, Baby" das Kunststück, einen Film über eine Vergewaltigung im Uni-Betrieb als "eine unfassbar humorvolle, mühelose und, ja, leichtherzige Tragikomödie" umzusetzen, wie Marie-Luise Goldmann in der Weltschreibt. "Das Heilen, nicht das Sich-Rächen ... steht im Vordergrund." Wie die Regisseurin "mit der Verletzung umgeht, hat man so noch nicht gesehen: Da ist kein Verdrängen, Ästhetisieren, Überdramatisieren. Weder nutzt Victor das Trauma als Kunstgriff, wie es Drehbuchwerkstätten als notwendiges, die Figuren charakterisierendes Plot-Element lehren. Noch schlachtet sie das Trauma als alles bestimmendes Hintergrundrauschen aus."
"Wie nebenbei erfindet der Film eine neue Art, von Trauma und möglicher Heilung zu erzählen", staunt auch Julia Dettke in der FAS. "Victor hebt die Geschichte aus dem Persönlichen heraus und erzählt davon als Phänomen, als zu lösendes Problem für alle. ... Das Opfer ist hier nicht die Expertin. Sie wird nicht über das Geschehene definiert, sie darf ratlos sein, erstaunt, sie darf sich unerwartet verhalten. Sie darf weiter beruflich erfolgreich sein" und "ebenso entgeistert sein wie wir, weshalb ihr all das widerfährt. Auch Eva Victors Film darf das. Und es gelingt ihm großartig." So einen saftigen Verriss kriegt man nur noch selten serviert: Auf der Medienseite der SZ fällt Johanna Adorján beim Sehen der ARD-Serie "Mozart/Mozart" aus allen Wolken, welche offenbar aus nur gut gemeinten Gründen Mozarts Schwester Maria "Nannerl" Anna in den Fokus rückt. Aber so etwas Miserables hat Adorján schon lange nicht mehr gesehen. Zu bezeugen ist offenbar eine Kaskade aus nichts als schlechten Entscheidungen und gut gemeinter Publikumsverachtung. Und Mozarts Musik gibt es auch fast nicht zu hören. Die Serie "wirkt wirklich, als hätte man einfach Chat-GPTgefragt... Offenbar traut man heutigen Ohren das Ertragen klassischer Musik nicht zu. Kaum ertönt etwas von Mozart, werden schnell klebrige Synthesizer darübergelegt und Beats, und es klingt dann nach diesem unerträglichen irischen New-Age-Geheule von Enya ... Historiencontent für eine für dumm verkaufte Welt."
Weiteres: In der WamS spricht Martin Scholz mit der Schauspielerin MarionCotillard. Christoph Dobbitsch führt im Filmdienst durch die Filme des Regisseurs RianJohnson, der mit seinen cleveren, an Agatha Christie angelehnten "Knives Out"-Filmen gerade viel Erfolg hat und damit auch NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier überzeugt. Martin Zips gratuliert in der SZ dem Schauspieler DickVanDyke zum 100. Geburtstag. Marion Löhndorf schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Filmproduzenten Arthur Cohn. Erik Winter schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer ArneBirkenstock.
Adrian Lobe (Tagesspiegel) deutet den Übernahme-Poker rund um Warner als erstes großes Scharmützel des heraufdämmernden K.I.-Zeitalters: Nicht allein das reiche Filmrechte-Bouquet dürfte Netflix reizen, sondern vor allem der geballte "Datenschatz" des Warner-Filmfundus, mit dem Netflix wohl auch seine K.I. füttern wollen dürfte. Schließlich ist Netflix "in erster Linie ein Technologieunternehmen. ... Google besitzt mit seiner Videoplattform Youtube bereits eine gigantische Filmdatenbank, mit der seine KI trainiert werden kann." Diese "ist zwar qualitativ längst nicht so hochwertig wie die Filmdatenbank von Warner Bros., aber trotzdem der Treibstoff der KI-Produktion. Youtube dominiert mit einem Marktanteil von 28 Prozent das Streaminggeschäft und ist deshalb der Hauptkonkurrent vonNetflix."
Tiere als Zeugen des Verschwindens: "Stille Beobachter" Beglückt erzähltPerlentaucher Kamil Moll von ElizaPetkovas Dokumentarfilm "Stille Beobachter" über das Zusammenleben von Mensch und Tier in einem zusehends verfallenden Dorf in Bulgarien. "Die Gespräche der Menschen mit den Tieren sind längst so alltäglich geworden, dass in jedem Tier ein verwunschener Mensch verborgen scheint. ... Was die Tiere als Stellverter beobachten sollen, ist eine Welt, die verschwindet und wenig hinter sich zurücklässt. In einer elegischen Szene folgt die Kamera der Hündin Mila ... durch die Straßen in ein nicht mehr bewohntes, im Verfall begriffenes Haus, dessen übriggebliebenes Interieur - eine alte Bettdecke, ein an der Wand hängender Weidenkorb, ein Paar eingedellter Lederschuhe - auf ein Leben verweist, an das niemand mehr zurückdenkt. Wer hier noch weiterexistieren möchte, verwandelt sich am besten alsbald in ein Tier." Auf critic.defindet es Anton Schroeder derweil sehr spannend, "dass die Bilder sich dem Drang zur Mystifizierung permanent entziehen".
Nur die Nebendarsteller überzeugen: "Americana" Tony Tosts Neo-Western "Americana" lässt zwar an die Videotheken-Neunziger zurückdenken, "als Filmgeschichte noch, zumindest ein bisschen, Schulhofwissen war", schreibtPerlentaucher Lukas Foerster. Aber so richtig überzeugend gelinge die Sache nicht: "Auch das Aus-der-Zeit-fallen ist eine Kunst, und 'Americana' beherrscht sie über weite Strecken wenig, bleibt in übereifrigen Stilzitaten stecken und findet nur gelegentlich zu einer produktiveren, entspannteren Form von Uneigentlichkeit. Was den Film ein bisschen rettet sind seine Nebendarsteller, vor allem ZahnMcClarnon als bis an die Zähne bewaffneter, gleichwohl bodenständig selbstironischer indigener Aktivist Ghost Eye und Popsängerin Halsey in ihrem Kinodebüt als Cals Mutter Mandy Starr, ein Energiebündel von einer Frau." Jens Balkenborg sieht es in der FAZ ähnlich: Der Film "setzt trotz oder wegen seiner kalkulierten Überdrehtheit kaum eigene Akzente und ist recht überraschungsarm geraten".
Weiteres: Daniel Haas staunt in der NZZ über ElleFanning, die im Alter von 27 Jahren den gemeinsamen Leinwandauftritt mit den größten Namen nicht zu fürchten braucht und bei ihrer "Rollenauswahl ein präzises Gespür für die Fallstricke zeigt, die Hollywood einer Frau per Typecasting auslegt". Daniel Kothenschulte (FR) sagt der FilmbewertungsstelleWiesbaden Adieu, von der man ehrlich gesagt nicht gewusst hätte, dass es sie überhaupt noch gibt, wenn sie nicht Ende des Jahres die Segel streichen würde: "ein Kollateralschaden der im vergangenen Jahr reformierten Filmförderung, die nicht mehr das Prädikat 'besonderswertvoll' in ihrem Punktsystem berücksichtigt".
Besprochen werden Leis Bagdachs "Im Rosengarten" (critic.de), Muayad Alayans "Ein Haus in Jerusalem" (SZ) und Gregor Schnitzlers neuer "Bibi Blocksberg"-Film (Welt).
Valerie Dirk spricht im Standard mit dem israelischen Regisseur NadavLapid über dessen neuen Film "JA", mit dem er auf die Lage in Israel nach dem 7. Oktober reagiert (unser Resümee). Diese "schrecklichen Gewalttaten haben zu einer totalen Dehumanisierung des 'Anderen' geführt und eine perverse Fantasie geschürt, die manche Israelis von einem Israel ohne Palästinenser haben. ... Antisemitismus existiert, natürlich - und er nimmt in Momenten wie diesen zu. Aber die falsche Gleichsetzung von Israelkritik und Antisemitismus ist eine bewusste politische Manipulation, die Israels Politik seit Jahrzehnten betreibt. Sie ist auch ein Vergehen am Begriff Antisemitismus. Gerade in Deutschland und Österreich erlebe ich oft, dass Journalisten mir zuflüstern: 'Gut, dass Sie das sagen - wir dürften es nicht, sonst gilt es als antisemitisch.' Ich finde es schön, dass Sie sich Ihrer Schuld stellen. Aber ich glaube wirklich, dass die Immunität Israels und die Akzeptanz der Gleichsetzung von Antisemitismus und Israelkritik nicht nur eine dumme Sache ist, sondern die schlimmste Art, diese Schuldgefühle zu kompensieren."
Schluffiger Held wider Willen: Charly Hübner Diese Woche startet "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße", der letzte Film, den WolfgangBecker - bei den Dreharbeiten schon schwer vom Krebs gezeichnet - vor seinem Tod umsetzen konnte. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von MaximLeo. In Film wie Roman geht es um einen von CharlyHübner gespielten Videothekar in Prenzlauer Berg, der plötzlich offiziell geehrt werden soll, weil er in den Achtzigern aus reinem Versehen zahlreichen DDR-Bürgern zur Flucht verholfen hat. "Es lässt sich kein klügerer Film zur aktuellen Lage der Bundesrepublik denken, die im Zelebrieren ihrer Vergangenheiten gefangen ist, sei es der sozialistischen oder der nationalsozialistischen", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, der den Film auch für dessen "fürs heutige Kino raren Absenz jeglichen Zynismus'" feiert. Der Film "ist in den einzelnen Stationen natürlich betont überzeichnet und auf Pointe geschrieben", hält Janick Nolting auf Artechock fest, aber dennoch erstaunlich komplex. Zeit-Kritiker Jens Jessen "fällt durch den Film, seine vordergründige Unterhaltsamkeit, hindurch ins Nichts einer ungreifbaren Realität."
Dadaistische Formvollendetheit: Bjarne Mädel ist "Prange" (ARD) Georg Diez (Zeit Online) ist sehr beglückt vom ARD-Vorweihnachtsfilm "Prange - Man ist ja Nachbar", in dem sich in einem Hamburger Baumarkt zwischen BjarneMädel und KatharinaMarie Schubert eine Liebesgeschichte abspielt, während OlliDittrich den Nachbarn dazu abgibt. Der Film ist "eine Feier des Alltags, des Baumarkts, des widerwilligen, eher sinnlos widerständigen Humanismus. Deutschland, dieses Nebelland, schaut hier aus wie 1975 oder eben 2025." Zu erleben ist "das Porträt eines vergessenen Landes, das es möglicherweise gibt oder gab und das sich in seiner Provinzialität und Pedanterie entspannen darf. Gepackt wird diese Botschaft in Dialoge von dadaistischer Formvollendetheit."
Außerdem: In der Debatte um die Zukunft der Filmförderung und insbesondere um die Investitionsverpflichtung der großen Streamingdienste ist auch seitens der Produzentenseite, die ansonsten ihre Anliegens ans Kulturstaatsministerium eher höflich formuliert, ein anderer Ton zu bemerken, freut sich Rüdiger Suchsland auf Artechock, denn "mit Leisetreterei und Höflichkeit kommt man nicht weiter".
Besprochen werden MuayadAlayans "Ein Haus in Jerusalem" (FAZ), TonyTosts Neowestern "Americana" (FR), ElizaPetkovas Dokumentarfilm "Stille Beobachter" über Tiere in einem bulgarischen Bergdorf (taz), LeisBagdachs "Im Rosengarten" (Artechock), die Netflix-Doku "The Springer", die zu beweisen versucht, dass das berühmte "NapalmGirl"-Foto aus dem Vietnamkrieg in Wahrheit von einem Vietnamesen geschossen wurde (der Film "krankt an seiner deutlichen Parteinahme", schreibt Frauke Steffens in der FAZ), LarsJessens und RasmusJessens Porträtfilm "Jetzt. Wohin" mit Robert Habeck (Artechock, mehr dazu bereits hier), Gregor Schnitzlers neuer "Bibi Blocksberg"-Film (Artechock, SZ) und die vom ZDFab morgen vormittag online gestellte, finnische Serie "Queen of Fucking Everything" (FAZ).
Kulturstaatsminister WolframWeimer knickt vor den Streamingdiensten ein, lautet der Befund der Analyse von Thomas E. Schmidt und Katja Nicodemus auf Zeit Online. Ein aktuell kursierendes Papier zum Stand der Verhandlungen - sollen Netflix und Co. per Gesetz zur Investition in die deutsche Filmproduktion gezwungen werden oder nicht - lasse keinen anderen Schluss zu. Die hohen Beträge, die dem deutschen Film künftig dennoch zukommen würden, seien "eher Blenderei". Im anvisierten Freiwilligenmodell stellen die Streamer "1,83 Milliarden Euro für fünf Jahre in Aussicht. Das entspricht bloß in etwa dem bisherigen Investitionsaufkommen." Laut Produktionsallianz "sind Weimers Zahlen zudem veraltet (Stand von 2022) und würden das prognostizierte Wachstum der Streamingdienste nicht berücksichtigen".
Barbara Schweizerhof ist sich im Freitag uneins, was sie von der geplanten Übernahme von Warner durch Netflix halten soll. Droht damit wirklich das Ende des Kinos, wie manche bereits rufen? Ein Blick auf die Zahlen: "Zwölf bis 13 Filme bringt Warner jedes Jahr in die Kinos", zumindest in diesem Jahr war "einGroßteil der umsatzstärksten Filme dabei. Was sich in den ersten Antworten von Netflix-Chef Ted Sarandos abzeichnet, scheint die Neuverhandlung der 'Auswertungsfenster', also darüber, ob ein Film zwei, drei oder zehn Wochen nach Kinostart über Streaming erhältlich ist. ... Andererseits ist das Kino ein so wichtiges Standbein von Warner, dass die Übernahme keinen Sinn ergibt, wenn man an diesem Geschäftszweig so gar nicht interessiert ist. Oder macht sich hier tatsächlich der Vampir zum Blutbankverwalter?"
David Steinitz spricht in der SZ mit JamesCameron über dessen neuen "Avatar"-Film. Was den Einsatz von künstlicherIntelligenz in der Filmproduktion angeht, zeigt er sich als Pionier der Tricktechnik tiefenentspannt: "Ich glaube, kaum jemand" wird arbeitslos und noch habe die VFX-Branche selbst in der Hand, ihre Jobs zu retten: "Die großen Studios müssen sparen, also machen sie weniger große, effektlastige Filme. Das spüren die Unternehmen schon jetzt brutal. Wenn sie mit KI einen Weg finden, die Sache günstiger hinzubekommen, fliegen sie nicht aus dem Geschäft, sondern kommen dadurch überhaupt erst wieder rein." Denn "um KI fürs Kino zu verwenden, braucht es filmspezifischeLösungen. Das ist den großen KI-Firmen aber, pardon, scheißegal. Die interessieren sich nicht für Hollywood, weil das ein kleiner Markt ist. Die haben die komplette Menschheit als Kunden im Visier."
Weitere Artikel: Tobias Sedlmaier erinnert in der NZZ anlässlich der Literaturnobelpreisverleihung an LászlóKrasznahorkai an das "formstrenge, radikale Kunstkino", das der ungarische Schriftsteller als Drehbuchautor gemeinsam mit BélaTarr realisiert hat. Fabian Tietke blickt im Filmdienst zurück auf das einjährige Experiment des geschichtsträchtigen Berliner Kino Arsenals, das die Zeit zwischen Verlust der alten und Eröffnung der neuen Spielstätte damit überbrückt hat, Programm in anderen Kinos zu machen. Ausgehend von einer Schreibblockade angesichts eines nichtssagenden Film macht sich Patrick Holzapfel in einem großen Filmdienst-Essay Gedanken über Sprache und Filmkritik. Die Welt hat Hanns-Georg Rodeks Bericht darüber, wie AchimvonBorriesWolfgangBeckers letzten, in der tazbesprochenen Film "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" vollendet hat, online nachgereicht.
Besprochen werden ChristianMarclaysin der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (taz, mehr dazu hier), die Ausstellung "ClaudeLanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin (SZ, mehr dazu bereits hier) und der NDR-Film "Prange - Man ist ja Nachbar" mit Bjarne Mädel (FAZ).
Die Auseinandersetzungen um die geplante Warner-Übernahme durch Netflix halten an. Nun wendet sich Paramount direkt an die Warner-Auktionäre und erhöht das Angebot auf 108 Milliarden Dollar, melden die Agenturen. Paramount wurde kürzlich von LarryEllison übernommen, der Trump sehr nahe steht. Außerdem ist "unter den Geldgebern auch die Investmentfirma Affinity Partners von JaredKushner, der ein Schwiegersohn von US-Präsident DonaldTrump ist." Anders als Netflix möchte Paramount dabei auch den trump-kritischen Nachrichtensender CNNschlucken, der zu Warner zählt. Laut Guardian gab es bereits vor einigen Wochen Gespräche zwischen Ellison und Trump, welcheCNN-Moderatoren im Falle einer Übernahme geschasst werden sollen. Netflix hingegen steht den Demokraten sehr nahe. Nina Rehfeld betont aber in der FAZ: "Auf politische Geschmeidigkeit versteht man sich dort ebenfalls. So hatte der Konzern 2018 der Forderung der saudischen Regierung nachgegeben, eine Episode aus Hasan Minajs Comedyshow 'Patriot Act', die die Verschleierung des Mordes an dem Washington-Post-Journalisten und Dissidenten JamalKashoggi unterstrich, in Saudi-Arabien aus dem Programm zu nehmen."
Die Filmkritiker sorgen sich derweil ums Kino. Nach Ansicht von Hanns-Georg Rodek (Welt) handelt es sich um "eine zutiefst feindliche Attacke, die ins Herz von allem zielt, was wir seit 130 Jahren als Kino kennen." Mit Warner würde sich Netflix auch den filmischen Zugriff auf die DC-Comicwelten rund um Bat- und Superman sichern und stünde damit direkt dem Disney-Konzern gegenüber, dem wiederum das Superhelden-Portfolio von Marvel gehört. Dietmar Dath fürchtet im FAZ-Kommentar, dass "so ein Rüstungswettlauf eher für die Angleichung von Storyrezepturen und audiovisuelle Presswurstästhetik sorgt. ... Und was dem Weltkulturerbe der Warner-Archive (...) an KI-Bearbeitungsverhunzung droht", mag Dath sich am liebsten gar nicht erst ausdenken.
Philipp Bovermann erinnert in der SZ kenntnisreich und lesenswert an die WirtschaftsgeschichteHollywoods. Seit 1948 wurden die Studios von der Politik eingehegt, erst Reagan deregulierte die Industrie, sodass jede Menge branchenfremdes Geld sprudelte, was zu wildesten Konglomeraten und bei Warner alle paar Jahre zu neuen Konzern-Konstellationen führte. Was sich momentan abspielt, "ist im Grunde ein Kampf, den die Streamer mit viel Geld von außerhalb der Filmbranche führen gegen das, was von den Strukturen des alten Hollywood noch übrig ist. Zeitweise hatten auf den Plattformen auch anspruchsvolle, originelle Stoffe Platz, zur Zeit der niedrigen Zinsen nämlich. ... Nun ist die Phase des günstigen Geldes und des Werbens um Kunden vorbei. Netflix hat den Kampf der Streamer untereinander weitgehend gewonnen. Und es scheint auch den Kampf gegen Hollywood zu gewinnen."
Weiteres: Jan Küveler spricht für die Welt mit StellanSkarsgård. Die SPD erhöht in Sachen Filmförderung den Druck auf Kulturstaatsminister Weimer, berichtet Helmut Hartung in der FAZ.