Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2025 - Film

Unlautere Protagonisten: "After the Hunt" von Luca Guadagnino

Bei den Filmfestspielen in Venedig hat Luca Guadagninos neuer Film "After The Hunt" Premiere gefeiert. In der Rolle einer Philosophieprofessorin, die in akademische MeToo-Turbulenzen gerät, strahlt Julia Roberts eine "irisierende Präsenz und Energie" aus, schreibt Katja Nicodemus auf Zeit Online sehr beeindruckt: Die Schauspielerin befindet sich hier auf "einer faszinierenden Höllenfahrt in die Abgründe einer immer unergründlicher wirkenden Heldin". In dem Film "geht es um Ideen des französischen Philosophen Michel Foucault, um das Konzept der öffentlichen Bestrafung, der Lynchjustiz durch Ächtung und Ausgrenzung. ... Man kann 'After the Hunt' als Post-MeToo-Film sehen. Die Frage, was genau in der fraglichen Nacht geschehen ist (oder nicht), scheint von Anfang an kaum eine Rolle zu spielen. Sie wird überlagert von verletzten Gefühlen, von eingeforderter und verweigerter Solidarität, von Parolen des Geschlechterkampfes und der Identitätspolitik. ... Und doch ist es kein Film über die Pervertierung der Wokeness im akademischen Milieu. Vielmehr sät Guadagnino Zweifel an der Lauterkeit all seiner Protagonisten." Für tazler Tim Caspar Boehme war dieser Reigen an Wendungen und Brechungen "am Ende eine Spur zu verschachtelt". Auf critic.de liefert Pavao Vlajcic Notizen vom Lido.

Jenni Zylka freut sich im Freitag darüber, dass Werner Herzog nun doch noch seinen Weg auf Social Media gefunden hat: "In einem Meer von auf Affekt ausgerichteten, temporeichen und beauty-optimierten Beiträgen wirkt der Auftritt eines bedächtigen, wenn auch filmisch radikalen Senioren vor einem sanft glühenden Grill, der seine Verbundenheit mit der Welt kundtut, fast wie ein Meditationsangebot."

Weiteres: Marie-Luise Goldmann (Welt) und Joachim Hentschel (SZ) sprechen mit Darren Aronofsky über dessen neuen, in der NZZ besprochenen Film "Caught Stealing" (hier unsere Kritik). Nadine A. Brügger spricht in der NZZ mit der Filmemacherin Petra Volpe, deren Film "Heldin" für die Schweiz ins Oscarrennen geht. Joachim Göres blickt für die taz in die Provinz, wo immer mehr Kinos ehrenamtlich geführt werden.

Besprochen werden Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (FAZ, unsere Kritik), François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Jungle World, Welt), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" (Standard), die Sky-Serie "The Rehearsal" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte SF-Serie "Alien: Earth" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2025 - Film

Resilienter Verlierer (li.) mit Katze (re.): "Caught Stealing"

Mit der im New York der späten Neunziger angesiedelten Krimikomödie "Caught Stealing" (unsere Kritik und hier die vom Standard) nimmt sich Darren Aronofsky von seinen Extremsituations-Stoffen mal eine Auszeit. Im Zeit-Online-Gespräch mit Daniel Moersener schwärmt der Regisseur nicht nur von den Nischen und Freiheiten, die sich in New York vor dem 11. September noch boten, sondern auch von einem Kino der resilienten Verlierer, das zu verschwinden droht: "Es ist ja leider so, dass diese Figuren immer seltener werden im Kino. Alles voller Halbgötter. Wenn sich dein Protagonist im Film prügeln soll, dann wird verlangt, dass er plötzlich eine geheime Superkraft entdeckt, dazu ein Kung-Fu-Experte ist und obendrein eine Waffe aus dem Hut zaubert, herrje. Dabei kann Kino so wunderbar sein, wenn man mit echten Menschen auf der Leinwand durch echte Schlamassel gehen darf. (...) Für dieses Kino müssen wir kämpfen." 

Weiß sich zu wehren: Emma Stone in "Bugonia"




Am Lido nimmt das Filmfestival Venedig derweil Fahrt auf. Gezeigt wurde etwa "Bugonia", eine neue Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Yorgos Lanthimos und der Schauspielerin Emma Stone. Durchaus amüsiert beobachtet FAZ-Kritiker Dietmar Dath, dass diese mit Gewaltexzessen durchsetzte "Monstrosität" von einem Film - ein Remake einer koreanischen Groteske aus den frühen Nullern - einige seiner Kollegen "wie betäubt vor Abscheu" aus dem Saal entließ. Aber: Stone spielt hier "fesselnder und mitreißender als je zuvor." Als Managerin "spricht sie fließend die manipulativen Businessdialekte 'Verständnis', 'Vielfalt' und 'Verhandlungsbereitschaft'. (...) Dieser Zungenschlag, aber auch das aufgekratzte Konterhecheln des Verrückten, ein gemeinsames Abendessen und andere Benimmforschungs-Versuchselemente sind grausiger als die großzügig in den Film gematschten Gewaltausbrüche - zumal die Entführte körperbauhalber, und weil sie sich so graziös wehrt, Instinkte beim Publikum auslöst. (...) Man will sie erst beschützen und ist dann entsetzt, als man erkennt, wie wenig sie das nötig hat." Am Ende des Films bleibt es übrigens Marlene Dietrich überlassen, "in einem unterlegten Song, pessimistisch in die Zukunft der Menschheit zu blicken", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Und in der Tat: Es ist wieder an der Zeit, 'Sag mir, wo die Blumen sind' zu singen".

Sprach hier nicht eben jemand Bayerisch? Geisterelefanten finden sich ein.

Werner Herzog ist mit über achtzig immer noch "einer der jüngsten Filmemacher der Welt", von ihm "können sich die ganzen Jungen mehr als eine Scheibe abschneiden", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. In Venedig bekam der Filmemacher den Goldenen Ehrenlöwen fürs Lebenswerk. Außerdem lief sein neuer Film "Ghost Elephants" über einen Elefantenjäger in Afrika, der seit Jahren so hartnäckig wie glücklos eine mythenumrankte Elefantenspezies ausfindig zu machen versucht. Der Film ist jedoch "ein Herzog nah an der Selbstparodie", schreibt Jan Küveler in der Welt: "voller Verehrung für heilige Narren, Naturwunder und salbungsvoller Beobachtungen, als Voice-over eingesprochen in Herzogs kosmischem Bariton. Er hätte sich in Angola vielleicht einfach nur auf eine Lichtung stellen müssen und losreden. Die Elefanten wären dann schon von alleine gekommen, angelockt von diesem unnachahmlichen Sirenengesang."

Mehr vom Lido: Noah Baumbachs neuer Film "Jay Kelly" hat tazler Tim Caspar Boehme mit seiner Geschichte über einen von George Clooney gespielten Schauspieler, der Lebensentscheidungen überdenkt, nur bedingt überzeugt: Der Film ist eine "Nummernrevue mit dekorativer Kulisse" aber "je weiter die Handlung sich entwickelt, desto schleppender gerät der Film." Bert Rebhandl schreibt im Standard über Kim Novak, die in Venedig mit einem Löwen geehrt wird. Und critic.de liefert wieder einen Kritikerspiegel.

Weitere Artikel: Kamil Moll (FD) und Rüdiger Suchsland (Artechock) sprechen mit Mascha Schilinski über deren Film "In die Sonne schauen" (hier unsere Kritik, mehr auf Artechock). Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmplakatgestalter Joe Caroff. Besprochen werden François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Artechock, SZ), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" (Artechock), die Netflix-Erfolgsserie "Hostage" (Freitag, Tsp), der auf Netflix gezeigte Cosy-Krimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (Welt), eine ARD-Doku-Serie über Daniel Küblböck (NZZ), der Netflix-Überflieger-Hit "KPop Demon Hunters" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2025 - Film

Vergeblicher Exorzismus: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski

Heute kommt Mascha Schilinskis bereits in Cannes gefeierter Film "In die Sonne schauen" in die Kinos: Nun muss sich der deutsche Oscar-Beitrag auch beim Publikum bewähren. Der Film verbindet assoziativ bis geisterhaft die Schicksale von Frauen, die in verschiedenen Zeiten über ein Jahrhundert hinweg auf einem Bauernhof in der Altmark leben. Es spielen sich "Szenen weiblichen Aufwachsens und Aufwachens" an diesem "dunklen Ort" ab, "an dem es schwerfällt, die Sonne zu finden, und der einen doch verführt mit seiner Düsternis", beobachtet SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand. "Vier Geschichten, vielmehr Schichten", stellt Ekkehard Knörer auf critic.de fest. "In sich ist ein Moment, eine Szene nach der anderen ansatzlos unerklärt impressionistisch, untereinander sind sie in ausgezirkelten Spinnenfäden verwebt." Zu sehen sind "Szenen als Wunsch- oder Alpträume vom Kitzel des Todes untergemischt. Träume, die der Film mitträumt, weil er sich programmatisch den subjektiven Wahrnehmungen seiner Protagonistinnen verschreibt. (...) Es ist eine präzise Komposition der Durchlässigkeiten."

Dieser Film "taucht tief ein ins Gewebe einer Welt, an der man sich stößt", schreibt Thomas Groh im Perlentaucher, "in der Gewalt - mal ernst, mal neurotisch unterfüttert spielerisch - als Potenzial in jedem Winkel lauert. Verinnerlicht wird. Ausagiert wird, oft erst Generationen später. Ein Film, in dem die Realität zu flirren beginnt, ebenso, als würde man in die Sonne schauen. Ein Film, der tief schöpft aus den Sedimenten kindlicher Todeshypnotisiertheit." In der Welt hält Richard Kämmerlings fest: "Mit der Gegenwartsebene kippt Schilinskis magischer Hyperrealismus endgültig in eine hochvirtuose Form von Schwarzer Romantik. (...) Die Spukvisionen und die sirenenhaften Lockrufe aus dem Totenreich dementieren, dass die unselige Vergangenheit jemals überwunden werden kann." Daniel Kothenschulte von der FR findet den Film als Kinoerfahrung durchaus beeindruckend, trotzdem beschleicht ihn bald ein "Gefühl der Redundanz". (...) Das liegt an dem wenigen, aber Entscheidenden, das fehlt: Es bleiben literarische Bilder, in der Inszenierung fehlt ihnen leider oft genau das Spielerische, von dem sie erzählen, sie wirken dann gesetzt und sichtbar inszeniert."

Altersschnee in Seelenlandschaft: "La Grazia" von Paolo Sorrentino

Schnitt nach Italien: Neben einer Ehrung von Werner Herzog fürs Lebenswerk hat das Filmfestival Venedig mit der Weltpremiere von Paolo Sorrentinos "La Grazia" seinen Auftakt gefeiert. Toni Servillo spielt darin "einen bedächtigen, beherrschten, scheinbar leidenschaftslosen, gelegentlich übervorsichtigen Politiker mit Altersschnee auf der Seelenlandschaft" in politischen Turbulenzen, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Erneut präsentiert Sorrentino eine "Feier der Schauspielkunst". Der Italiener "ist ein Filmemacher großer Momente", findet Susan Vahabzadeh in der SZ. "Seine Filme, vor allem 'La Grande Bellezza', sind voller Szenen, die so schön sind und überraschend und bizarr sind, dass man als Zuschauer nachgerade überwältigt wird. Dabei kommt nicht zwangsläufig viel heraus, aber diesmal hat er seine innere Mitte gefunden. 'La Grazia' ist lustig und traurig und schön, vor allem aber weise." Standard-Kritiker Marian Wilhelm sah "ein mildes Alterswerk vor und eine witzige Verbeugung vor den demokratischen Ritualen".

Weitere Artikel: In der Welt macht sich ein ganzes Team Gedanken darüber, warum der Schauspieler Pedro Pascal aktuell so gut ankommt. Martin Scholz plaudert für die Welt mit Pierce Brosnan. Besprochen werden Darren Aronofskys Gaunerkomödie "Caught Stealing" (Perlentaucher, Tspcritic.de), François Ozons "Wenn der Herbst naht" (FAZ, taz, critic.de), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit Benedict Cumberbatch (FR), Chris Columbus' "Thursday Murder Club" mit Pierce Brosnan, Helen Mirren und Ben Kingsley (Tsp) sowie die Netflix-Serie "Hostage" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2025 - Film

(Gal Gadot 2017 bei der Comic Con, Bild: Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0)
Heute beginnen die Filmfestspiele in Venedig - und einen Skandal gibt es schonmal: Nachdem eine Truppe namens Venice4Palestine mit einem unter anderem von Ken Loach und Marco Bellocchio gezeichneten Aufruf gegen den Besuch israelischer Künstler agitiert hatte, hat die israelische Hollywood-Schauspielerin Gal Gadot ihren Besuch nun tatsächlich abgesagt. "Nun muss wieder das Internet unter sich ausmachen, wer von der Absage etwas hat", schreibt Bert Rebhandl im Standard. "Antisemiten? Die Kinder in Gaza?"

Daniel Kothenschulte berichtet dazu in der FR: "Festivaldirektor Alberto Barbera erklärte zu der Kampagne, vielleicht etwas verspätet, im italienischen Nachrichtensender TG3: 'Konflikte löst man sicher nicht, indem man Künstlern die Teilnahme an einem Festival verweigert. Deshalb gibt es keine Zensur und keinen Rückzug von Einladungen.' Der als eher linksliberal geltende Barbera wird allgemein für sein Geschick bewundert, hinter den Kulissen die Autonomie des Filmfestivals gegen den Rechtsruck zu verteidigen, den die Meloni-Regierung der Kulturlandschaft aufzudrücken versucht. Hätte er die Gäste von ihrer Absage abhalten können? Hätte das Festival gar einen geschützten Raum für eine öffentliche Debatte schaffen können? Es ist verständlich, dass Barbera wünscht, dass kein Schatten auf die Filmkunst fällt, die es hier zuallererst zu feiern gilt."

Tim Caspar Boehme staunt in der taz derweil darüber, welche Hollywood-Hochkaräter sich in diesem Jahr wieder an die Mostra begeben und ist gespannt auf deren neuen Filme. Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel ist beeindruckt: "Die Stars geben sich in einer geradezu absurden Taktung die Klinke in die Hand." Doch wo viel Glitzerlicht, da auch viel Schatten: Während es früher völlig selbstverständlich war, dass sich die anwesenden Stars unters Festivalvolk mischten und für Gespräche zugänglich waren, ist dies heute immer weniger der Fall, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Es reist zwar ein immer größeres Staraufgebot an, aber viele Stars posieren nur auf dem roten Teppich" und "sitzen so schnell wie möglich wieder im Wassertaxi. ... Festivals sollten aber, im Sinne der Steuerzahler, die sie größtenteils finanzieren (die großen brauchen alle öffentliche Gelder), vielleicht doch mehr sein als nur Marketing-Maßnahmen für Filmproduzenten und Kulisse für Instagram-Fotos."

Den Roten Teppich der International Film Week in Moskau hat Woody Allen zwar nicht besucht, aber via Schalte war er für ein Gespräch mit dem putintreuen Regisseur Fjodor Bondartschuk dann doch präsent. Das sorgt nun für Ärger. Das ukrainische Außenministerium hat den Auftritt verdammt. Gegenüber dem Guardian verteidigt Allen seinen Auftritt: Putin liege völlig falsch, was die Ukraine betrifft, aber Allen hat auch nicht den Eindruck, dass der Abbruch künstlerischer Gespräche irgendwie nützlich sei. "Die Frage, was das Gespräch über Kunst in Zeiten des Krieges sein kann und wozu es unter Umständen dient, beschäftigt uns seit dreieinhalb Jahren, und die Antworten darauf enthalten, wenn man halbwegs ehrlich ist, viele Grautöne", kommentiert Paul Ingendaay in der FAZ und hat für den Regisseur durchaus Verständnis: "Allen beschönigt nicht Putins Verbrechen, wie die Ukraine es ihm vorwirft. Er dreht, soweit wir wissen, demnächst auch nicht mit Gérard Depardieu, früher gemeldet im russischen Saransk, Demokratie-Str. 1. Woody Allen bespielt als unabhängiger Filmregisseur nur seinen Markt."

Besprochen werden Darren Aronofskys Actionthriller "Caught Stealing" (taz), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman (FAZ, SZ) und Charly Hübners im ZDF gezeigte, gleichnamige Verfilmung von Thees Uhlmanns Roman "Sophia, der Tod und ich" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2025 - Film

Josef Nagel schreibt im Filmdienst zum Tod des Kameramanns Eduardo Serra. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Jerry Adler. Besprochen wird François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Tsp).

Und Sensation: Werner Herzog ist jetzt auf Instagram.
Stichwörter: Herzog, Werner

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2025 - Film

Hili Perlson hat für die taz im Israel-Museum in Jerusalem eine Ausstellung der Fotografien von Chris Marker besucht, die der Filmemacher einst für seinen Essayfilm "Description of a Struggle" (1960) geschossen hat. Seine "Kamera zeigte, was in den offiziellen staatlichen Darstellungen oft ausgelassen wurde. Der Filmemacher war fasziniert von den ethischen Dilemmata und ideologischen Widersprüchen Israels. In seinem Film beobachtet er gewöhnliche Menschen im Alltag und persönliche Momente. In oft stillen Szenen fing er die Komplexität, Paradoxien und frühen psychologischen Spannungen einer Gesellschaft ein, die noch in der Entwicklung war. Der Film gewann 1961 den Goldenen Bären bei der Berlinale, etwa vier Jahre, bevor die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland überhaupt aufgenommen wurden." Diese Ausstellung "richtet einen prophetischen Blick auf ein Land im Entstehen - ein Land, das Marker als 'Wunder' bezeichnete. Und sie gibt Eindruck von einer vergangenen Zeit - Israel vor dem Sechstagekrieg von 1967." Markers Film steht - allerdings ohne Untertitel - auf Youtube.

Die Kino-Neuauflage der "Nackten Kanone" (unser Resümee) unterstreicht gerade noch einmal als Ausnahme von der Regel, welchen prekären Status Komödien im Kino mittlerweile haben, schreibt Jan Jekal auf Zeit Online: In den Nuller- und frühen Zehnerjahren waren smarte bis harte Nonsense-Komödien im Kino noch dauerpräsent, heute müsste man sie eigentlich unter Artenschutz stellen. Gelacht wird heute lieber im Privatissimum von Netflix und Social Media. "Eine Komödie im Kino zu sehen, sich mit wildfremden Menschen darüber zu amüsieren, bei fliegendem Popcorn und Eiskonfekt die Kontrolle über sich selbst zu verlieren: Das gehört zu den schönsten Gemeinschaftserfahrungen, die filmaffine Menschen machen können (...) Mit dem Laptop auf dem Sofa oder dem Handy auf der Toilette krümmt sich eben niemand vor Lachen. Vielleicht wird man sich an die Wiederauflage der nackten Kanone also gar nicht als Neuanfang erinnern, sondern als einen Moment der letzten Warnung. Der Film weist darauf hin, was dem Kino gerade verloren geht." 

Außerdem: Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem kambodschanischen Regisseur Rithy Panh beim Locarno Film Festival. Colette M. Schmidt berichtet im Standard vom Sarajevo Film Festival. Maria Wiesner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an Wolf Gremms aktuell bei Arte online stehenden Film "Kamikaze 1989" mit Rainer Werner Fassbinder, kurz vor seinem Tod, in der Hauptrolle.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2025 - Film

Feinstofflichkeit und Todesahnung in dreidimensionalem Klang: "In die Sonne schauen"

Dass die Kommission "German Films" Mascha Schilinskis am kommenden Donnerstag in den deutschen Kinos startenden Cannes-Erfolg "In die Sonne schauen" bei den Oscars einreichen will, ist angesichts des hohen Anspruchs, den der Film an sein Publikum stellt, durchaus "mutig", findet Hanns-Georg Rodek in der Welt. In ihrer taz-Kritik ist Barbara Schweizerhof derweil sehr umgehauen von diesem Film, der in einem assoziativen Erzählfluss das Schicksal von Frauen aus vier ganz unterschiedlichen Zeiten schildert, die alle auf einem Gutshof in Sachsen-Anhalt leben: "Das sinnliche Erinnern steht bei alldem ganz im Vordergrund. Es gewinnt durch eine herausragend fein gearbeitete Tonspur - man glaubt den Wind in den Gräsern zu hören - an Dreidimensionalität. Anders als bei Reflexionen zum Spätsommer führt es jedoch nicht ins Sentimentale. Im Gegenteil, in diesem Erinnern, das von Todesahnungen durchdrungen ist oder auch gleichsam aus dem Jenseits heraus erfolgt, wird auf ganz eigene Weise die Vielfalt der patriarchalen Gewalt spürbar, die alle Zeitebenen durchzieht."

Der Gutshof im Film ist tatsächlich jener Hof, in dem die Regisseurin mit der Drehbuchautorin Louise Peters Corona überwintert hat - und hier ist ihnen auch die Idee zu diesem Film gekommen, verrät Schilinski Bert Rebhandl im FAS-Gespräch. "Wir sind auf eine Fotografie gestoßen, ungefähr aus dem Jahr 1920. Sie wirkte wie ein Schnappschuss, was ungewöhnlich war für die Zeit. Drei Frauen standen zwischen Hühnern auf diesem Hof und schauten direkt in die Kamera. Wer waren diese Frauen? Was haben sie gesehen? Wir standen an der Stelle, wo die Person gestanden haben musste, die das Foto gemacht hat. Die Gleichzeitigkeit von Zeit, das jemand an der einen Stelle von diesem Hof steht und etwas ganz Profanes tut, von mir aus auf dem Handy zu daddeln, während jemand anderes an derselben Stelle eine existenzielle Erfahrung gemacht hat oder machen wird, hat mich filmisch sofort interessiert. Das gegeneinander zu montieren. Mit dem Hof hatten wir ein Gefäß gefunden für ganz feinstoffliche Fragen, denen wir gerne nachlauschen wollten", etwa "was sich durch die Zeiten in unsere Körper schreibt".

Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdienst die Retrospektive des Locarno Film Festivals, das in diesem Jahr aufs britische Nachkriegskino geblickt hat. Matthias Penzel und Ambros Waibel haben für die taz die Schauspielerin Y Sa Lo besucht, die einst für Fassbinder vor der Kamers stand. Hanns-Georg Rodek schreibt im Filmdienst zum Tod von Terence Stamp (weitere Nachrufe bereits hier). In der Langen Nacht von Dlf Kultur erinnert Jörg Magenau an Manfred Krug. Hannes Stein informiert sich für die Welt im Kino der Neunzigerjahre und insbesondere in Filmen, in denen Michael Douglas die Hauptrolle spielte, über die Ursprünge der Männlichkeitshysterie heutiger fragiler Männer. Jan Küveler denkt in der WamS über die Geschichte des Rachefilms nach und wie dieser Gewalt "pornografisch" codiere. Max Florian Kühlem porträtiert für die SZ das filmschaffende Schwesternpaar Yasemin und Nesrin Şamdereli. Martin Scholz plaudert für die WamS mit den Schauspielern Olivia Colman und Benedict Cumberbatch (letzteren müssen wir übrigens korrigieren: Bei der Musik der britischen Musikgruppe Napalm Death handelt es sich nicht um Death Metal, sondern um Grindcore).

Besprochen werden François Ozons "Wenn der Herbst naht" (WamS), Martín Rejtmans auf Arte gezeigter argentinischer Yogalehrer-Film "La Practica" (FAZ), die auf MagentaTV gezeigte Serie "The German" (Jungle World) und die ZDF-Serie "Chabos" (Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2025 - Film

Sperriger Film, aber vielleicht bald mit Oscar-Chancen: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski

Mascha Schilinskis Mehr-Generationen-Porträt "In die Sonne schauen" hat bereits in Cannes für sehr viel Aufsehen gesorgt (unser Resümee), jetzt soll der Film, der in einer Woche regulär in den hiesigen Kinos startet, als deutscher Beitrag ins Oscarrennen gehen. Durchaus "mutig" findet David Steinitz in der SZ die Wahl: Zwar hat der Film an der Croisette "eine umjubelte Premiere gefeiert, ist vermutlich aber die sperrigste Option unter den diesjährigen Kandidaten gewesen. Die Konkurrenten sind allesamt deutlich konventioneller und klassischer erzählt und inszeniert." Und "die Oscar-Academy hat in den vergangenen Jahrzehnten oft genug demonstriert, dass sie es nicht allzu experimentell mag." 

In den Kinocharts stapeln sich derweil Remakes, Prequels, Sequels und Reboots und also die geballte Fülle des längst Bekannten. "Das gegenwärtige Wiederholungskino ist wohl weniger Symptom einer Kreativitätskrise als ein Gradmesser für die abnehmende Lust auf Neues und auf Herausforderungen beim Konsumieren von Filmen und Geschichten", vermutet Nadine A. Brügger in der NZZ, nachdem sie bei Filmwissenschaftlern und Psychologen um Expertisen gebeten hat. "Die Zukunftslust ist einer Vergangenheitssehnsucht gewichen. Man will nun lieber erinnert als inspiriert werden. Das hat Hollywood erkannt."

Besprochen werden Celine Songs "Materialists" (Standard, unsere Kritik), Elmar Imanovs "Der Kuss des Grashüpfers" (taz), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2025 - Film

Glotzt nicht so romantisch! "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal

Mit ihrem Beziehungs/Freundschaftsdrama "Past Lives" sorgte Celine Song vor zwei Jahren insbesondere rund um die Oscars für viel Aufmerksamkeit (unsere Kritik), jetzt kommt sie mit der RomCom "Materialists" zurück in die Kinos. Der Film handelt von einer Datingagentur in New York, bei der Dates als Investment in die eigene Zukunft gesehen werden und es straff um den Marktwert aller Beteiligten geht. Die Regisseurin "seziert zunächst mit grausamer Präzision das mal von freudlos rationalen, mal von weltfremd idealisierten Erwartungen geprägte Datingverhalten moderner Großstädter", schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. Doch "Song gelangt selten über die Beobachtung hinaus, dass Menschen hoffnungslos überdeteminiert sind. In ihrer Selbstwahrnehmung wie auch in ihrem Begehren sind die Figuren derart von weltfremdem Idealismus und Selbstzweifeln getrieben, dass sie kaum noch Luft zum Atmen, geschweige denn Kraft zum Lieben haben. ... Stattdessen kommen die Figuren in der Gegenwart kaum noch aus dem Problemgewälze heraus. Selbst wenn es doch einmal romantisch wird, fühlt man sich wie in einem Verhandlungsgespräch oder beim Psychologen, wo unaufhaltsam persönliche Komplexe und ökonomische Zwänge durchdiskutiert werden." Weitere Besprechungen in der FR und auf Artechock.

Auf Artechock macht sich Rüdiger Suchsland Gedanken zu den Menschen, die sich auf Festivals vor allem Retrospektiven ansehen oder gar (wie auch ein großer Teil des Perlentaucher-Filmkritikteams) zu ausschließlich retrospektiven Filmfestivals wie in Bologna reisen. Alles bloß Nostalgiker, die aus dem Gestern nicht ins Heute finden? Nicht zwingend. "Früher war nicht alles besser. Aber früher gab es ein Kino, das es heute nicht mehr gibt, und ein Verhältnis zum Kino, das es heute nicht mehr gibt, und darum geht es. Es geht um die Sehnsucht nach den heute unausgeschöpften Möglichkeiten des Kinos und des Filmemachens" oder "vielleicht auch mit einer Sehnsucht, bestimmten Gefahren zu begegnen und Erfahrungen zu machen, die man heute nicht mehr so leicht machen kann. ... Die Filme der Locarno-Retrospektive sind nicht zu trennen von dem, was mal Kino war: eine alltägliche Praxis. Nichts Besonderes, kein Event, kein bedeutungsvoller Akt, in dem es darum ging, Probleme zu illustrieren." Gewidmet war die Retrospektive dem britischen Nachkriegskino - auf critic.de resümiert Till Kadritzke.

Außerdem: Sofia Glasl verneigt sich im Filmdienst vor dem Komiker Steve Martin, der vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden ist. Für die Zeit porträtiert Katja Nicodemus die Regisseurin Mascha Schilinski und die Cutterin Evelyn Rack, deren Film "In die Sonne schauen" in Cannes erheblich für Aufsehen gesorgt hat und in einer Woche in die deutschen Kinos kommt.

Besprochen werden Simon Jaquemets SF-Film "Electric Child" (Perlentaucher, critic.de), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (Standard), Timo Tjahjantos Actionfilm "Nobody 2" (Artechock, Welt), die DVD-Ausgabe von Marcelo Caetanos "Baby" (taz), die Netflix-Serie "Death Inc" (FAZ), die Joyn-Serie "Messiah Superstar" (FAZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigtes, deutsches Erotikdrama "Fall For Me" ("aus dem Akt wird jegliche Erotik eliminiert", stöhnt David Steinitz in der SZ). Tagesspiegel und Filmdienst blicken außerdem auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2025 - Film

Besprochen werden Celine Songs RomCom "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal (taz, Welt, FAZ) und die ARD-Doku "The Bibi Files - Die Akte Netanjahu" (FAZ).