Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 - Bühne

Szene aus "Maniac" am Schauspielhaus Zürich. Foto:© Eike Walkenhorst

Gespannt verfolgt Nachtkritiker Tobias Gerosa am Schauspielhaus Zürich Calixto Bieitos Inszenierung von Benjamín Labatuts Stück "Maniac" über den Mathematiker John von Neumann, der die Atombombe mitentwickelte. Gerosa sieht ein "atmosphärisch dichtes" Stück: "Matthias Neukirch zeigt Neumann als jovialen, von keinen ethischen Fragen angekränkelten Macher. Die Beiträge der Frauen seines privaten Umfeldes (Lena Schwarz als Mutter und Verkörperung des europäischen Vorkriegslebens sowie Verena Jost als Ehefrau) nimmt er in Machomanier als selbstverständlich - auch wenn sie ihm seine ganz neuartigen Computer Eniac und Maniac coden und diese damit erst zum Laufen bringen. Wenn Jost als Ehefrau ihren Frust beschreibt und dabei barfuß über splitternde Flaschen balanciert, ist das eines der ganz starken Bilder dieser Inszenierung, die sich äußerlich zurücknimmt, aber genau dadurch wirkt - mitsamt einem sehr guten Ensemble."

Milo Rau wäre wohl gerne der neue Schlingensief, meint Axel Brüggemann bei Backstage classical mit Blick auf die große Schlingensief-Retrospektive bei den Wiener Festwochen, die nächste Woche eröffnet. Nur leider gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden: "Während Schlingensief unser Gemeinwesen durch Provokation zum Nachdenken bringen wollte, will Rau unsere Wirklichkeit innerhalb seiner ästhetischen Grenzen erziehen. Schlingensief war ein anarchischer Provokateur, Rau ist dagegen ein kleinbürgerlicher Kultur-Oberlehrer." Statt "die Kunst in die Wirklichkeit zu pflanzen, nutzt er den Raum der Kunst als Safe-Space, in den er die Provokateure der so genannten 'echten Welt' lockt, um hier Schein-Kämpfe auszufechten. Dann lässt er Nazis auf Demokraten los, Juristen auf den Rechtsstaat oder Künstler auf die Politik. Über all das regen sich dann einige auf - und irgendwann schließt sich der Vorhang wieder."

Weitere Artikel: Über zehntausend Stunden Opernmusik hat der Bootlegger Leroy A. Ehrenreich in seinem Leben illegal mitgeschnitten, berichtet Michael Stallknecht in der NZZ - die Hochschule Bern hat den Nachlass gekauft, rechtlich ist die Lage kompliziert. In der taz zieht Hilka Dirks eine Zwischenbilanz des Berliner Theatertreffens. Besprochen werden Marie Schwesingers Inszenierung von "Sturm auf Berlin" am Berliner Ensemble (FR), Ingmar Ottos Inszenierung von Bernd Schmidts Stück "Achtsam morden" in der Frankfurter Komödie (FR) und Christoph Marthalers Inszenierung von "GmbH - Gesellschaft mit besonderer Hingabe" in Zusammenarbeit mit dem Theater Hora am Theater Basel (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2026 - Bühne

Szene aus "Serotonin". Foto: Thomas M. Jauk

So knapp wie begeistert bespricht Iven Yorick Fenker in der nachtkritik Sebastian Hartmanns mehr als fünfstündige "Serotonin"-Inszenierung nach Michel Houellebecq, die ihm Rahmen des Theatertreffens am Hans-Otto-Theater in Potsdam gezeigt wurde. Die Inszenierung ist "maximal reduziert", ihrem Sog ist dennoch nicht zu entkommen, was gleichsam an Guido Lambrechts "fantastischer Erzählstimme und der großartigen Erzählung Houellebecqs liegt. Unwiderstehlich, wäre die Figur nicht so furchtbar widerlich. Der Abend weicht dem nicht aus. Das kann Kunst. Aber vielleicht sind es auch einfach der Frauenhass, die Verherrlichung des Patriarchats, die Femizidfantasien, die Menschen einfach nicht mehr sehen wollen. Wir befinden uns doch bereits mitten im Backlash. WTF! Again: Der Roman von Houellebecq ist Weltliteratur und Lambrecht spielt so gut, das geht nicht besser."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel lässt sich Gunda Bartels von Alina Gause, Intendantin des Theaters im Palais, erklären, wie sie eine höhere Besucherauslastung erreichen will. Besprochen wird außerdem Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Iris Sayrams Stück "Für euch" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Bühne

In der FAZ bleibt Frauke Steffens das Lachen im Halse stecken. Nicht, weil John Lithgow den alten Roald Dahl in Mark Rosenblatts Jahre vor dem 7. Oktober verfassten Stück "Giant" so erschreckend lebensnahe gibt. Auch nicht, weil Regisseur Nicholas Hytner das Stück, das die antisemitischen Entgleisungen des britischen Autors in einem beklemmenden Kammerspiel auf die Bühne des Broadway Theaters bringt. Sondern, weil die Zuschauer so leichtfertig in die Falle tappen: "Lange dauert es auch an diesem Abend nicht, bis Lacher aus dem Publikum an den falschen Stellen kommen, Zuschauer den Köder bereitwillig aufnehmen, denn sowas wird man ja noch sagen dürfen. Er schulde den Menschen und ihr eine Entschuldigung, ruft die Verlagsmitarbeiterin Stone, nachdem sie ihre höfliche Zurückhaltung abgelegt hat. Als sie Dahls antisemitische Äußerungen aufzählt und ihm vorhält, alle Juden als Rasse zu bezeichnen, diese mit Israel und Israel mit den Nazis gleichzusetzen, zischt Dahl provokant 'Und?'. Mehr als ein Zuschauer in New York findet das zum Schenkelklopfen komisch. Auch als Dahl, der immer von Juden spricht, wenn er die Handlungen der israelischen Armee beklagt, die Grausamkeiten des Kriegs im Libanon aufzählt, um sich gegen den Antisemitismusvorwurf zu verwahren, klatschen einige."

Weitere Artikel: Für die Kulturbeilage der Zeit besucht Sven Behrisch die Proben zu Jan-Christoph Gockels "Polaris", das ab Juni im Deutschen Theater in Berlin zu sehen sein wird. Florian Illies hat indes Visionen von Christoph Schlingensief.

Besprochen werden außerdem Alexandra Szemerédys und Magdolna Parditkas Inszenierung von Wagners "Ring" am Staatstheater Saarbrücken (FR), das Stück "Ad Vitam Aeternam", getanzt vom Ballet de Lorraine unter Maud Le Pladec am Centre Choreographique in Nancy (FAZ) und Lydia Steiers Inszenierung von Iain Bells Oper "Medusa" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2026 - Bühne

Herbert Föttinger in "Was für ein schönes Ende"
am Theater in der Josefstadt. Foto: Moritz Schell.

Eine Legende geht: 33 Jahre lang stand Herbert Föttinger im Wiener Theater in der Josefstadt auf der Bühne, zwei Jahrzehnte lang fungierte er dort außerdem als Direktor. "Da darf man schon von einer Ära sprechen. Zudem spielende Intendanten im Theater selten geworden sind, das wirkt fast aus der Zeit gefallen", meint Jakob Hayner in der Welt. Tatsächlich spielt Föttinger zum Abschied noch einmal selbst, nämlich den Mozart-Librettisten Lorenzo Da Ponte in "Was für ein schönes Ende", einem Stück von Peter Turrini, das nicht unbedingt den besten Ruf hat, aber für die aktuelle Aufführung runderneuert wurde: "In der Regie von Janusz Kica, ein alter Wegbegleiter von Föttinger an der Josefstadt, wird daraus statt einer Wild-West-Klamotte ein melancholischer Rückblick auf ein bewegtes Künstlerleben." Die Rechnung geht für Hayner auf, Föttinger setzt sich "mit seinem letzten Auftritt auf jener Bühne, wo er über 30 Jahre lang wirkte, selbst ein Denkmal und der ganze Saal applaudiert". Für die FAZ schreibt Martin Lhotzky über den Abend, für die Presse Thomas Kramar, im Standard Margarete Affenzeller.

Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, denkt im Interview mit der Welt unter anderem über die katastrophal gescheiterte linke Strategie des Deplatformings rechter Positionen nach: "Es ist sehr interessant, sich heute den 'Container'-Film von Schlingensief noch einmal anzuschauen. Die damalige Reaktion der Linken ist exakt die gleiche wie bei meinem 'Prozess gegen Deutschland', bei 'Catarina' oder 'Rage': Die gehen hin und zertrümmern ein Schild über dem Container, weil 'Ausländer raus!' draufsteht. Was macht Schlingensief? Er bedankt sich artig und hängt das Schild wieder auf. Dazu sagt er, und das finde ich ein hervorragendes Zitat: 'Die linke Demonstrationsgesellschaft darf nicht das letzte Wort behalten.' Genau so sehe ich das auch."

Weitere Artikel: Patrick Wildermann trifft sich für den Tagesspiegel mit der Regisseurin Marie Schwesinger, deren Reichsbürger-Stück "Sturm auf Berlin" am Donnerstag am Berliner Ensemble Premiere feiert. Shirin Sojitrawalla blickt auf nachtkritik auf den prall gefüllten Theatermonat Mai.

Besprochen werden ein von Reginaldo Oliveira und Vincenzo Veneruso gestaltete Disco-Ballett-Doppelabend "Studio 54" am Salzburger Landestheater (SZ - "gefühlsechte Rekonstruktion ohne jede Nostalgie") sowie Leo Lorena Wyss' Stück "Blaupause" am Theater am Neumark in Zürich (NZZ - "verliert sich in einer vielfältigen Collage der Ideen und Themen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Bühne

Szene aus "Lucia die Lammermoor" an der Opéra Comique in Paris. Foto: Herwig Prammer/Herwig PRAMMER

Angetan ist Welt-Kritiker Manuel Brug von Evgeny Titovs Inszenierung der französischen Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" in der Opéra-Comique in Paris. Für die Aufführungen an Pariser Opern galten zu Donizettis Lebzeiten ganz eigene Regeln, lernt der Kritiker, weshalb sich diese Version in manch dramaturgischer Entscheidung von Original unterscheidet, es gibt zum Beispiel weniger Figuren. Außerdem geht es in dieser Fassung "deutlich blutiggrimmiger" zu, wie er staunt: "Die Regie stellt ihre Figuren aus, aber nimmt sie ernst: die wahnsinnige Lucia, die dem an die Wand gespießten Arturo das Herz entnommen hat und jetzt als Fetisch in höchster Vokalexzellenz koloraturbegräbt - bevor sie in Henris Schoß ihren letzten Ton haucht; den nur noch passiven Bruder; schließlich den im wunderfeiner Ariensingnot sich selbstmordenden Edgard. Ein Opfer auch er. So ist diese durchaus andere 'Lucie de Lammermoor' musterhaft gelungen."

Weitere Artikel: Jan Wiele resümiert für die FAZ die Highlights des "43. Heidelberger Stückemarkt". Hubert Spiegel berichtet ebenfalls für die FAZ vom Eröffnungsabend der Ruhrfestspiele am Wochenende. Christine Dössel porträtiert in der SZ den dreifach ausgezeichneten Schauspieler Thomas Schmauser. Besprochen wird Markus Bothes Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2026 - Bühne

"Spooky Paradise". Foto: Martin Argyroglo.


Leider gar nicht gruselig, sondern "falsch traurig" findet Simon Strauß in der FAZ Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne, denn die Inszenierung kann sich nicht dazu entschließen, entweder etwas zu erzählen oder sich zumindest ganz dem Wahnsinn hinzugeben, alles ist Optik ohne Tiefgang: "Kein Vorgang, der eine irgendwie geartete Handlung voranbringt, alles ist Zeichen, nichts ist Ziel. Das wirkt schnell ermüdend und langweilig, auch wenn die vielen Requisiten und Kostüme (Tabea Braun) das Auge immer wieder kurz erfreuen. Aber der Zuschauer lebt eben nicht vom visuellen Brot allein, er möchte hin und wieder schon auch etwas ernsthaft Sinnliches zu beißen bekommen. Und wenn ihm das so nachdrücklich verwehrt wird wie hier, dann überkommt ihn mitunter der Hungerzorn."

Jakob Hayner hat sich für die Welt den Auftakt des Berliner Theatertreffens angeschaut, bei dem der Intendant Matthias Pees mit seiner angenehm unaufgeregten Rede für ihn "den richtigen Ton" trifft: "Kulturaktivistischer Übermut tut selten gut, warnt er und fragt zugleich, wo eigentlich heute die konservative Kulturpolitik sei, wenn man sie dringend braucht. Dem versammelten Theaterbetrieb empfiehlt Pees ein paar Lektionen in Antihybris oder Sophrosyne, wie es in der Antike hieß. Also Besonnenheit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, gesunder Menschenverstand. 'Geben Sie Gelassenheit!', ruft Pees. Feiern die 'stoischen Gangarten', wie das neueste Buch von Helmut Lethen heißt, in Zeiten erhöhter Erregbarkeit ein großes Comeback? Es ist zumindest ein kluger Rat, sich trotz allem erst einmal nicht kirre machen zu lassen."
 
Weiteres: Das Radikal-Jung-Festival in München kann Ella Rendtorff in der taz nicht begeistern. Marco Goecke darf sich am Theater Basel reumütig rehabilitieren, berichtet Martina Wohlthat für die NZZ.

Besprochen werden: Jette Steckels "Mephisto", das das Ensemble der Münchner Kammerspiele auf dem Berliner Theatertreffen aufführt (Nachtkritik), Christoph Marthaler inszeniert Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea" am Königlichen Theater Kopenhagen (FAZ), Tiago Rodrigues inszeniert Wagners "Tristan und Isolde" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2026 - Bühne

Thomas Schmauser als Mephisto an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic

Der Schauspieler Thomas Schmauser hat letztes Jahr die drei bedeutendsten deutschen Theaterpreise gewonnen. Seine "flackernd feinnervige Schauspielkunst" kann man demnächst auch beim Theatertreffen in Berlin bewundern, wo er als "Mephisto" in Jette Steckels Inszenierung für die Münchner Kammerspiele auftritt, erzählt Christine Dössel (SZ) in ihrem Porträt des Schauspieler: "Der 53-Jährige verkörpert die Figur völlig vor- und werturteilsfrei. Als Theater-Maniac, der er auch selbst ist, stürzt er sich radikal - mit schlaffem Leib und wunder Seele - in den Absolutismus dieses Charakters, der die Kunst über alles setzt und glaubt, als Schauspieler der Politik entkommen zu können. Höfgens Credo: 'Es gibt kein Außerhalb von Theater.' Sein Körper weiß es besser und reagiert auf seine eigene Weise. Knickt ein, schlottert vor Angst, wabbelt, zappelt. Schmausers Höfgen hat epileptische Panikattacken, wie auch Gründgens sie hatte, und er liebt heimlich Männer, so wie jener. Die Bandbreite, mit der Schmauser das spielt, von steifer Verdruckstheit bis hin zu explosiven An- und Ausfällen, ist enorm und hat etwas schmerzhaft Pathologisches."

Szene aus "Serotonin" mit Guido Lambrecht. Foto: Thomas M. Jauk

Ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen ist Sebastian Hartmann - und zwar gleich zwei Mal: mit seiner Inszenierung des "Hauptmanns von Köpenick" am Staatstheater Cottbus und der Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Serotonin" am Hans Otto Theater in Potsdam. Jakob Hayner hat ihn für die Welt getroffen und ist beeindruckt von Hartmanns Kunstverständnis: "Hartmann wird nachgesagt, einer der letzten Romantiker des Theaters zu sein. Einer, der noch an die Kunst glaubt. Man versteht jedenfalls, was gemeint ist, wenn er von der Metaphysik des Theaters spricht. 'Die Kunst hat einen schöneren Klang, wenn sie mit der Seele in Kontakt tritt, nicht mit einem Diskurs', sagt Hartmann. 'Der Rest ist Realpolitik. Die bringt uns nur als Konsumenten zusammen, aber nicht als Menschen, die in ihrem Wesen immer mehr zurückgedrängt werden.'"

Im Interview mit der taz sprechen Hartmann und der Schauspieler Guido Lambrecht über Houellebecqs "Serotonin", aus dem sie ein fünfstündiges Solo für Lambrecht destilliert haben - was nicht nur wie ein Marathon klingt, sondern wohl auch einer ist: "Nach zwei Stunden kann Guido nicht mehr, das ist zu beobachten", sagt Hartmann. "Dann hört der Transport des Spielers auf. Dann beginnt der Spieler einsam zu sein, kommt in den Gedankenfluss. Für mich hat der Abend einen meditativen Charakter. Wenn man begreift, dass nichts anderes passiert, beginnt etwas Merkwürdiges. Man löst sich von seiner Erwartungshaltung. Halte ich das fünf Stunden aus? Das ist irgendwann egal. Es beginnt so etwas wie eine gedankliche Autolyse. Man fängt an, in sich selber zurückzufallen."

Weiteres: Volker Zander besucht für die taz den Sänger Josef Protschka, der vor 70 Jahren als Zwölfjähriger bei der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge" die Vokalstimme beigetragen hatte. Besprochen werden Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne (nachtkritik, Tsp), Sasha Schewelews Inszenierung von Caren Jeß' "Heartship" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Alize Zandwijks Inszenierung des "Hamlet" am Theater Bremen (nachtkritik), die Uraufführung von Robert Seethalers "Vernissage" in der Inszenierung von Jana Vetten am Theater Bamberg (nachtkritik), Jakob Arnolds Inszenierung von Schnitzlers "Ruf des Lebens" im Schlosstheater Moers (nachtkritik), Anna-Elisabeth Fricks "Anatomy of Failing" am Theater Kiel (nachtkritik), die Uraufführung einer performativen Klassenfahrt: "Speed - Auf den letzten Metern" von Sarah Viktoria Frick, Martin Vischer und dem Ensemble am Landestheater Niederösterreich (nachtkritik), Yannic Han Biao Federers "Asiawochen" in Heidelberg (FR), die Ballett-Trilogie "Van Manen / Kylián / Goecke" am Theater Basel (NZZ) und Donizettis "Lucia di Lammermoor", "musterhaft gelungen" als "Lucie de Lammermoor" aufgeführt an der Opéra Comique in Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2026 - Bühne

Szene aus Hundeherz. Foto: Thomas Aurin

Welt-Kritiker Jakob Hayner schwirrt der Kopf, nachdem ihn Regisseurin Claudia Bauer am Schauspielhaus Hamburg mit Armin Petras' Adaption von Bulgakows Novelle "Hundeherz" eine "Tour de Force durch die Abgründe des Post- und Transhumanismus" absolvieren hat lassen. Petras versetzt Bulgakows Satire auf den Sowjetmenschen, in der einem Hund Hirnanhangdrüse und Hoden eines Alkoholikers implantiert werden, ins Silicon Valley und lässt den Hundemenschen auf der Bühne pöbeln und onanieren. Subtil ist das Ganze nicht: "Da ist vom 'finanziell-elektronischen-militärischen Komplex' die Rede oder von einem Wahrheitsministerium für die algorithmische Steuerung öffentlicher Diskussionen, euphemistisch als 'Optimierung der Meinungsmelodie' bezeichnet. Wer abweicht, riskiert mehrjährige Haftstrafen im Demokratieförderlager."

taz-Kritiker Jens Fischer bewundert zwar Schauspieler Oscar Olivio, der die Puppe so zum Leben animiert, dass er fast selbst zum Hund wird. Was die Regisseurin uns mit diesem "blutleeren Tohuwabohu" sagen will, bleibt ihm allerdings ein Rätsel: "Wer ist dieses Menschtier? Erst mit der Angst vor Katzen ausgestattet, mutiert es nach den Implantaten der Männlichkeit zum Katzenkiller. Ein Opfer wird Täter, der alle Andersartigen hasst, denn 'die suchen doch nur, was sie klauen können'. Ein xenophober AfD-Wähler? Jedenfalls einer, der sich benachteiligt fühlt und sagt: 'In diesem Land dürfen nur die Intellektuellen schimpfen.'"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2026 - Bühne

Oper Leipzig - Regina. © Tom Schulze

Zum 225. Geburtstag Albert Lortzings gibt es ein veritables Lortzing-Festival mit diversen Opernaufführungen und mehr. Clemens Haustein hat sich für die FAZ die ersten Vorführungen angesehen und stellt vor allem angesichts der "Regina"-Inszenierung der Leipziger Oper fest, dass hier ein eminent politischer Künstler zu entdecken ist: "Vom lächelnden Lortzing-Ton ist in 'Regina' nicht viel zu hören, die Musik seiner letzten Oper ist kantiger, dramatischer, kraftbetonter. Große Chorpassagen, vom Chor der Oper Leipzig mit wuchtiger Präsenz gesungen, machen deutlich, dass es hier nicht um ein Kammerstück geht, eher schon um eine Volksoper. ... Lortzings eigenen Standpunkt darf man wohl hinter jenem des Vorarbeiters Richard vermuten, der es schafft, einen Streik der Arbeiter zu moderieren. Als Mann der Vernunft und des Augenmaßes zeigt sich Lortzing da, als früher Vertreter demokratischer Ordnung, die den Ausgleich zwischen den Parteien sucht."

Auch Welt-Kritiker Manuel Brug ist von der Leipziger "Regina" ziemlich angetan: "Der versierte Bernd Mottl betont gekonnt die Aktualität dieses Dreiakters. Seine Inszenierung spielt mit einem altdeutschen, an die Krupp-Villa Hügel gemahnenden, staatstragenden Waffenfabrikanten-Ambiente, einem Keller für die mit (K.-o.-Tropfen-)Bier als Opium fürs Volk eingeschläferte Arbeiterschaft und dem Bombenlager einer Deutschlandfahnen schwenkenden, zur Wiederaufrüstung bereiten Nation." Lortzings ebenfalls in Leipzig zur Aufführung kommenden "Waffenschmied" findet Brug hingegen "arg altbacken".

Schaubühne - Needles and Opium. Foto: Tristram Kenton

Noch ein Text vom FIND-Festival für Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne (siehe auch hier). FAZler Christoph Weissermel scheint die diesjährige Auswahl insgesamt eher mittelinteressant zu finden; hin und weg ist er jedoch von Robert Lepages Miles-Davis-Stück "Needles and Opium", das in einer überarbeiteten Fassung präsentiert wurde: "'Wie verwandelt man Schmerz in Schönheit?', wird einmal gefragt, und in seiner vierten Inszenierung an der Schaubühne zeigt Lepage, wie genau er das weiß. In einem zum Publikum offenen, sich in alle Richtungen drehenden Kubus, in den Räume, Straßenszenen, Jazzclubs projiziert werden, liegen, wandeln, schweben die Schauspieler und schaffen so eine hypnotische, mitunter zirkusähnliche Atmosphäre. Das passt zur Thematisierung von Drogensucht und Liebeskummer, wobei, glaubt man der Inszenierung, beide Worte dasselbe meinen."

Jakob Hayner macht sich in der Welt Gedanken über die Legitimations- und teilweise auch Publikumskrise des Theaters. Teil des Problems ist für ihn, dass die Bühnen von theaterfremden Initiativen vereinnahmt werden, die sich, zum Beispiel, zur Aufgabe setzen, die Stadtgesellschaft abzubilden: "Theater verstehen sich heute nicht mehr als kritischer Beobachtungsposten der Gesellschaft, sondern als zivilgesellschaftliche Akteure in ihr." Doch "wer kann schon Theaterleiter ernst nehmen, die ihr tägliches Brot Widerstand nennen, als ob sie bei Amazon einen Betriebsrat gründen wollten, während sie aber mit ihrem Gehalt in Höhe eines Bundesministers zum einkommensstärksten einen Prozent der Gesellschaft gehören?"

Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein überlegt in der nachtkritik, ob es nicht sinnvoll wäre, die gesamte organisatorische Arbeit im Kulturbereich an Stiftungen zu übergeben. Ralf Stabel blickt in der BlZ voraus auf das Ballettfestival in Gera, das am 8. Mai eröffnet wird.

Besprochen werden ein dem Choreographen Glen Tetley gewidmeter Ballet-Abend am Stuttgarter Ballet (FAZ - "faszinierend und fast befremdlich unemotional") und Tim Etchells "Everything Must Go" am Berliner Hebbel am Ufer (Tagesspiegel - "Die Choreografien erinnern ... an Avatare mit Wackelkontakt").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2026 - Bühne

Szene aus "Malina". © Annemone Taake

Jan Brachmann (FAZ) kann es kaum glauben: Dem Komponistenpaar Karola Obermüller und Peter Gilbert ist es tatsächlich gelungen aus Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" eine Oper zu machen - und Franziska Angerer hat sie vorbildlich auf die Bühne des Aachener Theaters gebracht: "Nonlinear, aber zielstrebig wie der Roman, erzählt auch die Oper den Ausbruch einer Frau aus der Beziehung mit dem begehrten Mann Ivan, für den sie nur Dekor in einer Welt sein darf, die ansonsten funktionieren muss. Auch das Dekor muss funktionieren: Es soll Freude verbreiten! Die Legende ist Wunschtraum erfüllter Liebe und Trost über den Verlust. Am Ende steht die Aufzehrung der Frau durch den fürsorglichen Mann. Oder stand sie schon am Anfang? Wenn Akbari und Sabadus ziemlich früh die slowenischen Worte für 'ich und du' singen - 'jaz in ti' -, verschmelzen beider Stimmen in überschießender Schönheit."

Das Opernhaus La Fenice in Venedig trennt sich nach monatelangem Streit von Dirigentin Beatrice Venezi, die als Meloni-nah gilt, berichtet unter anderem Karen Krüger in der FAZ: "Die Entscheidung sei unter anderem 'wegen wiederholter schwerwiegender öffentlicher Äußerungen der Dirigentin' getroffen worden, 'die beleidigend sind und den künstlerischen und beruflichen Wert' des Fenice beeinträchtigten und unvereinbar seien 'mit dem Schutz und dem Respekt, der den Orchestermusikern gebührt'". Den letzten Anstoß gab ein Interview Venezis mit der argentinischen Zeitung La Nación, in dem sie Oper und Orchester vorwarf, dass "die Positionen praktisch vom Vater an den Sohn weitergegeben werden".

Weitere Artikel: Das Ensemble der Shieveh Theater Company aus Teheran sollte die Ruhrfestspiele mit dem Drama "Das Kind" der iranischen Autorin Naghmeh Samini eröffnen, kann aber wegen der aktuellen Lage im Iran nicht anreisen, meldet der Tagesspiegel mit dpa.

Besprochen werden außerdem Krystian Ladas Inszenierung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the Waves" am Staatstheater Mainz (FR), Monika Gintersdorfers Ballettkomödie "La langue de Molière" im Mousonturm (FR), Bastian Krafts Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Anna Smolars Inszenierung der Oper "Eurydike und Orpheus" nach einem Libretto von Roberto Bolesto und Musik von Jan Duszyński an den Münchner Kammerspielen (SZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble (taz) und Damiano Michielettos Inszenierung der Mozart-Oper "La clemenza di Tito" an der Oper Zürich, die durch den Anschlagsversuch auf Trump eine unerwartete Aktualität bekam, wie Christian Wildenhagen in der NZZ notiert.