Szene aus "Der irrende Planet". Foto: Tommy Hetzel Am Burgtheater hat Barbara Frey Robert Walsers Novelle "Der Spaziergang" adaptiert. Es geht um einen Erzähler, der anhand ganz banaler Alltagsbeobachtungen das Leben zu fassen versucht. Die Inszenierung ist durchaus gelungen, findetNachtkritikerin Gabi Hift: "Die über allem liegende nachtschwarze Melancholie ist verführerisch und gefällt auch. Aber vom Schrecken in Walsers Text, der aus dem Kontrast zwischen hellem Sonnenschein, unablässigem Entzücken, und dem dahinter dräuenden Abgrund entspringt, würde man kaum etwas spüren, wäre da nicht Maria Happel. Wie sie schnellen Schrittes ihre Bahnen zieht und ihre Finger hinter dem Rücken unablässig klimpern, meint man paradoxerweise Walser zu sehen, wie man ihn von den Fotos kennt: groß, grobschlächtig, im schwarzen Dreiteiler und mit stechendem Blick. Wenn Maria Happel mit Ingrimm sagt: 'auch hat der schöne Tag eine Fröhlichkeit in mir angezündet', meint man Walsers Stimme zu hören. In Happel tobt ein wahnwitziger Kampf mit der Sprache - und sie gewinnt!"
Moritz Kienemann als "Fake Jew". Foto: Jasmin Schuller Auch das von dem israelischen Regisseur Noam Brusilovsky am Deutschen Theater inszenierte Stück "Fake Jews" über das Wilkormirski-Syndrom überzeugt vor allem durch die Wucht des Schauspielers Moritz Kienemann, meintNachtkritiker Janis El-Bira, der hier vor allem den Fall Fabian Wolff zu erkennen glaubt: "Kienemann spielt einen 'jüdischen' Journalisten und gleichzeitig dessen Kumpel David, einen nicht-jüdischen Schauspieler, der aber auf jüdische Rollen abonniert ist. Beim gemeinsamen Besuch des Jüdischen Friedhofs in Weißensee wird David vor der Gedenktafel für die im Holocaust Ermordeten 'ganz ernst und klein' und beginnt - inklusive angedeutetem Willy-Brandt-Kniefall - 'ehrfürchtig deutsche erinnerungskulturelle Arbeit zu leisten'. Und wie Kienemann diese 'Arbeit' zeigt, weich die Knie, hochgezogen die Schultern, die Hände verschränkt, da wird die Last der deutschen Schuld ebenso sprechend wie die Lächerlichkeit, ihr einen körperlichen Ausdruck geben zu wollen. Ein großartiger, brutal komischer Moment."
Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert aktuell an der Hamburger Oper das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek über zwei Vampirinnen, die den Niedergang der Menschheit beobachten und von einem Monster gerettet werden soll. Im Welt-Gespräch mit Stefan Grund erklärt Kratzer, auch mit Blick auf die USA, weshalb es aktuell auch Monster braucht: "Gegen ein Monster hilft nur ein Monster. Was das aber wiederum für Konsequenzen hat, wenn die Opposition selbst monströs werden muss, das ist eine Frage, die das Stück so eigentlich an die Realität zurückgibt."
Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht Corina Kolbe mit der Sopranistin Ambur Braid, die die Titelpartie in Schostakowitschs Thriller "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper in Berlin singt. Katrin Bettina Müller erinnert in der taz an den im Dezember verstorbenen Intendanten der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt. Besprochen werden außerdem der Tanzabend "Shakespeare & Love" von Stephan Thoss am Nationaltheater Mannheim (FR) und Bastian Krafts Inszenierung "Zu ebener Erde und erster Stock" nach Johann Nestroy am Wiener Burgtheater (nachtkritik).
Ganz bezaubert ist FR-lerin Sylvia Staude von "Embodied Dissent - Dance in Times of War", einem Tanzfestival am Staatstheater Kassel. Politische Symbolik gibt es da zwischendurch auch, viel mehr jedoch interessiert sich Staude für die vielseitigen Körpersprachen des Programms. Zum Beispiel in "Victims & Images - Vol. 2" von Roni Chadash. Die Choreografin "lässt ihre beiden Tänzerinnen, Romi Lahav und Shira Ben Uriel, Schüchternheit, Koketterie, Konkurrenz andeuten, lässt gleichzeitig in listiger Schwebe, ob sie nicht bloß mit dem Publikum spielen. Mehrfach fühlt sich dieses zum Schlussapplaus aufgefordert, mehrfach geht es weiter, auch mit dem Abba-Song 'Dancing Queen' und im Hintergrund blinkenden Lichtlein. So viel zarten Witz, so viele doppelte Böden, mit so viel Geschick eingezogen, das bekommt man im Tanz nicht oft zu sehen."
Außerdem: Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel voraus auf Fabian und Anne Hinrichs' "Irgendetwas ist passiert" - am 30.1. ist Premiere an der Berliner Volksbühne. Besprochen werden "Eugen Onegin" in der Inszenierung Ralph Fiennes' an der Pariser Oper im Palais Garnier (FAZ - "auf intensiv-überwältigende Weise fein, dicht und genau"), Soe Ratsifandrihanas Tanzstück "Fampitaha, fampita, fampitàna" im Tanzquartier Wien und Maurice Béjarts "Ballet for Life" in der Wiener Stadthalle in einer Doppel-Kurzbesprechung (Standard), "La traviata", von Ute M. Engelhardt inszeniert, am Stadttheater Gießen (FR- "wirkungsvolle Auftritte"), die Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (Welt - "wie eine in Routinen erstickte Ehe") und ein neues Buch des Dramatikers Wolfram Lotz (SZ).
Szene aus "Amor vien dal destino" an der Oper Frankfurt. Foto: Matthias Baus. "Ein Feuerwerk nebst Funkenregen von hohem Unterhaltungswert", erlebtFR-Kritikerin Judith von Sternburg an der Oper Frankfurt: Agostino Steffanis frühbarocke Oper "Amor vien dal destino" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Aeneas und Lavinia, bei deren Verkupplung die Götter im Olymp mitmischen. R. B. Schlather hat hier "barocke Intimität im großen Raum" inszeniert, so Sternburg. "Im leicht angehobenen Graben also Frankfurter Opernmusikerinnen und -musiker mit voller Alte-Musik-Expertise, dazu Harfe, Lauten, Gitarre, eine ausgeklügelte, mit dumpfen Trommeln und glitzernden Glöckchen versehene Perkussion sowie Psalterium und mehrere Chalumeaux - Psalter und Schalmeien nämlich. Das bekommt man nicht jeden Tag zu Gesicht und Gehör, der Rasanz der über weite Strecken tanzbaren Musik gibt es ein enormes, von Luks auch voll ausgeschöpftes Farbspektrum."
"Es muss nicht immer Händel sein", bestätigt auch Wolfgang Fuhrmann in der FAZ und lobt vor allem die Sänger und Sängerinnen: "Aus der Tradition der venezianischen Oper des siebzehnten Jahrhunderts kommend, ist das Werk auch in der Stimmverteilung individuell: Wo bei Händel das hohe Paar stets auch hoch singt, ist hier Lavinia eine Altpartie, von Margherita Maria Sala mit ausdrucksvollem tiefen Register gestaltet, Enea ein von Michael Porter kultiviert gestalteter tiefer Tenor. Dass diese beiden erst nach dreieinhalb Stunden zusammenfinden, liegt auch an grandiosen Dialogen des Librettisten Ortensio Mauro, in denen die füreinander Entbrannten in preziös-uneigentlichem Liebesdiskurs ständig aneinander vorbeireden."
Bei Backstage Classicalreagiert Axel Brüggemann auf einen Essay von FAZ-Kritikerin Lotte Thaler (unser Resümee), in dem diese das Regietheater massiv kritisiert, und vorgeschlagen hat, sich die Ideen des Wagnerianers Adolphe Appia zum Vorbild zu nehmen. Dieser schlug eine Bühnenästhetik vor, die sich komplett der Partitur verpflichtet. Manche Kritik ist berechtigt, findet Brüggemann, aber "die ästhetischen Schablonen die Thaler vorstellt, scheinen einfach nicht ins 21. Jahrhundert zu passen. Natürlich würden die meisten heute arbeitenden Opernregisseurinnen und Opernregisseure für sich ebenfalls den Anspruch erheben, die Partitur als Grundlage ihrer Arbeit zu verstehen. Und natürlich richten sie sich in ihren Inszenierungen meist auch nach Zeit(Ablauf) und Raum, wie sie in der Partitur vorgegeben sind. Aber selbst wenn sie das nicht tun, wie zum Beispiel im genialen Pasticcio 'Hotel Metamorphosis' von Barrie Kosky, wird doch gerade das von einem Großteil der Kritik und des Publikums heute zu Recht auch gelobt! Mir anderen Worten: Nicht einmal die Partitur als einzig gültige und unantastbare Grundlage hat Bestand."
Weitere Artikel: Die ruandische Schauspielerin und Regisseurin Odile Gakire Katese gratuliert in der SZ zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung des Müncher Residenztheaters. In der FR schreibt Wilhelm von Sternburg zum 125. Todestag von Giuseppe Verdi. Besprochen werden Yana Ross Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ, taz), das "Wintertanzprojekt" der Hochschule im Frankfurter Gallus Theater (FR) und Volker Löschs Inszenierung von Voltaires "Candide" am Dresdner Schauspielhaus (taz).
"Chronoplan" am Staatstheater Mainz. Bild: Andreas Etter.
"Der Chronoplan", eine Oper von Julia und Alfred Kerr, wird am Staatstheater Mainz vom Regisseur Lorenzo Fioroni uraufgeführt, mehr als neunzig Jahre nach ihrer - unvollständigen - Niederschrift. Musikalisch wurde einiges von Norbert Biermann hinzugefügt, weiß der eher unzufriedene Jan Brachmann in der FAZ, in der launigen Geschichte um Albert Einstein und eine Zeitreisemaschine hat zudem der Regisseur Teile des Textes geändert: So "können uninformierte Opernbesucher schwer entscheiden, was das Werk und was spätere Deutungen sind. Die Werkgestalt kennen wir nicht. Und in die Werkgestalt einzugreifen, wenn man die Oper erstmals auf der Bühne zur Diskussion stellen will, ist nicht hilfreich, wenn bislang gar keine Rezeptionsgeschichte vorliegt. (…) Demonstrativ behandelt die Regie von Fioroni den 'Chronoplan' als Vorahnung des Nationalsozialismus, arbeitet jedoch kaum Figurenbeziehungen durch. Was Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester macht, ist zwar farbenreich, aber meistens so laut, dass man kaum einen Singenden hört."
Bernhard Uske ist in der FR wortreich gegenteiliger Meinung: "Die Inszenierung liegt in den Händen Lorenzo Fioronis, der den Stoff nicht überpolitisiert und als 'Am Vorabend von...'-Operndokument verengt. Die Anspielungen auf die kommende mörderische Diktatur sind präzise gesetzt (Einsteins Gast Max Liebermann trägt nicht mehr und nicht weniger als den Judenstern) und nicht wie so oft bei solchen Stoffen durch obligate Hakenkreuzbinden-Inflation sowie Marschkolonnentritte vergleichgültigt."
Auch Nachtkritiker Michael Laages ist nach Mainz gereist und entdeckt musikalisch Bekanntes wie Neues: "Das Mainzer Haus fährt alles auf, was das Theater leisten kann - vor allem, um mitzuhalten mit der Musik. Manches darin hat sich Julia Kerr ahnungsvoll angeeignet. Wenn Richard Strauss kurzzeitig wichtig ist beim Promi-Ball zu Beginn, lädt sie den Klang des Orchesters (in Mainz von Gabriel Venzago geleitet) ein bisschen auf nach Art des Komponisten. Und ab und an ist vorstellbar, dass die Komponistin auch im Kontakt mit Kurt Weill gestanden haben könnte - dessen stilbildende 'Mahagonny'-Oper mit Brechts Text entstand etwa zeitgleich mit dem 'Chronoplan'. Aber ebenso unüberhörbar ist eben auch, dass Julia Kerr in ganz und gar eigenen musikalischen Stimmungen komponiert hat. Und die Sprache des Partners und Librettisten ist ohnehin und wie immer bei Alfred Kerr extrem eigen."
Weiteres: Philipp Theison trauert in der FAZ um den Theaterregisseur Dieter Giesing, der im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Eva Illouz philosophiert in ihrer Rede zum 75. Geburtstag des Münchner Residenztheaters, abgedruckt in der SZ, zum Theater und dessen Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit.
Besprochen werden: Johan Simons' 'Antigone' am Berliner Ensemble (Welt), Claudia Bauers Inszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (FAZ, FR, Nachtkritik, taz, SZ), Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff", inszeniert von Luise Voigt am Thalia Theater (Nachtkritik), Voltaires "Candide", überarbeitet von Soeren Voima, Regie führt Volker Lösch (Nachtkritik), Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" unter der Regie von Nurkan Erpulat am Gorki-Theater (Nachtkritik, Tagesspiegel) und Lisa Stieglers Inszenierung von Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod" am Münchner Residenztheater (SZ).
Wir brauchen jemanden, "der uns wieder aus dem ideologischen Bevormundungstheater herausführt und uns mit seiner 'Gesinnungskunst' verschont", fordert Lotte Thaler in der FAZ mit Blick auf deutsche Opernbühnen. Das gegenwärtige Regietheater habe mit seiner programmatischen Verachtung für das ursprüngliche Werk und seinem zwanghaften Drang nach Aktualisierung ausgedient. Als Vorbild für eine neue Form des Theaters könnten die Überlegungen des Theatertheoretikers Adolphe Appia dienen, der zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts Wagner aktualisieren wollte, schlägt Thaler vor. Er forderte zum Beispiel "ein minimales Bühnenbild, das nicht illustriert, sondern symbolisiert. Selbst Wagners eigene Regieanweisungen haben nichts mehr zu melden: 'alles, was Wagner hinzufügt, ist irrelevant'. Ausschlaggebend für den Regisseur ist allein die Partitur, sie enthalte 'per definitionem die theatralische Form'."
Weiteres: Wo sind "die Brünnhilden und Siegfriede, denen man wirklich gern und angstfrei zuhört?" fragt Manuel Brug in der Welt und beklagt einen Mangel an der Herausforderung gewachsenen Wagner-SängerInnen. In der tazberichtet Dorothea Marcus vom Festival Modaperf in Kamerun, organisiert von Performer Zora Snake. Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" an der Comédie Francaises (FAZ), Joana Tischkaus Choreografie "Runnin" im Frankfurter Mousonturm (FR) und Jorinde Dröses Stück "Iconic" mit Mareike Fallwickl, lynn t musiol und Jacinta Nandi (nachtkritik).
In der FAZ berichtet Frauke Steffens von massiven Sparmaßnahmen an der New Yorker Met. Der Deal mit Saudi Arabien, der der Met 200 Millionen Dollar über einen Zeitraum von acht Jahren in Aussicht stellte, steht in Frage steht: Ob aus haushaltspolitischen Problemen in Saudi Arabien - oder weil die Kritik an der dortigen Menschenrechtslage plötzlich doch vernommen wurde, ist nicht ganz klar. Jedenfalls überlegt Intendant Peter Gelb, nicht nur Mitarbeiter zu entlassen, Stellen in der Verwaltung zu streichen und "die Gehälter der bestbezahlten Führungskräfte" zu kürzen - auch sein eigenes, das 1,4 Millionen Dollar pro Jahr beträgt, weiß Steffens. Auch über den Verkauf der beiden riesigen Wandgemälde von Marc Chagall in der Met wird nachgedacht.
Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather inszeniert derzeit die Oper "Amor vien dal destino" des italienischen Barock-Komponisten Agostino Steffani an der Frankfurter Oper. Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erzählt er, wie er sich der Oper, deren Komponisten er gar nicht kannte, näherte. Aber auch Schlather berichtet, wie sehr er die Veränderungen in den USA, wo er ebenfalls inszeniert, spürt: "O ja. Allgemein gesagt, sieht es mit der Kulturfinanzierung in den USA zunehmend dürftig aus. Anders als in Deutschland basiert das meiste auf privater Philanthropie, es herrschen aber zunehmend Verunsicherung und Chaos. Nehmen Sie nur die Nachricht, dass die Washington National Opera das Kennedy Center verlassen wird. Alles läuft darauf hinaus, dass Kompanien den Mut verlieren, künstlerisch etwas zu riskieren. Es geht dann um die Frage: Wie kommen wir überhaupt durch die nächste Spielzeit? Wie bekommen wir das Haus voll, wie halten wir die Geldgeber?"
Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Irene Bazinger zum Tod des im Alter von 85 Jahren verstorbenen Theaterintendanten Bernd Wilms. Besprochen werden Malte Schlössers Stück "Wer nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht" im TD Berlin (taz) und Miriam Ibrahims Inszenierung "Mogli oder this way is not the way to the waterfall (wirklich nicht) von Ralph Tharayil an den Bühnen Bern (nachtkritik).
Katja Kollmann fragt in der taz: Ist das Royal Classical Ballet, das derzeit durch Deutschland tourt, eine Tarnorganisation, hinter der sich das russische Staatsballet verbirgt? Letzteres tritt seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hierzulande nicht mehr auf. Rimma Wachsmann Beniashvili, Produzentin der Show, bestreitet, im Dienste Putins zu stehen. Aber Zweifel bleiben: "Als 'Administration' aufgeführt sind dort Wachsmann Beniashvili als Producerin - und neben ihr als General Director niemand geringeres als Ljudmila Titova. Titova ist eine sehr bekannte Primaballerina - und eben auch Generaldirektorin des russischen Staatsballetts Moskau. Eine ganze Reihe SolistInnen scheint auf beiden Seiten der Grenze aktiv zu sein. Dazu passt, dass beim Veranstaltungskalender des Staatlichen Russischen Balletts Moskau in den ersten Monaten des Jahres gähnende Leere herrscht. Die Kalender des Royal Classical Ballet sind zur selben Zeit pickepackevoll."
Tom Mustroph interviewt für die tazNurkan Erpulat, dessen letzte Inszenierung - Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" - am Gorki Theater diesen Samstag Premiere feiert. Als zentrale Figur der postmigrantischen Theaterszene zieht er eine positive Bilanz seiner Zeit am Haus: "Theater ist eine Identifikationsmaschine. Und die war, obwohl sie sich selbst als fortschrittlich begriffen hat, auf diesem Auge, also dem für die Wahrnehmung einer postmigrantischen Wirklichkeit, blind. Es braucht andere Protagonisten, um diese bis dahin nicht erzählten Geschichten zu erzählen, Protagonisten auf der Bühne und hinter der Bühne. Die gab es damals nicht. Vor 400 Jahren hat Shakespeare schon gesagt, dass wir die Gesellschaft widerspiegeln müssen auf der Bühne. Dieser Spiegel war in Deutschland ziemlich krumm. Das hat sich geändert. Da war das Gorki ein Vorreiter."
Außerdem: Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper München, denkt in der FAZ über die Zukunft der Oper nach, die es seiner Meinung nach nur geben wird, "wenn Erbe nicht als Besitz verstanden wird, sondern als Aufgabe". Viel konkreter wird er nicht. Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit Claudia Bayer, der Regisseurin der Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspielhaus Frankfurt. Unter anderem geht es um die Frage: Ist das Publikum in Zeiten von Trump nicht eh schon Härteres gewöhnt? Wolfgang Behrens schreibt auf nachtkritik über die Kämpfe von Dramaturgen mit ihresgleichen.
Besprochen werden Brigitte Jacques-Wajemans Inszenierung von Wassili Grossmans "Vie et Destin" im Pariser Théâtre de la Ville (FAZ: "flüssig verwirklicht... mitunter eine Spur zu formalistisch") und "Die Unruhenden", inszeniert von Christoph Marthaler nach Kompositionen Gustav Mahlers an der Staatsoper Hamburg (nmz: "Witzig, heiter und komisch ist das alles").
Besprochen werden Thorsten Lensings Theaterabend "Tanzende Idioten" bei den Berliner Festspielen (FAZ), Tony Rizzis Stück "Endless Love/Endless Life" im Frankfurter Gallus Theater (FR), Vincent Schlarbaums Inszenierung von "Morgen ist (vorläufig) immer da" in der Box im Schauspiel Frankfurt (FR) und Caroline Anne Kapps Inszenierung von Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer" am Theater Bremen (taz).
Wolfgang Menardi inszeniert Rolf Dieter Brinkmanns Hörspiel "Die Wörter sind böse" am Schauspiel Köln, mit direkt fünf Brinkmanns, die auf Köln, auf Deutschland, auf das Leben an sich schimpfen. Nachtkritiker Martin Krumbholz hält fest: "Das Erstaunlichste an diesem Abend ist die enorme Ernsthaftigkeit, mit der er seine Agenda vorträgt, oft lippensynchron mit dem eingespielten Original-Hörspiel. Kaum einmal wird gelacht, trotz Köln-Sülz und all dem lokalmasochistischen Schabernack eines hochempfindsamen Künstlers. Formale Probleme hätten ihn nie so stark interessiert, hat Brinkmann einmal freimütig bekannt. (…) Es geht nicht um Form, es geht um die (ungebrochene) Aussage: Alles Scheiße."
Patrick Bahners sieht für die FAZ in Köln auch Kriegs- und Deutschlandkritik eines Unversöhnlichen: "'Hinten fährt 'ne Straßenbahn vorbei in einen Vorort. Schleppt wieder Menschen weg." Das Bild ist frappant, aber der Sache nach ist die Verschleppung als logistische Vorstufe des Völkermords hier Versatzstück einer Kulturkritik, die den Wiederaufbau als Fortsetzung der kriegerischen Vernichtung deutete. Ganz konventionell ist in diesem Zusammenhang Brinkmanns Polemik gegen die autogerechte Stadt."
Dass Constance Debrés Roman "Love Me Tender" auch auf der Bühne funktioniert, hätte sich SZ-Kritikerin Yvonne Poppek nicht vorstellen können, aber Regisseurin Felicitas Brucker beweist ihr in den Münchner Kammerspielen das Gegenteil. Die Protagonistin hat viel mit der Autorin gemein und steigt aus ihrem bisherigen Leben, ihrer Familie aus, von Brucker wird das Erleben auf drei Darstellerinnen verteilt: "Jede von ihnen hat ihre eigene Qualität, sodass sich ein geschickter, doppelter Effekt ergibt. Einerseits ist die Hauptfigur in viele Facetten gegliedert. Da lässt Katharina Bach einmal die Härte spüren, die Angriffslust als letzte Verteidigungsstrategie, im nächsten Moment spült Annette Paulmann Wärme und trockenen Witz auf die Bühne, schließlich vereint Jelena Kuljić so Gegensätzliches wie eine harte Panzerung und große Zerbrechlichkeit. (…) Durch dieses permanente Changieren ergibt sich ein Zweites - und das ist dann die kongeniale Bühnenübersetzung für das, was auch Debré in ihrem Roman vollzieht: Ein privates Erleben wird als gesellschaftliches Phänomen begriffen und in die Zeit übersetzt."
Weiteres: Sylvia Staude interviewt für die FR die israelische Choreografin Naomi Perlov, die im Tanz Zuflucht findet.
Besprochen werden: "Ukrainomania" am Wiener Volkstheater von Jan-Christoph Gockel (taz), Christoph Marthaler inszeniert Gustav Mahlers "Die Unruhenden" an der Hamburger Oper (taz), ThorstenLensings "Tanzende Idioten" im Haus der Berliner Festspiele (Zeit), "3 Schwestern. Eine Kosmologie" am Schauspiel Zürich, Barbi Markovićs Tschechow-Überschreibung, Regie führt Christina Tscharyiski (Nachtkritik, NZZ), "Die Wahlverwandtschaften" frei nach Goethe am Theater Basel, inszeniert von Leonie Böhm (Nachtkritik), der Ballettabend "Timeframed" am Zürcher Opernhaus (NZZ), Armin Petras' "Napoleon" am Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik) und "Kafkas Traum", geschrieben und inszeniert von Andreas Kriegenburg am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik).
Auch Peter Laudenbach (SZ) ist begeistert, dass Simons die Hölderlin-Übersetzung verwendet, obwohl sie dunkel, unzuverlässig und streckenweise kaum verständlich sei. "Von Hölderlin stammt keine akkurate Übertragung, sondern eine Dichtung aus eigenem Recht, die in ihrer Bedeutung erst im 20. Jahrhundert erkannt worden ist. Es ist die geradezu körperhaft in den Raum gestellte Sprache, die Klarheit und Konzentration, mit der die Spieler Hölderlins rhythmisierte Sätze durchdringen, ohne ins Pathosdröhnen, oder, noch schlimmer, in die billige Ironisierung auszuweichen. Es ist diese Sprachbehandlung, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht."
Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegelsehr viel verhaltener: "Nirgendwo eine politische Anspielung, nichts Aktuelles, immer wieder hat man das Gefühl, dass die drei nach einem Ausstieg suchen - und das führt sie immer mehr hinein in das böse Spiel." Das ist bitter, aber auch sehr künstlich, findet er: "Der mörderische Theben-Clan hat Kunstblut in den Adern, malerisch verschmiert und abwaschbar." In der tazfragt sich Konrad Muschick bang, ob Antigones revolutionärer Eifer auch für Rechte ein Vorbild sein könnte.
Szenenwechsel nach Hamburg. Statt das "Riesenklangmonstrum" "Die Unruhenden" nach Gustav Mahler auf der großen Bühne der Hamburger Oper zu spielen, inszeniert Christoph Marthaler in 130 Minuten Miniaturen auf Zimmerlautstärke in der Experimentalspielstätte Opera stabile: "Überschäumender Weltenhysteriker versus skurriler Schlafmusikant. Wie geht das zusammen? Sehr gut", versichert Manuel Brug in der Welt. "Dabei gibt es, und das macht die magische Spannung, ja die Faszination dieses so ganz leisen Abends aus, Mahlers berühmte Fernmusiken von weiteren, unsichtbaren Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters, dargeboten aus dem Off, zu hören: wehmütige, zart verwehende Floskeln und Fragmente. Der bisweilen Laute wird völlig gedimmt und dabei intensiviert. Ein seine Sinfonien erst suchen Müssender auf einer Reise hin zu den Klängen, die hier, scheinbar wie bei ihrer Entstehung, durch sein Gehirn zu mäandern scheinen: Gustav Mahler, der Ruinenbaumeister."
Das mit der Zimmerlautstärke gefiel auch nachtkritiker Tim Schomacker, "weil in ihr das Staunende der Figuren - wie sie wieder rausschauen, aus sich, herrlich! - seinen Ort hat. Dessen Grundruhe immer wieder gezielt gekappt wird. Bei Mahler gern mit Bläsereinsatz und stilistischer Unwucht. Bei Marthaler mit Unvorhergesehenem. Der Briefschlitz in knapp zwei Meter Höhe, durch den plötzlich Notenblätter herein flattern. Dass Ueli Jäeggis genüssliche Blutdruckmessung das Blutdruckmessgerät klanglich plötzlich in Lautsprecherlautstärke abbildet." FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hingegen kann der marthalernden Inszenierung gar nichts abgewinnen. Er quälte sich durch die zwei Stunden, "die sich dehnten wie eine 'Götterdämmerung' in Bayreuth".
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Wolfgang Spielvogels performativer Recherche "Nicht zu fassen" in der Frankfurter AusstellungsHalle 1A ("nicht nur eine Anklage, sondern auch ein Klagegesang in dreizehn Teilen: Kaddisch für den Rechtsstaat, der aber keinen Trost für die Hinterbliebenen der Opfer ungeahndeter RAF-Mordanschläge bereithält - und da gibt es neben dem Buback-Attentat ja auch noch die Mordfälle Herrhausen und Rohwedder", schreibt ein beeindruckter Andreas Platthaus in der FAZ), Jan-Christoph Gockels "Ukrainomania - Revue eines Lebens" nach Joseph Roth am Volkstheater Wien ("Dieser Theaterabend funktioniert, weil er wie eine Improvisation abläuft. Manches erscheint zufällig und kühn-sympathisch, weil sich Gockel von keiner festgelegten Zeit, keiner abgeklopften Biografie leiten lässt", lobt Bernd Noack in der NZZ, nachtkritik), die Uraufführung von Caren Jeß' Stück "To My Little Boy", inszeniert von Marie Bues am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Bonn Parks Inszenierung von Wedekinds "Frühlingserwachen" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik) und Nele Schillos Inszenierung von Maria Milisavljevićs "Staubfrau" auf der Studiobühne des Theaters Oberhausen (SZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Claudia Gatzka (Hg.), Sonja Levsen (Hg.): Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien "im…
Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für…
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand Vom Musterknaben zum Patienten? Die deutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung Die Bundesrepublik befindet sich mitten in einer "Zeitenwende" und steht vor tiefgreifenden…
Tomer Gardi: Liefern Aus dem Hebräischen von und in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer. Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin,…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier