Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2026 - Bühne

Szene aus "The Crying Child". Foto: Adrienne Meister

Neun Autorinnen und Autoren haben am Stück "The Crying Child" gemeinsam geschrieben, sie kommen aus Chile, Litauen, den USA, der Ukraine, aus Georgien, Indien, Argentinien und aus Israel und Iran, nun wurde das Stück beim "Welt / Bühne Festival" am Münchner Residentheater uraufgeführt. Das vorgegebene Thema war lediglich ein von irgendwoher kommendes Baby-Geschrei, verbunden mit der Frage, was Weinen im kulturellen Kontext auslösen kann, informiert Christiane Lutz in der SZ, die das Stück auch als "Plädoyer für Empathie" sieht: "Erschütternd ist der Dialog zwischen einer Mutter und ihrem Sohn (Juliane Köhler und Florian von Manteuffel) am Strand; der Text stammt von der israelischen Autorin Noa Lazar-Keinan. Trotz des Dauergeschreis versuchen die beiden, eine schöne Zeit zu haben, das Kind baut einen Bunker in seine Sandburg. Ob sie sich je an das Weinen gewöhnen könne, überlegt die Mutter. 'Besonders in Israel ist das Weinen stärker', sagt sie, 'was, wenn es das Weinen all der toten Kinder in Gaza ist -?'" Auch nachtkritikerin Isa Hoffinger, die das Stück zusammen mit "Cosmic Home" von Birutė Kapustinskaitė und Lina Lapelytė und "Iokaste: Rohmaterial" von Mariam Megvinyte bespricht, ist angetan.

Weiteres: Im taz-Interview spricht die Schauspielerin Maria Thies über ihr Projekt "Pretty Privileged". Besprochen werden außerdem Panaghis Pagiulatos' Inszenierung von Luigi Cherubinis Oper "Medea" an der Griechischen National Oper in Epidaurus (Welt) und Brit Bartkowiaks Inszenierung von Kaleb Erdmanns Stück "Debritz" am Staatstheater Karlsruhe (taz, nachtkritik)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2026 - Bühne

Szene aus "El Gato Montés" am Zarzuela-Theater Madrid. Foto: 

"Es geht noch viel spanischer als 'Carmen'", jubelt FAZ-Kritiker Hans-Christian Rössler, nachdem er Christof Loys Inszenierung von Manuel Penellas Stück "Die Wildkatze" ("El Gato Montés") am Madrider Zarzuela-Theater gesehen hat. Es geht um den Torero Rafael und die "'Wildkatze' Juanillo, einen flüchtigen Banditen", die sich in die selbe Frau verliebt haben. Zarzuela, lernt der Kritiker, ist die spanische Form der Operette. In Europa ist sie noch weitgehend unentdeckt, das möchte Loy ändern. Das Publikum, das am Ende in "Begeisterungsstürme" ausbricht, hat er schonmal überzeugt. Und den Kritiker auch: Der zweite Akt "ist großes Theater, obwohl nur zu sehen ist, was in einem Nebenraum der Arena von Sevilla geschieht. Aus der Ferne sind die Olé-Rufe, Applaus und der Paso doble zu hören. Dort findet Rafael den von einer Zigeunerin prophezeiten Tod. Doch für den Kampf selbst sucht Loy im Unterschied zu anderen Regisseuren keine Bilder. Blutüberströmt tragen seine Männer den sterbenden Torero an der kleinen Kapelle vorbei, in der er kurz zuvor noch gebetet hat, in die Krankenstation."

Das Grausen befällt Axel Brüggemann in backstage classical, wenn er durch die Instagram-Feeds großer Opern- und Theaterhäuser scrollt. Die scheinen der jungen Generation nicht mehr besonders viel Kulturverständnis zuzutrauen und machen vor allem Werbung mit Aperol Spritz und erklären Dinge, die kleine Kinder eigentlich schon wissen müssten. Aber "das Erschreckende an diesen Videos ist nicht, dass die Oper für die jungen Content-Creator ein gigantischer Spielplatz zu sein scheint, sondern die unglaubliche Biederkeit, mit der die beiden ein ganzes Genre vorstellen. Oper ist für sie nicht mehr Ort der Sammlung, der Auseinandersetzung oder der gesellschaftlichen Debatte, sondern ein Wohlfühlort mit genügend Getränken für die Pausen-Zerstreuung. Walter Benjamin, steh uns bei!"

Besprochen wird außerdem Daniel Kramers Inszenierung von Frank Zappas "200 Motels" Grand Théâtre Genève (FAZ).
Stichwörter: Loy, Christof, Zarzuela

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2026 - Bühne

Für den Wagner-Forscher Anno Mungen ist es kein Zufall, dass sich die Bayreuther Festspiele mit ihrer Geschichte so schwertun, wie  Christine Lemke-Matwey im Interview für die Zeit erfährt. Der Antisemitismus Wagners selbst mag halbwegs aufgearbeitet sein, die Geschichte der Inszenierungen im Nationalsozialismus sei es nicht: "Noch im Frühjahr 1944 wird in Kattowitz ein kompletter Ring des Nibelungen ins Programm genommen. Der soll dort siebenmal aufgeführt werden (...) Dazu kommt es nicht, weil zum 1. September alle Theater geschlossen werden, zweimal aber wird der Ring gespielt. Dabei geht es weniger nur um Unterhaltung oder darum, den in Auschwitz Tätigen etwas Erbauliches oder 'Schönes' zu bieten; zwischen Auschwitz und Kattowitz gibt es eine direkte Bahnlinie, man fuhr aus dem Vernichtungslager gerne in die Oper." Es geht um "eine leibliche Erfahrung, die mir versichert, ja, es ist sinnvoll, das Töten, die Vernichtung der Juden weiter voranzutreiben. Die Ring-Premieren übrigens fanden jeweils an einem Dienstag statt. Nicht weil der Dienstag so ein bevorzugter Theatertag wäre, sondern weil er offenbar günstig für die Lagerlogistik war."

In Chemnitz gastiert gerade das Festival "Theater der Welt" (unser Resümee), aber um die heimische Kulturszene steht es wegen immenser Sparzwänge nicht allzu gut, hat Merle Zils für die SZ herausgefunden: "Seit 2022 spielt das Sprech- und Figurentheater im Interim im Spinnbau, in der alten Spinnereimaschinenfabrik. Wegen dringender Sanierungsarbeiten musste das Ensemble nach mehr als 40 Jahren aus dem DDR-Bau ausziehen, doch nach einer Kostenexplosion von 17 auf 34 Millionen Euro legte die Stadt die Pläne für die Sanierung erst einmal auf Eis. Der Stadtrat prüfte seitdem verschiedene Ideen: den DDR-Bau umbauen? Zu kompliziert. Das Sprechtheater mit auf die Bühne der Oper verlegen? Unmöglich. ... Nun soll ein Gelände in der Innenstadt für einen Neubau geprüft werden. Ein ermüdendes Hin und Her, Strategie nicht erkennbar. Und so steht Chemnitz auch vor der Frage: Wohin mit dem eigenen Theater?" Für die taz berichtet Katrin Müller von dem Festival.

Weitere Artikel: Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit der Choreografin Aszure Barton. Die Theater sollten alles daran setzen, sich nicht von der AfD vereinnahmen zu lassen, mahnt Nachtkritiker Janis El-Bira, ohne zu konkretisieren, wo eine solche Gefahr besteht.

Besprochen werden Frank Zappas "200 Motels", Regie von Aviel Cahn an der Oper Genf (nmz), Richard Wagners "Tannhäuser" am Opernhaus Zürich, inszeniert von Tobias Kratzer (SZ), "The Bones", geschrieben und inszeniert von Manuela Infante auf dem Festival Theaterformen (Nachtkritik) und die Lange Nacht der Autoren am Deutschen Theater Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2026 - Bühne

Es ist wohl die beste Idee der Intendanz von Anna Müller, beim diesjährigen Festival Theaterformen in den leerstehenden Gebäuden der JVA Rennelberg in Braunschweig zu inszenieren, findet Jens Fischer in der taz. Nicht nur erfährt er vieles über die Nutzung des Gefängnisses in der NS-Zeit, auch die dargebotenen Performances überzeugen: "In der nächsten Zelle sind Videobilder aus dem syrischen Staatsfoltergefängnis Saidnaya zu sehen, das nach dem Sturz Assads von Bürger:innen auf der Suche nach Verwandten gestürmt wurde. Aus den Inschriften dieses 'Friedhofs der Lebendigen' versucht der syrische Theatermacher Mohammad Al Attar die einstigen Schrecken psychischer und physischer Zerstörungspraktiken zu erahnen. Von erschöpfter Sehnsucht ist dort zu lesen, vom Recht auf Tod, vom Lügen als verzweifelter Überlebensstrategie. Mit Koranzitaten und Stoßgebeten wird der Glaube an einen gütigen Gott für die Reste des Überlebenswillens wachgehalten."

Michel Friedman wird nun also doch in Bayreuth sprechen (unsere Resümees). Aber, die Ausladung war auch nicht "bloß Sommertheater, nicht bloß medialer Konflikt an der Oberfläche", kommentiert der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in der SZ. Das Ganze reiche tiefer: "Denn es war doch so: Alles sollte bleiben wie geplant in Bayreuth, nur die Musik jüdischer Komponisten und die Stimme des Juden Michel Friedman sollten nicht mehr zum gleichen Zeitpunkt zu hören sein. Die Sicherheit der Premiere von Adolf Hitlers Lieblingsoper danach schien wichtiger. Darauf muss man erst mal kommen. Katharina Wagner hat den Fehler korrigiert, aber er ist gemacht. Denn sie können sich nicht vertragen: die kulturellen Homogenitätshoffnungen in Teilen der Wagner-Gemeinde und Friedmans Bereitschaft, genau solche Illusionen auf den Boden einer offenen und vielfältigen Realität zu holen. Der Verdacht stand zumindest kurz im Raum, dass sich einige auf der Suche nach ihrem eigentlichen kulturellen Kern nicht durch solche Aufklärung stören lassen wollen. Und er hallt nach."

Weitere Artikel: Katja Kollmann resümiert für die taz die AutorInnentage am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Axel Ranischs Revue "Mokka-Hits und Milchbar-Träume" an der Komischen Oper Berlin (die Clemens Haustein in der FAZ "hinreißend" findet), Martin G. Bergers Inszenierung der Lortzing-Oper "Zar und Zimmermann" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ), Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Wagners Tannhäuser an der Oper Zürich (NZZ) und Alexei Ratmanskys "Wunderland"-Choreografie am Hamburg Ballett (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2026 - Bühne

"Luftmasse". Bild: Nasser Hashemi.

"Luftmasse" vom Paper Tiger Theater Studio ist für Nachtkritiker Michael Bartsch eine ambivalente Angelegenheit. Das auf dem Festival "Theater der Welt" in Chemnitz gezeigte Stück basiert mit seinen dystopischen Untergangsfantasien einer chinesischen Weltmacht auf Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten". Wenn der mit dem Stück wieder ins kollektive Bewusstsein rückt, wäre das für Bartsch das größte Verdienst des Abends: "Es wird überhaupt nur erzählt, sinnlich passiert nicht viel. Die abstrakt bleibende Untergangsbeschwörung erschöpft sich zunehmend. Tiefpunkt ist ein Talk des Regisseurs [Tian Gebing], der schon zur Begrüßung auf dem Vorplatz viel zu lange geredet hatte. Wie es die Chemnitzer fänden, wenn 200 000 Chinesen in ihre Stadt kämen, fragt er? Vermutlich hieße es dann wohl wieder Karl-Marx-Stadt. Um anschließend die vier Akteurinnen auf einer Schubkarre wegzufahren. Mit Grönland-Anspielungen und albernen Videofragen über die gegenseitige Kolonisation von Erdteilen wird die Konzeptlosigkeit dieses inkommensurablen Mixes final unterstrichen. Ein gelungenes Schlussbild versöhnt ein wenig."

Frank Zappas Rockoper "200 Motels" swingt wenigstens. In der SZ gratuliert Egbert Tholl dem Intendanten der Genfer Oper Aviel Cahn zu dem Mut, das ursprünglich als Film erschienene Werk über Bandmitglieder auf Endlos-Tour auf die Bühne zu bringen. So richtig überzeugend ist das für Tholl leider nicht: "Im Grunde ist der Abend bald eine einzige knallbunt überbordende Plastik-Pimmel-Parade, seltsam löchrig, fahrig, fad und dennoch ab 16 Jahren. So entgeht der Oper einiges Publikum, denn als queerer Kindergeburtstag ohne gesellschaftskritischen Anspruch taugt die Aufführung gut, währenddessen man ihren Wert für die Community vielleicht auch anzweifeln darf. Das Ganze ist schrecklich verklemmt. Die Groupies tanzen an der Stange, aber im hautfarbenen Bodysuit. Die Bewohner von Centerville sind Zombies wie aus 'The Walking Dead', also alter Hut. Die vier Haupt-Dudes denken halt eben nicht ans Singen, sondern vor allem an ihre goldenen Gemächtkörbchen."

Jean-Martin Büttner sieht es in der NZZ ähnlich, aber die Musik lässt ihn den peinlichen Humor zumindest ein wenig vergessen: Zappas "größte Leistung mit '200 Motels': Er parodierte die Rockmusik mit geistreichen Klassizismen. Und brachte die Avantgarde mit federnden Rhythmen zum Swingen. So gelang ihm die Versöhnung des Unvereinbaren: des Populären aus seiner amerikanischen Heimat und des Elitären seiner europäischen Vorbilder."

Weitere Artikel: Karin Beier, die Intendantin des Schauspielhauses in Hamburg, die gerade einen neuen Antikenzyklus angekündigt hat, erklärt im Interview mit der Welt ihre Leidenschaft für antike Stoffe. Patrick Wildermann berichtet für den Tagesspiegel von der Langen Nacht der Autoren im Deutschen Theater, für die Nachtkritik ist Gabi Hift dort unterwegs.

Besprochen werden: Albert Lortzings "Zar und Zimmermann", inszeniert von Daniel G. Berger an der Deutschen Oper in Berlin (Tagesspiegel), Kuro Taninos "Sleeping Fires" auf den Wiener Festwochen (Standard), Roman Senkl inszeniert Stanislaw Lems SciFi-Roman 'Solaris' am Burgtheater Wien (Nachtkritik), Schillers "Räuber" am Schauspielhaus Bochum, inszeniert von Lucia Bihler (Nachtkritik), Caroline Anne Kapps "Fassade" am Theater Freiburg (taz) und unter der Regie von Yusril Katil bringt die indonesische Bumi Purnati Company "Under the Volcano" auf die Bühne der Theater-Biennale in Venedig (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2026 - Bühne

Jan Brachmann erinnert in der FAZ Michel Friedman noch einmal daran, dass Wagners Antisemitismus durchaus in Bayreuth seit geraumer Zeit aufgearbeitet wird, ärgert sich aber noch mehr über den "mangelnden Respekt" von Katharina Wagner, die es vorab offensichtlich nicht für nötig erachtete, größere Vorbereitungen für Friedmans Auftritt zu treffen. In der NZZ macht Christian Wildhagen noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: "Der geplante Titel der Friedman-Veranstaltung 'Verstummte Stimmen' gleicht nämlich dem einer vielbeachteten Gedenkausstellung, die seit 2012 im städtischen Park unterhalb des Festspielhauses gezeigt wird. Sie erinnert mit biografischen Tafeln an jüdische Künstlerinnen und Künstler, die teilweise schon in der Zeit vor 1933 auf dem Grünen Hügel ausgegrenzt und von hier vergrault wurden." Die Schau entstand allerdings schon 2006 aus privater Initiative: "Die Festspiele müssen nun prüfen, ob durch die Übernahme des Titels allenfalls Urheberrechte verletzt sein könnten."

Besprochen werden Peter Atanassows Inszenierung "Caligula. Inferno" mit dem Gefängnistheater Aufbruch und Milan Peschels Inszenierung "Weißt Du schon, wie schön es wird?" am Berliner RambaZamba-Theater (Welt), Jim Culletons Inszenierung von Deirdre Kinahans "Refuge" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Holger Schultzes "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand am Theater Heidelberg (nachtkritik) und die Performance "Infinity 2026" von vorschlag:hammer im Ballhaus Ost Berlin (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2026 - Bühne

Von einer "Kehrtwende" in Bayreuth (unsere Resümees) berichten heute in der SZ Moritz Baumstieger und Alexander Gorkow: Nach empörten Reaktionen etwa von Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern (hier), oder Bayerns Kunstminister Markus Blume entschuldigte Katharina Wagner sich nun per Telefonat und in Folge per Brief bei Michel Friedman und sicherte ihm zu, die Veranstaltung wie ursprünglich geplant abhalten zu wollen. Friedman sagte zu, wie er der SZ mitteilte: "'Der Vorgang, ausgerechnet diese Veranstaltung aus angeblichen Sicherheitsbedenken abzusagen und dann in den August zu verschieben, musste nicht nur mir, sondern jedem als hoch befremdlich erscheinen, dem etwas liegt an der Kultur und der Verfassung in diesem Land. Erst recht im Hinblick auf den horrend wachsenden Antisemitismus und den Höhenflug der AfD.' Die Kälte, die Gleichgültigkeit und die oft offene Bedrohung, der Juden derzeit in Deutschland ausgesetzt seien, sei erschütternd und abseits der üblichen Beteuerungen immer noch nicht wirklich auf der politischen Agenda angekommen." Wagner persönlich habe sich "nie mit dem das ganze Land prägenden Antisemitismus ihrer Vorfahren gemein gemacht - sehr im Gegenteil!", so Friedman.

Nach ihrem großen Erfolg mit dem Antikenzyklus "Anthropolis" am Hamburger Schauspielhaus (unser Resümee) hat dessen Intendantin Karin Beier erneut einen antiken Stoff aufgegriffen: Roland Schimmelpfennig hat unter dem Titel "Fremde Sonne" sechs Stücke zum Argonauten-Mythos erarbeitet. Im Welt-Gespräch mit Stefan Grund erklärt Beier, was an dem Stoff heute noch aktuell ist: "Als wir anfingen, konnten wir nicht ahnen, dass wir uns mit dieser Erzählung im Auge des weltpolitischen Orkans wiederfinden würden. Da war Donald Trump noch nicht zum zweiten Mal gewählt, da war nicht absehbar, dass zum Krieg Russlands gegen die Ukraine ein Krieg der USA gegen den Iran kommen würde. Im Grunde ist die Reise der Argonauten ein imperialer Raubzug."

Weitere Artikel: Für die SZ reist Dorion Weickmann nach Monferrato östlich von Turin, wo in Europas "schönstem" Tanzprobenzentrum aktuell das Stuttgarter Ensemble von Gauthier Dance für den Doppelabend "Luck/Unluck" probt. In der FR macht sich Christian Thomas Gedanken über vergangene und kommende Ausgaben und Interpretationen des Nibelungenlieds.

Besprochen werden Verena Stoibers Inszenierung von Verdis "Falstaff" am Staatstheater Mainz (FR), Marie-Eve Signeyroles Inszenierung der Mozart-Oper "Cosi fan tutte" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Alexander Hauers Inszenierung von Jérôme Junods "Das Ministerium der Wahrheit" bei den Sommerspielen Melk (nachtkritik), Alexander Eisenachs Inszenierung von Wolfram Lotz' "Die Politiker" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik) und Gob Squads "Doppelgäner/Doppelganger" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2026 - Bühne

Es wird weiter über die Absage einer Veranstaltung zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele diskutiert, bei der Michel Friedman reden sollte: Man wollte sich mit dem Antisemitismus Wagners auseinandersetzen, im Endeffekt wurde das Ganze aber abgesagt, die Festivalleitung meldete "Sicherheitsbedenken" an. Die SZ druckt heute das große Friedman-Interview, aus dem wir gestern schon zitierten (unser Resümee).  

In der Zeit sehen Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker nach Telefonaten mit der Festivalleiterin Katharina Wagner und dem interimistischen Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense die Ausladung vor allem als Zeichen allgemeiner Unprofessionalität und Organisationsschwierigkeiten. Zu diesen gehöre "auch, dass es von Christian Thielemanns Seite offenbar nie eine Zusage zu der Veranstaltung mit Friedman gegeben hat. 'Ich erinnere mich', sagt der Dirigent am Telefon, 'dass von einer Gedenkveranstaltung gesprochen wurde. Ich hätte das auch gene gemacht, natürlich, habe aber sofort kommuniziert, dass ich zwischen meinem Konzert mit Beethovens Neunter am 25. Juli und dem Auftakt des neuen Rings mit Rheingold am 27. Juli nicht kann.' Das wäre ihm schlicht zu viel geworden. 'Und daraufhin habe ich nichts mehr gehört.' Es mag Gründe gegeben haben, Thielemann nicht mit allen planerischen Winkelzügen zu belasten - nach einer adäquaten Kommunikation unter Bayreuths Protagonisten aber klingt das nicht."

In der FAZ findet Jan Brachmann die Aufregung reichlich übertrieben. Es stimme außerdem überhaupt nicht, dass sich die Festspiele nicht "ernsthaft" mit Wagners Antisemitismus auseinandersetzen würden. Das passiere schon im "Richard-Wagner-Museum, das den Antisemitismus Wagners so deutlich benennt, dass amerikanische Wagner-Fans, die davon bislang nichts wussten, häufig Weinkrämpfe nach dem Besuch bekommen; in der Ausstellung 'Verstummte Stimmen', die im Garten vor dem Festspielhaus seit 2015 an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende der Bayreuther Festspiele erinnert; in Barrie Koskys Inszenierung von Wagners 'Die Meistersinger von Nürnberg', die gedankenklar die Linie von Wagners Haus Wahnfried zum Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, vom diskriminatorischen Salon-Antisemitismus zum industriell betriebenen eliminatorischen Antisemitismus der Nazis zog."

"Antisemitismus? Wohl eher nicht," meint auch Axel Brüggemann bei Backstage Classical und teilt auch gegen die SZ aus: "Die Festspiele und ihr wissenschaftliches Umfeld lassen sich in den letzten zwanzig Jahren durchaus als Vorbild dafür verstehen, Kunst und ihre Geschichte zu kontextualisieren. Ihr einziger Fehler ist vielleicht, dass Michel Friedman dabei bislang keine Rolle gespielt hat." In der SZ hält Nils Minkmar die Absage dagegen für ein fatales politisches Signal. Es sei eine "redliche" Bestrebung gewesen, Wagners Antisemitismus zu thematisieren, "aber es ist viel schlimmer, so etwas dann wieder abzusagen, und es ist noch viel, viel schlimmer, zu sagen, man begehe das alles dann halt später 'mit wem auch immer'." In der Welt erklärt Manuel Brug, dass die von der Festivalleitung angegebenen Gründe für die Absage durchaus valide sind, so habe das Festival seit den Anschlägen im Pariser Bataclan ein strenges Sicherheitskonzept.

Weitere Artikel: Statt unbezahlbare Neubauten zu planen, sollte man Opern- und Theaterbauten lieber renovieren, meint Klaus Englert in der taz mit Blick auf die gescheiterten Pläne für eine neue Düsseldorfer Oper (unsere Resümees). Katrin Ullmann besucht für die taz die erste Tanztriennale in Hamburg. Besprochen wird Paul Currans Inszenierung von Giuseppe Verdis "La Traviata" in der Arena di Verona (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2026 - Bühne

Hohe Wellen schlägt momentan die Absage einer Veranstaltung, von der die Öffentlichkeit bislang gar nicht wusste, dass sie überhaupt geplant war. Die Bayreuther Festspiele hatten vor, ihre 150. Ausgabe mit einer Gedenkveranstaltung samt Konzert zum Thema Antisemitismus - insbesondere mit Blick auf Wagner - zu eröffnen. Als Redner war Michel Friedman vorgesehen. Die SZ hat nun, wie wir bei Moritz Baumstieger lesen, erfahren, dass Konzert und Rede nicht stattfinden werden, zumindest nicht wie geplant zur Eröffnung. Baumstieger zeigt sich verwundert darüber, "dass eine hochprofessionelle Veranstaltungsmaschinerie wie die der Bayreuther Festspiele nicht in der Lage sein soll, die Sicherheitsvorkehrungen für eine Veranstaltung mit dem Redner Friedman zu bewältigen, überrascht dann doch. Hochrangige Stammgäste und aktive Politiker pilgern Jahr für Jahr auf den Grünen Hügel, der amtierende Ministerpräsident Bayerns etwa, Markus Söder; Angela Merkel ließ es sich selbst in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin nicht nehmen, in ihrem engen Terminkalender immer wieder Lücken für Wagner zu finden."

Friedman selbst hält die Sicherheitsbedenken für vorgeschoben: "Die Ernsthaftigkeit", so zitiert ihn unter anderem die Welt, "sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt. (…) Bitte, ich mag es nicht, wenn man die Öffentlichkeit und mich für dumm verkauft! Eine Veranstaltung für 1.500 Menschen (...) und es wird, wie sich nun herausstellt, kein Vorverkauf, üblich bei allen anderen Großveranstaltungen, gestartet? Das ist unglaubwürdig und zeigt, dass die Entscheidung, ob man die Veranstaltung überhaupt macht, schon lange infrage steht." In der Zeit resümieren Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker den Stand der Dinge. Für die beiden ist das Ganze vor allem ein weiteres Beispiel für katastrophale Organisation und unsouveräne Medienarbeit in Bayreuth. "Was auch bleibt, in dieser ganzen toxischen Mischung, ist, dass man sich zwar heftig über die mutmaßliche Ausladung Michel Friedmans aufregt. Aber nicht über Richard Wagners Antisemitismus."

Außerdem: Max Florian Kühlem ist in der SZ ziemlich begeistert davon, was die Künstlerin Meredith Monk an der Folkwang-Universität der Künste in Essen im Rahmen ihrer Pina-Bausch-Gastprofessur mit ihren Studenten anstellt: Monk schafft eine "ausgelassene Stimmung der Veränderung, das Momentum, in dem alles möglich scheint: eine neue Kunst, eine neue Gesellschaft, eine neue Politik - im Zeichen von Liebe und Frieden." Mehr hier. Verena Harzer besucht für die taz das Performance-Festival "Never Work" in den Berliner Sophiensaelen.

Besprochen werden ein fader "Parsifal" bei den Wiener Festwochen (Standard - "Bilderorgie der Beliebigkeit") und der Revue-Abend "Mokka-Hits und Milchbar-Träume" in der Berliner Komischen Oper (Welt - "Es war nicht alles schlecht, vieles war sogar richtig gut").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2026 - Bühne

Szene aus "Mokka-Hits und Milchbar-Träume". Foto: Jan Windszus

Hinreißend komisch und musikalisch überwältigend findet Gunda Bartels im Tagesspiegel die Revue "Mokka-Hits und Milchbar-Träume", die Regisseur Axel Ranisch und Musikchef Adam Benzwi auf die Bühne der Komischen Oper im Schiller Theater bringen. Neben Zensiertem aus dem Giftschrank des Kabaretttheaters Distel, Gedichten von Kurt Bartsch und Thomas Brasch und allerhand Nostalgie spart Ranisch in diesem "DDR-Psychogramm" aber auch die Verbrechen der Diktatur nicht aus, atmet Bartels auf: Das Stück "ist eine Gratwanderung aus nostalgischem Schmelz, schräger Persiflage und melodramatischen Tönen. Wenn Tenor Johannes Dunz als Karel Gott mit 'Einmal um die ganze Welt' die Showtreppe herunterschreitet, jubelt und lacht der Saal. Doch dann gruppieren sich folkloristisch gewandete Tänzerinnen und Choristen mit Plakaten des Prager Frühlings dazu, das Lachen bleibt im Hals stecken, die Szenerie kippt in den Ernst."

Weitere Artikel: Fünf Tage bevor der Choreograf Alexei Ratmansky das Ballett "Wunderland" nach den Alice-Romanen von Louis Carrol auf die Bühne des Hamburgischen Staatsoper bringen wird, besucht ihn Stefan Grund für die Welt bei den Proben. In der FAZ resümiert Sophie Klieeisen die Wiener Festwochen.

Besprochen werden außerdem die Choreografie "Toil" von Sheena McGrandles im Frankfurter Mousonturm (FR) und Lara Jungs Inszenierung von Sina Ahlers' "Milch und Schuld" am Theater Lübeck (taz).