Efeu - Die Kulturrundschau

Lyrischer als erwartet

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25.10.2022. Wenn Russen Ukrainer töten, hat das nichts mit russischer Kultur zu tun, sondern höchstens mit Mentalität, erklärt Vladimir Sorokin im Standard. Der Tagesspiegel rät dringend zum Besuch des ukrainischen Filmfestivals in Berlin, das unter anderem Maksym Nakonechnyis Film "Butterfly Vision über eine traumatisierte Drohnenspezialistin zeigt. Nach der Kartoffelbreiatacke auf Monets "Heuschober"in Potsdam warnt die SZ vor einer ästhetischen Überbietungsdynamik. Die Nachtkritik verteidigt die ausgeklügelte Inszenierung gegen den Vorwurf der Kunstfeindlichkeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2022 finden Sie hier

Literatur

"Die russische Literatur ist jetzt ein sehr aktuelles Problem", sagt der in Berlin lebende, russische Schriftsteller Vladimir Sorokin dem Standard. "Als der Krieg angefangen hat, habe ich ein Foto aus Kiew gesehen, wo ein Bild von Puschkin auf einer Müllhalde lag. Ich denke, die Ukrainer haben ihr volles Recht dazu. Absolut. Es findet eine Aggression Russlands gegen die Ukraine statt. Das hat nicht nur Putin zu verantworten, sondern auch die russische Kultur. ... Aber Mentalität ist nicht Kultur. Wenn Russen Ukrainer töten und ihnen Gewalt antun - das ist nicht Kultur. Das ist eben die Mentalität. Und die Mentalität legt Zeugnis davon ab, dass nach 20 Jahren Putin' scher Propaganda die Menschen zu Zombies wurden - das ist dann eben diese Mentalität. Das ist nicht Erziehung durch Tolstoi, Dostojewski und Rachmaninow, sondern das ist die Erziehung durch den Fernseher."

Weitere Artikel: Sergei Gerasimow setzt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. In der Zeit antworten sechs Kinderbuchautoren auf die Frage, wie man in so düsteren Zeiten weiterschreiben kann. Markus Messling (Tsp) und Jürgen Kaube (FAZ) gratulieren dem Romanisten Jürgen Trabant zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Leila Slimanis "Schaut, wie wir tanzen" (online nachgereicht von der FAZ), Mariana Enriquez' "Unser Teil der Nacht" (SZ), Thomas von Steinaeckers und David von Bassewitz' "Stockhausen"-Comic (taz), Martin Mosebachs "Taube und Wildente" (online nachgereicht von der Zeit), Cheon Myeong-kwans "Der Wal" (Intellectures), neue Krimis (SZ) und Flix' Marsupilami-Comic "Das Humboldt-Tier" (FAZ).
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Film

Wunden und Traumata: "Butterfly Vision"

In Berlin beginnt morgen das Ukrainian Film Festival. Maksym Nakonechnyis kurz vor dem russischen Angriff auf das Land fertiggestellter und in Cannes präsentierter Film "Butterfly Vision" über den Alltag einer im Donbass stationierten Drohnen-Spezialistin Lilia eröffnet das Festival. Der Film fokussiert die Medien, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Lilia wird nach ihrer Rückkehr als Heldin gefeiert. Tapfer lächelt sie in Kameralinsen, bleibt wortkarg, wenn ihr Mikros entgegenstreckt werden. Rita Burkovksas intensives Spiel ist es zu verdanken, dass schnell deutlich wird, welche Wunden und Traumata sie in sich trägt. ... Ein mutiger Film. Er schildert nicht nur, wie eine traumatisierte, zombiehaft durch ihr neues, altes Leben streifende Frau sich mit stillem Trotz gegen die mediale Vereinnahmung behauptet und sich die Selbstbestimmung über ihren Körper, ihre Seele, ihre Existenz zurückerobert. Sondern er zeigt auch, wie das Verdrängte mit Macht wiederkehrt und wie der im Krieg notwendige Nationalismus in zerstörerischen Fanatismus umschlagen kann." Dazu passend rezensiert die taz die ZDF-Miniserie "Himmel und Erde" mit Kurzfilmen ukrainischer Filmschaffender in Deutschland.

Mit sichtlicher Freude am Unbehagen setzte sich Matthias Dell beim Dok.Leipzig-Festival Annelie und Andrew Thorndikes "Du bist min - Ein deutsches Tagebuch" aus, erzählt der Kritiker auf Cargo über diese Kuriosität aus dem Jahr 1969: Der Film war die teuerste DEFA-Produktion aller Zeiten, verschlang sieben Jahren Produktionszeit, war gedacht als Prestigeproduktion zum 20. Jahrestag des DDR-Bestehens und heraus kam dabei doch nur "ein stählerner Heimatsubjektivismus als Kompilationsfilm auf 70mm und mit 6-Kanal-Ton aus der zu Ende gehenden Ulbricht-Ära, dem im Kino kein Erfolg beschieden war. ... Interessant ist das irrlichternde Begehren der Ich-Erzählerin, sich aus der Vogelperspektive der Luftaufnahmen von Saaleburgen mit DDR, Deutschland, Kultur, aber auch mit Männern zu verbinden in ihrem Selbstgespräch ('Die polnischen Männer haben so ein gewisses … Annelie! … verdammt, ich wurde ganz verlegen'). Bei Goethe geht das mit der Zuneigung nicht so schnell ('Viel musste geschehen, eh ich zu ihm fand, aber nun hat er mich wohl aufgenommen in seinem Weimar'), dafür strahlt dessen fame so hell, dass das eingeblendete Porträtbild nicht benannt werden muss." In der taz resümiert Fabian Tietke das Festival: "Die Welt ist mit Wucht zurück im Dokumentarfilm. Bandenkämpfe in Mexiko, Abholzung des Regenwalds, eine Transgender-Ornithologin - die Filme des Festivals zeigen die Krisen der Welt und die komplexen Wege, in dieser Welt zu leben."

Weitere Artikel: Für die taz spricht Thomas Abeltshauser mit dem Filmemacher Santiago Mitre über dessen auf AmazonPrime gezeigten Film "Argentinien, 1985", der von den mühsamen Prozessen gegen die Junta in den Achtzigern handelt. Gabriel Proedl erzählt im Standard von seiner Begegnung mit Werner Herzog, die für Los Angeles geplant aber, dann aber doch (wie Herzog sagt) durch "eine Verkettung von Zufällen, die nicht einmal ich selbst mehr überblicke" ausgerechnet in der Steiermarkt stattfand. Ein zehnsekündiges Experimentalvideo nahm Proedl im Zuge auch noch auf:


Besprochen werden Ulrich Seidls auf der Viennale gezeigter Film "Sparta" (SZ) und Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (Standard).
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Kunst

Die Kartoffelbreiattacke auf das Potsdamer Monet-Gemälde inspiriert das SZ-Feuilleton zu gleich zwei Artikel. Gustav Seibt lässt die hundertjährige Geschichte des Aktivismus von Ossietzky bis Pussy Riot Revue passieren, der stets Avantgarde gewesen sei, in seinem Sofortismus aber immer etwas Zweideutiges hatte: "Parteipolitik, Kompromiss, Langsamkeit ist es, was der Aktivismus jeder Couleur seither bekämpft. 'Man kann Partei sein, ohne ihrer eine zu sein. Der Fall des Geistes!' (Kurt Hiller) Damit reiht sich der Aktivismus in die Dichotomien der deutschen Zwanzigerjahre ein: Expressionismus versus Neue Sachlichkeit, Menschheitspathos versus Verhaltenslehren der Kälte, Aktivismus versus Politik als Beruf und leider auch Diktatur versus Republik. Die diktatorischen Systeme der Epoche, der Bolschewismus, der Faschismus, der Nationalsozialismus waren Regierungsformen der Mobilisierung, bei denen der Avantgardist zum Führer und zum Parteikader wurde. Die ästhetische Überbietungsdynamik floss ein in die Überwältigung durch Propaganda."

In der Nachtkritik wertet Janis El-Bira die Aktionen der Letzten Generation als dreiste, aber ausgeklügelte Inszenierung: "Das verstörende Wesen der Besudelungen von Kunstwerken liegt gerade in der brutalen Übertretung ihrer auratischen Wirkung. Es tut fast körperlich weh, diese Bilder so behandelt zu sehen. Man schämt sich doch schon, wenn man im Museum einen Schritt zu nah an den Rahmen herantritt und so den Alarm auslöst. Die Kunst, so meint man, ist unberührbar und überzeitlich. Wer sie angreift, greife 'uns alle' an, denen sie ein zivilisatorisches Fundament bietet, Trost und Inspiration spendet. Das stimmt zwar, unterstellt aber, dass die Aktionen der Aktivist:innen kunstfeindlich seien oder die Kunst um der reinen Aufmerksamkeit willen missbrauchten. Das Gegenteil ist der Fall."

In einem zweiten SZ-Artikel kündigt Hilmar Klute den Aktivisten der Last Generation seine Sympathie. Er hält ihnen sinnlose Wüterei, reaktionäre Kunstfeindlichkeit und ein Bibi-Blocksberg-Gemüt vor ("Flieg los, Kartoffelbrei!"). Im Tagesspiegel zeigt Rüdiger Schaper mehr Verständnis für die Klimaschützer, kann der Aktion aber auch nicht viel abgewinnen: "Sie bedienen sich einer fatalen Symbolik. Sie stehen potenziell in einer Reihe mit Barbaren. Auch deshalb wird ihr Kartoffelbreimut keinen Erfolg haben." Ebenfalls im Tagesspiegel kündigt Barberini-Mäzen Hasso Plattner für die Zukunft Taschenkontrollen im Museum an. In der Berliner Zeitung erinnert Harry Nutt daran, dass auch Greenpeace mit spektakulären Aktionen begonnen hat, bevor es zu einer Instanz wertvoller Expertise wurde. Auf Zeit online tröstet Celina Plag: "Wer heute Kartoffelbrei wirft, leidet als Protestierender wenigstens nicht mehr Hunger. Und kann deshalb auch mal eine Mahlzeit im wahrsten Wortsinn wegschmeißen."

Besprochen wird eine Ausstellung zum Bildhauer Johann Gottfried Schadow als Neuerfinder der preußischen Kunst in der Alten Nationalgalerie (FAZ).
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Bühne

Das Volk knurrt, der Hersrcher bellt: Offenbachs "Barkouf" . Foto: Monika Rittershaus / Oper Zürich

Max Hopp hat an der Oper Zürich Jacques Offenbachs schrille Opéra bouffe "Barkouf" inszeniert, in der ein Großmogul zur Demütigung des knurrenden Volkes einen Hund namens Barkouf als neuen Herrscher installiert. In der NZZ muss Christian Wildhagen zugeben, dass der Witz der Politsatire heute nicht mehr zündet, aber er findet das gar nicht so schlimm. Offenbachs Musik sei fantastisch, eine wertvolle Erweiterung des Repertoires: "Die Musik der insgesamt 18 Nummern entpuppt sich als sehr viel lyrischer als erwartet, die originale Orchestrierung ist erstaunlich nuanciert und meidet über weite Strecken alles Vordergründig-Knallige der bekannten Offenbachiaden, viele thematische Einfälle sind betörend schön und eingängig - ohne Frage: ein erstklassiger Offenbach. Wer jedoch einen Gute-Laune-Ohrwurm vom Kaliber des Cancans aus dem 'Orpheus' erwartet, geht an dem Abend leer aus - der Komponist hält es hier sowieso mehr mit dem Walzertakt."

Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung von Wagners "Fliegendem Holländer" ("Diese Sinnlosigkeit zweieinhalb Stunden lang anstarren zu müssen ist sehr ermüdend", stöhnt Jan Brachmann in der FAZ) und Marco Goeckes Oscar-Wilde-Ballett in Hannover (SZ).
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Stichwörter: Hopp, Max, Offenbach, Jacques

Architektur

In der FAZ berichtet Petra Ahne von Ansätzen, Biodiversität und Architektur miteinander zu verbinden, also nachts mehr Dunkelheit in den Städten zuzulassen, Nisthöhlen für Kleintiere miteinzuplanen und an die Vögel zu denken: "Laut der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten sterben jedes Jahr bis zu fünf Prozent der Vögel in Deutschland an Glasscheiben, macht über 100 Millionen. Vögel können Glas nicht als Hindernis erkennen; wenn sich Bäume oder Himmel und Wolken in den Scheiben spiegeln, versuchen sie, darauf zuzufliegen."
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Musik

Tobias Hausdorf staunt auf ZeitOnline über den Erfolg der Bremer Punkband Team Scheiße, den sie maßgeblich der regen Meme-Kultur ihrer Fans zu verdanken hat: Die Fans produzieren, die Band dokumentiert auf Instagram - zu erleben ist "Mitmach-Punk im doppelten Sinne".  Sybill Mahlke berichtet im Tagesspiegel vom Philharmonischen Salon in Berlin, der diesmal Schostakowitsch gewidmet war.

Besprochen werden ein Auftritt von The Cure (Standard), ein Konzert mit Sebastian Weigle und Alban Gerhardt (FR) sowie Mabe Frattis Album "Se Ve Desde Aquí" (Pitchfork).

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Stichwörter: Weigle, Sebastian