Efeu - Die Kulturrundschau

Ist nicht jeder Vogel anders?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.02.2019. Der Tagesspiegel sorgt sich nach den Machtmissbrauchsvorwürfen um Daniel Barenboims Lebenswerk. Presse und Standard feiern die Wiederentdeckung des Ornaments durch die feministische Künstlerbewegung "Pattern and Decorations". In der SZ erklären Ulrich Khuon und Bianca Klose, weshalb die Neuen Rechten es gerade auf das Theater abgesehen haben. Und Jungle World hält nicht viel von der Wiedercoolwerdung der Deutschen durch den Berlin-Serien-Hype.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2019 finden Sie hier

Kunst

Miriam Schapiro: Geometry in Flowers. 1978

In den Siebzigern trat die amerikanische Künstlerbewegung "Pattern and Decorations" an, um der spätestens seit Adolf Loos' "Ornament und Verbrechen" verrufenen Ornamentik in der Kunst durch einen Stil-, Material- und Formenmix aus aller Welt neue Bedeutung zu verschaffen, erzählt Stefan Weiss im Standard, der kurz vor Eröffnung der großen Wiener Ausstellung auf Mumok-Kosten nach New York geflogen ist, um sich mit Robert Kushner, einem der P&D-Künstler, zu treffen. Weiss erinnert: "Aus politischen Sesselkreisen unter dem Eindruck des Watergate-Skandals und Feminismus entstand die Bewegung 'Pattern & Decoration' (P&D). Treibende Kräfte waren Joyce Kozloff und Valerie Jaudon, die noch heute in New York leben. Sie sammelten Zitate aus der Kunstgeschichte, mit denen sie den Hass auf das Ornament als mitunter rassistisch, machistisch und allem voran frauenfeindlich motiviert entlarvten. P&D trat an, das Dekorative politisch umzudeuten, es als feministische Selbstermächtigung zurück in die Kunst zu holen."

Eine "Explosion aus Farben" erlebt auch Almuth Spiegler in der Wiener Presse in der "Ornament als Versprechen" benannten Ausstellung: "Versammelt ist hier in etwa alles, was 'verboten' war (und teilweise, Jeff Koons Kitschkunst hin oder her, noch immer ist): rosa Rosen auf hellgrünem Grund etwa, die 'Teeparty' von Robert Zakanitch. Riesige, mächtige Fächer aus verschiedensten Stoffen, von Miriam Schapiro an die Wände geschlagen. Lange Bahnen kleingeblümelter Meterware, von Joyce Kozloff zu Räumen aufgelegt. Schön musste es sein, weich und, wenn geht, nicht rechteckig. Alles, was in der Kunst damals mit 'weiblich', 'angewandt' oder 'trivial' verbunden war."

Festspielbesucherinnen. Stefan Moses, Bayreuth, 1961 © DHM / Else Bechteler-Moses

Faszinierend findet Lothar Müller (SZ) in der dem vergangenes Jahr gestorbenen Nachkriegsfotografen Stefan Moses gewidmeten Ausstellung "Der exotische Blick" im Berliner DHM gerade jene Bilder, die bundesrepublikanische Magazine, etwa die Revue, für die Moses lange arbeitete, nicht druckte: "Bei Dwight D. Eisenhowers Staatsbesuch in Bonn im August 1959 nahm sie die offiziös wirkenden Bilder, man kann nun auch die ungedruckten sehen. Ob winkende Kinder am Straßenrand, ob eine Fahrt im offenen Mercedes durch Bonn, ob eine Straßenszene in La Paz oder ein Junge vor einer Mauer mit einem Raketen-Graffito und einem abgeblätterten bolivianischen Politiker im Jahr 1959, in den bei Auftragsarbeiten entstandenen Bildern steckt die Weltaneignung des Fotografen, und leicht kommt man auf den Gedanken, dass in den internationalen Welterkundungen eine der Voraussetzungen für die berühmte spätere Wahrnehmung Deutschlands als eines 'exotischen Landes' durch den Fotografen Stefan Moses steckt."

Weitere Artikel: Eigentümer von Kunst dürfen Kunstwerke nach einem neuen BGH-Urteil nur noch vernichten, wenn ihre Interessen Vorrang vor denen der KünstlerInnen haben, meldet Christian Rath in der taz. Im Standard porträtiert Anne Katrin Fessler den Bildhauer, poetischen Philosophen und erklärten Nicht-Künstler Heinz Frank. Der bewusst gesuchten Konfrontation mit alten Meistern halten weder Marina Abramovic, derzeit mit der Videoarbeit "The Life" in der Londoner Serpentine Gallery zu sehen, noch Bill Viola, aktuell mit "Bill Viola/Michelangelo. Life Death Rebirth" in der Londoner Royal Academy, stand, erkennt Catrin Lorch in der SZ. Eine fünfköpfige, internationale Expertenkommission ist angetreten, um einen neuen Leiter für das Münchner Haus der Kunst zu suchen, meldet Susanne Hermanski in der SZ. Die Sammlung Reiner Winkler, eine der weltweit bedeutendsten Sammlung (barocker) Elfenbeinschnitzereien, geht an das Frankfurter Liebighaus, freut sich Rose-Maria Gropp im Feuilleton-Aufmacher der FAZ

Besprochen werden die Ausstellung "Oven Light" der iranisch-amerikanischen Künstlerin Tala Madani im Frankfurter Portikus (taz), die Art-Brut-Ausstellung im Aargauer Kunsthaus in Aarau (NZZ), die Ausstellung "Alfred Ehrhardt - Malerei, Zeichnung, Grafik" in der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung (taz) und die Ausstellung "Welt im Umbruch - Kunst der 20er Jahre" im Bucerius Kunst Forum, Hamburg (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Daniel Barenboim weist die Anfang des Monats nach einer VAN-Reportage (unser Resümee) laut gewordenen Vorwürfe, er würde seine Untergebenen mit Wutanfällen und barschen Zurechtweisungen psychisch an die Grenzen treiben, in einer dpa-Meldung von sich. Dass Barenboim nun doch aus der Reserve gekommen ist, liegt daran, dass im Gespräch mit BR-Klassik die Musiker Martin Reinhardt, Frank Zschäbitz und Willi Hilgers aus der Anonymität getreten sind und ihre Vorwürfe nochmals ausführlich bekräftigt haben. Hin und her gerissen ist Ulrich Amling im Tagesspiegel, ob er dem kritisierten Maestro nun zur Hilfe eilen soll oder nicht: Einerseits "überschreiten die Anschuldigungen ein Maß, das man einen entnervten Chef an schlechten Tagen zugestehen mag", andererseits "darf sich eine öffentliche Institution in keinen Fürstenhof verwandeln. ... Die wachsenden Unmutsbekundungen gegen Berlins einzigen Weltstar darf die Kulturpolitik von Bund und Land nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie hat es zu verantworten, dass neben dem Stadtschloss ein Zar residiert. Jetzt muss sie sein Lebenswerk vor denen retten, die ihn vom Sockel stürzen wollen."

Weitere Artikel: Felix Michel freut sich in der NZZ darüber, dass die Zürcher Hochschule der Künste die Möglichkeit bietet, Willy Burkhards Komposition "Das Gesicht Jesajas" aus dem Jahr 1936 wiederzuentdecken. Für die taz plaudert Stephanie Grimm mit Jason Williamson von den Sleaford Mods über deren neues (in der Berliner Zeitung besprochenes) Album "Eton Alive". Auf Pitchfork erklärt Jason King, warum das am Wochenende womöglich mit diversen Oscars beschmissen werdende Biopic "Bohemian Rhapsody" über Queen und Freddie Mercury ziemlicher Unsinn ist. In der Welt gratuliert Christiane Bosch Joachim Witt zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Neneh Cherrys Auftritt in Berlin, von dem die Kritiker beschwingt nach Hause gehen (taz, Berliner Zeitung), das zweite neue Bilderbuch-Album dieser Wochen "Vernissage My Heart" (Tagesspiegel, Standard), die Compilation "Kankyō Ongaku: Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990" (Pitchfork), das Debüt der Wiener Post-Punk-Band Culk (Presse), Sharon Van Ettens "Remind Me Tomorrow" (FR), das Sunwatchers-Album "Illegal Moves" (Pitchfork), Eleonore Bünings Buch "Sprechen wir über Beethoven" (SZ), Joan Baez' Frankfurter Konzert (FR) und das Debütalbum der International Teachers of Pop - "ein stolzes Album", freut sich taz-ler Julian Weber. Hier das aktuelle Video:

Archiv: Musik
Stichwörter: Barenboim, Daniel

Bühne

Im SZ-Interview mit Peter Laudenbach erklären DT-Intendant Ulrich Khuon und Bianca Klose, Geschäftsführerin der Berliner Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, die kürzlich die Broschüre "Alles nur Theater" mit Strategien gegen den Kulturkampf von rechts vorstellten (Unser Resümee), weshalb gerade Theater zur Zielscheibe von Provokationen und Angriffen der Rechten werden. Klose sagt: "Theater passen wunderbar ins rechte Feinbild der 'liberalen Eliten'. Marc Jongen und andere Vertreter des rechtspopulistischen Spektrums wollen die gesellschaftlichen Folgen von 1968 am liebsten rückgängig machen. Theater sind ein Symbol für alles, was diese Leute an einer diversen, demokratischen Gesellschaft verachten. Sie sagen ganz offen, dass es ihnen um die kulturelle Hegemonie geht. In ihren Augen hat Kunst der nationalen Sinnstiftung, der völkischen Selbstfeier zu dienen. Theater ist gleichzeitig ein Feindbild und ein Schauplatz dieser Kämpfe um kulturelle Hegemonie."

Besprochen werden Max Emanuel Cencics Inszenierung von Händels Oper "Serse" bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe (SZ), David Stöhrs Inszenierung von Heinar Kipphardts "März" an der Schaubühne Berlin (SZ), Tilman Knabes Inszenierung von Cesar Francks Oper "Hulda" in Freiburg (FAZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Film

"Die Wiedercoolwerdung der Deutschen": Vom Berlin-Serien-Hype von "4 Blocks" über "Beat" und "Dogs of Berlin" bis zu "Babylon Berlin" ist Martin Hesse in der Jungle World keineswegs überzeugt. Insbesondere der Kritikerliebling "4 Blocks" fällt durch: Die Serie bevormunde ihr Publikum, wenn sie "Clanchef Toni Hamady immer in die Shisha-Bar schickt, um die Untergebenen wie auch den Zuschauer in seine Pläne einzuweihen. Darüber hinaus stößt die typisch deutsche Mixtur aus Pseudorealismus und geradezu absurder Abwegigkeit übel auf."

Weitere Artikel: Viola Schenz versucht sich in der NZZ einen Reim darauf zu machen, warum nach Netflix' "Tidying Up with Marie Kondo" plötzlich die große Aufräum-Mania ausgebrochen ist. Martin Walder (NZZ) und Matthias Lerf (Tagesanzeiger) schreiben zum Tod des Genfer Regisseurs Claude Goretta. Die Welt verweist in ihrer Todesmeldung zudem auf dieses Porträt des Verstorbenen im Schweizer Branchenmagazin Cinebulletin.

Besprochen werden Adam McKays Dick-Cheney-Satire "Vice" (Welt, ZeitOnline, Standard), Marielle Hellers Biopic "Can You Ever Forgive Me?" über die führ ihre literarischen Fälschungen bekannte Journalistin Lee Israel (Tagesspiegel), Jonas Akerlunds Black-Metal-Film "Lords of Chaos" (Berliner Zeitung) und die Serie "Bull" (FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Berlin, Fernsehserien, 4 Blocks

Literatur

Wehmütig blickt Roman Bucheli von der NZZ in die Welt der Vögel, die dem aus dem Paradies vertriebenen Menschen fremd bleiben muss. Als Trost bleiben immerhin Literatur und Wissenschaft, insbesondere letztere "eine grandiose Wortschöpferin. Man findet hier nicht weniger Poesie als unter den Dichtungen. Denn es reicht den Menschen nun einmal nicht, auf einen Vogel zu zeigen und 'Vogel' zu sagen. ... Teichrohrsänger, Brandseeschwalbe, Riesensturmvogel, Basstölpel, Rohrweihe, Wacholderdrossel, Zaunkönig, Zilpzalp, Spießente. Das Alphabet der Tiere ist ohne Ende, wer es zu buchstabieren verstünde, hätte noch immer nicht einmal die Hälfte verstanden. Aber öffnet nicht allein schon die Poesie der Namen die Türe einen Spalt weit in eine Welt, von der wir einst ausgeschlossen wurden?"

Weitere Artikel: Nicht minder wehmütig blickt Bernd Noack für die NZZ, angeregt von Thomas Hürlimanns Roman "Heimkehr", in die verwehte Welt des Dorfes seiner Kindheit zurück. In "Freitext" auf ZeitOnline erinnert sich die ungarische Schriftstellerin Noémi Kiss - ebenfalls sehr wehmütig, was ist denn heute los? - daran, wie es war, als in den 80ern die Ostdeutschen erst auf Urlaub an den Balaton kamen und dann 1989 von dort aus in den Westen flohen - und wie sich eine kleine Liebesgeschichte darum band. Lektor Hans Jürgen Balmes berichtet im Verlagsblog Hundertvierzehn von seiner Lesereise an Richard Powers' Seite. In seiner Jungle-World-Kolumne "Lahme Literaten" gibt Magnus Klaue in dieser Woche Felicitas Hoppe zum Abschuss frei. Für den Tagesspiegel hat sich Sabine Scholz mit dem Berliner Manga-Duo Chasm zum Gespräch getroffen.

Besprochen werden Reni Eddo-Lodges Essay "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" (SZ), György Dragománs Novellensammlung "Löwenchor" (Freitag) und Günter Kunerts "Die zweite Frau" (Freitag).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Wehmut, Vögel, Kunert, Günter