Efeu - Die Kulturrundschau

Aufstäubende Moskitos

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2018. Die taz bewundert im Rijksmuseum Porträts der Reichen und Schönen. Der Tagesspiegel besucht das Pariser "Google Arts and Culture Lab". In der NZZ erklärt der Autor Marcelo Figueras, warum sich junge argentinische Autoren heute eher an Rodolfo Walsh orientieren als an Jorge Luis Borges. Erst Kollegah und Farid Bang, jetzt Bounty Killer - die Musikkritiker schauen plötzlich genauer auf die Texte der Rapper.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2018 finden Sie hier

Kunst


Die schön verzierten Waden von Richard Sackville, 3. Earl von Dorset. Ausschnitt aus dem Porträt von William Larkin

39 Porträts der Reichen und Schönen - gemalt von "Rembrandt, Cranach, Veronese, Monet - you name it" - kann man derzeit im  Amsterdamer Rijksmuseum bewundern. Da musste die taz natürlich hin. "Eine Schau, die knallt", freut sich Anja Maier. "So üppig ist sie, so fett. Hier sind reiche Leute zu sehen, mächtige Leute. Ein Boulevard der Eitelkeiten, den man ungestört bestaunen darf. ... 'High Society' ist in gewisser Weise die Selfie-Show vergangener Epochen." So "musste etwa Lucas Cranachs Doppelporträt in Öl von Heinrich dem Frommen und Katharina von Mecklenburg als bilderpolitisches Statement gelten. Die Ehe zwischen dem hünenhaften Sachsen Heinrich und der mächtigen Lutheranerin Katharina war Ausdruck einer neuen politischen Achse in Mitteleuropa. Die beiden schauen sprechenden Blickes von ihren lebensgroßen, aus der Dresdner Gemäldegalerie entliehenen Bildtafeln. Er: ein munteres Mannsbild mit Schwert. Sie: eine miesepetrige Machthaberin. An der Wand daneben krault der gerade zum Kaiser gekrönte Karl  V. versonnen seinem Lieblingshund das Fell."

Hendrik Lehmann besucht für den Tagesspiegel das Pariser "Google Arts and Culture Lab", wo der Münchner Medienkünstler Mario Klingemann die Algorithmen von Googles Bildersuche umgebaut hat: "'Es heißt, dass jeder Mensch auf der Welt jeden anderen über sieben Ecken kennt', sagt Klingemann. Er wollte wissen, 'was passiert, wenn man diese Idee mithilfe von maschinellem Lernen auf Kunstwerke überträgt.' Klingemann interessieren die neuen Zugänge zu Bildern, die sich bei dieser Zusammenstellung ergeben. Genauso aber geht es ihm um die Frage, was für eine Art Sehen es eigentlich ist, das die Maschine lernt, wenn sie Kunst betrachtet. Wenn Menschen auf Kunst schauen, nutzen sie Kategorien. Wir können gar nicht anders, denken in Epochen und Stilrichtungen, in Techniken und Medientypen, gleichen das mit dem eigenen Geschmack ab. Das System, das Klingemann mit einem Programmierer von Google entwickelt hat, formt hingegen eigene Kategorien, nach denen es Bilder vergleicht. Es lernt Gemeinsamkeiten."

Weitere Artikel: In der NZZ diagnostiziert Gabriele Detterer einen neuen "Kult der Hässlichkeit" in der Kunst: "Shock sells! Das befriedigt eine Ichbezogenheit, welche die Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer nicht kennt." Alexandra Föderl-Schmid stellt in der SZ die arabisch-israelische Künstlerin Anisa Ashkar vor. Ein beeindruckter Hans-Joachim Müller lässt in der Welt die Karriere des Museumsdirektors Max Hollein Revue passieren, der in diesem Jahr neuer Direktor des Metropolitan Museum in New York wird.

Besprochen werden eine Paul-Klee-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne (Tagesspiegel) und eine Ausstellung mit Porträts von Corot im Pariser Musée Marmottan Monet (FAZ).
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Film


Marie Bäumer als Romy Schneider in Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" (Bild: Prokino)

Mit ihrem Film "3 Tage in Quiberon" über das legendäre Stern-Interview, das Romy Schneider 1981 während eines Kuraufenthalts an der französischen Küste gegeben hat, geht es Regisseurin Emily Atef weniger darum, "das offizielle Bild der Ikone zu korrigieren, als ein intimes Porträt von ihr zu zeichnen", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ und lobt insbesondere die Leistungen der Schauspielerin Marie Bäumer in der Hauptrolle: "Nicht, dass es per se etwas Erbauliches hätte, einer Schauspielerin von heute dabei zuzuschauen, wie sie einen legendären Filmstar der Vergangenheit verkörpert. Wenn die Vertreter der Gegenwart hinter einem vergangenen Glanz herrennen, der doch nicht mehr einzuholen ist, wirkt das oft traurig. Aber diese Traurigkeit ist hier völlig angemessen. Denn Schneider war damals ein trauriger Star." Von sachten Problemen mit dem Film berichtet Andreas Kilb in der FAZ: Der Film wirke "wie eine gelöste Hausaufgabe, ein bestandenes Romy-Schneider-Examen" und weise überdies "ein Fiktionsproblem" auf.

Inspiriert war Atef im übrigen von Gus van Sants Film "Last Days" über Kurt Cobain, "der im Film nicht einmal so heißt", wie die Regisseurin im FAZ-Gespräch gegenüber Ursula Scheer sagt. Außerdem läuft heute im Ersten ihr Fernsehfilm "Macht Euch keine Sorgen" über eine Familie, deren Sohn sich dem IS anschließt.

Weitere Artikel: In der taz spricht Hans Christian Post mit Susanne Messmer über seinen beim Festival "Achtung Berlin" gezeigten Dokumentarfilm "Wessen Stadt?", in dem es um die Folgen der Berliner Baupolitik der 90er im Hinblick auf das architektonische Erbe der DDR geht. Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt zum Tod des tschechischen Autorenfilmers Juraj Herz, der unter anderem den bedrückenden Film "Der Leichenverbrenner" gedreht hat. Daraus einige Eindrücke:



Besprochen werden John Krasinskis Endzeitfilm "A Quiet Place" (Standard), Mijke de Jongs Drama "Layla M." über die Radikalisierung einer jungen Muslimin (ZeitOnline) und die spanische, auf Netflix abrufbare Ganovenserie "Haus des Geldes" (ZeitOnline).
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Design

Besprochen wird die Ausstellung "Designgeschichten zwischen Afrika und Europa" im Hamburger Museum für Völkerkunde (SZ).
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Musik

Warum wird eigentlich erst jetzt über den Antisemitismus im neuen Album von Kollegah und Farid Bang diskutiert, fragt sich Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Immerhin ist das Album 'JGB3' schon fast ein halbes Jahr auf dem Markt und mit gut 200.000 verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Alben der deutschen Hip-Hop-Geschichte, ohne dass bislang jemand daran Anstoß genommen hätte."

Gegen Bounty Killers geplante Deutschlandtour regt sich Protest, berichtet Jens Uthoff in der taz: Vorgeworfen werden dem jamaikanischen Musiker homophobe Ausfälle in diversen Stücken: "In Liedern wie 'Another Level' (2000) und 'Man Ah Bad Man' (2001) reichte seine Anti-Homo-Hetze bis zum Mordaufruf. Er reihte sich damit nahtlos ein in eine Riege von jamaikanischen Künstlern wie Sizzla, Beenie Man, Buju Banton und weitere, die mit Hass ein ganzes Genre begründeten. Öffentlich hat Bounty Killer sich von den Songs nie klar distanziert, mit manchen verdient er bis heute Geld."

Weitere Artikel: Die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Spielen von Pyeongchang hat einen "unverhofften Kulturaustausch" zwischen dem Norden und Süden des Landes angestoßen, beobachtet Hoo Nam Seelmann (NZZ): So interpretierten immer mehr südkoreanische Sängerinnen und Sänger nordkoreanische Lieder. Die FAZ hat Jan Brachmanns Brahms-Gespräch mit Paavo Järvi online gestellt. Für Das Filter spricht Raoul Kranz mit dem Elektromusiker Chris Clark.

Besprochen werden ein Konzert des ensemble unitedberlin zum 70. Geburtstag von Claude Vivier (NMZ), ein Gastspiel des Tonhalle-Orchesters Zürich in Wien (Standard), das neue Album von Left Boy (Standard), neue Popveröffentlichungen, darunter eine Compilation mit Coverversionen von Elton-John-Stücken (SZ), und Malakoff Kowalskis Klavieralbum "My First Piano" (taz). Daraus ein Video:



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Literatur

Thomas Steinfeld bringt in der ein SZ ein Update zum Drama um die Schwedische Akademie: Deren Mitglieder, die gegen einen Rausschmiss der Lyrikerin Katarina Frostenson aus der Akademie votiert haben, wollen heute in Klausur gehen, "ob sie Sara Danius, der Ständigen Sekretärin der Akademie, das Vertrauen entziehen wollen. ... Sara Danius, die Frostensons Rauswurf befürwortete, traf sich wiederum auf ein langes Gespräch mit dem schwedischen König Carl XVI. Gustaf, dem Patron der Institution, in dem es vermutlich um eine Neuordnung des Gremiums ging." Matthias Hannemann von der FAZ entnimmt der schwedischen Presse unterdessen, dass der Literaturkritiker Horace Engdahl, Danius' Vorgänger im Amt, diese "als schlechtesten Sekretär seit 1786" bezeichnet hat: "Über ihre Zukunft im Amt soll offenbar am Mittwoch von den verbliebenen Mitgliedern diskutiert werden."

In Argentinien, erzählt in der NZZ der Schriftsteller Marcelo Figueras, orientieren sich die jungen Autoren derzeit mehr an dem sozialkritischen Werk Rodolfo Walshs (dem Figueras gerade in einem Roman ein Denkmal gesetzt hat) als an Borges' fantastischer Literatur: "Der noch zaghafte Boom der jungen argentinischen Literatur kommt nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Kontext eines Landes, das sich rasend schnell verschuldet; aus einem Land, wo die Presse und das Fernsehen in den Händen einiger weniger Konzerne sind und die Meinungsfreiheit eine Chimäre ist; wo die Polizei ohne strafrechtliche Folgen Jugendliche und Kinder tötet und Kundgebungen mit Tränengas und Gummigeschossen unterbunden werden".

Mit W.S. Merwin gibt es einen "wundersamen Dinosaurier der Dichtung" zu entdecken, schreibt Nico Bleutge in der SZ: In den USA wird Merwin längst mit Preisen überhäuft, jetzt bieten zwei Neuveröffentlichungen auf dem deutschen Markt die Möglichkeit zur Entdeckung, zu der Bleutge von Herzen rät: "Von vielen seiner Verse geht eine fast meditative Ruhe aus. ... Aufstäubende Moskitos interessieren ihn ebenso wie die umfassenden Bewegungen der Zeit und der Erinnerung." Merwin plädiert "für eine offene Form. Mit einem großen Bewusstsein für Bilder und Klänge und einem ganz eigen gegliederten Rhythmus, der gleichwohl ohne jedes Satzzeichen auskommt, schafft sich Merwin seine Atemspur in der Sprache." Einen der beiden Bände besprach Bleutge auch im Deutschlandfunk Kultur.

Besprochen werden außerdem unter anderem Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm "Rhinland" über Theodor Fontane (Welt), die Neuauflage von Frans Masereels ursprünglich 1925 veröffentlichtem Holzschnitt-Roman "Die Stadt" (Welt),  Lina Meruanes "Rot vor Augen" (Tagesspiegel), Torsten Schulz' "Skandinavisches Viertel" (FAZ) und neue Krimis, darunter Adrian McKintys "Dirty Cops" (FR). Außerdem online: Thomas Wörtches aktueller Leichenberg.
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Bühne

Max Florian Kühlem besucht für die taz Claudia Bauers Inszenierung "Schöpfung" am Schauspiel Dortmund, das Intendant Kay Voges zum Vorreiter im Einsatz digitaler Techniken und Künste machen will. Die große Kunst wird es sein, den Anspruch mit der Realität zu versöhnen, erkennt Kühlem: "Bei ihrer Inszenierung von Philip Glass' Oper 'Einstein on the Beach' wünschten sich Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin zum Beispiel eine direkte Verschaltung von Ton und Bild. Glass' Komposition sollte aus sich selbst heraus Auslöser sein für Ereignisse im Bühnenbild und Video. Deshalb beauftragten sie einen Programmierer. 'Das ist schwierig, dafür brauche ich sicher ein halbes Jahr', sagte der. Das digitale Theater ist bisher also nur außerhalb der Stadttheater-Realität aus sechs Wochen Probezeit denkbar."

Die Theaterregisseurin Anna Bergmann, ab Herbst neue Intendantin am Staatstheater Karlsruhe, will dort erst mal ausschließlich mit Regisseurinnen arbeiten. "Darüber wird sehr hart diskutiert, auch unangenehm", erzählt sie im Interview mit dem Standard. "Manche werfen mir vor, ich würde geltendes Recht brechen. Dabei ist das ein Zufall, hat sich so ergeben. Es heißt nicht, dass ich nicht auch mit Regisseuren wieder zusammenarbeiten werde. Ich sehe darin also keine große Besonderheit. Über männlich dominierte Theaterbetriebe wird ja auch nicht debattiert. Es wird ja auch hingenommen, dass auf Hauptbühnen oft nur Regisseure inszenieren."
Archiv: Bühne