Weiterleitung zu einzigem Ergebnis

Efeu - Die Kulturrundschau

Trotzdem lieben sie diese Monster

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2018. In der taz erzählt Michael Verhoeven, wie sein Vietnam-Kriegsfilm "Ok" 1970 die Berlinale sprengte. In der FAZ entdeckt Durs Grünbein erstaunliche Parallelen zwischen Ernst Jünger und J.R.R. Tolkien. Die FR erkundet in Frankfurt das Werk des tschechischen Avantgarde-Fotografen Jaromir Funke. Die Berliner Zeitung ahnt den nächsten kleinen Volksbühnen-Skandal. Und die NZZ verfällt der sinnlichen Materialität des Klaviers.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2018 finden Sie hier

Film

Vorglühen zur Berlinale: Susanne Messmer hat sich gemeinsam mit Bert Schulz zum großen taz-Gespräch mit dem Regisseur Michael Verhoeven getroffen, dessen Film "Ok" 1970 die Berlinale gesprengt hat und damit auch die Gründung des Forums begünstigte: Darin spielten bayerische Schauspieler Dialekt sprechende US-Soldaten in Vietnam. Verhoeven erzählt die Anekdote so: Ein US-Juror "dachte, der Film sei antiamerikanisch, aber das war ein Irrtum. Der Film richtete sich gegen Deutschland, wo der Vietnamkrieg allabendliche Fernsehunterhaltung war. Die Jury hat den Film an die Auswahlkommission zurückgegeben mit der Bitte, noch einmal zu prüfen, ob er wirklich für die Teilnahme geeignet sei. ... Wir hatten einen Informanten in der Jury, den jugoslawischen Regisseur Dusan Makavejev. Und dann habe ich eine Pressekonferenz gemacht, zu der 1.000 Leute kamen (...) Mitten in der Pressekonferenz kam ein Telegramm von Dusan Makavejev, er sei aus der Jury ausgetreten, die Berlinale habe den Film tatsächlich ausgeschlossen und das verheimlicht. Daraufhin zogen andere Regisseure ihre Filme zurück und die Berlinale wurde abgebrochen. Also hat nicht mein Film die Berlinale zum Bruch gebracht, sondern die Berlinale hat sich selbst zerlegt."

Rüdiger Suchsland war für Artechock auf der großen Pressekonferenz, auf der Kosslick und sein Team das Programm vorstellen - eine fade Veranstaltung, winkt der Kritiker ab: "Die Berlinale wie sie heute ist, sieht schon sehr alt und vergangen aus, sie hat keine Zukunft mehr. Die Berlinale war mal etwas, und sie muss wieder was werden."


Szene aus Guillermo del Toros "The Shape of Water"

Für den Standard hat sich Michael Pekler mit Guillermo del Toro zum Gespräch über dessen neuen Film "The Shape of Water" getroffen, in dem der mexikanische Regisseur eine in den frühen 60ern angesiedelte Liebesgeschichte zwischen einer stummen Frau und einem vom CIA eingesperrten Sumpf-Monster erzählt. Für ihn als mexikanischen Immigrant ist "The Shape of Water" politisch gesehen auch ein Film "über das Hier und Heute", wie er anhand von Michael Shannons Rolle als Schurke darlegt: "In einem Film aus den Fünfzigern wäre er wahrscheinlich noch der Held gewesen, der das Monster besiegt. Bei mir ist er von Blindheit gezeichnet, weil er nur das glaubt, was er in seiner kleinen Welt zu sehen meint. In Wahrheit sieht er nichts. Die Kreatur ist womöglich eine göttliche Gestalt, für ihn nur ein schmutziges Ding aus dem Sumpf." Besagte Kreatur wurde übrigens nicht am Computer erschaffen, sondern stellt eine Meisterleistung der Masken- und Kostümkunst dar - an dieser Stelle gewährt Shane Mahan Einblick in die Werkstatt.

In der NZZ sieht Maximilian Zech Parallelen zwischen der Literaturgeschichte und der Entwicklung von Fernsehserien, die lange Zeit Methoden der klassischen Belletristik aufgriffen, sich nun aber den Mitteln und Strategien der literarischen Moderne zuwenden. Wobei diese Entwicklung hierzulande nur lähmend voranschreitet: "Was die deutschsprachige TV-Prosa betrifft, so steckte diese bisher weitgehend im tiefsten Mittelalter fest: eingeklemmt zwischen flachen Charakteren, faden Handlungen und auch lustlosem Erzählen."

Außerdem: Susanne Messmer wirft zudem in der taz einen Blick auf die Debatten, die im Mittelpunkt der diesjährigen Berlinale stehen. Martin Reichert plaudert für die taz mit dem Schauspieler Franz Rogowski, der bei der Berlinale als "Shooting Star" gefeiert wird. Susanne Messmer porträtiert in der taz die Cineastin Nana Frisch, die seit vielen Jahren zum Stamm-Langanstehern im Berlinale-Vorverkauf zählt. Gunda Bartels stellt im Tagesspiegel die Filme aus der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" vor. Kirsten Taylor hat sich für den Tagesspiegel vorab das Programm der Kinder- und Jugendsektion "Generation" angesehen.

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel befragt für den Filmdienst Helena Wittmann über Angela Schanelec als Filmprofessorin. Margret Köhler spricht im Filmdienst mit der Schauspielerin Johanna Wokalek über deren neuen Film "Freiheit" - und der ist "ohne Frage ein Film, der das Niveau, das man vom deutschen Kino gewohnt ist, klar überschreitet", urteilt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Für den Filmdienst resümiert Barbara Wurm das Filmfestival Rotterdam. Filmdienst-Kritikerin Irene Genhart war unterdessen bei den Solothurner Filmtagen.

Besprochen werden Joya Thomes "Königin von Niendorf" (Filmdienst), der Dokumentarfilm "Playing God" über den Rechtsanwalt Ken Feinberg (Welt) und George A. Romeros auf BluRay wiederveröffentlichte Stephen-King-Adaption "Stark - The Dark Half" (Filmgazette).
Archiv: Film

Literatur

Lange Zeit hat Durs Grünbein Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" von sich gewiesen, als Buch, das er seinen Lebtag nicht lesen will. Für die Textreihe "Mein erstes Mal" des literarischen Wochenendessays der FAZ hat er seinen Lektüre-Unwillen nun doch hinter sich gelassen - und ist beim Lesen des 1939 veröffentlichten Werks auf erstaunliche Parallelen zu Tolkiens nur zwei Jahre zuvor veröffentlichtem Kinderbuch "Der Hobbit" gestoßen: "Beide Autoren handeln mit Allegorien, die auf die Totalkrise Europas reagierten, einen Kontinent am Abgrund der Demokratie, durchzogen von Diktaturen. Es sind Erzählungen von bezwingender Symbolkraft, die das Wetterleuchten des Krieges, des Weltenbrandes, der sich in den dreißiger Jahren anbahnt, zum Hintergrund haben. Hier das Auenland im Westen des Kontinents Mittelerde, ein Nebelgebirge und der Berg Erebor, wo ein Drache den gestohlenen Schatz hütet wie in den abendländischen Märchen, dort Alta Plana, die Rautenklause und die Schinderhütte des Oberförsters."

Weitere Artikel: Die FAZ dokumentiert Joshua Cohens Rede, die der Schriftsteller zum Auftakt des Übersetzungsprogramms "Toledo" in Berlin gehalten hat (hier das englischsprachige Original). Was Übersetzer von Schriftsteller unterscheidet, beschreibt er so: "Sie glauben nie, dass die Bücher, denen sie ihr Leben widmen, eine unverfälschte Urgestalt haben, die hinter den Sündenfall zurückreicht. Das liegt daran, dass sie die Probleme eines Buchs kennen. Sie kennen sie genauso gut wie oder besser als der sogenannte 'Verfasser' des Buchs. Und trotzdem lieben sie diese Monster."

Für die Welt besucht Michael Pilz den Comiczeichner und -autor Jens Harder, der seit vielen Jahren an einer Menschheits- und Kulturgeschichte in Comicform arbeitet (bislang erschienen: der erste und der zweite Band). Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Kurt Vonneguts "Schlachthof 5". Deutschlandfunk Kultur dokumentiert Auszüge eines Marbacher Gesprächs mit Peter Handke über dessen Tagebücher. Außerdem bringt die Welt einen Auszug aus Joan Didions Reisenotizen, die Ende des Monats unter dem Titel "Süden und Westen" erscheinen.

Besprochen werden Lucia Berlins "Was wirst du tun, wenn du gehst" (taz), Chris Kraus' Biografie über die Schriftstellerin Kathy Acker (taz), Milena Michiko Flasars "Herr Kato spielt Familie" (Standard), der Abschluss von J.J. Voskuils Romanzyklus "Das Büro" (taz), Roger Smiths Thriller "Mann am Boden" (Standard), Aya Cissokos "Ma" (FR), Andrea Scrimas "Wie viele Tage" (taz), Mariana Lekys "Was man von hier aus sehen kann" (Tagesspiegel), Matthias Senkels "Dunkle Zahlen" (SZ) und Ulrich Alexander Boschwitz bereits 1939 veröffentlichter, jetzt erstmal übersetzter Roman "Der Reisende" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Bild: Jaromír Funke. "Loneliness and Glasses". 1924 © Miloslava Rupešová-Funke

FR
-Kritikerin Sylvia Staude freut sich über die Wiederentdeckung des tschechischen Fotografen Jaromir Funke, dessen frühe avantgardistische Arbeiten nun neben Werken von jungen Künstlern der tschechischen Opava School im Fotografie Forum Frankfurt zu sehen sind: "Funke war das Gegenteil eines Reportagefotografen, das Spontane, Natürliche hat ihn nicht interessiert. Seine Menschen sind sorgfältig positioniert in einer Gesamtkomposition, Gegenstände sind ausgewogen angeschnitten. Dinge und Gebäude hat er in Schräglage gebracht; etwas, das später um eines dynamischen Effekts willen in der Werbe- und Theaterfotografie auftauchte."

Einige ungeahnte Seiten im Werk des italienischen Comic- und Modezeichners Lorenzo Mattotti entdeckt Andreas Platthaus in der FAZ in der Ausstellung "Ligne fragile"  - etwa im letzten Raum des Basler Cartoonmuseums: "Hier hängen Mattottis riesige Tuschezeichnungen zu 'Hänsel und Gretel', die er selbst als ein Hauptwerk ansieht. Um die Bedrohlichkeit des gerade im Kontrast zur Linea fragile aus den vorherigen Räumen um- und verschlingenden Schwarz-Wirrwarrs noch zu steigern, sind auch die Wände weitgehend geschwärzt. Doch die Ecken sind angeschrägt weiß belassen worden, so dass man sich selbst im windschiefen Hexenhaus glaubt - größter Effekt mit denkbar simplem Einsatz von Schwarz."

Besprochen werden die Ausstellung "Eidola" mit Werken des österreichischen Künstlers Rudolf Polanszky in der Wiener Secession (Standard), die Ausstellungen "Charles I: King and Collector" in der Royal Academy, London und "Charles II. Art and Power" in der Queen's Gallery, London (FAZ).

Anzeige
Archiv: Kunst

Musik

In der NZZ steht heute die sinnliche Materialität des Klaviers im Mittelpunkt. Zum einen hat Michael Hug in Leipzig den mit traditionellen Methoden arbeitenden Klavierbauer Blüthner besucht. Zum anderen hat Alain Claude Sulzer ein episches Gespräch mit dem Pianisten Oliver Schnyder über dessen großes Beethoven-Projekt geführt. Diesen treibt um, dass "Beethovens schleichender Hörkraftverlust bis zur vollständigen Taubheit sozusagen im tragischen Gleichschritt mit den klanglichen Fortschritten im Klavierbau einher ging. Je physischer der Klavierklang wurde, desto körperloser, innerlicher wurde sein Hören. Der 'Idealklang' entfaltete sich weniger am Können der Klavierbauer als aufgrund dieser Innerlichkeit des Hörens oder Horchens."

Weitere Artikel: Für Skug porträtiert Xavier Plus den Jazztrompeter Gerhard Ornig. In der FAZ gratuliert Jürgen Kestin der Sopranistin Edith Mathis zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Ty Segalls neues Album "Freedom's Goblin" (Jungle World), das neue MGMT-Album "Little Dark Age" (Pitchfork, mehr dazu im gestrigen Efeu), das Debüt des 68-jährigen Dirigenten Adam Fischer mit den Berliner Philharmonikern und Dvoraks Neunter (Tagesspiegel), eine Schubert-Konzertreihe des Streichquartetts der Staatskapelle (Tagesspiegel), das neue Album der Sängerin Mai Horlemann (Tagesspiegel), ein Auftritt der DDR-Band Sandow (Berliner Zeitung), ein Metalkonzert mit Moonspell und Cradle of Filth (FR), ein Abend mit Diana Damrau, Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch in der Elbphilharmonie (FAZ) und das neue Album von Franz Ferdinand (taz, The Quietus). Daraus das Video zum Titelstück:

Archiv: Musik

Bühne

Ein neues Skandälchen im Dercon-Theater: Im neuen Programmheft ist ein Bild von der Besetzung der Volksbühne zu sehen - sehr zum Unmut der Besetzer, die gleich alle "Moralgeschütze" auffahren, wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung meldet: "Man schmücke sich mit dem einzigen Moment, in dem das Foyer der Dercon-Volksbühne mal voll war. Indem sie das Foto unkommentiert abdrucke, verleibe sie sich den Protest gegen sie einfach ein: 'Das ist wie im Neoliberalismus. Alles aneignen und zu veganem Hackfleisch verarbeiten.'"

Bild: Woitek Klemm. Besetzung der Kammerspiele. Foto: Julian Baumann.

Unter dem Titel "1968 - Besetzung der Kammerspiele" erinnern derweil verschiedene Projekte an den Münchner Kammerspielen an die Studentenrevolten vor 50 Jahren. Zwischen allerhand Klamauk erlebt Nachtkritiker Michael Laages dann aber doch eine "grandiose Gedankensammlung", etwa von Monika Ginstersdorf und Knut Klaßen, die sich mit europäischem Kolonialismus und Rassismus auseinandersetzen - oder Wojtek Klemm: "mit Blick auf die Selbstverbrennung des Prager Studenten Jan Palach nach dem Sowjet-Einmarsch 1968 nimmt er den genau so tödlichen Fackel-Gang eines jungen Polen vom Herbst vorigen Jahres ins Visier, der gegen die Macht im neuen, präfaschistischen Polen protestierte. Das ist Dokument und poetische Überhöhung zugleich, zum Gesang des Münchner Knabenchors - und hier bindet sich drastisch und deutlich wie nirgends sonst der noch sehr rudimentäre Aufstand von heute an den historischen damals." Weitere Besprechungen in SZ und auf Spiegelonline. Im DLF-Interview spricht Dramaturg Tarun Kade über die Performances, die Wirkkraft von 1968 und Unterschiede zur Gegenwart: "Während damals aggressiv gegen das System gekämpft wurde, wird heute weich für den Einzelnen gekämpft."

Weiteres: Einen gelungenen Auftakt des Crossroads Festivals in Basel erlebt Nachtkritikerin Geneva Moser vor allem dank Ntando Celes Performance "Black off", für die die afrikanische Schauspielerin whitefaced und mit blonder Perücke weiße Normen und Alltagsrassismus offenlegt. Ein starkes Beispiel für dekolonisierende Theaterpraxis, meint Moser: "Ntando Cele gräbt in die tiefen Schichten, entlarvt die Konstruktionen von schwarz-sein und weiß-sein, zeigt die Mechanismen auf." Zufriedenes Publikum, gelungene Weill-Interpretationen durch das Basler Sinfonietta-Orchester - und trotzdem fällt Daniel Levys als Therapiesitzung in einer japanischen Heilanstalt inszenierte Dreigroschenoper im Theater Basel bei den Kritikern durch: Die "wirklich bösen Untergriffe" fehlen, meint Alfred Schlienger in der NZZ, "blasse Plumpheit" und nervtötende "Shabby-Chic-Ironie" erlebt Simon Strauss in der FAZ.

Besprochen wird Michael Sturmingers Inszenierung von Oscar Wildes "Bunbury" am Stadtheater Klagenfurt (Standard).

Archiv: Bühne