Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses Viech ist die Zukunft

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2017. Warum will eigentlich auf einmal jeder Museumsdirektor einen Erweiterungsbau?, fragt die NZZ. Die Welt erlebt mit William Forsythe in Paris die Schönheit und Anmut tanzender Industrieroboter. Der Guardian preist die imaginative Kraft des schottischen Malers Peter Doig. Und die SZ findet Eminems neues Album sträflich am Zeitgeist vorbei produziert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2017 finden Sie hier

Bühne


Szene aus Korngolds "Die tote Stadt". Foto: © David Baltzer / Semperoper

Einen echten Coup hat die Dresdner Semperoper hingelegt mit Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die Tote Stadt", freut sich Joachim Lange in der neuen musikzeitung. Hauptfigur ist Paul, der um seine tote Geliebte trauert und sich in dieser Trauer verliert: Regisseur "David Bösch hat die Geschichte in Dresden in all ihrer Unklarheit klar und stringent erzählt. Als ein Problem von Paul. Die Kirche des Gewesenen, wie er die aufbewahrte Erinnerung an Marie selbst nennt, ist ein heruntergekommener, riesig hoher Saal. Mit spießiger Stehlampe, ebensolchem Sessel, Matratze und dem verhängtem Porträt Maries. Und jene Haare, die er wie eine Reliquie aufbewahrt. Die vergrößert sich irgendwann so ins Alptraumhafte, dass die (wie es hieß) 128 Kilometer Blondhaar die ganze Bühne einspinnen. Paul wird außerdem immer wieder von lauter gespensterhaften Zombies mit blonden langen Haaren heimgesucht. Dazu ein Spuk der Schatten an der Wand: Da laufen die verlockenden Marie-Negativ-Videos wie die gespenstisch weißen Schatten der Prozession. Das ist fabelhaft, atmosphärisch."


William Forsythe: Black Flags, 2014. Installation in der Gagosian Galerie Le Bourget, Paris. Foto: Thomas Lannes

Ist das Tanz, Performance oder eine Installation? Martina Meister hat sich für die Welt zu William Forsythes erster Ausstellung "Choreografische Objekte" in Larry Gagosians edler Galerie in Le Bourget durchgeschlagen, die man eigentlich am besten mit dem Privatjet ansteuert, aber von Paris aus auch mit dem Nahverkehrszug erreichen kann. Und sie ist überwältigt: "Im großen, lichten Raum stehen zwei schwarze Industrieroboter, die meist synchron, oft aber auch kontrapunktisch oder ganz eigenständig zwei riesige, schwarze Flaggen bewegen. Die Sequenz dauert 28 Minuten, und sie hat etwas Magisches, weil der Betrachter sich der Anmut und Schönheit der Bewegung und der Bilder nicht entziehen kann. Tatsächlich bekommen die Roboter menschliche Züge, wenn sie wie in winzigen Variationen den Stoff zum Flattern, Fliegen, Wehen bringen. Manchmal reißt er durch die Luft, ein anderes Mal legt er sich sanft nieder. Und kaum jemand wird sich der Tonspur entziehen können, die die Bewegung begleitet, wenn sich das maschinelle Geräusch der Roboter mit der poetischen Musik des Stoffes verbindet."

Weiteres: Reuevoll hat Zürich den dreizehn Jahre zuvor hinausgeworfenen Christoph Marthaler für seine Satire "Mir nämeds uf öis" bejubelt, erzählt Egbert Tholl in der SZ. Tholl selbst hat vor allem der Riesen-Kalmar gefallen, der aus dem Orchestergraben aufsteigt: "Ein dickes Viech, das mit einem Auge zwinkert. Dieses Viech ist die Zukunft." In der NZZ stellt Bernd Noack den jungen österreichische Dramatiker Thomas Köck vor, dessen Stück "paradies spielen" gerade in Mannheim uraufgeführt wurde.

Besprochen werden Christoph Waltz' Inszenierung von Verdis "Falstaff" in Antwerpen (Standard),  Puccinis "Il trittico" im Münchner Nationaltheater (laut Reinhard Brembeck in der SZ eine echte Klamotte, jedoch von dem "sensationellen Duo" Kirill Petrenko und Wolfgang Koch geadelt, nmz, NZZ), Johan Simons Inszenierung von Joseph Roths "Radetzkymarsch" am Wiener Burgtheater (taz), Christian Weises Revue "Alles Schwindel" im Gorki Theater (Berliner Zeitung) und Ulrike Rufs Choreografie "Volk unter Verdacht" im Berliner Radialsystem (Tagesspiegel).
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Kunst


Peter Doig: Two Trees, 2017. Foto: Peter Doig/Courtesy of Michael Werner Gallery NY

Als absolute Meisterwerke preist Jonathan Jones im Guardian die neuen Gemälde des schottischen Malers Peter Doig, die in der Michael Werner Gallery in New York zu sehen sind: "Sie sind brandneu, doch lassen sie mich an Gedichte denken, die vor Tausenden von Jahren geschrieben wurden. Doigs Welt sprüht vor innerem Feuer, es ist eine ekstatische Vision. Er kann jeden Detail in nahezu banalen Begriffen erklären - die Laokoon-gleiche Figur, die schein mit einer Schlange kämpft, sagt er, sei in Wahrheit ein Freund, der einmal mit einer ungefährlichen Schlange am Strand posierte. Doch alle Erinnerungen und Anspielungen verwandeln sich am Ende in eine helle Palette von Träumen. Das ist höchste imaginave Kunst."

Jeder Schweizer Museumsdirektor, der etwas auf sich hält, will gerade sein Haus erweitern lassen. Warum eigentlich?, fragt Antje Stahl in der NZZ. "Für das Kunstmuseum Basel jedenfalls ging die Rechnung nicht auf: Bald wurden die großen Türen des neuen Gebäudes von Christ & Gantenbein verriegelt, um wenigstens das Kassenpersonal zu sparen. Wer im Spätsommer diesen Jahres die grauen Mauern erreichte, wusste wirklich nicht so recht, ob er vor einem Museum und nicht etwa vor der Zentrale des Geheimdienstes gelandet war. Die Tickets wurden im Hauptgebäude auf der anderen Straßenseite verkauft, der Erlös konnte die horrenden Kosten, die populäre Ausstellungen mit Werken von Jackson Pollock, Paul Cézanne oder Marc Chagall, nach sich ziehen, aber nicht decken. Der Kanton darf der Institution jetzt aus der fast Eine-Million-Franken-Misere helfen. Bleibt zu hoffen, dass er dasselbe für das in der hiesigen Architekturszene so wichtige Schweizerische Architekturmuseum machen wird."

In der Berliner Zeitung muss Nikolaus Bernau doch lachen, wenn er liest, warum das Hamburger Völkerkundemuseum seinen politisch unkorrekten Namen loswerden will: "Er sei 'für viele junge Personengruppen, Kunstinteressierte und Diaspora-Gemeinschaften, kritische Intellektuelle und Künstler/-innen aus Herkunftsgesellschaften oder lokalen Diaspora-Communitys eine Barriere, da er negative Assoziationen und Emotionen hervorruft.'"
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Literatur

Zum hundertsten Geburtstag von Heinrich Böll lud Bundespräsident Steinmeier zur Soirée - ein gemütliches Beisammensein, berichtet Arno Widmann in der Berliner Zeitung, bei dem Bölls Literatur nochmal sehr lebendig wurde: "Die Lesungen des Abends erweckten den Eindruck, als sähen die gerade noch lebenden Unternehmen Lufthansa, Deutsche Bank und Daimler-Benz AG heute deutlich gerupfter aus als die immer wieder sehr frisch wirkenden Texte von Heinrich Böll. ... Undenkbar, dass der von Mario Adorf vorgetragene 'Monolog eines Kellners' heute mit den Sätzen enden könnte: 'Offen gestanden, ganz so schlimm finde ich es nicht, auch nicht, dass sie mich rausgeschmissen haben. Gute Kellner werden überall gesucht.' Das war 1959." Der Tagesspiegel berichtet ebenfalls - allerdings ohne Autorenzeile. Und auch Harry Nutt meint in der Berliner Zeitung: Böll kann man auch heute noch gut lesen.

Besprochen werden unter anderem eine Nietzsche-Biografie von Andreas Urs Sommer (NZZ), die Hermann-Hesse-Ausstellung im Literaturhaus Berlin (NZZ) und Manu Larcenets Übersetzung von Philippe Claudels Comic "Brodecks Bericht" (taz).
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Film

Die Cinephilie ist in Aufruhr, berichtet Frédéric Jaeger in seiner Quartalskolumne auf SpiegelOnline zum allgemeinen Filmbetriebsgeschehen: Die Kritiker streiten darum, ob man David Lynchs neue "Twin Peaks"-Staffel tatsächlich ohne weiteres prominent auf Jahresbestlisten platzieren kann - wie die Cahiers Du Cinéma und Sight & Sound das getan haben. Das ist symptomatisch für eine Zeit, in der die Grenzen zwischen Kino und Fernsehen aufweichen, Online-Videotheken in Filmproduktionen investieren und die Festivals Slots für Streaming-Inhalte freiräumen: Sie tun das, weil sie "glauben, noch stärker von den Plattformen zu profitieren als andersherum", meint Jaeger. "Man kann das als Innovationsversuch begreifen, weil es durchaus darum geht, aktuelle Tendenzen im Bewegtbild zu berücksichtigen- Es entspricht aber mindestens genauso einer Wachstums- und Fortschrittslogik, mit der so ziemlich jede programmatische Beliebigkeit begründet werden kann. Bei Serien ist der Ruf inzwischen allerdings so gut, dass man als Exot gelten muss, wenn man freundlich darauf hinweist, dass die meisten dieser Produktionen auf einem Kinofestival schlicht deplatziert wirken."

Weitere Artikel: Theresa Dräbing vergleicht in der FR das Filmangebot von Streamingportalen. Der Tagesspiegel meldet die ersten ausgewählten Filme für den Berlinale-Wettbewerb.
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Architektur

Besprochen wird die Ausstellung "Zwei deutsche Architekturen 1949-1989" im Architekturmuseum der TU Berlin (Tagesspiegel).
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Musik

Auch bei SZ-Kritiker Jens-Christian Rabe hält sich die Begeisterung für das neue Eminem-Album "Revival" spürbar in Grenzen: Das Album ist glatt am Zeitgeist vorbeiproduziert, meint er. "Es gibt weder nervös-verwehte Beat-Basteleien wie beim derzeit wegweisenden Hip-Hop-Genre Trap, noch ausgefuchste Retro-Avantgarde-Spielereien wie bei Kendrick Lamar oder Jay-Z. 'Revival' liefert zu schweren, aber uninspirierten Beatspuren bloß Gratis-Emo-Leim wie elegisches Piano-Geklimper und turmhohe Streicherwände."

Besprochen werden Pharrell Williams neues Album "No One Ever Really Dies" (dessen politischen Tenor Christian Schachinger im Standard recht aufgesetzt findet), neuer linker Rap von Johnny Mauser und Captain Gips (taz), ein Konzert von Till Brönner in der Alten Oper Frankfurt (FR), ein Weihnachtskonzert mit Bach und dem Frankfurter Cäcilienchor (FR), ein Konzert der Popsängerin Balbina in Berlin (Berliner Zeitung, taz), Mahlers "Lied von der Erde" mit dem Konzerthausorchester Berlin, Iván Fischer am Pult und Sänger Andrew Staples (Tagesspiegel), ein Konzert von Cecilia Bartoli und der Cellistin Sol Gabetta in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel) und ein von Christian Thielemann dirigiertes Beethoven-Konzert (Tagesspiegel).
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