Die Buchmacher

eBook in der Krise

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23.04.2007. Warum die Buchhändlergenossenschaft eBuch tief in der Krise steckt. Weshalb die Ehrenamtler im Börsenverein keine Lust mehr haben. Wieso Verreißen schön ist. Und wie die Premiere der London Book Fair am neuen Standort verlaufen ist.

buchreport.express

Wie können sich die Standortbuchhandlungen gegen die rasch expandierenden Filialisten behaupten, fragt sich buchreport im Aufmacherartikel. Der wegen seines hohen Tempos als Bruch empfundene Strukturwandel des Buchhandels setze sich vor allem in Form von Neueröffnungen fort: Mehr als 45.000 qm neue Filialflächen seien in diesem Jahr geplant. Zwar würden derzeit viele Buchhandlungen zur Übernahme angeboten, aber nur die wenigsten passten in das Konzept der Filialstrategen, die lieber neue Flächen aus einem Guss konzipieren, als vorhandene Sortimente umzukrempeln. Ausgerechnet in dieser Phase seien die Verbände der Sortimenter in der Krise: Die älteste Buchhandelsgenossenschaft LG Buch müsse erst neuen Schwung finden, um für ihre Verlagspartner wieder interessant zu werden. Und in der zuletzt dynamisch gewachsenen eBuch-Genossenschaft (mit ihrem weit entwickelten Zentraleinkauf "Anabel") tobe offenbar ein Machtkampf.

Segen von oben wurde in der letzten Woche offenbar dem Herder Verlag zuteil. Der Titel "Jesus von Nazareth" von Papst Benedikt XVI. sei am vorletzten Wochenende aus dem Stand auf den 8. Platz im Spiegel-Ranking der meistverkauften Hardcover-Sachbücher gesprungen (hier der Artikel). In der Druckerei CPI Books sei die Startauflage kurzfristig von 200.000 auf 250.000 Exemplare erhöht worden. Insgesamt seien rund 50 Bücher des Priesters und Theologen bei Herder erschienen.

Mit einem positiven Fazit ist buchreport aus London zurückgekehrt. Die Premiere der London Book Fair im Earl?s Court sei ohne Pleiten und Pannen über die Bühne gegangen (hier der Artikel). "Kleinlauter als sonst war diesmal in London allerdings nicht von einem großen Bücherfest die Rede. Emma House sprach in ihrem Fazit stattdessen zurückhaltend von einer ,gelungenen Premiere' und kündigte für 2008 weitere Neuerungen an", schreibt buchreport. Auffällig sei die Tatsache gewesen, dass es nicht nur bei den großen Verlagsgruppen, sondern auch bei den kleineren Verlagen eng gewesen sei. Im Interview mit buchreport erklärt Messechefin Emma House, dass sich die London Book Fair als wichtigste Frühjahrsmesse etabliert habe. "Das Rechtecenter platzt aus allen Nähten, jährlich werden mehr Tische gebucht. Die Gemeinschaftsstände der Franzosen, Italiener und Spanier werden immer größer, hier geht es längst nicht mehr nur um den Lizenzhandel zwischen den großen Buchnationen. Viele Buchhändler aus Skandinavien, den Niederlanden und Osteuropa kaufen direkt ein."

In einem weiteren Artikel schreibt buchreport über den Verdacht, dass bei Amazon Rezensionen von Büchern systematisch gefälscht werden - im Auftrag von Verlagen oder in Eigenregie der Autoren. "Bei massiven schlechten Rezensionen entsteht ein nachweisbarer wirtschaftlicher Schaden", zitiert buchreport Thomas Wehren, Verlagsleiter von Galileo Press. Im Interview berichtet Bernd Röthlingshöfer (Autor, Trainer und Kreativdirektor in der Werbebranche) von seinen Erfahrungen. Auf die Frage, wie gefakte Kritiken verhindert werden können, sagt der Autor: "Zum einen sollten Onlinehändler anonyme Kritiken verbieten. Außerdem würde ich mir von Verlagen, die regelmäßig Angebote von Fälschern bekommen, wünschen, Ross und Reiter zu nennen - ich bin erschüttert, dass es offenbar Verlage gibt, die die Dienste von Agenturen und Unternehmensberatungen in Anspruch nehmen und manipulieren lassen."


Und hier die Bestsellerlisten.

Börsenblatt

Das Börsenblatt mausert sich langsam zum versierten Krisenanalytiker. Ähnlich offen und detailliert, wie die Frankfurter vor einigen Wochen die Turbulenzen bei der Wirtschaftsschwester BAG untersucht haben, widmen sie sich in dieser Ausgabe der Krise der Buchhändlergenossenschaft eBuch (verknüpft die Warenwirtschaftssysteme der Mitgliedsbuchhandlungen über das Internet, um die Statistik- und Wirtschaftsdaten analysierbar zu machen). Dort habe sich nicht nur die Zusammenarbeit zwischen den Leitungsgremien Vorstand und Aufsichtsrat sowie den zwei Handelsvertretern Herby Thurn und Lorenz Borsche rapide verschlechtert - zuletzt wurde der technische Vorstand Alexander Klein vom Aufsichtsrat mit sofortiger Wirkung gefeuert (Begründung: Verstoß gegen Geheimhaltungsvorschriften, Bruch von Stillschweigepflichten). Auch die wirtschaftliche Situation der Genossenschaft sei schwierig. Der vorläufige Jahresabschluss zum 31. Dezember 2006 weise einen Jahresfehlbetrag von 105.000 Euro aus. Zusammen mit den Verlustvorträgen aus Vorjahren ergebe sich damit ein Gesamtfehlbetrag von 240.000 Euro. Im Editorial schreibt Börsenblatt-Chef Torsten Casimir: "Wenn nicht rasch gegengesteuert wird, droht womöglich die Insolvenz." Und schlägt eine Allianz der Verbünde eBuch und LG Buch (eine weitere Einkaufsgemeinschaft) vor.

In einem sehr lesenswerten Gastbeitrag machen sich Gabriele Schink und Stefan Könemann vom Landesverband NRW Gedanken über die zukünftige Ausrichtung des Börsenvereins. Im Verband gebe es viel zu wenig direkte Kontakte zu den Mitgliedern, ein System von Außendienstbetreuung sei nicht vorhanden. Außerdem führe das Machtgefüge Bundesverband-/Landesverbände zu vielfältigen Handlungsblockaden. Weitere Kritikpunkte: Es gebe zu viel Abstimmungsbedarf und zu wenig Entscheidungsfreiheiten. "Darunter leiden die Kreativität und die Lust an der inhaltlichen Arbeit, das ist auch bei den hauptamtlich Beschäftigten nicht anders", schreiben die Autoren. Als Gegenmaßnahme schlagen Schink und Könemann vor, die Verflechtungen zwischen Wirtschaftsbetrieben und Verband weiter zu lösen. "Daraus ergäben sich neue Entscheidungsfreiheiten und Handlungsspielräume für alle Beteiligten." Außerdem sollten die Aufgaben von Bundes- und Landesverbänden stärker aufeinander abgestimmt werden.

Weitere Artikel: Im "Rundruf" hat sich das Börsenblatt umgehört, wie die deutschen Kollegen zu der Idee der Schweizer Buchhandlungen stehen, am heutigen Montag zu schließen, um für die Preisbindung zu demonstrieren. Das Gros der Sortimenter hält geschlossene Türen für den falschen Weg. Drei Wochen nach seinem ersten Kommentar darüber, wie wichtig Verrisse sind, legt der Salzburger Verleger Jochen Jung nach - indem er sich korrigiert. Entgegen der ursprünglichen Behauptung, dass Verrisse zwar wichtig, aber für den Kritiker ganz und gar kein Vergnügen seien, erklärt Jung nun: "Ein größeres Vergnügen als ein satter Verriss ist für einen Rezensenten kaum denkbar. In nichts kniet er sich lustvoller hinein, da lebt er auf, da ist er ganz und gar bei sich, heroisch seinem Gegenüber ins brechende Auge blickend. Und keine Rede von klammheimlich, weswegen ich an dieser Stelle offen und ein für alle Mal bekenne: Verreißen ist schön." Der Verriss komme "so angenehm rasch auf seinen Schmerzpunkt. Er hat die Kraft der Eindeutigkeit, ethisch betrachtet: der Kompromisslosigkeit."
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Stichwörter: Jochen Jung