Hans-Ulrich Wehler hat stets zu historischen Kontroversen und wichtigen tagespolitischen Fragen öffentlich Stellung genommen. Der Streit um die Wehrmachtsausstellung, die Vertreibung aus dem Osten, der Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, aber auch die jüngeren Entwicklungen in der Bürgertums- und Nationalismusforschung kommen in diesem Band ebenso zur Sprache wie die neuerdings wiederbelebten Präventivkriegsillusionen oder die Frage des Türkeibeitritts in die EU, die Hans-Ulrich Wehler durch seinen polemischen Essay in eine breitere Öffentlichkeit getragen hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.01.2004
Ulrich Teusch ist voll des Lobes über die Essaysammlung des renommierten Autors, Historikers und "Doyens der modernen Sozialgeschichte". Hier findet er lobenswerte Tugenden, die "im heutigen Wissenschaftsbetrieb Seltenheitswert" haben, denn Hans-Ulrich Wehler "stelle sich der wissenschaftlichen Konkurrenz und Kontroverse stets mit offenem Visier" und schwimme dabei gern gegen den Strom. Von seiner vielerorts kritisierten Haltung zum EU-Beitritt der Türkei über die Wehrmachtausstellung, die Präventivstrategie der US-Amerikaner und den islamischen Fundamentalismus weise die vorliegende Sammlung ein breites Spektrum auf, wobei die historischen Beiträge nach Auskunft des Rezensenten überwiegen. "Durchweg anregend und perspektivenreich" geschrieben ist das ganze auch noch, freut sich Teusch. Angesichts der Vielfalt und eigenwillig innovativen Herangehensweise ist unser Rezensent gern bereit, über kleinere Defizite wie den pauschalen Umgang mit Kritikern der Huntington-These vom "Kampf der Kulturen" hinwegzusehen, denen Wehler unterstelle, das Buch "nicht 'in Ruhe gelesen'" zu haben.
Rezensent Rudolf Walther kann gar nicht fassen, woher der Historiker Hans-Ulrich Wehler die Zeit nimmt, neben seiner Gesellschaftsgeschichte und den vielen wissenschaftlichen Aufsätze all die Essays und Rezensionen zu schreiben, von denen 26 in diesem Buch versammelt sind. Diese tagespolitischen Interventionen, lobt Walther, seinen nicht nur ausgesprochen lehrreich, sondern auch unterhaltsam. Worum es in ihnen im Einzelnen geht, sagt Walther nicht, Wehlers Augenmerk scheint jedoch wie in seinem gesamten Werk auf dem politischen Versagen und moralischen Verfall des Bürgertums in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu liegen. Was dem Rezensenten an den Texten jedoch besonders behagt, ist Wehlers Vorliebe für sprachliche Eleganz und "bündige Urteile".
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