Norman M. Naimark

Flammender Hass

Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert
Cover: Flammender Hass
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406517570
Gebunden, 301 Seiten, 26,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Martin Richter. Von allen Grausamkeiten und Katastrophen des letzten Jahrhunderts zählen ethnische Säuberungen zu den furchtbarsten Geschehnissen. Norman Naimark hat in einer vergleichenden Analyse den Völkermord an den Armeniern, den Holocaust, die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Stalins Deportation der Tschetschenen-Inguschen und Krim-Tataren sowie die Kriege auf dem Balkan in den 1990er-Jahren untersucht und ermöglicht damit ganz neue Einblicke in ein Jahrhundert der Gewalt. "Ethnische Säuberung wie im früheren Jugoslawien ist ein eminent modernes Phänomen" und nicht, wie es oftmals von Politikern und Journalisten behauptet wird, ein Resultat "uralten Hasses".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2004

Die Studie von Norman M. Naimark über ethnische Vertreibungen im 20. Jahrhundert wiederhole nur auf den ersten Blick schon oft Gesagtes und Geschriebenes, meint Michael Salewski. Tatsächlich werde in der Gesamtschau deutlich, so der Rezensent, dass Vertreibungen ein "weitverbreitetes Phänomen der 'Hochmoderne'" sind. "Das kühle Leidenschaft atmende Buch" zeige sogar, dass und wie die Völkermorde, Vertreibungen und Deportationen des 20. Jahrhunderts auf "unheimliche Weise" miteinander verbunden waren und somit zum "Grundsubstrat der Geschichte" wurden. Als Beispiel nennt der Rezensent die Ansicht von Radovan Karadizic, der den Krieg in Bosnien als "die Fortsetzung des Zweiten Weltkrieges" verstand. Lobend hebt Michael Salewski die Betrachtungen des Autors zur Versöhnung der Völker hervor, der die Versöhnung nicht nur als "sittliche Pflicht" sondern mehr noch als "politische Notwendigkeit" versteht.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.08.2004

Als "großartiges Buch" würdigt Rezensent Micha Brumlik diese Studie von Norman Naimark, die die Geschichte der ethnischen Vertreibungen in Europa schildert. Er sieht in ihr eine mögliche Basis für ein nicht mehr nationalstaatlich begrenztes Gedenken an die politisch motivierten Verbrechen Vertreibung und Genozid. Naimark verstehe den 1915 von der jungtürkischen Führung des Osmanischen Reiches an den Armeniern begangenen Genozid als Blaupause, die in den nächsten achtzig Jahren sämtlichen in Europa begangenen Genoziden und Vertreibungsverbrechen zu Grunde gelegen habe. Auch die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Deutschen sei hier von Interesse, da sich die Nationalsozialisten zunächst mit der Vertreibung der Juden aus ihrem Herrschaftsgebiet zufrieden gegeben hatten. Für naheliegend hält Brumlik, dass Naimark die stalinistische Deportationspolitik gegenüber Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren hier integriert. Überzeugend findet er dessen Verständnis von "ethnische Säuberungen" als genuinen Ausdruck einer Moderne, die vom Gedanken des ethnisch homogenen Nationalstaats ebenso geprägt sei wie von einer ungeheueren Kumulation technischer Mittel. Schließlich hebt er hervor, dass der Autor auch deutlich macht, wie sehr staatliche Verbrechen sich aufs biologische Geschlecht beziehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.05.2004

Ulrich Teuschs Urteil über das Buch des amerikanischen Autors Norman M. Naimark über "ethnische Säuberungen" ist zwiespältig. Zunächst lobt er die "sorgfältig recherchierten Fallstudien" und ihre "Bandbreite" als imposant. Der Autor könne zunächst überzeugend darstellen, dass die Völkermorde seit dem 20. Jahrhundert nicht etwa als Rückfälle in ein überwunden geglaubtes "archaisches" Verhalten zu werten sei, sondern als "modernes Phänomen" begriffen werden müsse, so der Rezensent zustimmend. Allerdings bleibt Teusch vieles in dem Buch zu "allgemein", und er beklagt die geringe "Erklärungskraft" der Ausführungen. Insbesondere ist dem Rezensenten nicht deutlich geworden, warum "ethnische Säuberungen" relativ selten vorkommen, wenn doch die Bedingungen für "ethnische Säuberungen, die Naimark als Auslöser ausgemacht hat, relativ häufig vorliegen. Außerdem gibt Teusch noch zu bedenken, dass die meisten Völkermorde eben nicht in modernen Staaten, sondern in der sogenannten Dritten Welt vorkommen. Die Vorstellung des Autors, nur mit verstärkter "militärischer Intervention" seien "ethnischen Säuberungen" abzuwenden, kommt dem Rezensenten seltsam vor, denn damit, meint er, widerspricht Naimark doch seiner eigenen These, ethnische Säuberungen gingen in der Regel von einem modernen organisierten Staat aus, anstatt von diesem verhindert zu werden.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Über die Geschichte "ethnischer Säuberungen" weiß man nach Ansicht von Karl Schlögel in Europa erstaunlich wenig, doch das ist keineswegs der einzige Grund für seine überaus lobende Annahme der Studie des Osteuropa-Historikers Naimark. Diesem gelinge es nämlich, im Vergleich von fünf historischen Vorgängen des vergangenen Jahrunderts - vom Fall der Armenier und Griechen im Osmanischen Reich bis zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien - die Grundzüge "ethnischer Säuberungen" in der Hochmoderne schlüssig herauszuarbeiten, und zwar auf Augenhöhe mit dem neuesten Forschungsstand sowie unter Beibringung aufschlussreicher eigener Quellen, vor allem sehr anschaulicher Augenzeugenberichte, schreibt der Rezensent. So werden Zusammenhänge zwischen Nationalstaatsbildung und ethnischer Homogenisierung deutlich - der "Vertreibungskomplex", so Schlögel, wird in Naimarks Perspektive "auf eine andere Ebene" gehoben, "heraus aus der Enge einer nationalen Betrachtungsweise des je individuellen Traumas". Und weg vom "Ton der Auf- und Abrechnung".