Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis. "Der Schlüssel zum Haus" erzählt über drei Generationen die Geschichte einer jüdischen Familie, die von Vertreibung, Migration und Exil geprägt ist. Der türkisch-jüdische Großvater verlässt seine Heimatstadt Istanbul, weil die von ihm geliebte Frau von ihrem Vater zwangsverheiratet wird. Er schwört der Liebe ab, wandert zu Verwandten nach Brasilien aus und baut sich dort eine neue Existenz und eine neue Familie auf. Seine jüngste Tochter ist die Mutter der Ich-Erzählerin. Während der brasilianischen Militärdiktaturen engagiert sie sich politisch, kommt ins Gefängnis, wird dort gefoltert, kommt freiund flieht mit ihrem Mann nach Lissabon ins Exil. Dort kommt die Ich-Erzählerin zur Welt, doch ein Jahr nach ihrer Geburt kehrt die Familie nach Rio de Janeiro zurück. Nach dem frühen Tod der geliebten Mutter und einer toxischen, gewaltsamen Beziehung ist die Erzählerin traumatisiert und wie gelähmt. Sie will begreifen, was auf ihren Schultern lastet, etwas, für das sie sich nicht verantwortlich fühlt, das sie aber niederdrückt. Schreibend unternimmt sie den Versuch, sich von der quälenden Last der familiären Vergangenheit zu befreien. Ihr Großvater hat ihr den Schlüssel zum Haus seiner Familie übergegeben, und sie begibt sich auf eine Reise zu ihren Wurzeln erst nach Istanbul, dann nach Lissabon und letztendlich zur ihrer ureigenen Identität, an deren Ende eine tatsächlich glückende Liebe steht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.11.2024
Als Schlüssel zu einem Haus, in dem man sich "zahlreiche Gefühlsräume" erschließen kann, sieht Rezensent Carsten Hueck den Roman von Tatiana Salem Levy. Drei Generationen ihrer Familie widmet sich die brasilianische Autorin in fragmentarischen Erinnerungsepisoden, wobei nicht eindeutig markiert wird, wo die Realität endet und die Fiktion beginnt. Die Erzählstimme wechselt zwischen der Perspektive einer Mutter und ihrer Tochter. Levy lässt eine junge Frau erzählen, die von Brasilien in die Türkei reist, von wo ihr Großvater, ein Nachfahre sephardischer Juden, einst nach Lateinamerika auswanderte. Daneben stehen die Erlebnisse der Mutter der jungen Frau, die sich dem Vater im Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur anschloss, so Hueck, der die Heldin hier sehr gerne auf ihrer Lebensreise begleitet.
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