Außer Atem

Berlinale 10. Tag

Von Thekla Dannenberg
18.02.2006. Philip Seymour Hoffman brilliert als zynischer, mitfühlender, tuntiger Truman Capote in Bennett Millers "Capote". Aleksandr Shapiro zeigt in "Happy People" die wahnsinnig dekadente Jeunesse doree Kiews.
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Einmalig: Bennett Millers "Capote" (Wettbewerb)

Geschichten über den zynischen, den blutsaugenden Journalismus sind ebenso oft erzählt worden wie die über den mitfühlenden und engagierten. Aber selten wurden sie so grandios miteinander verzahnt, selten so bitter, so klug und so verzweifelt erzählt.

Der Film erzählt die Geschichte von Truman Capotes Buch "Kaltblütig", dem ersten und bahnbrechenden nichtfiktionalen Roman in der amerikanischen Literatur. Es beginnt 1959 in New York: Die literarische Schickeria fragt sich, worüber man eigentlich noch Bücher schreiben soll. James Baldwin hat gerade mit einem Roman über die Liebe eines schwulen Schwarzen zu einem Juden Furore gemacht. Ein solcher Erfolg lässt Capote natürlich keine Ruhe, er positioniert sich dagegen: Jeder Tatsachenbericht sei spannender als diese engagierte Literatur. Er wittert seine Chance, als er in der New York Times die Meldung liest, dass in Kansas eine vierköpfige Familie brutal ermordet wurde.

Zusammen mit seiner Kollegin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), der Autorin von "Wer die Nachtigall stört", macht er sich auf den Weg in die Provinz, um für den New Yorker eine Reportage über den Fall zu schreiben. Da passt er hin wie die Faust aufs Auge: Capote ist ein offen bekennender Homosexueller, der bei jeder Begrüßung auf seine exquisiten Markenkleider hinweist. Der großartige Philip Seymour Hoffman spricht ihn mit wohlkalkulierter Stimme - so tuntig-fistelig, dass man einige Zeit braucht, um diesen eitlen Paradiesvogel in seiner Klugheit und seinem Feingefühl ernstzunehmen.

Schon die ersten Minuten im Zug und in Holcomb machen klar, dass es bei dieser Reise genauso um ihn gehen wird wie um den Fall. Das Entree in die verschlossene Gesellschaft verschaffen ihm vor allem die lesenden Hausfrauen, die sich unter der Hand seinen Roman "Frühstück bei Tiffany" weiter reichen, der eigentlich aus den öffentlichen Bibliotheken verbannt wurde. Zwei Männer werden gefasst, Perry Smith und Dick Hickock, und niemand kann sich vormachen, dass sie diese schreckliche Tat nicht begangen haben. Trotzdem entwickelt Capote eine enge Beziehung zu einem der Täter, zu Perry Smith, dem Sohn einer am Alkohol zugrunde gegangenen Cherokee. Smith und Capote sind seelenverwandt. Beide sind in früher Kindheit von ihren Eltern verlassen worden und vereinen in sich gnadenlose Egozentrik und hohe Sensibilität, Größenwahn und Verletzlichkeit. "Wir sind im selben Haus aufgewachsen, doch er ist durch die Hintertür hinausgegangen und ich durch die Vordertür", sagt Capote.

Wie sich in dem Film die Beziehung zwischen den beiden entwickelt, ist einmalig. Beide sprechen von Freundschaft, beide brauchen einander: Capote will seine Geschichte, Smith braucht gute Presse, um dem Todesurteil zu entkommen. Sie belügen einander, sie manipulieren sich, sie nutzen sich aus, und sie sind scharf aufeinander. Wenn Harper Lee Capote fragt, ob er denn Smith achtet, wird er antworten: "Aber natürlich, er ist eine Goldmine!" Wenn immer bedrückendere Einzelheiten aus Smith' Jugendjahren herauskommen, ist Capote vor allem über sich selbst ergriffen: "Der Gedanke daran, wie gut mein Buch wird, raubt mir den Atem." Aber er ist auch derjenige, der Smith und Hickock einen vernünftigen Anwalt besorgt.

Über vier Jahre werden der Schriftsteller und der Mörder aneinander gekettet bleiben, immer größer wird ihre Abhängigkeit voneinander und immer größer die Kluft: Capote braucht die Hinrichtung, um sein Buch abschließen zu können. Es wird das letzte sein, das er je geschrieben hat.

Thekla Dannenberg

"Capote". Regie: Bennett Miller. Mit Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Chris Cooper und anderen. USA 2005, 113 Minuten (Wettbewerb, außer Konkurrenz).


Wahnsinnig dekadent: Aleksandr Shapiros "Happy People" (Forum)

Selten hat ein Film wohl die Erwartungen seines Publikums konterkariert. Wenn ein ukrainischer Regisseur einen Film mit dem Titel "Happy People" ankündigt, denken die meisten wohl an die Menschen auf dem Majdanek, die orangefarbene Fahnen schwenken und den hart erkämpften Sieg ihres Präsidentschaftskandidaten feiern. Doch davon war in Aleksandr Shapiros Film nichts zu sehen. Die "Happy People" sind hier die dekadenten Neureichen, die mal eben 40 Millionen Dollar Hilfsgelder auf ihre Konten schieben und sich auf Parties mit Edelhuren zukoksen. Nach 30 Minuten hat die Hälfte des Publikums das Kino verlassen.

Es geht um Kiews Jeunesse doree, die allmählich anfängt, sich auf ihren Parties zu langweilen. Herman, der mit der Verscherbelung von Industrieanlagen und dem Verkauf von "Pazifik-Hering" ein Vermögen gemacht hatte, und sein Hänger-Kumpel Sasha beschließen, es mal mit echten Gefühlen zu probieren und sich ihre Freundschaft zu beweisen. Sie stellen sich Aufgaben, die der andere bedingungslos erfüllen muss. Es fängt mit harmlosen Späßen, steigert sich aber stetig: Sasha fordert von Herman, an einem Tag die eigene Firma zu ruinieren. Dazu ist Herman tatsächlich bereit, dass der Versuch scheitert, liegt nicht an ihm. Die Dinge ändern sich allerdings, als Herman herausfindet, dass Sasha nicht, wie vorgegeben, aus armen Verhältnissen stammt, sondern der psychotische Sohn eines Bankdirektors und einer Wissenschaftlerin ist. Bereits bei einem Aufenthalt in London hatte er ein Supermodel in den Selbstmord getrieben.

Mit unscharfen Bildern und den harten, schnellen Cuts eines Videoclips ist der Film ein fast zweistündiger Trip durch das Kiew der Dekadenz und des Wahnsinns. Die Einfälle des Werbe-und Videofilmers Shapiro prasseln auf einen nieder wie Hagelkörner: Beinamputierte Fußballspieler, Erwachsene im "Spielparadies" von McDonald's, Männer, die sich im Edelrestaurant gegenseitig tätowieren und vom Kellner füttern lassen. Man könnte auch sagen sagen: Sie ziehen an einem vorbei wie die Videos bei einem Auto-Simulator in der Spielhalle: Wahrnehmen kann man wenig, man versucht nur verzweifelt, im Rennen zu bleiben.

Thekla Dannenberg

"Happy People". Regie: Aleksandr Shapiro. Mit Konstantin Zabaykalski, Vitaliy Linetski u.a., Ukraine 2006, 103 Minuten (Forum)