Außer Atem

Berlinale 1. Tag

Von Lukas Foerster, Thomas Groh
06.02.2009. Sucht die Weisheit im Schoß junger Schulmädchen: Sono Sions "Love Exposure". Beweist ein Ethos des Blicks: Soda Kazuhiros Dokumentarfilm über eine psychiatrische Klinik in Japan. In Tom Tykwers Thriller "The International" lässt sich Clive Owen ordentlich was aufs Ohr hauen, der Shootout findet im Guggenheim statt: Das nennt man souveränes Genrehandwerk.
Geld ist die beste Medizin: Soda Kazuhiros Dokumentarfilm "Mental - Seishin" (Forum)

"Teilnehmende Beobachtungen" nennt Kazuhiro Soda seine Dokumentarfilme, die zu den interessanteren Entdeckungen des Forums in den letzten Jahren gehören. Diese Selbstbeschreibung verweist weniger auf einen ethnologischen Impetus, denn auf einen spezifischen Ethos des Blicks.

Sodas Erstling, "Campaign", war 2007 im Forum zu sehen und porträtierte den Wahlkampf eines von den innerparteilichen Machtstrukturen sichtlich überforderten Provinzpolitiker der japanischen Dauer-Regierungspartei LDP. Das neue Werk heißt "Mental" und widmet sich einer ambulanten psychiatrischen Klinik in Okayama. Eine kleine Klink ist das, ein Privatunternehmen, das hauptsächlich von einem einzigen Arzt und seinem Idealismus gestemmt wird: Dr. Yamamoto Masatomo. Die Klinik ist die letzte Anlaufstelle für Intensivpatienten, die teilweise seit Jahren hospitalisiert sind und nicht mehr weiter wissen. Eine Patientin zeigt Soda ihre gigantische Medikamentenpalette: An die hundert Tabletten für einen einzigen Tag.

Soda porträtiert außerdem einige Miniunternehmen, die von der Klinik gegründet wurden und die den Patienten nicht nur eine regelmäßige Beschäftigung und damit einen strukturierten Tagesablauf ermöglichen, sondern auch ein geringes Einkommen verschaffen sollen. das sie bitter nötig haben. Immer wieder kommt in "Mental" das Gespräch aufs Geld. Ein Patient meint einmal, dass Geld oft die beste Medizin für Psychiatriepatienten sei. Spätestens beim Anblick der ärmlichen Behausungen, in denen er und seine Leidensgenossen leben, ist man geneigt, ihm Recht zu geben.

Nicht nur die Patienten, die gesamte Institution steckt in ökonomischen Zwängen. Freimütig gestehen die Angestellten ein, dass die finanzielle Situation schwierig ist und dass sie selbst mehr verdienen als ihr Chef, dessen spärliches Gehalt unter Sozialhilfeniveau liegt. Schnell wird klar, dass Soda mit "Mental" keinen Film über Psychatrie in Japan im Allgemeinen gedreht hat, genauso wenig, wie "Campaign" ein Film über den japanischen Wahlkampf im Allgemeinen war. Zwar funktionieren beide Filme auch auf dieser Ebene, aber schon der Titelheld aus "Campaign" war alles andere als ein typischer LDP-Politiker und noch weniger ist das Krankenhaus in "Mental" ein typisches Beispiel für Psychiatrie in Japan. "Mental" ist getragen von einer tiefen Sympathie für den Gegenstand. Sympathie einerseits für den alten Arzt, der in seinen Behandlungsgesprächen den Patienten immer wieder lustige Schemata ihrer Psyche und ihres gesamten Lebenswegs aufzeichnet, und andererseits für die Patienten und ihr Martyrium.

Im Ergebnis entwirft Soda ein nicht besonders ungewöhnliches, aber doch genau durchdachtes dokumentarisches Setting. Er selbst taucht in seinen Filmen auf der Tonspur, aber nicht im Bild auf. Die Kamera drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern positioniert sich in kleinen Gesten zu ihrem Material. Wenn eine Patientin auf dem Hof vor der Klinik sitzt und erzählt, dass sie diesen Ort gerne aufsuche wegen den Bäume über ihr, gleitet der Kamerablick sanft nach oben in ihre Blickrichtung, in Richtung der Bäume. Ein anderer Patient inszeniert eine kleine Show für die Kamera. Er erzählt poetische Anekdoten und unternimmt philosophische Exkurse. Irgendwann unterbricht er seinen Monolog und ruft "Cut!". Die Kamera gehorcht dieser Aufforderung nach ein paar Sekunden. Ein derartiges Ethos des Blicks ist dem Film mindestens ebenso wichtig wie eventuelle Erkenntnisgewinne.

Sodas Kamera macht keinen Unterschied zwischen Patienten und Pflegekräften. Ob damit nun, wie wohl mancher behaupten wird, unbedingt der Unterschied zwischen psychisch erkrankten und gesunden Menschen grundsätzlich in Frage gestellt werden soll, möchte ich bezweifeln. Eine derartige Argumentation gerät immer in Gefahr, eine europäische Diskussion von außen auf einen nichteuropäischen Film zu pfropfen. Eher geht es darum - und das sagt der Film auch explizit - den Sichtschutz zwischen dem funktionierenden Japan und dem Japan, das aus dem Takt geraten ist, niederzureißen, einen Sichtschutz, der nur schützen kann, weil er selbst unsichtbar ist. Ein Großteil dieses Sichtschutzes ist materiell-ökonomischer Natur. Und insbesondere dieser Teil des Sichtschutzes gelangt in "Mental" eindrucksvoll ans Tageslicht.
Lukas Foerster
Soda Kazuhiro: "Mental - Seishin". Dokumentarfilm. Japan 2008, 135 Minuten. (Alle Vorführtermine)


Im Schoß universeller Wissenskraft: Sono Sions "Love Exposure" (Forum)

Der japanische Regisseur Sion Sono ist kein Unbekannter im Forum der Berlinale: Berüchtigt unter Festivalgängern ist sein 2006 hier gezeigter "Strange Circus" (Trailer), der finsterste Traumata seiner Figuren in blutig-überladene, exzessive Bildallegorien goss (hier ein Interview mit dem Regisseur). Grotesk waren die Fantasien in seinem letztes Jahr nur auf DVD erschienenen Horrorfilm "Exte", in dem sich künstlich verlängerte Haare mörderisch gegen die jungen Frauen richten, die sie trugen (Trailer). Die Welt von Sion Sono ist eine, in der kontroverse Themen und Albernheiten, groteske Fantastereien und völlig ernst gemeinte Psychodramen über die Grenze der Trennbarkeit hinaus einen engumschlungenen Teufelstanz eingehen.



Gefasst machen muss man sich im Falle von "Love Exposure" indes auch auf arg beanspruchtes Sitzfleisch, diese kostbarste Resource im Festivalalltag: Nicht weniger als vier Stunden dauert Sion Sonos im Grunde ehrlich gemeinte und auf ein Happy End hinaus wollende, mehrfache versponnene Liebesgeschichte, deren Vertracktheiten es auf gewohnt unheilige Weise in sich haben: Da ist der kleine Sohn Yu, der seine christliche Mutter beim Beten beobachtet und liebt, die ihm wiederum empfiehlt, sich eine Maria zu suchen und zur Frau zu nehmen. Die Mutter stirbt, der Vater flüchtet in den Glauben, wird katholischer Pfarrer, fällt vom Glauben ab, als ein hysterisches Weib sich ihn zum Mann nimmt, fällt umso mehr in den Glauben zurück, als diese ihn fallen lässt, was für den Sohn, mittlerweile ein junger Mann, drastische Folgen hat: Der Vater ruft beharrlich zur Beichte heran, doch da es nennenswert zu beichten nichts gibt, verfällt der Sohn aufs professionelle Sich-Versündigen an Mitschüler, Ameise, Privateigentum, auf dass es viel bei Vatern zu beichten gibt.

Was ihn schließlich, doch bei weitem nicht schlussendlich in die Arme eher armseliger Dropouts treibt, die ihn, den unschuldigen Sünder, an einen Masturbationsguru weiterreichen, der aus unerfüllter Liebe zu den weiblichen Geschlechtsteilen den Schoß junger Schulmädchen zum Ort universeller Wissenskraft und heimlich den jungen Mädchen abgerungene Fotos der Körperregion zum sakralen Fetisch erhebt. Die Techniken zur Fertigung solcher Fotografien sind, wie die folgende Ausbildung zeigt, von Martial Arts auf hohem Niveau nicht zu trennen, ein Gebiet, auf dem Yu Meisterschaft und deshalb eine Gefolgschaft erlangt. Mit einem Makel nur: Weil er ja sündigt, um zu beichten, bleibt er im Herzen rein und von Erektionen und Masturbationen gänzlich verschont. Lediglich seine Maria sucht er auf diesem Weg zu finden.



Diese findet er samt hervorspringender Manneskraft schließlich ausgerechnet in der kampferprobt-milianten Christin und Männerhasserin Yoko und dies ausgerechnet selbst im Drag-Kostüm, verkleidet als die von Meiko Kaji einstmals gespielte Sasori-San, eine populäre Figur aus dem japanischen Exploitationkino, die mit steinerner Miene Männerdomänen zum Einsturz brachte, was für den weiteren Verlauf entscheidend ist.

Natürlich ist das nicht alles. An dieser Stelle hat der Film noch nicht mal seine Hälfte überschritten! Es folgen Verschwörungen und Intrigen, Verwechslungsgeschichten nach Manier der frivolen Klamotte und Ausflüge in die queere Burleske, Splattergeschichten und Sicko-Slashereien, eine Sekte tritt auf und wieder ab, es geht an den Strand, ins Irrenhaus und Bomben werden gelegt. Eine Liebesgeschichte, strikt von der Perversion und deren Umdeutungen und Verschiebungen her gedacht. Dass die ständigen Tonfallwechsel gelingen, dass man die Figuren in schrillen wie in bitteren Momenten ernst nehmen kann, dass "Love Exposure" zwar bis zum Bersten gefüllt ist mit mal genialen, mal trivialen Ideen, aber doch wie geschlossen in sich ruht, dass die fahrig-nervöse Kamera das Geschehen in jedem Moment zu fassen kriegt, ist dabei das eigentlich Erstaunliche, was diesen Film, Sitzfleisch vorausgesetzt, so sehenswert macht.
Thomas Groh
Sono Sion: "Ai no mukidashi - Love Exposure". Mit Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Ando. Japan 2008, 237 Minuten. (Alle Vorführtermine)


Shootout im Guggenheim in Tom Tykwers "The International (Wettbewerb)

Eine Geschichte wie aus der Blütezeit des italienischen Thrillers der 70er Jahre, als zornige Regisseure mit proto-kommunistischer Gesinnung raue Filme über moralische Verderbtheiten der Finanzwelt drehten: Eine korrupte Bank, die am liebsten beide Seiten eines internationalen Konflikts bedient, um, wie es einmal heißt, in erster Linie die daraus erwachsenden Schulden zu kontrollieren, bereitet einen schwiemeligen Waffendeal vor; ein cholerischer Cop mit nicht allerbesten Arbeitszeugnissen ermittelt in dieser Angelegenheit auf Seiten Interpols. Verzweifelt auf der Suche nach Zeugen, nach kleinsten, zur Not orthopädischen Spuren, auf dem besten Weg in die Paranoia. Im Italien der 70er Jahren wäre unweigerlich Franco Nero für eine solche Rolle in Frage gekommen, heute erledigt Clive Owen den Job, der hier nach seiner großartigen Performance in "Children of Men" einmal mehr unglaublich aus- und abgebrannt spielt, sich aufs Ohr erst ordentlich was hauen und es sich dann fast abschießen lässt. Kein strahlender, ein manischer, atemloser Held, ein gehetzter Hetzer im System des Kapitalismus, das den Gegner, den er zu Fall zu bringen gedenkt, schon ganz grundsätzlich schützt.



Im hektischen Schnitt geht es in Tom Tykwers "The International" von Berlin nach Paris nach Mailand nach New York nach Istanbul (nicht ausgeschlossen, dass hier was fehlt), gerne auch hin und her. Die Stationen sind Set Pieces, die Locations mit Sorgfalt nach ihrem Schauwert ausgewählt. Smooth und elegant werden die Städte, die Gebäude von der Kamera eingefangen, schnörkellos, und doch mit Stilbewusstsein. "The International", Tykwers erster richtiger Hollywoodfilm, so nebulös dieser Begriff heute auch angesichts der zahlreichen Produktionsmittel aus anderen Ländern, sein mag, ist sattelfestes, souveränes Genrehandwerk, mit Sinn schon auch für den einzelnen Effekt, aber ohne allzu großen Angebereien: Man kann hier ganz gut mitfiebern, ohne in einem fort bestrickt zu werden. Und ein Spektakel ist es obendrein, wenn im New Yorker Guggenheim - der Kunstliebhaber darf aufatmen: ein Nachbau - ausgiebig die Eskalation eines Shootouts zelebriert wird, der anderen Filmen zum abschließenden Höhepunkt gereicht hätte, hier aber nur einen, indes fast schon antiklimatischen, ganz auf Reduktion setzenden, salopp lakonischen Showdown auf engstem Raum über den Dächern von Istanbul vorbereitet.



Tykwers Ansatz ist durchaus cinephil: Pakulas "Zeuge einer Verschwörung" schimmert gelegentlich durch, der italienische Politthriller ist schon genannt, die räumliche Eskalation und schließliche Konzentration auf den individuierten Manövrierraum erinnert an die ganz ähnliche Konzeption von "French Connection". Sympathisch ist, dass dies eher mitschwingt als aufgestrichen ist. Darüber hinaus: Gutes Genrekino, behutsam austariert zwischen nötiger Grandezza und angebrachter Bodenhaftung.
Thomas Groh
Tom Tykwer: "The International". Mit Clive Owen, Naomi Watts, Armin Mueller-Stahl, Brian F. O'Byrne, Ulrich Thomsen, Jack McGee. USA, Deutschland 2008, 118 Minuten (Alle Vorführtermine)