9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2024 - Wissenschaft

Im Interview mit der FAZ verteidigt sich die Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger recht einsilbig in der Förderaffäre (unser Resümee). Dass sie nicht gewusst habe, dass ihre Staatssekretärin Sabine Döring die Förderungen der Hochschuldozenten überprüfte, die den Protestbrief gegen die Räumung des FU-Camps unterschrieben hat, begründet sie mit "einer gewissen Arbeitsteilung" im Ministerium. Dass sie in einem Interview die "Verfassungtreue" der Dozenten anzweifelte, möchte sie allerdings nicht zurücknehmen: "Der offene Brief ist Teil einer legitimen Debatte. Dem kann man aber auch eine kritische Meinung entgegensetzen. Aus guten Gründen stehe ich auch dazu. Davon getrennt zu sehen ist die Wissenschaftsfreiheit. Eine politische Weltanschauung kann nicht über Wissenschaftsförderung entscheiden, das will ich noch einmal betonen. Das ist für mich der wichtigste Punkt der Debatte. Fördergelder werden in meinem Haus in ausschließlich wissenschaftsgeleiteten Verfahren nach Exzellenzkriterien vergeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2024 - Wissenschaft

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hatte gestern in der FAZ ihr Verhalten in der "Förderaffäre" gerechtfertigt und jene Hochschullehrer nochmals kritisiert, die den Studenten der FU bei ihrer Unibesetzung Carte blanche geben wollten. Die ARD-Sendung "Panorama" hatte inzwischen herausgefunden, dass Stark-Watzinger "offenbar Namenslisten mit Hochschullehrenden erstellen" ließ, die ihr politisch nicht genehm waren. Genüsslich zitiert die "Panorama"-Redaktion aus internen Mails: "Bei den Bearbeitern des Auftrags sorgte diese Überprüfung wohl für Unbehagen. So heißt es in den Mails, die 'Panorama' und 'Frag den Staat' vorliegen: 'Ich möchte Ihnen nicht verhehlen, dass es unter den Kolleginnen und Kollegen großes Unwohlsein ausgelöst hat, Namen in Listen zu markieren, (...) aus meiner Sicht ist dieses Statement absolut durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.' Weiter heißt es: 'Sollten Sie die Liste dennoch übermittelt bekommen haben wollen, dann mache ich das selbstredend.' Auf die geäußerten Bedenken hin antwortete das Ministerium: '(...) guten Morgen. Ich finde diese Haltung sehr schwierig, um es etwas zurückhaltend zu formulieren. Ich bitte Sie, unserem Wunsch zu folgen. (...)'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2024 - Wissenschaft

Seit fünf Jahren gibt es den Studiengang "Islamische Theologie" an der Humboldt-Universität in Berlin. Ist das Vorhaben des Instituts gelungen, den Studierenden "die humanisierenden Kräfte des Islam verständlich zu machen, die sinn- und friedensstiftenden Potenziale der Religion" zu vermitteln? Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ zieht Gerald Wagner eine gemischte Bilanz. Für eine erste "deutschlandweite empirische Studie" wurden "an elf deutschen Hochschulen, darunter auch die HU, 252 Studenten des Faches über ihre Wertorientierungen und religiösen Einstellungen" befragt, resümiert Wagner. "47 Prozent hätten angegeben, dass der Staat Israel kein Existenzrecht habe, 37 sahen Juden als ihre Feinde. 22 befürworteten eine Islamisierung der Politik und 25 Prozent die Islamisierung des deutschen Rechtssystems." Der Direktor des Instituts Serdar Kurnaz kritisiere jedoch die Methodik der Studie, so Wagner: "Was die größte Schwäche der Studie ausmache, sei ihr Querschnittscharakter. Man müsste stattdessen beobachten, wie sich die Einstellungen von Studenten im Laufe ihres Studiums änderten."

Das Deutsche Historische Institut in Moskau muss schließen, meldet Kerstin Holm in der FAZ. Es reiht sich in die Liste von 167 "unerwünschten Organisationen" ein, die von der Staatsanwaltschaft verboten wurden: "Das schließt auch das Bereitstellen ihrer Publikationen in öffentlichen Bibliotheken ein. Da seit Beginn der Großinvasion in die Ukraine russische Bibliotheksleiter fürchten müssen, dass Denunzianten Schrifttum verbotener Organisationen bei ihnen entdecken und den Strafverfolgern melden, sortieren Bibliotheksmitarbeiter wohlweislich die oft qualitätvollen, aber gefährlich gewordenen Publikationen von Soros, dem WWF oder Transparency aus. Das Verbot des DHI wird eine neue Säuberungswelle russischer Bibliotheken auslösen. ... Im Internet sind einige Titel schon nicht mehr auffindbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2024 - Wissenschaft

Im Verfassungsblog verurteilten die Juristen Michael Plöse und Benjamin Rusteberg die Räumung des Protestlagers an der HU, die laut HU-Präsidentin Julia von Blumenthal von Berlins Bürgermeister Kai Wegner und von Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra anberaumt worden war, als rechtswidrigen Eingriff in die Hochschulautonomie. Dem widerspricht Thomas Thiel heute in der FAZ. Die juristische Bewertung hänge "von der Frage ab, ob die Hochschulpräsidentin zuvor ihre Amtspflicht vernachlässigte, als sie den Hausfriedensbruch zunächst duldete und die Demonstranten gewähren ließ, die im sozialwissenschaftlichen Institut schwere Schäden anrichteten."

Ebenfalls in der FAZ ist Patrick Bahners nach wie vor fassungslos, dass die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger (FDP) den Unterzeichnern, die den offenen Brief von Lehrenden der Berliner Universitäten unterschrieben haben, in der Bild vorgeworfen hatte, sie würden nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen: "Ein von einer Ministerin geäußerter Verdacht der Verfassungsfeindschaft gegen Einzelpersonen - das ist, um die Kategorie der Ministerin zu übernehmen, in der Geschichte exekutivmächtigen Gegendemonstrierens eine neue Qualität." Bahners verweist zudem auf eine NDR-"Panorama"-Recherche, die einen ministeriumsinternen Mailverkehr offenlegte, in dem eine "juristische Prüfung einer etwaigen strafrechtlichen Relevanz der Aussagen in dem offenen Brief" angestrebt wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2024 - Wissenschaft

Für die akademische Welt in Israel hat eine "Phase der Isolation" begonnen, stellt Ronen Steinke besorgt in der SZ fest. Mehr und mehr israelische Wissenschaftler werden von internationalen Universitäten ausgeladen, Kooperationen mit israelischen Instituten werden beendet, 60 Erfahrungsberichte hat Haaretz in einem Artikel zusammengefasst, auf den Steinke Bezug nimmt: "Im Bericht ist etwa die Rede von einer Forscherin an der Universität Haifa, Ravit Alfandari, die erzählt, wie ihr ein Kollege aus Nordirland, mit dem sie an einem Projekt zu häuslicher Gewalt gearbeitet hatte, kurz vor der Abgabe eines Fachartikels die Zusammenarbeit aufgekündigt habe. Er habe eine Petition für einen Boykott israelischer Universitäten unterschrieben, soll er zur Erklärung gesagt haben. 'Ich schätze dich sehr, aber ich will nie wieder mit dir zusammenarbeiten. Das ist auch nicht nur vorübergehend. Ihr begeht einen Völkermord in Gaza.' Eine "düstere Zukunft" droht den israelischen Forschern, die vom Rest der Welt abgeschnitten werden, so Steinke, aber genauso "dem akademischen Leben in Europa, wenn es sich von seiner bisherigen Offenheit verabschiedet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2024 - Wissenschaft

In der FAZ zeigt Claus Leggewie wenig Sympathie für den BDS, dessen Forderungen ihn stark an das "Kauft nicht bei Juden"-Schild der Nazis erinnern. Besonders entsetzt ihn aber die Forderung, auch israelische Universitäten und Wissenschaftler zu boykottieren: Das sei "entweder eine Riesendummheit oder ein kühl kalkulierter Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Und der beginnt in vielen westlichen Universitäten schon bei einem Bachelor-Kurs, an dem jüdische Studenten und deren Unterstützer (oder Beschützer) teilzunehmen physisch gehindert oder abgeschreckt werden. Dass dergleichen von palästinensischen Aktivisten kommt, die nicht allein Israels Wissenschaftskommunikation unterbinden wollen, sondern das Existenzrecht des Staates bestreiten, ist so bedauerlich wie erwartbar. Dass es von westlichen Wissenschaftlern in einer völlig falsch verstandenen Solidarität mit dem ominösen Global South gefordert wird, ist ein Skandal, der scharfen Widerspruch verdient."

Antisemitismus kommt vor allem von rechts, beharren in der FAZ Stefanie Schüler-Springorum und Uffa Jensen, die das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin leiten und "stolz darauf" sind dazu beizutragen, die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus zu verbreiten, die Israelkritik nur unter sehr engen Annahmen als antisemitisch verstanden wissen will. Wie genau diese Annahmen zu definieren sind, bleibt allerdings auch in diesem Text vage: "Es ist evident, dass sich Israelfeindschaft leicht mit antisemitischen Bestandteilen und Motiven aufladen lässt - wie es allenthalben auch geschieht. Dieses Mischungsverhältnis in konkreten Fällen abzuwägen ist eine gegenwärtige Aufgabe der Antisemitismusforschung, wie sie auch von der JDA gefordert wird: Wer hat eine Äußerung mit welchen Motiven und Stereotypen getätigt? Was ist mit ihr intendiert? Was ist ihr Kontext?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2024 - Wissenschaft

Fragmente der sogenannten Herculaneum-Papyri, die Details über Leben und Sterben Platons enthalten, sind lesbar gemacht worden. Die Gräzistin Gyburg Uhlmann erklärt im Welt-Gespräch, weshalb das so spektakulär ist: "Dieses Fragment aus der 'Geschichte der Akademie' sagt nun eindeutig, dass Platons Grab im Garten neben dem Museion zu verorten ist, also innerhalb der Akademie. Das ist spektakulär, wie es eigentlich immer spektakulär ist, wenn man neue antike Texte entdeckt. Das geschieht ja jetzt immer häufiger, dank der verschiedenen, auch mich begeisternden neuen Methoden - Röntgen schon länger, jetzt auch KI - mit denen man verkohlte, zusammengebackene und nicht mehr entrollbare Papyrusrollen lesbar machen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2024 - Wissenschaft

"Die Freiheit der Wissenschaft ist in Gefahr. Das ist keine überzogene Befürchtung ängstlicher Standesvertreter, die sich vor Kritik scheuen, sondern eine Tatsache", konstatiert in der FAZ Bernd Ahrbeck, der selbst Psychoanalytische Pädagogik in Berlin lehrt. Bestätigt fühlt er sich durch den ersten Band des Jahrbuchs des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das dies exemplarisch belege. Ahrbeck nennt u.a. das Beispiel einer gesprengten Lehrveranstaltung in Leipzig, auf der das von den Demonstranten als transfeindlich eingestufte Buch von Christoph Türcke ("Natur und Gender") Thema sein sollte. "Die protestierenden Leipziger Studenten erklärten allen Ernstes, sie verteidigten damit die Wissenschaftsfreiheit. Der Protest richte sich nicht gegen Wissenschaftsfreiheit, die von den Studierenden für unerlässlich gehalten werde. Beanspruchten aber 'Demagog*innen' diese Freiheit, handele es sich bloß um einen rhetorischen Trick. Erkenntnis werde nämlich gar nicht angestrebt." So gesehen wird Wissenschaftsfreiheit erst wiederhergestellt, wenn das inkriminierte Buch aus der Bibliothek entfernt ist. Gefährlich findet Ahrbeck diese Haltung: "Verfassungsmäßig verbriefte Rechte dürfen unter keinen moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden. Vor einer Subjektivierung des Rechtsempfindens, wie es der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier beklagt, kann deshalb nur gewarnt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2024 - Wissenschaft

Angesichts des wachsenden Antisemitismus nicht nur an amerikanischen, sondern auch an deutschen Universitäten begrüßen die Soziologin Karin Stögner und der Politikwissenschaftler Lars Rensmann auf den Geisteswissenschaften der FAZ den im Dezember 2023 verabschiedeten Aktionsplan gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit der Kultusministerkonferenz, der Universitäten zu einer klaren Positionierung gegen jegliche Form des Antisemitismus aufruft und sich dabei auf die IHRA-Definition bezieht: "Die KMK sollte beim Wort genommen werden, dem auch Taten zu folgen haben. Um Antisemitismus an Hochschulen bekämpfen zu können, braucht es vermehrt Forschungen zu jenen modernisierten Formen des Antisemitismus im Kontext rabiater Israelfeindschaft, die an Universitäten und im künstlerischen Milieu zuvörderst relevant sind. Tatsächlich gibt es in Berlin mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung eine hoch dotierte wissenschaftliche Institution, die sich genau dem widmen sollte. Stattdessen lehnt der amtierende Direktor Uffa Jensen die IHRA-Definition seit Jahren ab, gerade weil mit ihr Formen der Israelfeindschaft als Antisemitismus benannt werden können. Damit redet er jenen Wegbereitern eines universitären Antisemitismus das Wort, die wie Judith Butler behaupten, die Opfer des Hamas-Pogroms seien nicht Juden, sondern Israelis gewesen, weshalb dies keine antisemitischen Gewalttaten seien."

Eine Koalition aus jüdischen Studierendenverbänden fordert die Aberkennung des Adorno-Preises für Judith Butler nach ihren Aussagen zu Israel (unser Resümee). Butler will die Hamas unter anderem nicht als Terrororganisation ansehen und hält das Massaker vom 7. Oktober nicht für antisemitisch. Die FR druckt ein kurzes Statement Butlers, in dem diese auf die Vorwürfe reagiert und beteuert, die Gewalt gegen israelische Zivilisten nicht legitimieren zu wollen: "Ich bin gegen alle sexuellen Gewalttaten, Verletzungen und Morde, die seit dem 7. Oktober stattgefunden haben, einschließlich der grausamen Taten der Hamas, die ich unmissverständlich verurteilt habe und weiter verurteile."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2024 - Wissenschaft

Über die israelische Regierung möchte Asher Cohen, Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem, im Zeit-Interview nicht sprechen. Deutlichere Worte richtet er hingegen an die amerikanischen Universitäten: "Wir dachten, in der wissenschaftlichen Community hätten wir Verbündete, aber die Statements der Unipräsidenten klangen furchtbar kalt. Ich hatte ein langes Zoom-Gespräch mit Claudine Gay, der damaligen Harvard-Präsidentin. Ich glaube ihr, dass sie das alles nicht böse gemeint hat. Und dennoch ... Bis heute hat keine einzige Unileitung aus den USA mich oder die anderen israelischen Universitäten besucht. Mich hat das sehr getroffen. Die Deutschen waren da übrigens ganz anders."