9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2024 - Kulturpolitik

Die heftigen Einschnitte im Berliner Kulturetat (unsere Resümees) sind ein fatales Signal, warnt Christian Thielemann als frischer Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper im SZ-Interview mit Peter Laudenbach. Seine zentrale Botschaft: gute Kultur braucht Geld: "Es gibt auch in der Kunst so etwas wie Weltmarktpreise. Ein Kilo Gold hat eben einen bestimmten Preis. Wenn Sie ihn nicht bezahlen wollen, haben Sie kein Gold. Wenn Sie eine Stradivari kaufen wollen, dann kostet die Stradivari, was eine Stradivari eben kostet. Und wenn Sie zum Beispiel in einem Orchester keine angemessenen Gagen bezahlen wollen, dann werden Sie eben nicht die besten Musiker bekommen, sondern vielleicht nur die zweitbesten. Dann sagt das Publikum nach den Konzerten irgendwann enttäuscht, na, die waren aber auch schon mal besser." nachtkritik hat Statements der Berliner Häuser zu den angekündigten Kürzungen eingeholt. Für die Berliner Zeitung kommentiert Birgit Walter.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2024 - Kulturpolitik

In der FR warnt Björn Hayer vor den anstehenden Kürzungen in der Kulturbranche. Kunst in jeder Form habe eine wichtige Funktion in der Gesellschaft und beuge unter anderem größeren Problemen vor. Die Einsparungen zeugen "von der Kurzsichtigkeit der Politik. Denn was man in den ohnehin knapp bemessenen zwei Prozent des Gesamtsteueraufkommens für Kunst, Literatur und Theater nun ad hoc einspart, zahlt sich in der Zukunft nicht aus. Irgendwann ideologisch abdriftende Menschen kosten den Staat in Form von Sicherheitsarchitektur und Gefahrenabwehr weitaus mehr als ein kulturelles Gefüge, das eine vorbeugende Psychosozialhygiene betreibt. Massiv betroffen könnten davon übrigens die Jugendlichen sein. Für den durchaus erfolgreichen Kulturpass sind nämlich für 2025 keine neuen Mittel vorgesehen. Allen voran für Heranwachsende aus weniger begüterten Familien dürfte sich damit die kulturelle Teilhabe verschlechtern."
Stichwörter: Hayer, Björn, Kulturpass

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2024 - Kulturpolitik

Nach jahrelangem Hin und Her haben sich alle beteiligten Seiten auf ein neues Verfahren für die Rückgabe von Raubkunst an die Nachfahren jüdischer Besitzer geeinigt, berichtet unter anderem Klaus Hillenbrand in der taz: "Kernpunkt der Reform ist die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das künftig darüber entscheidet, ob ein im Besitz der öffentlichen Hand befindliches Kunstwerk den Nachfahren zurückgegeben wird. Dieses Gremium löst die bisherige Beratende Kommission ab. Diese litt unter dem Geburtsfehler, dass sie nur dann tätig werden konnte, wenn alle Beteiligten dem Verfahren zustimmten. Es war also möglich, dass eine öffentliche Einrichtung wie ein Museum mit der Behauptung, das betreffende Kunstwerk sei kein NS-Raubgut, dafür sorgte, dass eine Untersuchung dieser Frage nicht stattfand." "Das ist ein gewaltiger Fortschritt bei der Restitution von durch das NS-Regime gestohlenes Eigentum", freut sich Hillenbrand in einem Kommentar zum Thema.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat den Zwischenstand ihrer Strukturreform vorgestellt, berichtet ein maximal unenthusiastischer Boris Pofalla in der Welt. Bisschen was tut sich, aber Mann, geht das langsam: "Von der Konzernstruktur zur beweglichen Holding. Globalhaushalt statt Kameralistik. 'SmartFuture', mehr Sponsoring. Wenn man mit den vielen Folien der Präsentation in die Strukturen des SPK-Komplexes eintaucht, wird einem erst klar, was für eine byzantinisch verwinkelte Einrichtung da über die Jahrzehnte herangewachsen ist. Was nach 1945 die Kunstschätze Preußens auffangen und über die deutsche Teilung hinweg bewahren sollte, ist von einem Provisorium zu einer beamtenhaften Großstruktur geworden, in der Dienstreisen von Institutsleitern nach dem Prinzip 'first come, first serve' am Jahresanfang auf Vorrat beantragt werden, weil sie kein festes Budget dafür haben. Das wird nun anders."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Kulturpolitik

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender müssen sparen und was fällt ihnen ein? 3sat quasi zu streichen: "Das liegt im Trend", ärgert sich Jürgen Kaube in der FAZ. "In fast allen Sendern werden die Programme für Literatur, ernste Musik und Theater zurückgefahren. Von Kai Gniffke, dem ARD-Vorsitzenden, heißt es, er könne sich vorstellen, dass jedes Buch, das im Reich der ARD rezensiert wird, von Flensburg bis Konstanz nur noch ein einziges Mal rezensiert werden wird. Auf die Idee, die Pop- und Volksmusik-Songs, die im selben Gebiet erklingen, nur noch von einem der Kanäle abspielen zu lassen, ist hingegen noch keiner der Intendanten gekommen." Vielleicht, ätzt Kaube, sollte man "die Worte 'Bildung' und 'Aufklärung' nicht nur als Phrasen vor sich hertragen, die man braucht, wenn mal wieder jemand am Sinn der Rundfunkbeiträge zweifelt".

Auch Merlin-Verlegerin Katharina E. Meyer sieht "das kulturelle Selbstverständnis hierzulande kränkeln" und beklagt in der FAZ dass es kaum eine Förderung für die Verlagslandschaft gebe, deren Diversität sie bedroht sieht. Woanders sieht es besser aus: "Während wiederholt zu hören war, dass die Mittel für eine strukturelle Förderung beim besten Willen nicht verfügbar seien, erreichte ein anderer Bereich der Kreativwirtschaft, die Games-Industrie, für die Jahre bis 2026 einen Förderzuwachs von 100 Millionen Euro. Was sagt das aus über das kulturelle Selbstverständnis in Deutschland?"

Dass die Politik es nicht geschafft hat, sich bis zum ersten Jahrestag des 7. Oktober auf eine Antisemitismusklausel für die staatliche Kulturförderung zu einigen, ist ein Armutszeugnis, sie "scheitert an der nämlichen Aufgabe, der nicht gerecht zu werden sie den Kulturinstitutionen vorgeworfen hat", kritisiert in der Zeit Ijoma Mangold.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2024 - Kulturpolitik

In Berlin soll der Kulturetat um 10 Prozent gekürzt werden. Die Regisseure Barrie Kosky, ehemals Komische Oper, und Thomas Ostermeier, Schaubühne, äußern im Gespräch mit Peter Laudenbach von der SZ wie zu erwarten ihr Entsetzen. Glaubt man Ostermeier, wäre die Schaubühne künftig nur mehr in der Lage, sich selbst zu verwalten: "Jede Berliner Bühne auf diesem Niveau hat einen großen Stamm an Festangestellten und fixe Kosten. Das sind etwa 90 Prozent des Etats. Mit den restlichen zehn Prozent werden Bühnenbilder gebaut, Regisseurinnen, Regisseure und Gäste für neue Produktionen engagiert. Nimmt man uns diese zehn Prozent, können die Berliner Theater und Opern nicht mehr produzieren, und zwar ab dem 1. Januar 2025", sagt Ostermeier, als wären 90 Prozent Fixkosten ein Naturgesetz. Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen über Proteste gegen die geplanten Kürzungen im Berliner Kulturbetrieb.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2024 - Kulturpolitik

Im nächsten Berliner Haushalt soll massiv gespart werden, vor allem in der Kultur, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. "Muss Berlin in der Kultur sparen, das mit seiner Strahlkraft als Hauptstadt international stellvertretend für die Bundesrepublik wahrgenommen wird, braucht der Kultursenator keine panischen Ad-hoc-Schläge, sondern eine langfristige Strategie und den Mut, Prioritäten zu setzen. (...) Aber auch die Kultureinrichtungen haben eine Bringschuld. Die immer noch sehr stattlichen Zuwendungen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen legitimiert werden, zum Beispiel durch Erfolg beim Publikum. Schlecht geführte und leer gespielte Theater braucht niemand."
Stichwörter: Kulturetat, Berliner Theater

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Kulturpolitik

In der NZZ porträtiert Luzi Bernet Alessandro Giuli, ehemaliger Journalist und zuletzt Präsident des nationalen Museums für zeitgenössische Kunst in Rom, der nun von Giorgia Meloni eilig zum neuen Kulturminister berufen wurde: "Wie Meloni ist auch Giuli in der postfaschistischen Jugendbewegung groß geworden. Er scheint allerdings etwas länger gebraucht zu haben als die heutige Regierungschefin, bis er zur politischen Mäßigung gefunden hat. Er beteiligte sich an neofaschistischen und neonazistischen Aktivitäten in der Hauptstadt, und als Student der Literatur und Philosophie an der Römer Universität La Sapienza schloß er sich der rechtsextremen Bewegung Meridiano Zero an. Heute distanziert er sich von den faschistischen Rückständen in Italiens Politik. Giuli, der als Studienabbrecher schließlich den Weg in den Journalismus fand, gehört keiner Partei an. Den Aufstieg der souveränistischen Rechten hat er einmal als 'anaphylaktischen Schock' bezeichnet und als 'einen gesunden Bruch der alten Schemata'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2024 - Kulturpolitik

Matthias Rüb stellt in der FAZ den neuen italienischen Kulturminister Alessandro Giuli vor, nachdem dessen Vorgänger Gennaro Sangiuliano wegen einer Affäre gehen musste. "'Kultur' ist von zentraler Bedeutung für die erste Frau im höchsten Regierungsamt Italiens", betont Rüb. Allerdings agiert Giorgia Meloni auch hier geschickt: "Unter Sangiuliano begann ein Austausch der Spitzenposten im Kulturbetrieb, die schrillen Warnungen vor einer Art nationalistischen Säuberungswelle bewahrheiteten sich aber nicht. Viel spricht dafür, dass Giuli diese Linie eines graduellen Richtungswechsels fortsetzen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2024 - Kulturpolitik

In zehn Tagen wählt Österreich. Es droht ein FPÖ-Kanzler Herbert Kickl. Gegenüber dieser Perspektive bleibt die so wichtige Kulturszene des Landes merkwürdig stumm, konstatiert Hannes Hintermeier in der FAZ. Nur Elfriede Jelinek und Milo Rau und einige andere haben einen offenen Brief publiziert, den Hintermeier so resümiert: "Das auf kulturelle und ethnische Homogenität setzende Wahlprogramm der FPÖ lasse die AfD konservativ wirken. Die Gleichgültigkeit, mit der die Kunst- und Kulturszene dazu schweige, sei 'beunruhigend'." Hintermeier stimmt zu: "Es hat sich eine Schicksalsergebenheit breitgemacht, so als würde man ohnehin nichts gegen die rechten Umtriebe machen können. Die Stimmung unterscheidet sich deutlich von (west-)deutschen Gefühlslagen, die AfD betreffend. Anders als diese ist die FPÖ seit Jahrzehnten in der österreichischen Politik etabliert, man ist daran gewöhnt, eine in Teilen rechtsextreme Partei als salonfähig zu betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Kulturpolitik

Am Donnerstag wurde der Berliner Kultursenator Joe Chialo bei einer Veranstaltung von "propalästinensischen" Aktivisten angegriffen, die gegen die Schließung des Kulturzentrums Oyoun (unsere Resümees) protestierten, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dieses sollte keine Fördergelder mehr erhalten, weil dort mutmaßlich antisemitische Veranstaltungen stattgefunden haben. "Nebenbei ist die Eskalation der kleinen Demo eine interessante Variante kulturpolitischer Forderungen: Entweder wir bekommen Staatsknete, am besten auf alle Ewigkeit, oder wir randalieren. Erwarten die Oyoun-Fans im Ernst, dass sich die Kulturverwaltung erpressen lässt und Gewaltakte mit Subventionszusagen honoriert? Darauf muss man allerdings auch erst einmal kommen: Verdrehte Linksradikale, die bei jeder Gelegenheit ihre Verachtung für die Bundesrepublik demonstrieren, zuletzt in atemberaubender Rhetorik bei ihrem Berliner 'Palästina-Kongress', sind schwer beleidigt, wenn eine Kulturverwaltung ihnen nicht länger Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und Gehälter bezahlen will."
Stichwörter: Oyoun, Chialo, Joe