9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 - Kulturmarkt

Der Streit nach dem Eklat um das Pariser Traditionshaus Grasset wird mit härtesten Bandagen geführt. Der rechtsextrem-katholische französische Medien- und Verlagstycoon Vincent Bolloré hat bekanntlich den Grasset-Verleger Olivier Nora geschasst (unser Resümee). Daraufhin haben gut 200 Autoren erklärt, den Verlag zu verlassen. In seiner bereits gleichgeschalteten Sontagszeitung JDD antwortet Bolloré selbst, indem er Noras Gehalt offengelegt (Nora habe es sich trotz sinkender Gewinne von 830.000 auf 1 Million Euro erhöht), dann aber doch das angebliche Milieu attackiert, das sich gegen ihn wehrt. "Wie kann diese Angelegenheit, während die finanzielle und soziale Lage von Millionen Franzosen tatsächlich Anlass zur Sorge gibt, dann so viel Aufsehen erregen? Ganz einfach, weil sie eine kleine Kaste betrifft, die sich für über alles und jeden erhaben hält, die sich gegenseitig Positionen zuschanzt und stützt und die dank ihrer Fähigkeit, mediales Getöse zu erzeugen, vielen Angst einflößt." Bolloré lässt außerdem den rechtsextremen Autor Pascal Meynadier schreiben, der mit virtuos platzierten antisemitischen Akzenten Noras Herkunft aus exquisiten jüdischen Kreisen schildert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2026 - Kulturmarkt

Der bretonische und rechtsextreme Tycoon Vincent Bolloré hat in Frankreich eine Menge Medien und Verlage gleichgeschaltet und auf seine Linie gebracht, darunter das Journal du dimanche, den Infosender CNews und das Verlagshaus Fayard. Mit Hachette besitzt er das drittgrößte Verlagshaus der Welt. Aber bei Grasset (unser Resümee) ist er auf eine unerwartete Reaktion gestoßen, konstatiert Michel Guerrin in Le Monde, nicht weil fast 200 Autoren den Verlag verlassen wollen, sondern weil diese Autoren politisch aus komplett unterschiedlichen Ecken kommen. Gewiss, "die Zukunft von Grasset, einem 1907 gegründeten Verlag, der Autoren wie Mauriac, Kafka oder Thomas Mann herausgebracht hat, ist ungewiss. Zweifellos ist es Vincent Bolloré egal, ob der Verlag untergeht, da er vor allem darauf aus ist, einen Teil der Literaturszene und der Autoren zu bekämpfen, die er als 'parisianistisch' und seinem politischen Projekt feindlich gesinnt ansieht, wobei er die Präsidentschaftswahlen 2027 im Visier hat. Er hat zwei Obsessionen: Identität und Souveränismus. Aber Vincent Bolloré scheint bei der Operation Grasset in einem wesentlichen Punkt gescheitert zu sein: dem Spalten der Literaturszene. Es sind nicht die linken Autoren, die gehen, und die rechten, die bleiben. Alle schlagen die Tür hinter sich zu. Man hätte nicht erwartet, am Ende des offenen Briefes gegen ihn die Namen von Virginie Despentes und Bernard-Henri Lévy, von Pascal Bruckner und Sorj Chalandon, von Laurent Binet und Jean-Paul Enthoven zu sehen." Wobei noch die Frage wäre, ob sich Lévy, Bruckner oder Enthoven als "rechts" lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2026 - Kulturmarkt

Der katholisch-fundamentalistische und rechtsextreme Tycoon Vincent Bolloré feuert den Verleger Olivier Nora, der seit zwanzig Jahren den Pariser Verlag Grasset leitet. Der Verlag, in dem Bernard-Henri Lévy, Caroline Fourest, Virginie Despentes, Pascal Bruckner und viele andere bekannte Autoren publizieren, soll künftig von einem Bolloré nahestehenden Manager geleitet werden. Nach Fayard wäre dies das zweite einst renommierte Haus, das von Bolloré in seinem Sinne gleichgeschaltet wird. Im französischen Verlagswesen kommt diese Entlassung einem Erdbeben gleich, schreibt Valérie Marin La Meslée in Le Point. "Sie ist noch nicht offiziell bestätigt, soll aber eine indirekte Folge der Aufnahme von Boualem Sansal in den Verlagskatalog von Grasset sein. Olivier Nora hatte das Buch von Sansal zwar bereits eingeplant, der einen Monat zuvor mit seiner Entscheidung, seinen Verlag Gallimard zu verlassen, die Verlagswelt verblüfft hatte, doch der Grund für den Zorn von Vincent Bolloré soll im vorgesehenen Erscheinungstermin gelegen haben: Sansal betonte in jedem Interview - und davon gab es in letzter Zeit eine Menge -, dass sein Buch nach einem Jahr Haft in Algerien bereits fertig sei. Nora wollte es aber erst im November veröffentlichen, zum ersten Jahrestag von Sansals Freilassung..." Lévy hat auf Twitter bereits angekündigt, Nora folgen zu wollen. Fourest kommentiert: "Diese Entlassung ist ein Wendepunkt, einer zuviel. Und ein besorgniserregendes Signal."

Sansal selbst bestreitet in einem Gespräch mit dem Fernsehsender TV5, dass er der Grund für den Weggang Noras sei: "Er hat mir selbst eine lange Mail geschrieben, in der er sagt, dass ich nichts damit zu tun habe." Auf die Frage, ob er jetzt ebenfalls den Verlag verlassen werde, antwortet er: "Ich bin doch gerade erst angekommen." Auf die Frage, ob ihm tatsächlich eine Million Euro für sein neues Buch angeboten worden seien, verweigert er die Antwort. Sansal redet in dem Interview auch noch mal über die Umstände seiner Begnadigung: "Als ich gehört habe, dass der deutsche Präsident auf meine Begnadigung hinwirkt, habe ich als erstes an den algerischen Präsidenten Tebboune geschrieben, um ihm zu sagen, dass ich alle Gnadenerweise ablehne. Ich will einen neuen Prozess. Das bisherige Urteil ist nicht gültig, ich konnte ja nicht mal meinen Anwalt sehen. Also lassen Sie uns neu anfangen, sage ich zu Tebboune. Beschuldigen Sie mich aller Taten, die Ihnen einfallen, aber lassen Sie meinen Anwalt kommen und ihn seine Arbeit machen... Ich wollte einen öffentlichen Prozess mit internationalen Beobachtern."

115 Autoren haben in einem offenen Brief erklärt, den Verlag Grasset verlassen zu wollen, meldet Franceinfo. Neben den oben genannten gehören Sorj Chalandon, Frédéric Beigbeider, Alain Minc, Vanessa Springora und Raphaël Enthoven dazu. "Noras Ausscheiden markiert eine neue Etappe in der Umstrukturierung der Verlage unter der Kontrolle von Hachette Livre, der Nummer eins im französischen Verlagswesen und Nummer 3 weltweit, die in den letzten Jahren von Vincent Bolloré vorangetrieben wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2026 - Kulturmarkt

Der Verlag Penguin Random House verklagt Open AI, die Mutterfirma von Chat-GPT, berichtet Andrian Kreye in der SZ. Der Verlagsjustiziar Rainer Dresen konnte die KI durch wenige Aufforderungen dazu bringen, eine Version des Kinderbuchs "Der kleine Drache Kokosnuss im Weltraum" zu erstellen, das dem Original ziemlich ähnlich ist, "der eindeutige Hinweis, dass Ingo Siegners Drache in den Trainingsdaten von Chat-GPT liegt." Sogar die KI selbst weiß, dass da rechtlich etwas schiefläuft, so Kreye: "Auf die Nachfrage, ob das urheberrechtlich in Ordnung sei, war die KI sehr klar: Juristisch im Detail identifizierte Chat-GPT sein eigenes Werk als Verstoß gegen die geltenden Gesetze. Wie denn ein deutsches Gericht entscheiden würde, fragte Dresen die KI, und begann eine juristische Debatte. Ein deutsches Gericht würde sicherlich im Sinne des Autors entscheiden, so die Antwort der KI. Auch der Europäische Gerichtshof würde sich wohl anschließen. Auf die Frage, ob man dann Forderungen stellen könnte, antwortete der Chatbot: 'Ja, absolut, wenn man akzeptiert, dass Kollateralschäden vorhersehbar sind, sie systematisch auftreten (nicht als Einzelfehler), und sie bewusst in Kauf genommen werden, dann greift ein sehr alter, sehr stabiler Grundsatz aus Recht und Ethik: Wer Nutzen zieht, trägt Verantwortung für die verursachten Schäden.'"

Jan Wiele sieht das in der FAZ genauso: "Wer urheberrechtlich geschützte Werke nutzt, muss für transparente, faire und lizenzierte Lösungen sorgen", zitiert er Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. "Dieser Einschätzung ist unbedingt zuzustimmen", meint Wiele. "Als erste Klage dieser Art, mit der in Deutschland ein Buchverlag gegen einen KI-Anbieter vorgeht, hat sie Vorbildcharakter. Und sie hat selbst ein Vorbild in der Klage der Musikverwertungsgesellschaft GEMA gegen Open AI, bei der im vergangenen November das Landgericht München entschieden hatte, dass ChatGPT die Urheberrechte von Liedtextern durch unlizenzierte Verwertung ihrer Songtexte verletzt habe. Open AI wurde zu Schadenersatz verurteilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2026 - Kulturmarkt

"Die sicher geglaubte Übernahme von Warner Brothers durch Netflix ist vom Tisch. Paramount siegt im Bieterwettstreit", meldet unter anderem golem.de mit dpa. Eigentlich schien der Deal mit Netflix schon fix, und Paramount muss sogar eine Vertragsstrafe an Netflix zahlen. Paramount zahlt für Warner Brothers lat der Meldung 111 Milliarden US-Dollar. Der Konzern gehört zum Imperium des Oracle-Oligarchen Larry Ellison, der Trump nahesteht. Ihm gehört damit jetzt auch der Trump-kritische Sender CNN.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2026 - Kulturmarkt

Nach 21 Jahren tritt der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos ab und macht Platz für Joachim Kaufmann, der vom Hamburger Carlsen-Verlag kommt. Andreas Platthaus skizziert im Leitartikel der FAZ, was sich unter einem neuen Direktor alles ändern wird und sollte. Die Hallenbelegung wird beispielsweise geändert: "Publikumsträchtige Verlage sollen in die Erdgeschosse, um Besucherströme besser lenken zu können. Die Folge: Angestammte Plätze gehen verloren, eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Nicht beseitigt wurde das unzeitgemäße Fachbesucherprivileg. Viel leichter wären Massen zu bewältigen, wenn sie sich auf alle fünf Tage verteilten. Aber dann könnte man nicht mehr sündteure Eintrittspreise vom Fachpublikum verlangen - das aber ohnehin spärlicher kommt. Kaufmann will stattdessen für normale Besucher abseits des Messegeländes mehr Literaturevents bieten - obwohl Frankfurt dieses Erfolgsrezept der Konkurrenz in Leipzig bereits kräftig kopiert hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2025 - Kulturmarkt

Klaus Farins Verlag Hirnkost, spezialisiert auf Dokumente aus Subkulturen und ausgewählte Science-Fiction, muss Insolvenz beantragen. 2024 konnte eine Spendenaktion den engagierten Kleinverlag noch retten - eine weitere Aktion scheint jedoch aussichtslos, schreibt Farin im Verlagsnewsletter. Er ist nicht der einzige, dem das Aus droht, wie er schreibt: "In den neunziger Jahren gab es noch über 6.000 unabhängige Verlage in Deutschland - heute sind es nur noch knapp 3.000. Doch zwei Prozent dieser Verlage - Konzerne wie Random House/Bertelsmann und Bastei Lübbe oder Holtzbrinck bei den Fachverlagen - erwirtschaften zwei Drittel des Umsatzes. Romance, TikTok-gefeaturete Young/New Adults und biographische Promi-Bücher sind die Krisengewinnler, unabhängig davon, ob sie von KI oder menschlichen Ghostwritern verfasst wurden. Monat für Monat geben Independentverlage auf, einige wenige 'retten' sich als Imprints in die Arme großer Konzerne. .... Ähnlich schlecht geht es dem Buchhandel. Auch hier hat sich die Zahl der unabhängigen, oft familiengeführten Unternehmen halbiert. Heute gibt es nur noch rund 2.600 kleine, unabhängige Buchhandlungen, doch 80 Prozent des Umsatzes wird in den zehn größten Ketten erzielt. Mindestens 20 Buchhandlungen sind allein in 2025 eingegangen, einige wurden von Thalia geschluckt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2025 - Kulturmarkt

Michael Wurmitzer möchte im Standard wissen, weshalb es immer häufiger zu Lieferengpässen bei wichtigen Titeln kommt, wie jüngst etwa bei Dorothee Elmigers Roman "Die Holländerinnen", der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Druckereien geben vor allem den Verlagen die Schuld, erfährt Wurmitzer von Stefan Thomes, bei der deutschen Druckerei GGP Leiter des Marktbereichs Buch: "Erstens agieren Verlage heute 'deutlich risikoaverser' als früher. Wo einst eine Erstauflage 50.000 Exemplaren ausmachte, erteilen Verlage jetzt häufig fünf Aufträge à 10.000 Stück, sagt Thomes. Damit entgeht ein Verlag zwar der Gefahr, auf großen Mengen sitzenzubleiben. Denn der Mittelbau an Titeln, die nie zum Bestseller werden, rutscht heute angesichts von sinkenden Leserzahlen einerseits und Booktok sowie Hypes andererseits zunehmend ab. Es mag auch mit der Verlagerung der Käufe vom beratenden Handel hin zu Bestsellerlisten erstellenden Onlineplattformen zu tun haben, dass sie immer weniger Kundschaft finden. Bücher, die nicht verkauft werden, verursachen aber neben Druck- auch Lagerkosten." Thomes wünscht sich auch mehr Vorausschau bei den Verlagen.
Stichwörter: Verlage, Österreich

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2025 - Kulturmarkt

Helmut Richter, langjähriger Geschäftsführer der "Sozialistischen Verlagsauslieferung" (Sova), ist bereits Anfang Oktober im Alter von 74 Jahren gestorben, berichtet Karl Piberhofer im Börsenblatt. Die Sova war eine Institution in der alternativen Bruchbranche, die sich nach der 68er-Bewegung gebildet hatte: "Die Entstehung und Entwicklung der Frauen-, Schwulen- und Lesben-, der Umwelt-, der Menschenrechts- und Solidaritätsbewegungen (oft mit eigenen Verlagen und Buchhandlungen) lässt sich an der Geschichte des linken Buchhandels ebenso nachvollziehen wie die Veränderung der Wissenschaftskultur, der Ausbildung, der Öffentlichkeit sowie die der politischen Kultur oder des Alltagslebens dieses Landes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2025 - Kulturmarkt

Im SZ-Interview mit Marie Schmidt weisen die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs, scheidende Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und ihr Nachfolger, der Verleger Sebastian Guggolz, daraufhin, dass sogenannte New-Romance-Bücher immer wichtiger für den Umsatz von Verlagen werden. "Diese Genres haben auch Menschen von Netflix und vom Streaming wieder zurückgeholt zum Lesen, weil sie für Pageturner stehen, die die Leute genießen. Dass es bestimmte literarische Titel schwerer haben, liegt auch daran, dass sich durch besagte Konzentrationsprozesse die Zahl der im Handel, aber auch in den Medien gut sichtbaren Bücher reduziert. Das bringt wiederum die Verlage dazu, Marketingbudgets vor allem in potenzielle Bestseller zu investieren, die früher womöglich auch für die sogenannte Midlist da gewesen wären. Ich glaube aber nicht, dass daran der Young-Adult-Trend schuld ist." Die Einkünfte aus diesem Segment ermöglicht es den Verlagen aber auch, in "anspruchsvolle Literatur" zu investieren, konstatieren beide.