Um 1900 entwarfen russische Autoren radikale Projekte einer totalen Umgestaltung des Lebens, vor deren Hintergrund heutige Biopolitikdebatten geradezu bescheiden wirken. So ersann Fedorow das "Projekt der gemeinsamen Tat", dessen Ziel es war, mittels moderner Technik alle Toten künstlich auferstehen zu lassen; die "Biokosmisten" proklamierten den Kommunismus als Weg zur Erlangung der Unsterblichkeit und Tsiolkowski, der Vater des sowjetischen Raketenprogramms, hatte die Vision, andere Planeten mit auferstandenen Menschen zu bevölkern. Der Band stellt diese und andere biopolitisch-utopischen Entwürfe vor und veranschaulicht die hierzulande kaum wahrgenommene ideologische Komponente der kommunistischen Weltanschauung, die bis in die postkommunistische Gegenwart wirkt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2006
"Die neue Menschheit" ist Teil eines dreibändigen Projekts, mit dem der Philosoph und Medienwissenschaftler Boris Groys die "geistige Situation in Osteuropa und ihre kulturhistorischen Voraussetzungen" zu fassen versucht, und Rezensent Ulrich M. Schmid ist höchst zufrieden mit den gehaltvollen Ergebnissen. Dieser von Michael Hagemeister zusammengestellte Band versammelt Dokumente und Analysen zur Biopolitik, zu der der Kommunismus eine große Affinität hatte. Schmid nennt nur die abstrusesten Fantasien: Nikolai Fjodorows Plan etwa, die verstorbenen Väter biotechnisch wieder aufzuwecken oder Konstantin Ziolkowski Utopie, interstellare Kolonien als neue Lebensräume für den Menschen zu errichten.
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