Die Feuilletons bereiten sich auf Hannah Arendts anstehenden 50. Todestag vor: Auf den Bilder und Zeiten - Seiten der FAZ setzt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel speziell mit Hannah Arendts 1943 publiziertem Text "Wir Flüchtlinge" auseinander, den sie als Schlüssel für die später konkreter ausgearbeitete politische Theorie der Autorin liest: "Wenn die Lage der Flüchtlinge und Staatenlosen einen fundamentalen Bruch im Begriff des 'Menschen' bewirkt hat, ist es in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur konsequent, genau deren Status zum Ausgangpunkt zu nehmen, um die Bedingungen des 'Menschen' von Grund auf zu denken. In der Schlusspassage von 'Wir Flüchtlinge' formuliert Arendt implizit ein Programm ihrer künftigen Arbeit, nämlich aus der Perspektive der aus allen Rechten Ausgeschlossenen Einsichten für die europäische Geschichte im Allgemeinen zu erarbeiten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der FRwürdigt der Philosoph Christoph Kann ihr Lebenswerk und umreißt Arendts Begriff von Freiheit: "Um Wege zur Freiheit ringt Arendt auf unterschiedlichsten Ebenen und anhand eines differenzierten Freiheitsbegriffs. Demnach besteht Freiheit nicht nur als Abwesenheit von Zwängen, also als 'Freiheit von', etwa von Not, Furcht und Unterdrückung, sondern als Möglichkeit gemeinsamen politischen Handelns mit dem Ziel kollektiver Weltgestaltung als einer 'Freiheit zu'. Das Moment des Kollektiven, des gemeinschaftlichen Beratens und Handelns, macht Freiheit zu 'Gleichfreiheit'. Der Neologismus steht programmatisch für die gegenseitige Bedingtheit von Gleichheit und Freiheit in ihrer dynamischen Spannung, die das Individuum als Gleiches unter Gleichen agieren und Öffentlichkeit in gegenseitigem Respekt zur Entfaltung kommen lässt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Deutschen haben keine positive Zukunftsvision mehr, meint die deutsch-französische Politikwissenschaftlerin Florence Gaub im Interview mit der Zeit. "Was wir nicht wollen, können wir auswendig erzählen: Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen keine Klimakatastrophe. Wir wollen keine KI. Wir wollen keine AfD. Aber was wollen wir denn? Dass alles so bleibt, wie es ist? Das ist doch keine Zukunft." Wer keine positive Zukunftsvision hat, überlässt sich leicht entweder dem Katastrophen- oder Wunschdenken, meint Gaub, die in ihrem gerade erschienenen Buch "Szenario" nach dem Motto "choose your own adventure", den Leser einlädt, selbst außenpolitische Entscheidungen zu treffen. "Wir nehmen an: Wenn ich das Allerschlimmste befürchte, schreie ich am allerlautesten. Wer die Zukunft aber zu katastrophisch malt, läuft Gefahr, dass keiner mehr hinhört. Man muss nicht gleich den Dritten Weltkrieg ankündigen, sondern kann konkrete militärische Ereignisse benennen, an einem präzisen Ort, die Auswirkungen skizzieren und empfehlen, wie man das abwenden könnte. Genau das sehe ich in der deutschen Debatte gerade nicht. Alle schreien, aber kaum jemand erklärt, wie so ein Angriff auf das Baltikum genau aussehen würde."
Schon bei Hegel gibt es den Begriff des "unglücklichen Selbstbewusstseins", später wurde, etwa bei François Furet, der Begriff des "bürgerlichen Selbsthasses" geprägt. Dieser Selbsthass kennzeichnet laut Jan Kapusnak in der NZZ vor allem die heutige Linke, die seit dem Abschied von den Utopien mit nachträglicher Harmonisierung der Geschichte beschäftigt sei: Der Westen war böse, der Rest der Welt indigen. Kapusnak übernimmt den Begriff "Oikophobie" des konservativen britischen Autors Roger Scruton, womit der "Hass auf das eigene" gemeint ist. Entfesselt wird diese Oikophobie vor allem mit Blick auf Israel, wo sie sich zur Entspannung auch mal externalisieren lässt: Denn Israel ist zugleich wir und ein anderer: "Der jüdische Staat wird zum Blitzableiter für Sünden der eigenen Imperial- und Kolonialzeit. Hass eskaliert in absurden Nazivergleichen und Apartheidvorwürfen. Während andere Demokratien Krieg führen, wenn sie angegriffen werden, können die Juden nichts anderes als Völkermord üben. Damit steht Israels schiere Existenz zur Disposition. Israel-Kritik wird zum Tugendtheater der Dämonisierung, das es dem Westen erlaubt, Buße zu tun, indem er den jüdischen Staat verteufelt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der FR stellt sich Michael Hesse die Frage, was zu einem richtigen Friedensschluss gehört, vor allem angesichts von Donald Trumps Manie, jeden Konflikt mit einem "Deal" vom Tisch zu wischen. Ideen findet er dazu in dem Buch "Über Kriege und wie man sie beendet" des Historikers Jörn Leonhard: "Frieden ist ein Prozess, kein Deal. Für den Westfälischen Frieden wurde vier Jahre lang verhandelt. Einige Kriege und Konflikte in Europa tobten dennoch weiter. Leonhard betont: 'Wenn die Tinte trocken ist, beginnt die Arbeit am Frieden.' Was Trump aber anbietet, ist kein Prozess, sondern ein Deal nach Geschäftslogik. Ein Friede, der auf Misstrauen, Machtasymmetrie und politischen Illusionen basiert, wird selbst zur neuen Kriegsursache, warnt Leonhard. Eine Erkenntnis, die man bereits im 18. Jahrhundert für Friedensverträge beachtete. Unannehmbare Bedingungen sind ein Grund, Verträge zu brechen (Machiavelli riet Herrschern, dies auch zu tun, wenn es ihnen zum Vorteil gereichte)."
Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museum Hohenems, geht nächstes Frühjahr in Pension. Zuvor hat er noch die Ausstellung "Die Morgenländer - Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" organisiert, über die er im Interview mit dem Standard ebenso spricht wie über seine Museumspolitik, den Gazakrieg und die Linke. Für ihn ist das größte Problem heute weniger der linke Antisemitismus als das linke Identitätsdenken: "Ich würde behaupten, Identitätsdenken ist per se rechts. Und wenn Linke meinen, sie müssen im postkolonialen Diskurs nun auch damit anfangen, dann sind sie keine Linken mehr für mich. Sie geben das Wichtigste auf, das für mich mit 'links' zu tun hat: den Universalismus." Als Beispiel nennt er die Israel-Boykott-Kampagne BDS: "Mein Problem damit ist nicht so sehr, dass es unter ihren Vertretern auch antisemitische Ressentiments gibt, sondern dass BDS grundsätzlich ein ethnisch-nationalistisches Konzept vertritt. Ihr Ziel ist wörtlich die 'Befreiung arabischen Bodens'. Das ist identitäre Blut-und-Boden-Diktion."
Antitotalitäres Denken kommt meist von links, erläutertMarko Martin in einem lesenswerten Gespräch mit Michael Miersch in dessen Blog. Von ihnen müsse man lernen, "sich aus einem Gedankengefängnis zu befreien, ohne bitter geworden zu sein". Heute sind es die "Dissidenten des Islam", die den Antitotalitären der dreißiger Jahre und der Nachkriegszeit am ehesten entsprechen: "Ich glaube, man kann diese Verbindungslinie ziehen. Die linken Kritiker des Kommunismus klärten über die Realität hinter der Propaganda auf. Islamismuskritiker sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts. Und die Gesellschaft geht in ähnlicher Weise mit ihnen um... In der Rhetorik schnappt sofort die Routine der Abwehr ein. Nach dem Motto: 'Darüber müssen wird doch nicht reden', 'Das ist uns doch allen klar', 'Das ist ja bekannt'. Ein aggressives Verdrängen von Tatsachen."
Buch zur Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Westen hat fertig. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen sollten jetzt "ein würdevolles Abstiegsmanagement" pflegen, empfiehlt der PolitologeDaniel Marwecki, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Die Welt wird jetzt multipolar, erklärt er im Interview mit dem Spiegel. Fast jedenfalls: "Gerade ökonomisch ist denkbar, dass die alte Weltordnung gar nicht verschwindet, sondern im Grunde weiterbesteht, nur dass sich ihr Zentrum verlagert, dass uns im Westen die Welt sanft entgleitet. Verglichen mit einem großen Ablösungskrieg wäre das vielleicht sogar das Beste, das uns passieren könnte. Denn so, wie der Rest der Welt heute den Westen an dessen Worten misst, wird er am Ende auch China an seinen Worten messen." Auf die Frage nach einer "Vision, die besser wäre als der kühne Entwurf jener 'regelbasierten Ordnung', die mit der Charta der Vereinten Nationen vor achtzig Jahren begonnen hat", weiß Marwecki allerdings auch keine rechte Antwort: "Es geht um die Welt nach dem Westen, im zeitlichen Sinn, aber auch im Sinne einer Welt, die nach dem Vorbild des Westens gestaltet ist. Der Westen war so lange dominant, dass seine Institutionen, Erfindungen und Werte selbst jene durchdrungen haben, die gegen ihn aufgestanden sind."
Wahrscheinlich würde Daniel Gerlach Marweckis Diagnose von einer multipolaren Welt sofort zustimmen. Gerlach, Chefredakteur des Nahost-Magazins Zenith, Mitbegründer der Candid Foundation und des Projekts Epicon ("European-Palestinian-Israeli Trilateral Dialogue") und Buchautor, plädiert im Interview mit der SZ für einen Palästinenserstaat und skizziert ein dazu nötiges Verhandlungsgeschick, das der Westen vielleicht verlernt hat: "Die Tatsache, dass externe Mächte im Nahen Osten eine so konstante Rolle spielten, hat zu einer Logik geführt, in der lokale Akteure immer auch global denken... Bei allem, was man tut, werden Russland, die USA, Saudi-Arabien mitgedacht - vielleicht sogar Indien, China, Europa. Dadurch, dass der Nahe Osten so oft Empfänger von Machtprojektion war, entstand eine Diplomatiekultur als Überlebensstrategie. Eine, die geheime, temporäre Deals kennt. Die interessenbasiert, sehr kreativ und nachgerade tabulos sein kann." Und doppelbödig, erklärt er am Beispiel Saudi-Arabien: "Wenn es auf einem Weg nicht weitergeht, muss ich etwas tun können, das scheinbar im drastischen Widerspruch zum Plan A stehen kann. Und trotzdem zum gleichen Ziel gelangen. Diese Strategien sind, glaube ich, für die Europäer am schwierigsten zu verstehen." (Europäer verstehen das gut, aber derartige Strategien werden bei ihnen als unmoralisch gegeißelt, siehe Marwecki.)
Anke Steinecke, Chefjuristin von Penguin Random House, erklärt im Gespräch mit Frauke Steffens von der FAZ, wie Zensur in Magaland funktioniert: "Die am häufigsten verbotenen Bücher stammen von oder handeln von People of Color und LGBTQ-Autoren - das sind etwa die Hälfte aller betroffenen Titel. Es gibt eine klare Zielrichtung, ein koordiniertes Vorgehen. Es sind keine vereinzelten Eltern in Schulbezirken, sondern organisierte Gruppen wie 'Moms for Liberty', die Listen mit Büchern erstellen und sie an Schulen weitergeben. Darunter viele Klassiker, etwa 'Beloved' oder 'The Bluest Eye' von Toni Morrison, die unter fadenscheinigen Begründungen aus Bibliotheken entfernt werden."
Außerdem: Warum interessiert sich eigentlich kein Mensch für Afrika, fragt der PublizistDipo Faloyin in der SZ. Weder für seine zukunftsorientierten Vorhaben, von denen es mehr gibt als man denkt, noch für seine Kriege. "Warum bricht im Westen Empörung aus, wenn Israel sich gegen genozidal vorgehenden Terrorismus verteidigt, während es weitgehend still bleibt angesichts von Massakern in Syrien, den Hinrichtungen von Dissidenten in Iran oder der systematischen Entmündigung der Frauen in Afghanistan?", fragt Jan Kapusnak in der NZZ und diagnostiziert "Selbsthass" der westlichen Eliten.
Gestern wurde in strahlendem Winterwetter und unter zahlreicher Anteilnahme der Publizist und Perlentaucher-Autor Richard Herzinger beerdigt. Es sprachen Patryk Szostak, Philipp Fritz, Matthias Giordano, Marko Martin, Thierry Chervel und Barbara Starford. Herzinger liegt auf einem der schönsten Friedhöfe Berlins, dem altem St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin Schöneberg. Am Mittwoch dem 26. November findet im Pilecki-Institut eine Gedenkveranstaltung statt, Anmeldung hier. Foto: Eva Quistorp.
Oliver Weber wohnte für die FAZ auf zwei Konferenzen dem Kollaps liberalen Denkens bei - wenn man darunter die Ideen der Vertreter des organisierten Liberalismus verstehen will. Was genau Weber selbst unter Liberalismus versteht, wird allerdings ebenfalls nicht klar. Eine Kritik am Islamismus, wie sie die FDP-Politikerin Linda Teuteberg auf einer der Konferenzen vorschlug, fällt für ihn schon unter Populismus: "Hier versuchte man nicht mehr, die Krise zu lösen - hier strebte man an, Teil von ihr zu werden. Die grassierende Unzufriedenheit, so die Überlegung, könnte sich auch auf libertäre Mühlen lenken lassen. Von der Feindschaft gegen die politische Elite ist es ja nur ein kleiner Schritt zur Feindschaft gegen den Staat im Allgemeinen."
Außerdem: Im täglichen Michael-Hesse-interview in der FR spricht Philosoph Markus Gabriel über die Existenz und Erkennbarkeit moralischer Tatsachen. In der FAZ thematisieren die Wissenschaftsfunktionäre Christopher Daase und Nicole Deitelhoff die Gefährdung akademischer Freiheit durch den Rechtspopulismus - Trumps Eingriffe in die akademische Freiheit haben sie als warnendes Beispiel vor Augen.
Jürgen Habermas sieht in einem Vortrag, den er vorgestern in der Münchner Siemens-Stiftung gehalten hat und den die SZ heute abdruckt, schwarz für die Zukunft Europas: Die USA entwickeln sich in seinen Augen unaufhaltsam in ein "politisch autoritär gesteuertes, technokratisch verwaltetes, aber ökonomisch libertäres Gesellschaftssystem", das seine Führungsrolle in der Welt schon verloren habe. Der Ukrainekrieg habe Europa jedoch gezeigt, wie schwach es ohne die USA sei. Nötig wäre laut Habermas der "Aufbau einer gemeinsamen europäischen Verteidigung" und eine "engere wirtschaftliche Integration" mit Frankreich (von den Osteuropäern hält er nach wie vor nicht viel), wozu auch Eurobonds gehörten. Aber nichts davon wird geschehen, fürchtet er: "Darum halte ich es für wahrscheinlich, dass Europa weniger denn je in der Lage sein wird, sich von der bisherigen Führungsmacht USA abzukoppeln. Ob es in diesem Sog sein normatives und bislang immer noch demokratisches und liberales Selbstverständnis aufrechterhalten kann, wird dann aber die zentrale Herausforderung sein. Am Ende eines politisch eher begünstigten politischen Lebens fällt mir die trotz allem beschwörende Schlussfolgerung nicht leicht: Die weitere politische Integration wenigstens im Kern der Europäischen Union war für uns noch nie so überlebenswichtig wie heute. Und noch nie so unwahrscheinlich."
In einem nebenstehen SZ-Artikel resümiert Jens-Christian Rabe weitere Beiträge des Münchner Kolloquiums, die weniger deprimierend waren: "Besonders die Vorträge des Soziologen Hauke Brunkhorst und des Frankfurter Rechtstheoretikers Klaus Günther allerdings ließen sich schon als beherzte Versuche der Rückeroberung interpretieren, des richtigen Verständnisses davon, was die Demokratie eigentlich ist, oder der Rechtstaat. Gegen die zuletzt erstaunlich erfolgreiche rechtspopulistische Strategie, so zu tun, als müsse die Demokratie vor allem als blanke Herrschaft der Mehrheit wiederentdeckt werden, hielt Brunkhorst ein engagiertes Plädoyer für die Demokratie als Idee, die nur dann wirklich bei sich sei, wenn sich 'freie und gleiche Bürgerinnen und Bürger' als ständige Co-Autoren der Ordnung begreifen - und nicht bloß alle paar Jahre mal als Wahlverlierer oder Wahlgewinner."
Libertäre werden oft als radikalisierte Liberale verstanden, aber der Trumpismus und Tendenzen in Europa zeigen, dass sie in ihrer emphatischen Ablehnung des Staats auch nur eine Ideologie pflegen, die den Einzelnen am Ende negiert, schreibt Alan Posener in seinem Blog: "Die Libertären ... verabsolutieren die Kritik am demokratischen Staat, den sie als Feind ansehen, und verbünden sich im Namen der Freiheit mit den reaktionärsten Kräften - auch deshalb, weil sie letztlich, wie die Reaktionären, die Masse verachten, das Schwache verabscheuen und das Starke anbeten. Deshalb haben sie eine offene Flanke hin zum Faschismus, der die Förderung der angeblich überlegenen Rasse und der Starken innerhalb dieser Rasse zur Aufgabe des Staates, ja die Freiheit des Starken gegenüber den Schwachen zum Kern ihrer Moral machte."
In der tazwiderspricht Sabine am Orde Philip Manow (hier), Jürgen Kaube (hier) und Claudius Seidl (hier), die alle drei kürzlich die Brandmauer zur AfD in Frage gestellt haben. Die CDU würde untergehen, ließe sie sich auf eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der AfD ein, prophezeit sie: "Silvio Berlusconi und seine Forza Italia sind ein Paradebeispiel dafür, wie man die Brandmauer schleift. Mitte der 1990er ging Berlusconi ein Bündnis sowohl mit Umberto Bossis Lega Nord, damals noch eine separatistische Regionalpartei, sowie mit den vermeintlich geläuterten Neofaschisten von der Alleanza Nationale ein. Seitdem ging es in Italien viel hin und her, die Macht aber hat sich von der Mitte immer stärker an den rechten Rand verschoben: Erst zu Matteo Salvini und der Lega, wie die Partei heute heißt, seit drei Jahren regiert Giorgia Meloni von der 'post-faschistischen' Fratelli d'Italia." In Österreich sehe es nicht anders aus. "Was es dagegen nicht gibt: ein Beispiel dafür, dass eine Partei wie die CDU eine Zusammenarbeit mit einer radikal rechten Partei einging und langfristigals Sieger den Platz verließ."
Der Rechtspopulismus wird in Europa und Amerika immer stärker, dennoch plädiert der HistorikerHeinrich August Winkler im Interview mit der Zeit für einen "realistisch informierten Optimismus". Dringend nötig sei aber auch ein "Nachdenken über das, was falsch gemacht wurde von den engagierten Verteidigern des Westens. Für eine Trendwende bedarf es radikaler Selbstkritik der liberalen Kräfte: Was haben wir falsch gemacht, weshalb kam die Rechte so weit? Wo haben wir fahrlässig Mehrheiten überfordert? ... Es gibt die fatale Neigung liberaler, progressiver Kräfte, nicht genügend demokratische Rückendeckung für die eigenen Projekte zu suchen, dazu eine elitäre Überheblichkeit im Denken, die den Eindruck von Arroganz einer abgehobenen Klasse hervorruft. Diese Mentalität hat wesentlich zum Aufstieg der Rechtspopulisten beigetragen. Aber die Geschichte des Westens bestand seit dem 18. Jahrhundert aus Kämpfen um die Aneignung und Verwerfung neuer Ideen. Es ist eine Geschichte von brutalen Verstößen gegen die politischen Konsequenzen der Aufklärung, aber auch eine von Selbstkritik und Selbstkorrektur, also von Lernprozessen."
Die für 9. Dezember angesetzte Verleihung des Hannah-Arendt-Preises wird diesmal wohl ohne Eklat verlaufen, freut sich Robert Matthies in der taz. Preisträgerin ist die Philosophin Seyla Benhabib. Unvergessen ist die Preisverleihung vor zwei Jahren, als sich die Leitung der Böllstiftung von der Preisträgerin Masha Gessen distanzierte, die den Gazastreifen mit den Nazighettos gleichsetzt (sie durfte trotzdem in den Räumen der Böllstiftung in Berlin auftreten und feierte einen Triumph bei der Belegschaft des Hauses). Benhabib hat von vornherein einen differenzierteren Standpunkt nach dem 7. Oktober gezeigt, so Matthies: "Als Kolleginnen wie Judith Butler und Nancy Fraser den offenen Brief 'Philosophy for Palestine' unterzeichneten - der Israels Politik scharf kritisierte, aber die Hamas-Massaker nur indirekt verurteilte -, distanzierte sich Benhabib deutlich. In ihrem Gegenbrief warf sie den Unterzeichnern vor, den Konflikt einseitig als 'Siedlerkolonialismus' zu sehen und die Gräueltaten der Hamas als legitimen Widerstand zu verharmlosen. Sie betonte ihre lebenslange Unterstützung palästinensischer Selbstbestimmung, warnte aber vor der Relativierung des 7. Oktober als Wendepunkt."
Der Autor Frank Jöricke sieht den Postkolonialismus in der Welt weniger als politische Bewegung, denn als psychische Reaktion auf geistige Orientierungslosigkeit. Er hätte "nicht solche Kreise zu ziehen vermocht, würde er nicht auf eine Gesellschaft treffen, die spirituell ausgehungert ist. Als Marius Müller-Westernhagen 1986 sang, 'Jeder hätte gern an was geglaubt. Jeder sucht das Glück, das keiner klaut', lieferte er eine exakte Beschreibung des Lebensgefühls von Menschen, deren größtes Problem die innere Leere ist. Auf einmal dämmert es einem, warum das Herz zu vieler Linker für Glaubenskrieger schlägt. Für religiöse Fanatiker, die all das bekämpfen, wofür links seit jeher steht, zum Beispiel Gleichberechtigung. Für sexistische, rassistische Schlächter, die - wenn sie könnten - allen 'Queers for Palestine' eine Fallbeilbehandlung angedeihen ließen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub, Forschungsdirektorin der Nato-Militärakademie in Rom, spielt in ihrem Buch mit verschiedenen Szenarien für die europäische Zukunft und einen möglichen Krieg. Im Gespräch mit Jakob Biazza von der SZ schildert sie den Reiz des Genres. Sie macht aber auch regelrechte Ansagen, zum Beispiel dass Trump 2028 nicht für eine dritte Amtszeit antreten wird: "Es wäre verfassungsrechtlich schlicht unmöglich, eine dritte Amtszeit durchzusetzen. Trump müsste das also irgendwie illegal machen, und dafür hätte er auch unter den Republikanern niemals genug Rückhalt."
Und noch eine Prophezeiung:
Wir werden uns in einigen Jahren dafür schämen und uns fragen, wie wir das in Europa haben geschehen lassen können und warum wir aus unserer Selbstgefälligkeit, Langsamkeit, Bürokratie und Verzagtheit nicht rausgekommen sind.
Das Seltsame an der MAGA-Rechten, ist, dass sie intellektuelle Prätentionen hat. Einer wie Peter Thiel hantiert mit Begriffen wie "Satan", "König" und "Katholisch". Steve Bannon pflegt die Marotte einer Bewunderung für alles Reaktionäre aus Europa. Aber so weit ist es damit auch wieder nicht her, vermutet Simon Strauß in der FAZ: "Bannon hat wie der russische Präsident ein instrumentelles Interesse an europäischer Geschichte: 2014 bezeichnete er in einer Rede das Attentat auf Franz Ferdinand wehmütig als 'Ende des Viktorianischen Zeitalters' und kokettierte mit seiner monarchistischen Melancholie. Was Bannon an Europa bewundert, sind rechte Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, die hier entwickelt wurden: der Gedanke der Souveränität und des radikalen Nationalismus."
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